Audio, Neu, Rezension

„Echoic Choir“ von Stine Janvin

Ein Hörbeitrag zur Aufführung von „Echoic Choir“ von Stine Janvin und Ula Sickle im Rahmen des Club-Transmediale-Festivals „Transformation“ am 10. September 2021 …

Spätestens mit der Veröffentlichung von „Fake Synthetic Music“ im Jahr 2018 ist Stine Janvin ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit getreten – und in Berlin insbesondere seit ihrem Stipendium für das Berliner Künstlerprogramm des DAAD 2020/2021. In dieser Zeit bin ich auf Janvin aufmerksam geworden, weil sie mit ihren Projekten immer wieder auch theatrale Aspekte berührt beziehungsweise sie als theatrale Performances inszeniert. So zum Beispiel Anfang des Jahres ihre Performance zu den traditionellen „Lokk“-Rufen und Gesängen, mit denen die norwegischen Bauern abends ihr Vieh von der Weide holen: „Chords for Calling“.

Stine Janvins „Chords for Calling“ interessiert mich aber auch noch aus einem anderen Grund: Mit ihren Arbeiten erforscht Janvin die Variabilität der menschlichen Stimme und ermöglicht darüber physische Erfahrungen von Klängen; sie bewegt sich dabei in einem Schwellenbereich, in dem die Stimme als natürliches Phänomen zugleich zu einem künstlerischen Ausdrucksmittel wird. Es ist dieser Umschlagprozess, wenn „Natur“ gewissermaßen in „Kultur“ verwandelt wird, in dem meines Erachtens etwas zutiefst Theatrales steckt – und das ist nun auch wieder in „Echoic Choir“ zu beobachten …

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Neu, Weinglossar

Klimaerwärmung (Weinbau)

Im August 2021 hat der Bericht des Weltklimarates (IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change) die Klimaerwärmung erstmals zweifelsfrei festgestellt: „Es ist eindeutig, dass menschliches Handeln die Atmosphäre erwärmt hat“, stellt der Bericht fest, Datenmaterial und Modelle geben darüber nun Gewissheit. Die Temperaturen werden weltweit ansteigen – und nur im optimistischsten Szenario, wenn die gesamte Welt bis zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral leben und arbeiten würde, könnte der Temperaturanstieg am Ende des Jahrhunderts auf etwa 1,5ºC begrenzt werden. Schon bei 2ºC allerdings würde die Wahrscheinlichkeit extremer Hitze- und Unwetterereignisse enorm steigen.

Der vom Mensch verursachte Klimawandel hat dabei natürlich auch Auswirkungen auf den Weinbau – man hat hier jedoch Eingriffsmöglichkeiten, die es erlauben, sich an den Temperaturanstieg anzupassen.

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Im August 2021 hat der Bericht des Weltklimarates (IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change) die Klimaerwärmung erstmals zweifelsfrei festgestellt: „Es ist eindeutig, dass menschliches Handeln die Atmosphäre erwärmt hat“, stellt der Bericht fest, Datenmaterial und Modelle geben darüber nun Gewissheit. Die Temperaturen werden weltweit ansteigen – und nur im optimistischsten Szenario, wenn die gesamte Welt bis zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral leben und arbeiten würde, könnte der Temperaturanstieg am Ende des Jahrhunderts auf etwa 1,5ºC begrenzt werden. Schon bei 2ºC allerdings würde die Wahrscheinlichkeit extremer Hitze- und Unwetterereignisse enorm steigen.

Der vom Mensch verursachte Klimawandel hat dabei natürlich auch Auswirkungen auf den Weinbau – man hat hier jedoch Eingriffsmöglichkeiten, die es erlauben, sich an den Temperaturanstieg anzupassen.

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Rezension

Ausnahmezustand

Ausgangs- und Bezugpunkt der aktuellen Produktion „Alles unter Kontrolle“ des Berliner Maxim Gorki Theaters ist ein Gedanke Walter Benjamins zum Ausnahmezustand, mit dem sich zuletzt Giorgio Agamben intensiv auseinandergesetzt hat. Anstatt einer Rezension

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Theater und Wein

it`s coming home …

Football Is Coming Home“ ist angesichts des bevorstehenden Finales der Fussball-Europameisterschaft im Londonder Wembley-Stadion gerade oft zu hören. Und tatsächlich hat der moderne Fussball seinen Ursprung in England. Schon lange vorher wurde „Calcio“ aber auch in Italien gespielt …

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Weinglossar

Biodynamie (biodynamischer Weinbau)

Biodynamischer Weinbau orientiert sich am anthroposophischen Ansatz von Rudolf Steiner (1861-1925) und geht auf acht Vorträge zurück, die er 1924, wenige Monate vor seinem Tod, in Koberwitz in der Nähe von Breslau gehalten hat. Diese Vorträge wurden als „Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft“ beziehungsweise „Landwirtschaftlicher Grundkurs“ veröffentlicht und sind Steiners einzigen Ausführungen zur Landwirtschaft. Die Biodynamie ist deshalb eher als ein Impuls von ihm für die Landwirtschaft zu begreifen, als dass er hier eine abgeschlossene Theorie entwickelt hätte. Biologisch-dynamischer Weinbau ist entsprechend auch eher auf die jeweilige Praxis eines landwirtschaftlichen Betriebs bezogen, es geht weniger um geisteswissenschaftliche Aspekte der von Steiner entwickelten Anthroposophie.

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Biodynamischer Weinbau orientiert sich am anthroposophischen Ansatz von Rudolf Steiner (1861-1925) und geht auf acht Vorträge zurück, die er 1924, wenige Monate vor seinem Tod, in Koberwitz in der Nähe von Breslau gehalten hat. Diese Vorträge wurden als „Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft“ beziehungsweise „Landwirtschaftlicher Grundkurs“ veröffentlicht und sind Steiners einzigen Ausführungen zur Landwirtschaft. Die Biodynamie ist deshalb eher als ein Impuls von ihm für die Landwirtschaft zu begreifen, als dass er hier eine abgeschlossene Theorie entwickelt hätte. Biologisch-dynamischer Weinbau ist entsprechend auch eher auf die jeweilige Praxis eines landwirtschaftlichen Betriebs bezogen, es geht weniger um geisteswissenschaftliche Aspekte der von Steiner entwickelten Anthroposophie.

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Theater und Wein

paradise lost

Der paradiesische Idealzustand ist verloren, Schönheit gibt es zwar noch vereinzelt in der Natur, aber nur „wer sie heraus kann reyssen“, sagt Albrecht Dürer, „der hat sie“. Das tut er zum Beispiel bei seiner Zeichnung „Das große Rasenstück“, wo Kunst ihre Zuständigkeit fürs Gotteslob verliert. Stattdessen wird Dürer hier gewissermaßen selbst zum Gärtner …

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Rezension

„Bonebots“ von Käthe Wenzel

Im Rahmen der Ausstellung Swarms, Robots and Postnature im Art Laboratory Berlin präsentiert die Künstlerin Käthe Wenzel noch bis Ende Juni unter anderem ihre Bonebots, hybride elektronische Wesen an der Schnittstelle des Biologischen und Maschinellen. Am 20. Mai fand ein Künstlerinnengespräch mit Käthe Wenzel statt

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Theater und Wein

landschaftsbild(n)er

In Landschaftsgärten und Naturparks werden immer auch gesellschaftliche Vorstellungen und Ideale ins Bild gesetzt. Ein Essay zur Inszenierung von Landschaft …

„Im Augenblick befinden sich die besten Partien unserer Gegend noch nicht in Privatbesitz; die Landschaft gehört niemandem, und der Wanderer kann sich erfreulicherweise verhältnismäßig frei bewegen. Doch irgendwann kommt wohl die Zeit, da dies alles aufgeteilt und man sogenannte Landschaftsparks oder Lustgärten anlegen wird, in denen dann nur einige wenige einer eng umgrenzten und exklusiven Lust frönen; dann, wenn Zäune sich vervielfachen …“

Henry David Thoreau, Vom Wandern (1862)

… ein Garten im großen Stil ist eben nur eine Bildergalerie, und Bilder verlangen ihren Rahmen.“

Hermann Fürst von Pückler-Muskau

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen / Und haben sich, eh man es denkt, gefunden; / (…) Und wenn wir erst in abgemeßenen Stunden / Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, / Mag frei Natur im Herzen wieder glühn.“

Johann Wolfgang Goethe, Kunst und Natur (1800)

Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis.“

Karl Ganser, Geograph und Stadtplaner, in großen Lettern über dem Südeingang zum Naturpark „Schöneberger Südgelände“

Wenn man im „Schöneberger Südgelände“ in Berlin spazieren geht, befindet man sich vermutlich auf der Suche nach etwas Entspannung abseits der Stadt, in der Natur. Denn die wuchert auf dem zum Naturpark umgestalteten Gelände eines ehemaligen Rangierbahnhofes unaufhörlich, seit dieser 1952 stillgelegt wurde. Um den Lebensraum für die unzähligen sich hier niedergelassenen Lebensarten zu schonen wurden auf insgesamt 4,2 Kilometer Wege angelegt, die den Besucher durch den Naturpark und die darin – zwischen alten Bahngleisen, verrosteten Signalanlagen und sich selbst überlassenem Wald – platzierten künstlerischen Objekte im „Giardino secreto“ führen.

Etwa 600 Meter dieses Weges bestehen aus einem langen, gerade verlaufenden Stahlsteg, realisiert von der Bildhauergruppe „Odious“ – einer Gruppe, die ausnahmslos aus bisweilen abstrakt arbeitenden Stahlbildhauern besteht und die sich „mit selbstironischem Verweis auf die Widerständigkeit ihrer Materialien und Produktionsmethoden“ nach dem englischen Begriff „odious“ für „hässlich, abstoßend“ benannt hat, wie das Georg-Kolbe-Museum zu einer Ausstellung der Gruppe, deren Erfolg „unter anderem durch den Kritiker Heinz Ohff“ befördert wurde, im Jahr 2012 schreibt.

Der im Jahr 2000 errichtete Naturpark im Berliner Süden vermittelt dem urbanen Besucher schnell die Illusion, sich mitten in einer ländlichen Umgebung, mitunter in der Wildnis, zu befinden. Natur erfahren ist hier so selbstverständlich, dass man ihr bald kaum mehr besondere Beachtung schenkt. Das ändert sich, sobald man den Stahlsteg betritt, plötzlich rückt die Natur ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wie die Theaterwissenschaftlerin Sabine Schouten über einen Besuch des Naturparks in einem Beitrag zum Tagungsband „Kunst der Aufführung – Aufführung der Kunst“ (2004) schreibt, „(d)enn nach einiger Zeit geht der Hauptweg des Parks in einen breiten Metallsteg über … `Zum Schutz der Pflanzenwelt´, wie ein Schild informiert, geht es von hier an nur etwa einen Meter über dem Boden schwebend weiter. Wir ließen uns davon zunächst kaum irritieren, betraten den Steg und setzten Weg und Gespräch fort – dennoch hatte sich etwas verändert. Die Unterhaltung kam ins Stocken. Stattdessen rückte plötzlich die Natur ins Zentrum unserer Wahrnehmung. Was vorher fast unbemerkt am Wegesrand lag, drängte sich nun auf: das Spiel der Sonne in den Gräsern, das Rauschen in den Blättern, der schwere Duft des Ginsters. Schließlich blieben wir stehen, der sommerlichen Szene für einen Augenblick unsere ganze Aufmerksamkeit schenkend.“

Der aus dem Wegenetz herausgehobene Metallsteg hat die Wahrnehmungssituation verändert: Er inszeniert, wie Schouten sagt, „die räumliche und zeitliche Strukturierung der Wanderung für den Besucher“ und ermöglicht damit die beschriebene Naturerfahrung; er inszeniert die Parklandschaft als Naturszene, die gesteigerte Gegenwartserfahrungen erlaubt, die als „Momente der Intensität“ wahrgenommen werden, in einem Prozeß, den man mit Schouten „aufgrund der ständigen Korrelation von Inszenierung und Wahrnehmung als Aufführung bezeichnen könnte“.

Schouten führt aus, dass der Parkbesucher, wie in einer Theateraufführung, „vom Interaktionsraum der ihn umgebenden Natur separiert“ wird, ihm also „potentieller Bewegungsraum entzogen (wird), indem er zum Darbietungsraum gemacht wird. Dieser räumliche Entzug geht mit einer Reduktion von Sinneswahrnehmung einher. (…) Konnte ich die Gräser und Sträucher am Weg zuvor näher anschauen, jederzeit berühren oder daran riechen, so werden diese Möglichkeiten der intensiven sinnlichen Erfahrung durch den Steg erschwert. Paradoxerweise ist es aber erst diese Entzugssituation, die mich den Duft des Ginsters und das Lichtspiel bewusst wahrnehmen lässt – warum?“, fragt Sabine Schouten.

Es ist, als ob die Natur ihren Auftritt hätte: Der Metallsteg bewirkt eine Verschiebung der Aufmerksamkeit und folgt dabei einer theatralen Gestaltungspraxis, indem zuvor unauffällige Wahrnehmungsinhalte – die Natur – dem unmittelbaren Zugriff entzogen und so ins Bewusstein gerückt werden. Auch im Theater wird Aufmerksamkeit professionell produziert: „Es bedient sich nicht nur der Trennung von Zuschauerraum und Bühne, um das Interesse der Zuschauer zu bündeln, sondern hat mit Techniken wie der Verdunkelung oder der konformen Sitzausrichtung weitere Methoden gefunden, die den sensuellen Entzug des Publikums verstärken. So wird dem Theaterbesucher durch die Verdunkelung seine unmittelbare Umgebung visuell entzogen, und die Bestuhlung reduziert den Bewegungsradius auf ein Minimum. Dieser Reizentzug fördert die Wahrnehmungsbereitschaft des Zuschauers, indem seine Aufmerksamkeit idealiter in vollem Umfang auf die Bühne kanalisiert wird.“

Diese theatralen Praktiken werden vom Zuschauer nicht als störend empfunden, solange sie, wie im gewöhnlichen Illusionstheater, „eine irritationsfreie Wahrnehmung gewährleisten“, schreibt Schouten. Die sensorische Deprivation wird im Gegenteil „als Ermöglichung maximaler Einfühlung und als angenehm wahrgenommen“, solange die Aufführung die Konvention dieser Aufführungspraxis und die theatrale Kanalisierung von Aufmerksamkeit als fremdbestimmten Vorgang nicht problematisiert. Das ist im postdramatischen Theater der Gegenwart anders, hier werden die Wahrnehmungsprozesse selbst zum Inhalt des Theaters (siehe dazu die Rezension Mensch Fried). Bis dahin allerdings ist es im wahrsten Sinne des Wortes ein weiter Weg …

Am Anfang dieses Weges, der Inszenierung von Landschaft, stand womöglich einfach ein rasch gezogener Strich auf einem Blatt Papier, eine sanft geschwungene Linie, der einem schnurgeraden Weg einen gekrümmten Verlauf gab, flüchtig eingezeichnet vielleicht in eine Skizze, die als Vorlage zur Umgestaltung einer bestehenden Naturszene diente. So zumindest war es bei Joseph Peter Lenné (1789-1866), der neben Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785-1871) sicherlich mit zu den bedeutendsten deutschen Landschaftsbildnern gehört, wie der bereits erwähnte Heinz Ohff in einer Biographie über „Joseph Peter Lenné“ (2012) schreibt. Lennés Wege waren „stets leicht gekrümmt und immer so, dass eine harmonische Raumordnung entsteht“, die Wegeführung stand dabei stets am Anfang seiner Landschaftsentwürfe.

Lenné jedoch war zunächst gar kein Landschaftsbildner, sondern als Gärtner tätig. Und was hier für die einzelne Person gilt, läßt sich in einer globalen Perspektive auch für die Entwicklung insgesamt konstatieren: Am Anfang war der Garten – die Gärtnerei selbst dürfte beinahe so alt sein wie die Menschheit –, der inszenierte Landschaftsgarten oder Park kommt erst später, er ist eine genuine Erscheinung des 18. Jahrhunderts. So steht Lenné als Landschaftsgestalter zwar am Beginn der Moderne, aber doch beinahe am Ende einer Entwicklung: Seine Aufgabe ist es, so formuliert es Ohff, „neue Impulse in die Spätzeit des romantischen Landschaftsgartens zu bringen“.

Zur Geschichte der Landschaft

Wie bereits in einem anderen Essay ausgeführt, war Natur immer schon menschlichem Einfluss unterworfen, Landschaft immer schon auch Kulturlandschaft. Um ihr Land, ihre Landschaft, nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) nicht nur durch wirkungslose Verordnungen vor der allgemeinen Nutzung zu schützen, sahen sich ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts etliche Landesherren gezwungen, ihren Besitz durch Mauern und Zäune von der Umgebung abzutrennen und zu schützen – sie begannen, einen „Garten“ anzulegen, wie Hansjörg Küster in seiner „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ (2010) ausführt. Denn genau das bedeutet der Begriff Garten zunächst: Gemeint ist damit kein Nutz- oder Ziergarten in unserem heutigen Verständnis, sondern zunächst einmal einfach nur ein abgeschlossener, abgegrenzter und geschützter Bereich. Das wird, wie Küster bemerkt, „an der sprachlichen Verwandtschaft zwischen `Garten´ und dem slawischen Wort `gorod´ oder `-grad´ (für Stadt) deutlich“. Aus dieser Wortendung, auf die viele Stadtnamen in Osteuropa enden, entwickelten sich in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Begriffe, die aber stets einen abgegrenzten Bereich bezeichnen. Genauso ist aus dem deutschen Wort „Zaun“, der den „Garten“ eingrenzt, auch das englische Wort „town“ und das niederländische „tuin“ entstanden. „Die nach außen hin abgegrenzten Gärten gibt es aber genauso wie die Stadt nur dort, wo urban geprägte Menschen leben, die ihren Lebensraum gegenüber einer außerhalb liegenden Wildnis abgrenzen wollen; insofern gehören Stadt und Garten stets zusammen“, schreibt Küster in seiner „Geschichte des Waldes“ (2013).

Vor fremder Nutzung geschützt, konnten die Fürsten zunächst mit und in ihren Ländereien erfolgreich Wirtschaftspolitik betreiben und Kapital akkumulieren, das ihnen erlaubte, neue Residenzstädte zu errichten. Bis in die frühe Neuzeit entstanden überall in Deutschland repräsentative Anwesen (Schlösser), häufig am Rande der Städte, wo sie mitunter bestehende Pfalzen ausbauten, und in der Nähe von Mühlen (der Legende nach störte sich Friedrich II. am Geklapper der Mühle beim im Jahr 1745 erbauten Schloss Sanssouci in Potsdam, weshalb er dem Müller anbot, ihm die Mühle abzukaufen, was der jedoch ablehnte. Daraufhin soll ihn der König ermahnt haben: „Weiß er wohl … dass ich Ihm seine Mühle nehmen kann, ohne einen Groschen dafür zu geben?“ Worauf der Müller erwiderte: „Ja, Ew. Majestät … wenn das Kammergericht in Berlin nicht wäre!“).

Da die neuen Residenzen bisweilen am Rande beziehungsweise vor den Toren der Stadt errichtet wurden, blickten die Landesherren mindestens auf einer Seite in freies, unbebautes Land, das noch dazu häufig dicht bei Bächen oder Flüssen lag. Dort legten sie ihre Gärten an, „anderweitig nutzen ließen sich diese Niederungsbereiche nicht“, weiß Küster, da sie bisweilen von Hochwasser bedroht waren. (Schon seit jeher wurden Siedlungen immer in der Mitte eines Hanges angelegt, wie auch Cato schon wusste: „Erstrebenswert ist also eine in Wärme und Kälte gemäßigte Atmosphäre, wie sie etwa auf halben Hängen zu herrschen pflegt, wo sie nicht, in Niederungen eingesenkt, zur Winterzeit von Reif erstarrt oder im Sommer in der Gluthitze brät, noch zu den höchsten Erhebungen emporgehoben, bei den geringsten Windstößen und Regenschauern zu jeder Jahreszeit wütet. Die beste Lage ist also die am halben Hang …“, genau dort, wo übrigens auch die Burgunder ihre besten Lagen für die Weinrebe verortet haben.)

Hatte die mittelalterliche Burg die Natur noch ausgegrenzt, wurde sie nun in Form einer Gartenanlage von der Umgebung abgegrenzt, wo, wie Küster bemerkt, „die Folgen von Übernutzung nicht zu übersehen“ waren: Hat der enorme Holzbedarf oft zum Kahlschlag einer Region geführt, wandeln sich die geschützten Landschaftsgärten zu blühenden „Oasen im weithin verwüsteten Land“. Hier sollten, schreibt Küster, „Naturerscheinungen auf Dauer oder immer wieder in gleicher Weise zu sehen sein. (…) Durch Beständigkeit sollte sich ein Garten von seiner Umgebung absetzen …“. Da sich das Erscheinungsbild eines Landschaftsgartens jedoch permanent wandelt, ist auch die Arbeit daran ein nie endender Prozess: Die Umwandlung von Natur in eine Kulturlandschaft bedarf der dauernden Anstrengung des Gärtners (ein Bild, das im „Weinberg des Herrn“ nur allzu gern von christlichen Apologeten aufgenommen wurde).

Versailles_Garten_Bild von Larsen Beattie

Garten von Versailles

© Larsen Beattie

Der Französische Barockgarten

Während bei der Gartengestaltung die praktischen Erfahrungen mit bereits bekannten Gehölz- und Pflanzenarten genutzt wurden (verwendet werden mussten solche, die es überlebten, wenn man sie regelmäßig schneitelte oder in eine ungewöhnlich kunstvolle Fasson schnitt), orientierten sich die Landesherren bei der Anlage ihrer Gärten am barocken französischen Landschaftsgarten. Das Vorbild dazu hatte seit dem Jahr 1661 der Gartengestalter André Le Nôtre (1613-1700) für König Ludwig XIV., den Sonnenkönig, errichtet: Vor der Hauptstadt Paris, in Versailles, entstand ein riesiges Schloss mit einem Park, einem weitläufigen Garten, „in dem das zentralistische Prinzip des Absolutismus der Natur aufgezwungen wurde“, wie Küster bemerkt.

Im Garten von Versailles wurde der Stil des französischen Barockgartens von Le Nôtre zum Ausdruck einer vom Menschen beherrschten Natur: „Alles ist streng abgezirkelt, die Wege sind mit Kies bestreut, die Kanten scharf abgestochen, die Beete in Buchsbaum eingefasst mit spitzwinkligen Kanten, die Bäume kubisch, pyramidisch oder phantastisch beschnitten, dass sie aussehen wie abstrakte stereometrische Gebilde oder exotische Tiere, aber nicht mehr wie Bäume“, schreibt Heinz Ohff in diesem Zusammenhang, „(m)an kann ihn wohl auch tatsächlich als die Krönung der naturfernen Parkkunst anssehen – die nun wirklich total unterworfene Natur …“.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein sollte Le Nôtres Stil vorherrschend bleiben – und in Versailles in einem Ausmaß, wie man es bis dahin noch nicht gesehen hatte. Zwar legten sich bereits die durch ihr diszipliniertes Wirtschaften zu Reichtum gekommenen italienischen Patrizier bürgerliche Renaissance-Garten an (das gilt insbesondere für die Toskana, beispielsweise der von Niccoló Tribolo gestaltete Garten der Villa Medici in Castello bei Florenz), die mit ihrer geometrischen Grundordnung, ihren regelmäßigen Wegen und ihren symmetrisch, mit ornamentalen Mustern, angelegten Beeten und Rabatten zum demonstrativen Ausdruck rationaler Naturbeherrschung wurden, nun jedoch erhält der zum Park erweiterte Garten einen gänzlich anderen Maßstab: In den weiträumigen Schloß- und Gartenanlagen wie in Versailles (oder auch in Karlsruhe beispielsweise) blickt der absolutistische Regent von seinem „am Schnittpunkt von zentrierter Natur und zentrierter Stadt“ errichteten Schloss aus in schier endlose Schneisen, die bisweilen in den Wald geschlagen wurden, der in Schlossnähe zum nun so genannten Französischen Barockgarten wurde. Küster bemerkt in diesem Zusammenhang: „Der geometrisch gestaltete Garten bekam riesige Dimensionen; seine Wege zogen sich kilometerweit schnurgerade durch die Lande, an den Balustraden oberhalb der Gärten stehend, konnte man deren äußere Begrenzung nicht erkennen. Idealerweise sollten die Gartenwege nie enden, sondern das ganze Land durchmessen, in dessen Mittelpunkt sich der Herrscher im Schloß stehen sah.“

Waren die Schneisen nicht sowieso schon in den Wald geschlagen, bepflanzte man in der Barockzeit vielfach Straßenränder planmäßig mit Bäumen, bevorzugt auch an den Zugängen zu den Schlössern, „wo die Bäume Spalier standen wie Gardegrenadiere und den Besucher einstimmen sollten auf die Macht des Hausherrn“, wie Alexander Demandt in seiner Kulturgeschichte „Der Baum“ (2014) schreibt. Solche Pflanzungen nannte man Allee, ein Begriff, der bereits im 17. Jahrhundert im Deutschen übernommen wurde.

Allerdings, so bemerkt Ohff, war Mitte des 18. Jahrhunderts auch schon das „Donnergrollen“ jener beiden Revolutionen zu vernehmen, die dann am Ende des Jahrhunderts dem Absolutismus und seiner Ordnung ein Ende bereiten sollten: der Amerikanischen (1775-1783) und der Französischen (1789-1799). Schon mit den politischen Umwälzungen, die der Siebenjährige Krieg (1756-1763) mit sich brachte, wandte man sich von den Ideen des französischen Absolutismus ab. Stattdessen rückte England, der politische Bündnispartner von Preußen, hierzulande mehr ins Blickfeld, und man begann, sich bei der Gestaltung seiner Gärten an den Prinzipien der englischen Parkanlagen zu orientieren. Im sogenannten Englischen Garten, weiss Küster, „sollte nicht demonstriert werden, wie sehr der Mensch die Natur beherrschte, es sollte sich vielmehr das, was man für Natur hielt, frei entfalten können“. Hier entwickelten sich, wie Ohff schreibt, „Ideen für einen Garten aus Landschaft statt aus beschnittener und vergewaltigter Natur“. Im Englischen Garten wird der Park, als erweiterter Garten, zum Landschaftsgarten.

Der Garten als Modell der Gesellschaft

Im Englischen Garten werden gänzlich andere Ideen ins Bild gesetzt als im französischen Barockgarten. Treffend bringt das der liberale englische Essayist Joseph Addison (1672-1719) auf den Begriff, der zwischen 1699 und 1703 den Kontinent bereiste und nach seinem Besuch in Versailles eine Abkehr vom französischen Park zugunsten von „irregularity, asymmetry, wildness“ (Unregelmäßigkeit, Asymmetrie, Wildnis) forderte. Die Absage an absolutistische Ordo-Vorstellungen findet hier vielleicht ihren dichtesten Ausdruck. Damit verbunden ist ein völlig verändertes Natur- und auch Raumempfinden: Die Gartenlandschaft soll nicht mehr als Ausdruck absolutistischer Repräsentanz in Erscheinung treten, sondern zum Spiegel eines subjektiven Naturgefühls werden und auch „der Vorstellung einer allgemeinen menschlichen, nicht standesgebundenen Natur“, wie der Philosoph Winfried Herrmann in seinem Essay „Der Landschaftsgarten“ (1992) schreibt. Anders gesagt: Der Landschaftsgarten wird zu einem Modell für Gesellschaft, so Herrmann, „in dem die zentralen Gedanken der Aufklärung materielle Gestalt annehmen“.

Wie in den Gärten Le Nôtres spiegelt sich so auch in den englischen Parklandschaften der Geist der Epoche seiner Entstehung wider, in beiden kommen die gesellschaftlichen und kulturellen Vorstellungen ihrer Zeit zum Ausdruck. Dabei lassen sich verschiedene Prinzipien beobachten: Betrachtet man die Entwicklung der Landschaftsgestaltung, ging es zunächst um die totale Beherrschung der Natur, alle natürlichen Erscheinungen wurden einer abstrakten Gestaltung unterworfen. Nun deutet der Englische Landschaftsgarten bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts, vor den politischen Revolutionen, das Ende des Absolutismus und der mit ihm verbundenen Ästhetik an – rückt mit ihm doch auch deutlich ein aufgeklärter Freiheitsgedanke ins Spektrum der politischen Vorstellungen.

Einer der Urheber dieser Vorstellung ist zweifelsohne Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), dessen Ideen ungemein auf die „Gartenrevolution“, wie Ohff sagt, eingewirkt haben. Er hat zwar nie die ihm zugeschriebene Forderung: „Zurück zur Natur!“ aufgestellt, aber mit ihm findet das Natürliche, das Unverbildete, dazu die Glaubens- und Meinungsfreiheit Einzug in die aufgeklärte Gedankenwelt – gerade zu der Zeit, als sich in England Ideen für einen natürlichen Garten aus Landschaft entwickelten.

Mit Rousseau werden Natur, Gefühl und Tugend zu den entscheidenden Begriffen einer aufklärerischen Öffentlichkeit, die mit der Emanzipation des Gefühls die Emanzipation des Menschen aus der Unfreiheit der rationalen Ordnung des Absolutismus verband. Der Entfaltung und Entwicklung des Gefühls und der unverfremdeten eigenen Natur galt fortan die Aufmerksamkeit – hierin lag auch, so weiss Herrmann, „der Schlüssel zur sittlichen Entwicklung des Menschen … In der Ursprünglichkeit des menschlichen Empfindens sah Rousseau die wahre, nicht von der Kultur überformte Natur des Menschen hindurchscheinen“. Die Forderung „Zurück zur Natur!“ besagt demnach auch: „Zurück zur Tugend!“.

Natur wird hier von Rousseau zwar als die innere Konstitution des Menschen bezeichnet, aber, wie Herrmann bemerkt, „(d)a die äußere Natur als Symbol des inneren Empfindens gilt, wird das unmittelbare Erleben der äußeren Natur zur Metapher für die eigene, verschüttete Natur. In der freien, nicht verfremdeten Natur tritt dem Zivilisationsmenschen sein eigentliches Wesen entgegen“.

Mit der Verschiebung der Aufmerksamkeit auf das menschliche Gefühl wird zugleich auch der unverstellte Blick auf die äußere Natur, die Landschaft, möglich. Auch sie muss, Rousseau zufolge, von allen Spuren der Zivilisation befreit werden. Auch wenn er dabei nicht ausdrücklich auf das Thema Gartengestaltung eingeht (Rousseau eröffnet eher eine anthropologische Dimension), liegt hier doch der Grundgedanke für den Englischen Landschaftsgarten, den andere dann aufgreifen – und den Friedrich Schiller (1759-1805) mit dem Freiheitsgedanken verbindet.

In seinen Anmerkungen „Über den Gartenkalender auf das Jahr 1795“ unterscheidet Schiller ganz grundsätzlich zwischen der Ordnung des Barockgartens, dessen oberstes Gesetz die Regelmäßigkeit sei, und der Freiheit als Merkmal des Landschaftsgartens. Während der Barockgarten die „lebendige Vegetation“ und „organische Natur“ der Freiheit beraube, konnte es „(e)inem aufmerksamen Beobachter seiner selbst nicht entgehen, daß das Vergnügen, womit uns der Anblick landschaftlicher Szenen erfüllt, von der Vorstellung unzertrennlich ist, daß es Werke der freien Natur, nicht des Künstlers sind. Sobald also der Gartengeschmack diese Art des Genusses bezweckte, so mußte er darauf bedacht sein, aus seinen Anlagen alle Spuren eines künstlichen Ursprungs zu entfernen. Er machte sich also die Freiheit … zum obersten Gesetz; bei ihm mußte die Natur, bei diesem die Menschenhand siegen“, bisweilen mit der Heckenschere fest im Griff.

In seinen sogenannten Kalliasbriefen geht Schiller noch einen Schritt weiter und verbindet die Freiheit mit der Schönheit. Ausgangspunkt hier bildet die Frage, ob die Idee der Freiheit eine Entsprechung im Bereich der Erscheinungen habe – auch in den Erscheinungen der Natur. Von Freiheit, so sagt Schiller, könne da gesprochen, wo Erscheinungen der Natur ihren eigenen Regeln folgen. Schiller zufolge zeige sich nur dort, wo der Künstler die seinem Objekt innewohnenden Regeln beachtet, wirklich die Schönheit. In seinem Brief vom 8. Februrar 1793 kommt er zu dem Schluss: „Schönheit also ist nichts anderes, als Freiheit in der Erscheinung.“

Englischer Garten München_Bild von allessuper_1979_Fotoalia.com

Englischer Garten in München mit Monopteros-Tempel

© allessuper_1979 – Fotoliacom

Der Englische Landschaftsgarten

Der Englische Landschaftsgarten mit seinem Ideal der ungezähmten Natur ist zunächst nur ein geistiges Gebilde, eine literarische Fiktion. Schriftsteller wie John Milton, der im Jahr 1667 „Paradies Lost“ veröffentlichte, beklagten schon länger den Verlust von natürlichen Ideallandschaften, der bereits erwähnte Joseph Addison ist Anfang des 18. Jahrhunderts der erste, der sein Unbehagen an der Kultur des französischen Barockgartens äußert. Er erlangte in England Ruhm durch sein patriotisches Poem „The Campaign“ („Der Feldzug“), in dem er den Sieg von John Churchill, Duke of Marlborough (und Vorfahr von Winston Churchill), gegen die Franzosen im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) feierte. Marlboroughs Triumph in der Schlacht von „Blenheim“, dem schwäbischen Blindheim, im Jahr 1704 war für ihn auch ein Sieg über die absolutistische Tyrannei des Sonnenkönigs. Der Sieg in der Schlacht brachte Marlborough das Schloss „Blenheim Palace“ samt weiträumigem Park, gestaltet von Lancelot Brown, als Geschenk, während das Gedicht Addison eine Stellung im diplomatischen Dienst einbrachte, seine im Jahr 1713 verfasste Tragödie über „Cato“ verhalf ihm sogar zum Amt eines Staatssekretärs …

Addison steht am Anfang des Umbruchs des Verständnisses von Garten hin zum Landschaftsgarten. Er war der Meinung, dass es die Aufgabe eines Gartens sei, durch die Auswahl bestimmter Naturszenen Stimmungsbilder zu schaffen. Mit Rousseau rückte das Gefühl, die Empfindung in den Fokus der Aufmerksamkeit: Die Natur vermochte die Gefühle der Menschen zu bewegen beziehungsweise der Mensch die Natur im Sinne seiner Gefühle zu gestalten. In diesem Sinne sollte der Landschaftsgarten in der Romantik zu einer Art Ideallandschaft werden, die zur kontemplativen Naturerfahrung einlädt.

Das setzt als erster der Schriftsteller Alexander Pope (1688-1744) in die Praxis um: Pope wollte, wie Ohff schreibt, „die Einstellung des Menschen zur Natur im Sinn politischen Freiheitswillens verändert sehen“, deshalb begann er im Jahr 1718, verrmutlich als erster, sein Anwesen in Twickenham (an der Themse) nach den neuen Vorstellungen umzugestalten.

Pope legte den Garten seiner Villa in Twickenham nach den Grundsätzen Addisons – Unregelmäßigkeit, Asymmetrie und Wildnis – an: Seine Wegeführung verlief ohne System und der gesamte Landschaftsgarten wirkte asymetrisch. Der Journalist Udo Leuschner beschreibt den Garten folgendermaßen: „Die Mitte nimmt ein rundes Rasenstück ein, an das sich ein Hain anschließt. Von einem Aussichtshügel reicht der Blick über Hain und Rasen (…) Es gibt keine wirklich durchgehenden Achsen und Perspektiven. Der besondere Stolz des Besitzers ist ein Tunnel, der das Haus und die daran vorbeiführende Landstraße unterquert, um den hinter dem Haus gelegenen Hauptteil des Gartens mit dem schmalen Vordergarten am Ufer der Themse zu verbinden. Pope hat diesen Tunnel mit seltenen Mineralien als Grotte und den Eingang als Ruine ausgestalten lassen.“

Popes Garten ist so etwas wie der Ursprung des Englischen Landschaftsgartens, während William Kent (1685-1748) als Begründer des klassischen Landschaftsgartens gilt. Von den in seinem Stil gestalteten Landschaftsgärten sind nur noch drei erhalten, das über 1.000 Hektar große Stourhead in Wiltshire (ab 1743) ist vielleicht der bedeutendste. Auch in ihm findet sich eine Grotte, die an jene in Twickenham erinnert, überhaupt ist Wasser auch hier ein wichtiges Gestaltungselement. Wege und Blickachsen führen nicht wie in den französischen Barockgärten in die Ferne, sondern zum Zentrum des Landschaftsgartens, einem durch einen Damm aufgestauten See: „Ein lang gestreckter, künstlicher See in einem lauschigen Tal, sanft gewelltes Land, malerische Ausblicke, natürlich gepflanzte Baumgruppen, zwischen denen – schon seit dem frühen 18. Jahrhundert – Rhododendronsträuche wuchern, man kommt sich vor wie in einem klassizistischen Bild“, schreibt Ohff, „eine intime Landschaft. Aber sie wird durchsetzt von Bauten, meist Tempeln, antiken Göttern gewidmet … Noch soll Kunst die Natur veredeln und erhöhen“, es soll damit ein Gefühl von Erhabenheit erzeugt werden.

Das ändert sich bereits mit Lancelot Brown (1716-1783) im etwa 800 Hektar großen Park des oben erwähnten Blenheim Palace, sicherlich sein bedeutendster Landschaftsgarten, den er ab dem Jahr 1764 gestaltete. Brown verwendete oft den Begriff „Capability“ („Fähigkeit“) wenn es um die Umgestaltung einer Landschaft ging, weshalb er bald nur noch so genannt wurde. Er gilt als der Romantiker – und war vielleicht sogar der erfolgreichste englische Landschaftsgestalter. Mit ihm verlieren die klassizistischen Bauten an Bedeutung, stattdessen rückt die Natur weiter in den Vordergrund: Auch in Blenheim bildet, wie Ohff bemerkt, „ein künstlicher See Mittel- und Höhepunkt einer abwechslungsreichen Landschaftsgestaltung“. Auch hier wurde, um den See zu schaffen, der heute vor dem Palace liegt, ein nahegelegener Fluss aufgestaut.

Humphrey Repton (1752-1818) schließlich ist der dritte bedeutende englische Gartengestalter. Er ist als einziger auch nach den Revolutionen tätig und gilt als „Nachromantiker“, der „hin und wieder schnurgerade Wege gelten (lässt)“, wie Ohff schreibt, und „keine künstlichen Seen mag“. Bei ihm vermischen sich die beiden Stile etwas, „wenn auch die Natur nach wie vor dominiert“. Wichtig für Repton ist das von ihm propagierte Prinzip der „Zonierung“: Repton untergliederte den Gesamtraum des Landschaftsgartens (zu dem auch Wälder und offenes Land, bisweilen landschaftliche Nutzflächen, gehören) in verschiedene Zonen, die optisch zwar zusammengehören, aber doch, bisweilen durch Zäune, voneinander getrennt sind. Damit machte er auch die zuvor von Kent etablierte Integration des sogenannten „pleasuregrounds“ rückgängig.

Der Pleasureground ist eine an den Garten anschließende Rasenfläche, die den Landsitz umgab und vom eigentlichen Park trennte, wenngleich die Landschaft perspektivisch geöffnet blieb und dem adeligen Hausherrn so gegenüber den anderen, bürgerlichen Parkbesuchern das Privlileg erlaubte, den Ausblick auf „la belle nature“ zu genießen, ohne seine komfortable Umgebung verlassen zu müssen.

Darüber hinaus diente der Rasen dem Landadel in den Sommern vor der Revolution aber zu repräsentativen Anlässen, insbesondere auch zum afternoon tea, einer Erfindung des 18. Jahrhunderts, oder zum Picknick, das bereits in der Antike praktiziert wurde und hier nun wieder kultiviert wurde, bevor es dann im 19. Jahrhundert, im Viktorianischen Zeitalter, auch unter den Bürgern populär wurde. Als Repton den Pleasureground wieder vom Parkgelände absetzte, zeigte er insofern auch an, dass der Freiheitsimpuls der französischen Revolution inzwischen ermattet war und die Restauration des Adels in Europa bereits eingesetzt hatte.

Nichtsdestotrotz hatte sich der englische Stil bei der Gestaltung des Landschaftsgartens durchgesetzt: Nach 1760 erobert der Englische Landschaftsgarten den Kontinent, selbst Frankreich, wo man ihn „Jardin romantique“ nennt. In Preussen sorgte insbesondere die von Napoleon 1806 verhängte Kontinentalsperre gegen England noch einmal für einen Schub bei der Umwandlung der bestehenden Landschaft in einen Landschaftsgarten, denn nun entfielen die lukrativen Exportmöglichkeiten für Getreide nach England. Dass die Getreidepreise in den Keller fielen erleichterte manchem Gutsbesitzer zweifelsohne den Rückzug aus der Landwirtschaft und die Umwidmung seines Landes..

Inszenierung von Landschaft

Im Englischen Landschaftsgarten wird die Natur expressiv und Landschaft zu einer Art Theaterkulisse. Der Gartengestalter verändert die die Physiognomie der Landschaft, wodurch der Landschaftsgarten durchaus als Inszenierung von Naturerfahrung verstanden werden kann: Den Gestaltern der Anlagen ging es darum, bei den durch die Landschaft spazierenden Menschen verschiedene Empfindungen hervorzurufen. Der Landschaftsgarten sollte auf das Gemüt wirken, Reize stimulieren: durch sein kontrastreiches, sanft gewelltes Gelände, durch die feuchten und kühlen Plätze an den aufgestauten, verwinkelten Seen, durch die kleinen Teichen und klammen Grotten, die als Rückzugsorte dienen konnten, durch die verschieden platzierten schattigen Baumgruppen und Gebüsche, durch die offenen, sonnigen Rasenflächen et cetera.

Durch den permanenten Wechsel all dieser Elemente sollten den Besuchern ständig neue Perspektiven eröffnet werden und Natur sich nach jeder Wegbiegung anders und neu erfahren lassen. Deshalb auch die für den Englischen Landschaftsgarten so typischen gekrümmten oder gewundenen Wege: Sie dienten der Inszenierung der Landschaft indem sie jeweils neue Blicke oder Sichtachsen auf neue Naturszenen beziehungsweise Stimmungsbilder eröffnen. Der Spaziergänger sollte stets, auch über Umwege, zu neuen und überraschenden Szenen geführt werden, die sich seinem Blick bislang entzogen haben, was zusätzlich für spannende Reize sorgt.

In seinem fünfbändigen Werk über die „Theorie der Gartenkunst“ gibt der bedeutendste Gartentheoretiker des 18. Jahrhunderts in Deutschland Christian Cay Lorenz Hirschfeld (1742-1792) explizit an, durch welche Auswahl von Naturelementen, aber auch Farben und Geräusche et cetera „Szenen“ bestimmter Gefühlsqualitäten hervorgebracht werden können. Er verwendet dabei eine Sprache, die sich in einer gewissen Nähe zur naturalistischen Bühnenbildnerei befindet. Als „Szenen“ bezeichnet Hirschfeld Naturarrangements, in denen eine bestimmte Atmosphäre beziehungsweise Stimmung herrschen soll: „heiter“, „heroisch“, „ernst“ oder „sanft-melancholisch“ beispielsweise. In Hinblick auf letztgenanntes schreibt er zum Beispiel: „Die sanftmelancholische Gegend bildet sich durch Versperrung aller Aussicht; durch Tiefen und Niederungen; durch dickes Gebüsch und Gehölz, oft schon durch bloße Gruppen von hohen, stark belaubten, nahe aneinandergedrängten Bäumen, in deren Wipfeln ein hohles Geräusch schwebt; durch stillstehendes oder dumpfmurmelndes Gewässer, dessen Anblick verdeckt ist; durch Laubwerk von einem dunklen und schwärzlichen Grün, durch tief herabhängende Blätter und überall verbreitete Schatten; durch die Abwesenheit alles dessen, was Leben und Wirksamkeit ankündigen kann. In einer solchen Gegend fallen sparsame Lichter nur durch, um den Einfluß der Dunkelheit vor dem Traurigen oder Fürchterlichen zu beschützen. Die Stille und die Einsamkeit haben hier ihre Heimat. Ein Vogel, der ungesellig umherflattert, ein unverständliches Geschwirre unbekannter Geschöpfe, eine Hohltaube, die in dem hohlen Wipfel einer entlaubten Eiche girrt, und eine verirrte Nachtigall, die ihre Leiden der Einöde klagt – sind zur Ausstaffierung der Szene schon hinreichend.“

Hirschfeld beschreibt hier ein ganzes Tableau an Reizen, die beim Betrachter bestimmte, sanft-melancholische Gefühlsregungen hervorrufen sollen. Nichts soll willkürlich platziert werden, sondern alles hat seine szenische Bedeutung und ist auf die Erregung eines bestimmten Gefühls hin arrangiert beziehungsweise inszeniert. Die Abfolge verschiedener Szenen eines Landschaftsgartens ist dabei idealerweise auf die Wahrnehmungsmöglichkeiten eines Spaziergängers abgestimmt, womit der Wegeführung bei der Konzeption des Landschaftsgartens die größte Bedeutung zukommt. Wege verbinden die unterschiedlichen Naturszenen untereinander und schließen bisweilen, wie Herrmann feststellt, „die optisch nach außen hin offene Anlage durch einen rundumlaufenden `belt´ zusammen“.

Natürliche Elemente des Landschaftsgartens

Ähnlich wie Hirschfeld hat auch Alexander von Humboldt (1769-1859) in seiner Landschafts- und Naturphysiognomie eine Zugangsweise zur Natur, in der er die natürlichen Formen in ihrem szenischen Charakter identifiziert. Im großen Unterschied zu Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) unterstellt Humboldt der Natur kein inneres Wesen, das dann in der physiognomischen Form zum Ausdruck kommt, sondern glaubt vielmehr, dass Natur etwas ganz und gar Äußerliches ist, sich allein in seiner Erscheinung offenbart. Entsprechend schreibt er seinen „Ansichten der Natur“ (1807): „Wer fühlt sich nicht, um selbst nur an nahe Gegenstände zu erinnern, anders gestimmt in dem dunkeln Schatten der Buchen; auf Hügeln, die mit einzeln stehenden Tannen begrenzt sind; oder auf der Grasflur, wo der Wind in dem zitternden Laube der Birke säuselt? Melancholische, ernst erhabene, oder fröhliche Bilder rufen diese vaterländischen Pflanzengestalten in uns hervor. Der Einfluß der physischen Welt auf die moralische, das geheimnisvolle Ineinanderwirken des Sinnlichen und Außersinnlichen gibt dem Naturstudium, wenn es zu höheren Gesichtspunkten erhebt, einen eigenen, noch zu wenig erkannten Reiz.“

Wie Hirschfeld gibt Humboldt verschiedene Naturelemente an, deren Zusammenwirken verschiedene Stimmungen bewirken sollen, an anderen Stellen seines Werkes wird Hirschfeld, was die Mittel zur Stimmungserzeugung betrifft, allerdings noch deutlicher. So schreibt er etwa im Kapitel Wasser: „Die Dunkelheit hingegen, die auf Teichen und anderen stillstehenden Gewässern ruhet, verbreitet Melancholie und Traurigkeit. Ein tiefes, schweigendes, von Schilf und überhängendem Gesträuch verdunkeltes Wasser, das selbst das Licht der Sonne nicht erhellt, schickt sich sehr wohl für Sitze, die diesen Empfindungen gewidmet sind, für Einsiedeleyen, für Urnen und Denkmäler, welche die Freundschaft abgeschiedenen Geistern heiligt.“ Entsprechend im Abschnitt über Gehölz beziehungsweise den Wald: „Besteht er dabey aus bejahrten an die Wolken ragenden Bäumen, und aus einem dichten und sehr dunklen Laubwerk, so wird sein Charakter Ernst und eine gewisse feyerliche Würde seyn, der eine Art von Ehrfurcht einflößt. Gefühle der Ruhe durchschauern die Seele, und lassen sie ohne eine vorsetzliche Entschließung, in ein gelassenes Nachsinnen, in ein holdes Staunen dahinschweben.“

Wasser eignet sich laut Hirschfeld also ausgezeichnet, effektvolle Szenerien zu gestalten, denn es kommt, wie er auch ausführt, der Forderung nach abwechselnden Reizen und unterschiedlichen Szenen entgegen. Insbesondere melancholische und erhabene Gefühle lassen sich durch Wasser erregen, in Verbindung mit einem Grabmal oder einer realen Begräbnisstätte (wie beispielsweise beim ehemaligen Grab Rousseaus im Park von Ermenonville, Fünfzig Kilometer nordöstlich von Paris, bevor seine sterblichen Überreste ins Pariser Panthéon überführt wurden).

Immer wieder treten auch Wasserfälle in Erscheinung, die bisweilen ein Gefühl der Erhabenheit suggerieren. Herrmann bemerkt diesbezüglich, dass das Bild herabstürzender Wassermassen den Eindruck „von elementarer Naturgewalt“ vermittelt, „(ü)berhaupt soll bei der Verwendung natürlicher Elemente jeder Anschein von menschlicher Einflussnahme vermieden werden“. Stattdessen soll, ganz im Sinne Rousseaus, die Korrelation von äußerer Natur beziehungsweise Landschaft und menschlicher Natur zum Ausdruck kommen.

Zu den natürlichen Elementen gehört natürlich auch der Boden. Wie beim Wein das Terroir, bestimmt vor allem anderen die Bodengestaltung, das Terrain, das gesamte Erscheinungsbild des Landschaftsgartens. Durch eine hügelige Gestaltung werden „Ausblicke“ geschaffen, eine gras- und baumbestandene Hügellandschaft, bemerkt Herrmann, „bildet in der Regel den idealen Raum für einen Landschaftsgarten“.

Weinetikett Mar i Muntania

Die katalanische Region Roussillon liegt im äußersten Süd-Westen Frankreichs direkt an den Pyrenäen, in einer extrem vielgestaltigen Gegend, wo unterschiedlichste Naturszenerien wie in einem Englischen Landschaftsgarten auf engstem Raum zusammengefaßt sind: Eine sanfte Hügellandschaft zieht sich durch die nur wenigen Kilometer zwischen der gewaltigen Gebirgslandschaft im Hinterland und dem schmalen Küstenstreifen am Mittelmeer, es ist, als ob sich das Gebirge praktisch direkt aus dem Mittelmeer erhebt, eben „Mar i Muntanya“.

Auf einem der pittoresken Hügel in dieser extrem heissen, trockenen und windigen Landschaft, von wo aus man einen überwältigenden Blick auf den Horizont über dem Mittelmeer hat, liegt die bei Weinenthusiasten berühmte Ortschaft Calce, Hauptstadt der biodynamischen Winzer des Roussillon, angeführt vielleicht von Gérard Gauby, über den auch der junge deutsche Thomas Teibert hierher geriet, wo er die „Domaine de l`Horizon“ gründete und sich schon mit dem ersten Jahrgang 2007 einen Namen machte, bevor er 2010 als bester Newcomer Frankreichs geehrt wurde.

An der hohen Qualität hat sich seither nichts geändert: Sein 2018 „Mar i Muntanya“ aus Syrah und Grenache ist zwar nur der Basiswein des Weinguts, aber auch er profitiert von dem herausragenden Terroir der Gegend mit seinen Schiefer- und Kalkböden. Der Wein hat einen sehr aromatischen Charakter ohne zu fruchtig zu sein. Es dominieren Kirscharomen, daneben dunkle Beeren, eine pfeffrige Würze, die an die typischen Garrigue-Kräuter der Region erinnert, sowie etwas Karamell. Extrem zurückhaltendende, samtige Tannine. Ein ungemein saftiger und dennoch frischer Wein mit enormem Trinkfluss, man möchte das Glas gar nicht mehr absetzen …

Naturszenen in Englischen Landschaftsgärten sind gewissermaßen zwar dramatisch inszeniert, Natur in diesen Szenen konzentriert, gleichwohl soll sich die Parklandschaft nicht von seiner natürlichen Umgebung abgrenzen. Deshalb spiegeln die Englischen Landschaftsgärten diese Umgebung bisweilen wider, wobei durchaus eine Art „common sense“ in Bezug darauf bestand, wie eine ideale Gartenlandschaft auszusehen hatte: Sie hatte ihren strukturellen Ursprung in der baumbestandenen südenglischen Wiesenlandschaft, die von alters her der Weideviehhaltung diente und insofern eine Hudelandschaft war. (Auf eine solche Landschaft bezieht sich auch Milton in seinem bereits erwähnten Gedichtepos „Paradise Lost“.) Wo die Gärten nicht ohnehin dort angelegt wurde, wo zuvor das Vieh auf die Weide geschickt worden war, wurden Hügel der reizvollen Wirkung wegen oftmals auch künstlich geschaffen. Und Bäume wurden so gepflanzt, dass sie sich wie die einzeln stehenden Hudeeichen frei entwickeln konnten – auch wenn ihnen dann die vom Vieh erzeugte Fraßkante fehlte, unter denen man sich gerne zum bereits erwähnten Picknick versammelte, wie dies auf etlichen Gemälden aus der Zeit dargestellt ist.

Interessanterweise wurden die englischen Vorstellungen von der idealen Gartenlandschaft auch auf dem Kontinent übernommen: Von Friedrich Ludwig Sckell (1750-1823) beispielsweise in dem im Revolutionsjahr 1789 angelegten Englischen Garten in München; oder in den Wörlitzer Anlagen in der Elbniederung bei Dessau. In beiden Fällen sind ehemalige Hudelandschaften zum Park umgebaut worden, in denen malerische Baumindividuen mit weit ausladenden Ästen in dem Terrain stehengeblieben sind und das Grünland dazwischen seit jeher rasenartig kurzgehalten war.

Ansonsten jedoch konzentrierte man sich bei der Verwendung botanischer Elemente nicht nur auf Pflanzen, die in der Vegetation bereits vorhanden waren, sondern es wurden vielfältige Gehölze und andere Gewächse verpflanzt, auch exotische Pflanzen. Es ist das Zeitalter der Entdeckungen, man denke nur an James Cook (1728-1779) oder etwas später den bereits erwähnten Alexander von Humboldt (1769-1859). So fanden etliche Gehölze aus fremden Regionen mit anderem Klima in europäischen Gärten eine neue Heimat, sofern sie die Kälte nördlicher Breiten aushielten, zum Beispiel Rosskastanien, Robinien, Tulpenbäume, Japanische Lärchen oder Gingkos.

In Kombination von Grünflächen, Bäumen, Baumgruppen und Büschen, weiß Herrmann, „soll eine interessante Abstufung von Grüntönen erzielt werden. Der Landschaftsgarten ist somit ein Ensemble verschiedener Grün- und gedeckter Brauntöne, in dem andere Farben, z. B. die der Blumen, nur eine untergeordnete Rolle spielen“.

Dennoch wurden in den eigens errichteten Botanischen Gärten (der von Berlin entstand bereits im Jahr 1679) auch eigentlich tropische Gewächse herangezogen, wenn sie nicht zu empfindlich waren. Ansonsten mussten für kälteempfindliche Pflanzen besondere Schutzmaßnahmen getroffen werden. Auf der berühmten Weinterrasse auf dem Südhang von Sanssouci beispielsweise hat man deshalb mit Fensterglas verschließbare Nischen für Reben und andere, exotischere Obstsorten wie Feigen konstruiert, die bei praller Sonne geöffnet und bei Kälte geschlossen werden konnten. Andere empfindliche tropische Gewächse hielt man als Kübelpflanzen, die nur im Sommer im Park standen und den Winter in der beheizten Orangerie überdauerten. Gezüchtet wurden in den Botanischen Gärten auch Gewächse und Blumen wie etwa Koniferen, die millionenfach in bürgerlichen Gärten zu finden waren, wie sie dann langsam im 19. Jahrhundert entstanden, oder, wie im Falle der Tulpen, in den Niederlanden Ende des 16. Jahrhunderts zur ersten geplatzten Spekulationsblase in der Geschichte des Kapitalismus führten.

Classical und Gothic Revival in der Landschaftsinszenierung

Neben natürlichen Gestaltungselementen wie der Bodengestalt beziehungsweise dem Terrain, Wasser, botanischen Elementen wie Gehölzen, aber auch Licht und Schatten, Farben, Steinen oder Felsen, gibt es auch, ganz im Sinne William Kents, künstliche Elemente, die bei der Gestaltung eines Landschaftsgartens eingesetzt werden: dazu gehören insbesondere alle Bauwerke. Auch diese Gestaltungselemente fungieren dabei, wie die natürlichen, nicht als Zeichen für etwas, sondern sie sollen die Szene selbst erzeugen, die Atmosphäre und Stimmung gewissermaßen heraufbeschwören. Das tun sie insbesondere auch dann, wenn es ihnen – wie eingangs bereits ansgesprochen – gelingt, überwältigende „Momente der Intensität“ beziehungsweise ästhetisch auffällige Augenblicke hervorzubringen, die sich auch der rationalen Kontrolle durch den Betrachter entziehen.

Der Landschaftsgärtner sollte Hirschfeld zufolge wissen, durch welche Kombination der unterschiedlichen Gestaltungselemente einer Landschaftsszene solche Momente beziehungsweise eine bestimmte Atmosphäre und Stimmung erzeugt werden kann. Zwei gestalterische Grundtendenzen lassen sich dabei im Landschaftsgarten bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts beobachten, und zwar sowohl in der architektonischen Formensprache als auch im Landschaftsbild: In beiden kommt eine Sehnsucht nach dem Süden – der Antike – und eine zunehmende Rückbesinnung auf die einheimische nordische Landschaft zum Ausdruck.

Entsprechend zeichnen sich zwei stilistische Strömungen bei der Landschaftsgestaltung ab, die bisweilen jedoch immer gemeinsam auftreten: Es sind dies das Classic Revival und das Gothic Revival. Während der Klassizismus der Renaissance bestrebt ist, der Antike eine neue Bedeutung abzugewinnen, bezieht sich der neugotische Stil mit einer romantischen Sehnsucht auf eine unwiederbringliche Vergangenheit. Herrmann unterscheidet diesbezüglich zwischen natürlichen und künstlichen Stilelementen und bemerkt dazu: „Als klassisch oder sentimental wird eine auf wenige markante Erscheinungen zurückgedrängte Landschaft bevorzugt, oder man greift auf ein malerisches, die Phantasie anregendes Landschaftsbild zurück, das sich durch Stilpluralismus auszeichnet. (…) Jede Erscheinungsform ist eine Komposition aus beidem …“

Das zentrale artifizielle Moment eines Landschaftsgartens ist bisweilen das, in Anlehnung an den Landsitz so genannte, Landhaus, dessen unmittelbare Umgebung von Garten und Pleasureground geprägt ist. Das Landhaus ist oft im klassizistischen Stil des Neopalladianismus errichtet, in England genauso wie beispielsweise in Wörlitz, wo zwischen 1769 und 1773 eines der ersten Gebäude in diesem Stil in Deutschland errichtet wurde (der „Englische Sitz“, ein Pavillon, der hier im Jahr 1765 entstand, ist tatsächlich das erste klassizistische Bauwerk auf dem Kontinent und damit das früheste Zeugnis für den neuen Stil). Anders als noch im Barockgarten bildet es in der Anlage eines Englischen Landschaftsgarten allerdings nicht mehr das optische und strukturelle Zentrum, sondern über seinen Standort entscheidet allein „der Aspekt der harmonischen Einbindung in die Landschaft“, wie Herrmann bemerkt.

Zum repräsentativen Landhaus gehörten allerdings auch Wirtschaftsgebäude wie die ganzen landwirtschaftlich genutzten Gebäude – Landschaftsgärten hatten nicht nur einen erholsamen, sondern immer auch einen wirtschaftlichen Zweck –, die Stallungen oder die Unterkünfte für die Bediensteten. Bei diesen Funktionsbauten wurde häufig versucht, sie durch pittoresk wirkende Stilelemente zu kaschieren, häufig in einem neugotischen Stil, und ihnen ein dekorativeres Aussehen zu geben. Die Gärtnerei in Wörlitz ist ein Beispiel dafür, wie solche nicht-repräsentativen Gebäude dennoch in eine ästhetisierte Szenenfolge eingebunden wurden. Auch Brücken gehörten zu diesen Zweckbauten, die nebenher noch eine dekorative Funktion ausüben sollten.

Wesentlicher Aspekt der Inszenierung der Landschaftsgärten waren jedoch die Staffagegebäude, die keinerlei funktionale Aufgaben erfüllten, dafür aber, wie Herrmann sagt, „wesentlich den bedeutungstragenden Teil der Gartenbebauung“ bildeten, indem sie zu Trägern von aufklärerischen Ideen wie Freiheit und Toleranz wurden: „Die Antikenrezeption im 17. und 18. Jahrhundert hat den Boden für eine Verbindung griechisch-römischer Mythologie mit den Ideen der Aufklärung bereitet. In emblematischer Verdichtung nehmen die Ideen Gestalt an. Gewissermaßen in der Form eines säkularisierten Kultes wird hier an Altären und in Tempeln dem Genius der Natur und dem Genius des Menschen gleichermaßen gehuldigt“, schreibt Herrmann. Schön zu sehen ist das an den vielen Tempeln wie beispielsweise am Monopteros-Tempel im Englischen Garten in München.

Während Kapellen und insbesondere Tempel als Embleme für die Aufklärung fungieren und eher über den Verstand zu erfassen sind, verkörpern andere Staffagegebäude emotionale Werte ohne inhaltliche Bedeutung und werden einfach nur zur Erzeugung von Stimmungen und Atmosphären errichtet. Dazu gehören Grotten genauso wie Einsiedeleien für sanft-melancholische Landschaftsszenen, aber auch Schäferhütten oder Scheinruinen, die bisweilen im gotischen Stil gebaut wurden wie beispielsweise in Sanssouci, was ihnen den authentischen Charakter eines mittelalterlichen Bauwerks gab.

Die Ruine ist Ausdruck der Vergänglichkeit und wurde, darauf verweist Herrmann, mit der Melancholie in Verbindung gebracht, womit sie „einen Blick auf die Bewegung der Geschichte (eröffnet) – denn der Landschaftsgarten, selbst Ausdruck eines vorwärts weisenden geschichtlichen Bewußtsseins – versteht sich nicht als ein ursprüngliches Paradies, aus dem die Bewegung der Zeit verbannt ist“. Herrmann bemüht hier, ohne es auszusprechen, das Bild von Walter Benjamins Engel der Geschichte aus „Geschichtsphilosophische Thesen“ (1940), eigentlich eine Bildbeschreibung von Paul Klees „Angelus Novus“, das Benjamin im Jahr 1921 erworben hat. Darauf ist ein Engel dargestellt, der „das Antlitz der Vergangenheit zugewendet (hat). Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Der Landschaftsgarten in Deutschland

Dadurch, dass die Landschaft im englischen Garten in Hinblick auf ihre ästhetische Erfahrung gestaltet beziehungsweise inszeniert wird, ist auch der Landschaftsgarten nicht Natur im eigentlichen Sinne, sondern „er stellt Natur dar“, wie Herrmann sagt. Ihm zufolge orientierte sich die englische Landschaftsgärtnerei mit ihrer Formensprache zu Beginn 18. Jahrhunderts zunächst an Kompositionsprinzipien der Landschaftsmalerei. Als ordnendes ästhetisches Element, führt Hermann aus, wurde die Vedute übernommen, also die wirklichkeitsgetreue, wiedererkennbare Darstellung einer Landschaft. Die räumliche Wirkung wurde hier insbesondere auch durch den Schattenwurf der zahlreichen Bäume erzeugt, deren Pflanzung entsprechend nach einem zuvor bildhaft komponierten Ordnungsprinzip erfolgte.

Ist der englische Landschaftsgärtner zuerst Schriftsteller (Joseph Addison, Alexander Pope), wird er nun zu einem ausgebildeten Landschaftsmaler wie tatsächlich William Kent … Dann jedoch wird die Landschaftsgestaltung von Hirschfeld schon bald als eigenes Medium charakterisiert, schließlich, und darauf hebt er ab, konstituiert sie auch keine flache Leinwand, sondern einen dreidimensionalen Raum, der eine simultane Wahrnehmungsweise erfordert: „Visuelle Eindrücke konkurrieren mit Geräuschen und Gerüchen, und wie sich einzelne Naturelemente bewegen, bewegt sich der Betrachter im Landschaftsensemble fort“, schreibt Hermann in diesem Zusammenhang und ergänzt: „Die Gartenkunst stellt ihre Effekte auf den ständig wechselnden Blickwinkel des Betrachters ab. Das erfordert andere Prinzipien …“ Über den Schriftsteller und den Landschaftsmaler wird der Landschaftsgärtner schließlich zum Landschaftsbildner und die Landschaftsgestaltung zum Anliegen bedeutender Architekten wie beispielsweise bei Humprey Repton, der bisweilen gemeinsam mit dem Architekten und Städtebauer John Nash (dem London unter anderem Regent Street und Park verdankt) arbeitete …

In Deutschland hingegen beklagt Friedrich Schiller noch Ende des 18. Jahrhunderts einen gartengestalterischen Dilettantismus, durch den die Landschaften oft zu „pittoresken Verniedlichungen“ gerieten. Das liegt ihm zufolge daran, dass sich die Landschaftsgestalter hierzulande noch zu sehr an der Malerei orientierten, die die Natur jedoch nur in einem verkleinerten Maßstab darstellen kann. Der Dilettant vergisst, so Schiller in seinen Anmerkungen „Über den Gartenkalender …“, „daß der verjüngte Maßstab … auf eine Kunst nicht wohl angewendet werden konnte, welche die Natur durch sich selbst repräsentiert und nur insofern rühren kann, als man sie absolut mit Natur verwechselt“. Man könne Natur nur „durch Natur, nicht durch ein künstliches Medium nachahmen oder auch gar nicht nachahmen, sondern [nur] neue Objekte erzeugen“.

Goethes „Wahlverwandtschaften“

Einer dieser gartengestalterischen Dilettanten – ohne zu wissen, ob Schiller auch ihn meinte – war Johann Wolfgang von Goethe, der in jungen Jahren in Weimar maßgeblich an der Gestaltung des Parks an der Ilm (1776) beteiligt war und später mit „Die Wahlverwandtschaften“ (1809) auch einen Roman verfasst hat, der von der Erschaffung eines romantischen „Baumgartens“ im englischen Stil handelt. Der Roman – ein konservativer Liebesroman – spielt in einer ländlichen Umgebung und erzählt von einer äußerlich geordneten, aber innerlich brüchigen Ehe in der gehobenen Gesellschaft. Als den Eheleuten jeweils eine andere Person gegenübertritt, zu der sie sich hingezogen fühlen, wird ihnen allmählich klar, dass sie nicht füreinander geschaffen sind. Ohne wirkliche Handlung, kreisen alle Gespräche des Romans darum. Zunächst zwar nicht wirklich, sondern nur in Gedanken erfolgt der Ehebruch, schließlich jedoch tatsächlich die Trennung, ohne sich aber voneinander Scheiden zu lassen …

Ähnlich wie beim französischen Barock- und dem englischen Landschaftsgarten werden zwei Prinzipien deutlich: Der Mensch bewegt sich grundsätzlich zwischen Ordnung und Freiheit, das heißt der natürlichen Leidenschaft tritt die Sittlichkeit als eine kulturell oder moralisch bedingte Notwendigkeit gegenüber, das gilt insbesondere für die gehobene Gesellschaft. Goethe schildert die gesellschaftliche Entfremdung von der Natur: „Das Blühen und Vergehen trägt den Menschen nicht mehr, es wird von ihm gemeistert“, schreibt Ernst Beutler in einem Nachwort, „(a)n die Stelle des Wachsens tritt das Propfen, an die des Waldes der Park“ – nicht mehr unberührte Natur, die eingespannt ist in die jahreszeitliche Entwicklung und das Vergehen und Werden, sondern artifizielle Landschaft und die Technik der Propfung, die eigentlich ein gebräuchliches Verfahren der Veredelung (auch im Weinbau) ist, nun jedoch nur noch als Sinnbild für die zivilisatorische Gewalt an der Natur fungiert.

Nicht nur „alte Eichenbäume“ und „hohe Lindenalleen“ sind Kulisse – im ganzen Roman treten vorwiegend immer wieder, symbolisch, Pappeln und Platanen in Erscheinung: die Pappel ist der Baum der Trauer, die Platane steht für Unfruchtbarkeit. So wird von Goethe insgesamt eine Umgebung entworfen, in der Landschaft nur noch als eine vom Menschen degenerierte, zugerichtete Natur erscheint und der Mensch selbst als von den Zwängen der Zivilisation deformiert. Das wirkliche Leben, aber auch die Ehrfurcht und der Respekt vor der natürlichen Ordnung und der von Goethe geheiligten göttlichen Schöpfung, scheinen an ihr Ende gekommen zu sein.

Beschrieben ist so gewissermaßen das Negativ jenes Bildes, das Rousseau entwirft: Für ihn macht die Landschaft dem Menschen sein Entwicklungspotential sichtbar. Der Landschaftsgarten, der der ursprünglichen Natur nachempfunden ist, soll das Gefühl ansprechen, über das der Mensch sich seines natürlichen Daseins bewusst werden soll. Herrmann bemerkt in diesem Zusammenhang: „Das Gefühl, das sich in Übereinstimmung mit der sittlichen Natur des Menschen weiß, erinnert als `sittliche Einsicht´ den Menschen an die geschichtliche Entwicklung, die ihn von seiner Natur fortgeführt hat.“ Über die Erfahrung des Landschaftsgartens als einer dem Menschen gemäßen Natur soll eine Gesellschaft erwachsen, die der Natur des Menschen wieder gerecht wird. Nichts davon jedoch in Goethes pessimistischem Roman …

Gartenreich Dessau-Wörlitz

… vieles davon aber im „Gartenreich Dessau-Wörlitz“, wo zwischen 1764 und 1800 drei ursprünglich eigenständige Gartenanlagen um den Wörlitzer See, einem toten Arm der Elbe, zum ersten natürlichen Landschaftspark in Deutschland zusammengefasst wurden. Der seit 1758 regierende Fürst Leopold III. Friedrich Franz (1740-1817), genannt Fürst Franz von Anhalt-Dessau, hatte hier gemeinsam mit seinem Gärtner Johann Friedrich Eyserbeck (1734-1818) der Aufklärung in verschiedenen Szenen zur physiognomischen Erscheinung verholfen, die perzeptive und kognitive Wirkung haben und alle Sinne des Besuchers in Anspruch nehmen sollten.

Die Anregung zu diesem Landschaftsgarten hatten der Fürst und sein Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736-1800) von einer Englandreise mitgebracht, das schon in dieser Zeit in ästhetischer Hinsicht die Avantgarde verkörperte: Anstelle von Ornament und barocken Schnörkeln treten klare Formen nach dem Vorbild der italienischen Renaissance, das heißt „(d)ie Ästhetik, die wir im Gartenreich in überschwänglichem Maße finden, basiert auf der Ethik der Aufklärung“, sagt Sven Kielgas, seit 2015 Besitzer des im palladianischen Stil errichteten Landhauses von Fürst Franz, in einem Zeitungsinterview. „Das Gartenreich ist gebauter Liberalismus. Mit der Entscheidung für den englischen Garten und den palladianischen Architekturstil verkündet Fürst Franz: Ich bin ein Liberaler. Das sieht man etwa daran, dass in Wörlitz, obwohl es offizielle Sommerresidenz des Hauses Anhalt-Dessau war, alles Militärische fehlt.“

Wörlitz, so schreibt Ohff, „gleitet ins Land hinein, nirgends findet sich ein Zaun. Man ahnt nicht wo der Park, in den Kornfelder – einzigartig in der Welt – integriert sind, anfängt oder das Land aufhört“. So sind in die weiträumige, offene Landschaft neben romantischen Partien also auch landwirtschaftliche Nutzflächen integriert. Das Credo von Fürst Franz lautete: Alles, was schön ist, muss auch nützlich sein. Dafür steht gerade auch die Fürstliche Domäne, deren Mittelpunkt das Landhaus bildete. „Die Domäne“, sagt Kielgas, „war der innovation hub des Fürstentums. Von überall pilgerten die Besucher auf diesen Musterhof, um hier den agrartechnischen Fortschritt zu studieren.“ Denn dank der Einführung moderner Anbaumethoden war es Fürst Franz gelungen, aus seinem verarmten Landstrich in den Elbniederungen eine blühende Landschaft zu machen, die für die Gartengestaltung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Bedeutung haben sollte. Selbst Goethe sprach bewundernd von „elysischen Feldern“, einem irdischen Paradies, wie es für Milton längst verloren schien.

Mit dem Verweis auf das Paradies relativiert Goethe seine skeptische, zivilisationskritische Perspektive der „Wahlverwandtschaften“ und zeigt ein alternatives Bild auf, auf das auch Rousseau rekurriert um das Ideal der „natürlichen Ordnung“, der der Landschaftsgarten folge, herauszustellen. Für Rousseau ist hier jene, wie Herrmann sagt, „auf den Menschen reinigend wirkende Kraft der ursprünglichen Natur“ versammelt, „die ihn von den Deformationen durch die verhängnisvolle Zivilisation befreien soll“, wie sie im Roman von Goethe aufgezeigt werden. Bleibt dem Menschen das ansonsten versagt, lässt es sich nun im gelungenen Landschaftsgarten wie in Wörlitz erfahren – wo Rousseau auch auf einer nach ihm benannten Insel eine besondere Würdigung erfährt. Entsprechend entwickelt sich das Gartenreich auch zu einem Zentrum der Aufklärung in Deutschland.

Die größte Parkanlage nach englischem Vorbild jedoch sollte in der Umgebung von Berlin und Potsdam entstehen, aber nur in Teilen fertig werden, weil schließlich die Stadt schneller wuchs als ihre Gärten. Insbesondere Peter Joseph Lenné machte sich bei der Gestaltung der Englischen Gärten an den Havelseen verdient. Dort war das lokale Klima so feucht und wintermild wie weit und breit nicht, so dass hier Englischer Rasen und Rhododendron gediehen. Wo er mit seinen exotischen Pflanzungen scheiterte, wie im Park von Babelsberg, sprang Hermann Fürst von Pückler-Muskau ein. Pückler begab sich selbst nach England, um sich ein Bild von der Landschaft und deren Gestaltung zu schaffen. Nach diesem Muster formte er den Muskauer Landschaftspark sowie den Park von Branitz.

Pücklers Inszenierungen

Eine Szene am Berliner Ku`damm, mitten am Nachmittag irgendwann im Jahr 1815 auf der Terrasse des Café Kranzler, wo die gesamte Berliner Gesellschaft wie gewöhnlich versammelt ist und beobachten kann, wie auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Vierergespann aus den Stallungen eines jungen Mannes hinausgelenkt wird … Mehrere Male fährt er mit der Kutsche „Unter den Linden“ auf- und ab, bevor er schließlich vor dem Café stoppt und aussteigt. Nu?, mag man sich fragen. Nun, die Kutsche von Fürst Pückler, den hier alle kennen, wurde nicht von Pferden, sondern von vier prachtvollen Hirschen gezogen …

Das ist ist nur einer von unzähligen extravaganten Auftritten von Fürst Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871), und so ist auch niemand darüber verwundert, dass zu seinen Bediensteten nicht nur der berühmte Schnellläufer Mensen Ernst gehört, der als Kurier die Korrespondenzen zwischen der Berliner Stadtwohnung Pücklers und Schloss Branitz zu Fuß übermittelt, sondern auch der durch seine Zwergengestalt auffällige Billy Masser, seines Zeichens Sekretär und Hofmarschall des Fürsten.

Entsprechend aufwändig ist der Lebensstil von Pückler, nachdem er 1811 die Herrschaft Muskau-Branitz als Erbe übernommen hatte. Für einen Landadligen, so meint er vorausschauend zu erkennen, ist wohl kein Platz mehr in einer kapitalistischen, von der Industrialisierung geprägten Gesellschaft (zumindest wenn man nicht vom Schlag eines pommerschen Landjunkers ist wie etwas später Otto von Bismarck). Umso heftiger reagiert er und verwandelt das Unzeitgemäße seiner Existenz in eine Form von Theatralik und Exaltiertheit. Sein Leben mündet, so Herrmann, „in eine extreme Form der Selbststilisierung, die ihren Ausdruck auch in der Inszenierung aristokratischer Lebensweise in seinen Gartenlandschaften finden sollte“.

In seiner unzeitgemäßen Existenz bleibe dem Landadel gewissermaßen nur eine „poetische Existenzweise“, so das trotzige Resümee Pücklers, die sich nur in der Selbstinszenierung behaupten kann, deren natürliches Medium der Raum beziehungsweise die „Ausdehnung“ sei. Damit rücken für Pückler insbesondere auch die Gartenlagen in den Fokus, die er, seiner Verbundenheit zu den Idealen der aristokratischen englischen Kultur entsprechend, ausbauen will. Er selbst schreibt dazu: „In der höheren Ausbildung des genießenden Lebens hat sich auch die Landschaftsgärtnerei dort in einer Ausdehnung entwickelt, die früher keine Zeit und kein Land in diesem Maße gekannt zu haben scheint“.

Die aristokratische Lebensauffassung mündet in einer Auffassung vom „genießenden Leben“, wie Pückler sagt, die ihren höchsten Ausdruck in der räumlichen Weite des Landschaftsgartens findet, gewissermaßen als Verlängerung der Selbstinszenierung. Gleichzeitig ist im Landschaftsgarten auch eine gesellschaftliche Bedeutung konserveriert. Hermann bemerkt in diesem Zusammenhang: „Anders als im 18. Jahrhundert ist nicht mehr die vorwärtsweisende Idee, das Entwicklungspotential des Menschen aufzuschließen, um ihm so seine bessere Zukunft vorzustellen, Ausgangspunkt des Entwurfs, sondern vielmehr das Wissen um das Obsolete einer Existenz- und Lebensweise, der es auf Dauer nicht beschieden sein wird, in der gesellschaftlichen Wirklichkeit eine Rolle zu spielen. Gerade in der Ausklammerung der realen gesellschaftlichen Bewegung entwickelt das `Modell Landschaftsgarten´ unter den Händen Fürst Pücklers seine regenerierende Kraft – nicht indem der Landschaftsgarten eine bürgerliche Zukunft antizipiert wie bei Rousseau, sondern indem er zum Refugium vor den Anmaßungen eben dieser bürgerlichen Gesellschaft wird: ‚Euer ist das Geld und die Macht – Laß dem Armen ausgedienten Adel seine Poesie, das einzige, was ihm übrig bleibt‘.“

Der Muskauer und der Branitzer Park spiegeln als seine bedeutendsten Schöpfungen den aristokratischen Lebensentwurf Pücklers wider. Insbesondere im Muskauer Park wollte er ihm Ausdruck verleihen. Pücklers Lebensauffassung allerdings ist kostspielig und die Gestaltung des Landschaftsgartens verschlingt Unsummen (sie wird vielleicht im Sinne Georges Batailles zu einer Poesie der Verschwendung). Für Pückler ist das zunächst nur durch die Mitgift seiner 1817 angetrauten Frau Lucie zu finanzieren, die die Tochter des preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg (1750-1822) ist, dem König Friedrich Wilhelm III. auf Wunsch seiner Frau Luise in der nachnapoleonischen Zeit die innenpolitischen und wirtschaftlichen Aufgaben überlässt (den kulturellen Wiederaufbau jedoch will der König selbst übernehmen, beispielsweise bei der Umgestaltung des Potsdamer Neuen Gartens).

In seinen „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ (1834) polemisiert Pückler gegen die „Mode, sogenannte englische Anlagen zu machen“, solange man dazu nur schlicht die Formen übernehme, ohne jedoch der Idee Ausdruck zu verleihen: „Eine große landschaftliche Gartenanlage muß auf einer Grundidee beruhen“, schreibt er schon ziemlich zu Beginn. In Muskau inszeniert Pückler deshalb insbesondere neugotische Bilder – er verbindet sie, wie Hermann sagt, „zu einer romantischen Landschaft, die in ihrer an das Mittelalter erinnernden Szenerie auch zum Symbol der geschichtlichen Legitimität des Hauses Pückler-Muskau wird“. Vor diesem Hintergrund verzichtet Pückler insgesamt weitestgehend auf exotische und antike Stilelemente, da er diese in einer nordeuropäischen Landschaft als unpassend und problematisch empfindet. Die Verbindung von historisch gegebenem Zweck und stilistischer Authentizität sind für ihn maßgeblich.

Das gilt auch für das Schloss, dass aber gemäß seiner Formel vom „genießenden Leben“ zunächst auch dem Komfort und der Repräsentation dienen muss. Gleichwohl muß auch hier die Einheit von Zweck und Stil gewährleistet sein. Noch einmal Hermann in diesem Zusammenhang: „Wenn Pückler die Umgestaltung mittelalterlicher Schlösser zu komfortablen Wohnstätten propagiert, einen Nachbau im neugotischen Stil aber strikt ablehnt, so weist er damit zugleich den Anspruch zurück, die im Stand des Adels begründeten Formen herrschaftlicher Architektur für die Zwecke des Bürgers zu profanisieren.“

Muskau entwickelt sich im Verlauf der Jahre zu einem Arkadien, zum größten deutschen Landschaftspark – mit seinen 830 Hektar mindestens hinsichtlich der flächenmäßigen Ausdehnung –, für dessen Gestaltung er auch gerne die Hilfe von John Adey, Sohn seines bewunderten Vorbilds Humphrey Repton, wahrnimmt. Adey ist fasziniert von Pückler und öffnet ihm einige Türen bei seiner zweiten Englandreise (1826 bis 1829).

Diese zweite Reise wird notwendig, weil Pückler das Geld ausgeht: Nachdem das Vermögen von Lucie aufgebraucht ist, läßt sich Pückler pro forma scheiden, um durch eine neue Heirat zu weiterem Kapital zu kommen. Diese Absicht ist es, die ihn nach England führt, wo seine Pläne in der Londoner Gesellschaft jedoch schnell bekannt werden, wie er in den „Briefen eines Verstorbenen“ (1830) schreibt. So sieht sich Pückler im Jahr 1845 gezwungen, seine Herrschaft Muskau, die durch die Anlage des imposanten Landschaftsgartens einen erheblichen Wertzuwachs erhielt, zu verkaufen und ins benachbarte Branitz zu übersiedeln, wo er aber ebenfalls unverzüglich mit den Planung für einen Englischen Landschaftsgarten begann, die er ab 1846 umsetzte.

©SFPM/Andreas Franke

Pücklers Tumulus im Branitzer Park

© SFPM/Andreas Franke

Steht bei Lenné, wie eingangs geschildert, am Anfang der Planung ein Strich auf dem Papier, pflegte Pückler seine Wege mit dem Spazierstock direkt in den nackten Boden zu zeichnen, bemerkt Ohff in der Biographie „Der grüne Fürst“ (2007). Aber auch das stand bei ihm immer am Beginn, so auch im Park von Branitz. Nach der Festlegung der Wege, ging Pückler an den Aushub der Seen und Wasserläufe sowie, gleichzeitig, das Abstecken der Baumpflanzungen, zuletzt kamen die Rasenflächen. Alle seine Anlagen, sagt Pückler, seien so berechnet, dass sie nach 150 Jahren den höchsten Grad ihrer Entfaltung erreicht haben (ein Besuch in einem seiner Gärten dieses Jahr, seinem 150. Todesjahr, könnte sich also lohnen).

Obwohl Pückler unmittelbar nach der Übersiedlung mit den Planung begann, zeigte er wenig Interesse, sich auch dauerhaft hier niederzulassen, sondern überließ Branitz zunächst der pro forma geschiedenen Fürstin. Pückler selbst begab sich auf Reisen (unter anderem nach Italien, die stürmischen Ereignisse der Märzrevolution 1848 erlebt er in Berlin) und hielt sich längere Zeit in Babelsberg auf, wo er maßgeblich an der Gestaltung der dortigen Anlagen mitwirkte, während in Branitz in erster Linie die Fürstin am Entstehen des Parks unmittelbar beteiligt war. Ihr Vorschlag war es auch, das Haus mit einer Terrasse zu umgeben, ganz Humphrey Repton folgend, der Terrassen und Balustraden wieder in den Landschaftsgarten eingeführt hatte.

Ganz im Sinne der Fürstin konzipierte Pückler den Park in Branitz also nach dem Zonierungsprinzip, wobei er die Terrasse des Schlosses üppig mit Pflanzen ausstatte. Die reiche Ausstattung, die im Eingangsbereich mit Kübelpflanzen und auf der Westseite mit Immergrünen erfolgte, folgte den oben erwähnten stilistischen Strömungen und schuf einen fließenden Übergang zwischen Gebäude und Pleasureground. Um diesen Gartenraum ließ Pückler auf drei Seiten eine „Italienische Mauer“ errichten, die von einer mit Weinreben umrankten Pergola ergänzt wurde und so einen intimen Gartenraum entstehen ließ, wobei damit in erster Linie der Wirtschaftshof kaschiert werden sollte. Später wurde die Mauer und die morsche Pergola abgerissen und durch einen blauen Zaun ersetzt, wodurch sich auch wieder ein reizvoller Blick auf das Gelände eröffnete, wo sich an den Pleasurground der „Innere Park“ anschloss, der dann in eine Feldflur, die sogenannte „ornamental Farm“ überging. Außerhalb des Landschaftsgartens dehnten sich in Richtung Cottbus wirschaftliche Nutzflächen und Kiefernwälder aus.

Ansonsten finden sich im Branitzer Park viele romantische Hohlwege und mehrere künstliche Seen (auch ein „Ökonomiesee“ auf dem Gelände der Gutsökonomie) mit Wasserkanälen, die von Pückler in der ehemals kargen Kiefernheide geschaffen wurden. Die Wasserflächen mit ihren abwechslungsreich geformten Uferlinien bildeten für Pückler ein wichtiges Gestaltungselement, auch, weil sich auf ihrer Oberfläche die Umgebung spiegelt und so je nach Tages- und Jahreszeit sowie Lichtverhältnisse andere Stimmungen wiedergibt. Die Inseln in den Seen kaschieren die wirkliche Dimension des Sees und haben mitunter auch den Effekt, dass der Wasserspiegel optisch größer erscheint.

Beim Aushub der Seen wurden umfangreiche Erdbewegungen durchgeführt, die sich für die Schaffung einer Hügellandschaft nutzen ließen, unter anderem für den 30 Meter hohen „Hermannsberg“, die grundsätzlich für eine Fülle abwechslungsreicher Aussichtsmöglichkeiten sorgen. Die ausgehobene Erde wurde von Pückler aber auch für den Bau einer Erdpyramide genutzt – sowie den sogenannten „Tumulus“ im Parksee, der in den Jahren 1856/57 entstand. Der Tumulus beziehungsweise die Erdpyramide sind Pücklers „einziger eigener, avantgardistischer und konzeptioneller neuer Beitrag zur Gartengenkunst“, bemerkt Ohff: „In der ideal gestalteten Natur erscheint plötzlich ein streng geometrisch geformter Fremdkörper. Da er begünt ist … wird die Fremdartigkeit der Stereometrie zwischen natürlichem Wachstum, das nicht einmal einen rechten Winkel duldet, herabgemildert.“

Beim Tumulus handelt es sich um einen prähistorischen Grabhügel, mit dem Pückler, wie Herrmann anmerkt, „der versinkenden feudalen Epoche ein die Jahrhunderte überdauerndes Denkmal setzen wollte“. Tatsächlich wurde der 1871 im Alter von 85 Jahren verstorbene Fürst darin umgebettet, das heißt, bevor die Umbettung erfolgte musste der zwergenhafte Hofmarschall die sterblichen Überreste des Fürsten erst in einem Säurebad auflösen. Gewissermaßen als eine letzte Extravaganz ließ Pückler den Tumulus mit Wildem Wein bepflanzen, so dass er sich im Herbst leuchtend rot färbt. Von der Höhe her wird er von der Landpyramide überragt. Auf deren Spitze trägt das kronenförmige Gußeisengeländer den Spruch: „Gräber sind die Bergspitzen einer fernen neuen Welt.“

Muskau und Branitz sind die letzten klassischen Landschaftsparks in Deutschland, hier findet die an die Natur angelehnte, weiträumige romantische Parkgestaltung ihren letzten Ausdruck. Wenngleich Zeitgenossen, ist der nur vier Jahre jüngere Peter Joseph Lenné (1789-1866) bereits mit gänzlich anderen Herausforderungen konfrontiert: Wurden die Landschaftsgärten bisher für die gehobene Gesellschaft geschaffen – und dies praktisch mit unerschöpflichen finanziellen Mitteln – so sieht sich Lenné in Berlin mit einer ständig wachsenden Großstadt konfrontiert, die im frühindustriellen Zeitalter Grün- und Erholungsflächen für die benachteiligten unteren sozialen Schichten, das arbeitende Proletariat, bitter nötig hatten. Diese Grünflächen allerdings waren noch nicht einmal geplant worden.

Das Berlin Lennés

Unter den bisherigen Landschaftsgärtner waren etliche dilettierende Adlige, auch Pückler zählt zu ihnen. Man kann das bei ihm vielleicht besonders an den von ihm ungeliebten Blumenbeeten sehen, die bisweilen, wie in Muskau, völlig überladen arrangiert waren, auch wenn er ansonsten „einen sicheren Geschmack besitzt“, wie Ohff schreibt. Unabhängig von Geschmacksfragen befanden sich jedenfalls erstaunlich wenig ausgebildete Gärtner unter ihnen. Peter Joseph Lenné (1789-1866) nun ist eine seltene Ausnahme davon. Er stammte aus einer uralten Bonner Gärtnerfamilie und war selbst gelernter Gärtner, bevor er sich in Paris weiterbildete und in Wien, wo er als „Kaiserlicher Garteningenieur“ an der Umgestaltung des Parks von Laxenburg maßgeblich beteiligt war, erstmals als Landschaftsgärtner tätig wurde.

Von vornherein wird Lenné protegiert und hoch geachtet. Entsprechend verlief seine Karriere glatt steil nach oben bis zum Gartendirektor und endlich Generaldirektor aller königlich-preußischen Gärten. An der Spitze eines eigenen Mitarbeiterstabes hat er die Gärten nahezu aller preußischen Schlösser neu gestaltet und das Gesicht der Stadt Berlin, auch das seiner Umgebung, mitgeprägt.

Angefangen hat dieser Weg, als man jemanden für die Arbeiten am Potsdamer Neuen Garten suchte. Zuvor war Johann August Eyserbeck aus Wörlitz abgeworben worden, aber bereits 1801 unvorhergesehen erst 39-jährig gestorben. Abgeworben wurde auch die führende Kapazität im Forstwesen, Georg Ludwig Hartig (1764-1837), der seit der Niederlage gegen Napoleon die Stelle des preußischen Oberlandforstmeisters bekleidete und sicherlich der bedeutendste Forstwissenschaftler der Zeit war. Auf einer Inspektionsreise in die im Zuge des Wiener Kongresses 1815 an Preußen gefallenen Rheinprovinzen wird Hartig auf den 26-jährigen Bonner Hofgärtner Peter Joseph Lenné aufmerksam. Er bietet ihm eine Stelle als Gärtner in Sanssouci an, eigentlich weit unter den Fähigkeiten Lennés, dennoch nimmt er sie ohne lange zu zögern an.

Kaum angekommen, wird er von Staatskanzler Hardenberg beauftragt, den Pleasureground seines neu erworbenen Gutes, zwischen Berlin und Potsdam an der Havel gelegen, standesgemäß zu gestalten. Es bleibt unklar, weshalb Hardenberg dafür nicht seinen Schwiegersohn Pückler heranzieht, möglicherweise fand er ihn, wie Ohff anmerkt, „zu leichtfertig und extravagant“. Jedenfalls bedeutet das für Lenné den Durchbruch in Berlin und Potsdam.

Trotz des Auftrags von Hardenberg sollte es aber noch etwas dauern. Zunächst war Lenné noch vornehmlich als Gärtner in Sanssouci tätig. 1822 dann bekommt er Gelegenheit für eine Dienstreise nach England. Sie sollte Lennés Stil wesentlich beeinflußen beziehungsweise wandeln und auch dafür sorgen, dass er von nun an zunehmend mit weiträumigeren, landschaftsgestalterischen Angelenheiten betraut wird. Deutlich sind jetzt eine optimale Wegeführung und seine eigene Handschrift seither ist auch, wie Ohff meint, an den „sanft geformten Hügeln mit den Baumgruppen, den überlegenen Einbezug von Wasserflächen, großen vorhanden und neu geschaffenen kleinen“ erkennbar. Insbesondere aber bei den Sichtachsen und Ausblicken, die die von Lenné gestalteten Landschaftsgärten insgesamt größer erscheinen lassen.

Für Lenne hat das Natürliche bei der Gestaltung Vorrang, ihre Schönheit gelte es durch die Kunst zu veredeln, wie er sagt. Entstehen soll daraus, ähnlich wie bei Pückler, eine Einheit zwischen Zweck und Schönheit: „Das eigentümliche der englischen Gartenanlagen“, schreibt Lenné, „besteht in der Sorgfalt, das Zweckmäßige mit dem Schönen zu verbinden“.

Das möchte Lenné auch in Sanssouci, auch hier soll nach seinen Plänen ein Englischer Landschaftsgarten entstehen. Ohff schreibt in diesem Zusammenhang: „Optisch bezieht Lenné in diesen Plan schon teilweise jenes Gelände mit ein, das erst ein paar Jahre später – mit auf sein Drängen – vom König erworben werden kann und wo das Schinkel-Lennésche Gesamtkunstwerk Charlottenhof entstehen wird“. Mit Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) hat Lenné des öfteren Zusammengearbeitet – zum bürgerlichen Garten gehörte ein Haus, zum bürgerlichen Haus gehörte ein Garten. Die landschaftsgärtnerischen Projekte wurden dadurch zweifelsohne noch teurer. Lenné selbst war, wie Ohff weiss, ein „sparsamer Mann, im Beruf und daheim. Luxuriös ist anscheinend nur der Weinkeller gewesen. Er enthielt stets die besten Tropfen von Rhein und Mosel, dagegen – aus patriotischen Gründen – nie französische Lagen“.

Zunächst jedoch stehen Umgestaltungen in Potsdam auf dem Programm. Zuerst am Neuen Garten, was ihn noch Jahrzehnte beschäftigen wird, sodann auf der Pfaueninsel, die Lenné 1829 beginnt. Das lang gestreckte Wegenetz auf der Insel geht auf ihn zurück, er versucht damit die landwirtschaftlich genutzten Flächen in den Gesamtplan für die Insel zu integrieren.

Klein-Glienicke zwischen Potsdam und Berlin, an der Havel gelegen, sollte er für Prinz Karl gestalten. Während Schinkel eine klassizistische Architektur beisteuerte, schuf Lenné einen Pleasureground mit kleinen Teichen und Inseln sowie Sichtschneisen hinüber nach Potsdam und Babelsberg.

In Klein-Glienicke war auch Lennés großer Rivale Pückler zugegen, bevor der ihm dann in Babelsberg einen Auftrag wegschnappen wird. Dort hatte sich Lenné bereits betätigt, aber die von ihm gepflanzten exotischen Ziersträucher, mit denen er seinen Gärten gewöhnlich besondere Akzente verleiht, sind in der Hitze des Sommers vertrocknet – eine Berieselungsanlage war nicht vorhanden und Gärtner, die Giessen sollten, wollte sich Prinz Wilhelm nicht leisten. Nicht allein deshalb – aber Prinz Wilhelm zog Pückler vor, der zwar über keine gründlichen botanischen Kenntnisse verfügte, aber in seinen Gärten auch durchweg nur einheimische Gewächse pflanzte.

In Klein-Glieniche hingegen war Pückler für Lenné wichtig, hatte er doch aus England eine Technik mitgebracht – eine Art überdimensionaler Schubkarre –, die es ermöglichte, ausgewachsene Bäume zu versetzten. Er hat dieses Gerät und die damit verbundene Umpflanztechnik zwar nicht selbst erfunden, sondern englischen Gärtnern durch Bestechungssummen abgekauft, wie Ohff weiß, dennoch erlaubte das Lenné, hier etwa 25.000 Bäume zu verpflanzen, die er aus dem Park in Wörlitz erhalten hatte, viele schon 40-60 Jahre alt.

Glienicke war Lennés letzter Auftrag für einen Landschaftsgarten, nun, etwa ab 1840, beginnt seine städteplanerische Phase. Im 19. Jahrhundert wuchsen die Städte über ihre mittelalterlichen Begrenzungen hinaus. Hatte Berlin im Jahr 1810 etwa 150.000 Einwohner, waren es nur neun Jahre später bereits 200.000 und 1831 dann eine Viertelmillion, bevor man im Jahr 1840 330.000 Einwohner zählte, womit sich die Zahl innerhalb von etwa 30 Jahren verdoppelt hat. Stadtmauern werden damit überflüssig und in den meisten Fällen auch abetragen. An ihrer Stelle sollen Grünflächen entstehen. Damit sich die Stadt nicht ungehemmt in die Umgebung hinaus ausbreitet, ohne Beachtung landschaftlicher Strukturen, wurde Lenné zunehmend für die Planung der Grünanlagen im Rahmen der Ausweitung der Stadt einbezogen. So wird mit ihm der Park zu einer urbanen Angelegenheit.

Lenné hat sein Leben lang gegärtnert und Parks oder Gärten entworfen, nun dehnte er seinen Arbeitsethos, wie Ohff schreibt, „mit gleicher Ausschließlichkeit“ auf Städtebau und Stadtpflege aus. Waren die Gartengestalter bisher vielleicht nur Utopisten, dann traten bei Lenné nun, wie Ohff sagt, „bare Notwendigkeiten“ hinzu, die den Landschaftsgarten verändern mussten – hin zu Grüngürtel, Erholungslandschaft, Stadt- und Volkspark. Öffentliche Grünflächen sollten als Gegenpol zur wachsenden ungesunden Industrie dienen und zur Erholungsfläche, nicht nur für eine privilegierte Minderheit, sondern für jedermann werden. Das hatte vor Lenné auch schon der bereits erwähnte Hirschfeld in seiner „Theorie der Gartenkunst“ (1785) angesprochen: „Eine ansehnliche Stadt muß in ihrem Umfang oder in ihrer Nachbarschaft einen oder mehrere offene Plätze haben, wo sich das Volk … versammeln und sich ausbreiten kann, wo eine freye und gesunde Luft athmet und die Schönheit des Himmels und der Landschaft sich wieder zum Genuß öffnet. (…) Alle gelangen hier ungehindert zu ihrem Rechte, sich an der Natur zu freuen.“

In den meisten Residenzstädten fungierten bereits die Schlossgärten als Stadtgärten, in denen die Stadtbevölkerung spazieren gehen konnte. Das galt, zwar eingeschränkt, aber zumindest regelmäßig, auch für die Parkanlagen der Hohenzoller in Potsdam und Berlin (im Gegensatz übrigens zu den Habsburgern und den Romanows). Wo es keine herrschaftlichen Parks gab, in den Hansestädten zum Beispiel oder den ehemaligen Freien Reichsstädten, begann man nun Volksparks anzulegen. Solche Anlagen für die Öffentlichkeit entstanden entweder auf der grünen Wiese (wie in Hamburg) oder – ganz in der Nähe der Innenstädte – an der Stelle ehemaliger Befestigungsanlagen beziehungsweise Stadtmauern. Wie Hansjörg Küster in seiner „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ (2010) berichtet, pflanzte man in diesen öffentlichen Anlagen gerne heimische Baumarten wie Linden und Eichen, aber auch die Rosskastanie wurde zu einem „Charakterbaum städtischer Grünanlagen“.

Zu Ende des 19. und im frühen 20. Jahrhundert wurden viele weitere Parks angelegt. In der Zeit um 1900 wurden in den Vorstädten der unaufhaltsam wachsenden Metropolen neuartige architektonische Konzepte umgesetzt, bei denen man sich vor allem von englischen Vorbildern inspirieren ließ. Die Wandlung der Gartenidee schon im bürgerlichen 19. Jahrhundert und dann weiter von der Utopie, die nur von ganz Reichen zu verwirklichen war, zur allgemeinen Nutzung durch das „Volk“, hatte sich zuerst in England vollzogen, wo inzwischen bereits die dritte oder vierte Generation tätig war, und wo bereits Repton gemeinsam mit dem Architekten Nash für die Umsetzung städtischer Gartenideen sorgte.

Zu den neu entstanden Vorstadtsiedlungen gehörten bereits private Gärten, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts von den neu entstandenen Gartenbaubetrieben gestaltet werden konnten und insbesondere in bürgerlichen Privatgärten die Pflanzungen von Hecken und Gebüsch, Obst- und andern Bäumen vornahmen. Aus der Beobachtung der Gewächse in den Schlossgärten ließ sich eruieren, welche Pflanzen sich am besten für eine Bepflanzung eigneten.

Auch Landhaussiedlungen mit weiträumigen Gärten wurden angelegt, die in den Berliner Vororten Dahlem, Schlachtensee und Nicolasee eher Dimensionen kleiner Parks hatten. Die Gartenstadtbewegung entstand ebenfalls in dieser Zeit und verfolgte das Ziel, den finanziell benachteiligten Bevölkerungsschichten das Wohnen im Grünen und eine reformorientierte Lebensweise zu ermöglichen.

Zu all diesen eher privaten Initiativen, traten Lennés Anstrengungen für öffentliche Grünflächen in Berlin als eine Art Grüne Lunge. Eines seiner Hauptprojekte dabei ist der Berliner Tiergarten, den er in so gut wie lebenslanger Arbeit umgestaltet. Er bleibt sein Sorgenkind, beinahe bis zuletzt. Schon der Name weist darauf hin, dass es sich früher um einen waldartigen Forst handelte, der zur Jagd genutzt wurde. Doch schon Friedrich der Große, solchem Vergnügen „abhold“, öffnete ihn als Promenade für die Berliner Bevölkerung. Mit seinen zahlreichen Wassleräufen schien Lenné der Tiergarten zu wild, zu sumpfig, zu dunkel, um als Bürgerpark dienen zu können. Er schreibt dazu: „Das Innere des Waldes liegt … ungenutzt da, nur hin und wieder irrt ein Einsamer auf den schmalen Pfaden umher. (…) Keine sonnigen Gänge und wenig lichte Plätze …. Die wenigen breiten Wege, auf denen man noch etwas freier Luft wie Sonnenschein erhaschen kann, werden wiederum an schönen und festlichen Tagen in anderen Beziehungen durch die hier zusammengedrängten Volksmassen ungenießbar. (…) Den Hauptgegenstand der neuen Anlagen bieten die großen Wasserzüge dar. Vor allem muß der Park gesund sein, daß er benutzt und genossen werden kann.“

Ab 1833 legte man also zuerst einmal die Sümpfe trocken und verbreiterte die Wasserläufe. Anschließend beseitigte man die Wildnis und legte einen künstlichen See, den Neuen See, an, schaffte Lichtungen und die Rasenplätze und durchzog das Ganze mit einem neuen Wegenetz. Davon ist heute nicht mehr viel geblieben, zwischen 1949 und 1959 schuf man praktisch einen neuen Garten.

Zur Entlastung der Spree plant Lenné als nächstes die Errichtung des Landwehrkanals. Fast übergangslos wird er ab 1845 zum Stadtplaner. In zehnjähriger Arbeit wird der Landwehrkanal zum Schiffahrtsweg für all diejenigen Schiffe ausbaut, die die Stadt nur passieren wollen, ist doch die Spree mit nur einer Schleuse ständig überlastet. Da er dabei die Stadt so gut wie umgrub, tauften ihn die Berliner boshaft-liebevoll „Buddelpeter“.

Neben diesen Großprojekten entsteht zwischen Hasenheide und Zoo ein von Lenné komplett neu geplanter urbaner Straßenzug, der durchweg von Grünflächen begleitet wird: Von der Gneisenau- und der Yorckstraße über den Dennewitzplatz, den Nollendorfplatz, die Kleiststraße und den Wittenbergplatz bis zum – ebenfalls von Lenné gestalteten – Zoo reicht der Straßenzug. Dass der bei den Yorckbrücken noch dazu unter der Eisenbahn hindurchgeführt werden musste „verstärkt noch den planerischen Gesamteindruck“, wie Ohff sagt.

Den Zoologischen Garten am Ende des Straßenzuges hat ebenfalls Lenné angelegt, aber auch den heute „Tierpark“ genannten Zoo in Lichtenberg: Er hatte hier den 1821 erhaltenen Auftrag, den von Kanälen rechteckig eingefassten Park des Schloss Friedrichsfelde in einen Landschaftsgarten umzuwandeln und zu erweitern. Aber auch davon ist seit der Umwandlung des Parkes 1955 nichts erhalten geblieben.

Neben dem Landwehrkanal enstehen noch der Luisenstädtische Kanal unter seiner Leitung sowie der Mariannenplatz, mit dem er das trostlose Krankenhaus Bethanien aufwerten möchte. Moabit, Tempelhof und Schöneberg erhalten von Lenné ihre zukünftige Gestalt und auch der heutige Mehringplatz (damals Belle-Alliance-Platz) wurde von ihm entworfen, genauso wie Lustgarten, Leipziger Platz, Opernplatz, Hausvogteiplatz et cetera. „Es gibt“, sagt Ohff, „kaum einen Platz in der preußischen Hauptstadt, den er nicht mit Grün- und Blumenschmuck versehen hätte“.

Nichts erscheint Lenné zu gering und nicht beachtenswert, „(denn) je weiter ein Volk in seiner Kultur und in seinem Wohlstande fortschreitet, desto mannigfaltiger werden auch seine geistigen und sinnlichen Bedürfnisse. (…) Dahin gehören dann auch die öffentlichen Spazierwege, deren Anlage und Verfielfältigung in einer großen Stadt nicht allein des Vergnügens wegen, sondern auch aus Rücksicht auf die Gesundheit dringend empfohlen werden muß.“

Um die Gesundheit und die Hygiene macht sich nach dem Tod Lennés im Jahr 1866 sicherlich auch sein städtebaulicher Nachfolger James Hobrecht (1825-1902) verdient. Zusammen mit dem Arzt Rudolf Virchow (1821-1902) organisierte Hobrecht ab 1869 den Bau einer Kanalisation zur Ableitung der Abwässer und sorgte für eine zentrale Trinkwasserversorgung. Seinen Namem trägt jedoch auch ein Plan zur oberirdischen Neugestaltung Berlins, in dessen Folge die wilhelminischen Mietskasernen Einzug in der Stadt halten. Der Plan Hobrechts steht am Anfang der Entwicklung zur Steinernen Stadt und Hobrecht selbst insofern auch für den fünften Hinterhof. Lenné hingegen bleibt in Berlin als Gestalter der Grünen Lunge der Stadt in Erinnerung.

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Terroir

Der französische Begriff „Terroir“ leitet sich vom lateinischen „terra“ für „Erde“ ab und hat vor geraumer Zeit Einzug in die Weinsprache gehalten. Dabei gibt es bis heute keine unmissverständliche deutsche Übersetzung oder gar Definition der mit diesem Begriff verbundenen Ideen. Entsprechend sind mit „Terroir“ bisweilen insbesondere unterschiedliche naturgegebene Faktoren des Weinbaus gemeint, diese jedoch werden, je nach Interpretation, anders gewichtet.

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Der französische Begriff „Terroir“ leitet sich vom lateinischen „terra“ für „Erde“ ab und hat vor geraumer Zeit Einzug in die Weinsprache gehalten. Dabei gibt es bis heute keine unmissverständliche deutsche Übersetzung oder gar Definition der mit diesem Begriff verbundenen Ideen. Entsprechend sind mit „Terroir“ bisweilen insbesondere unterschiedliche naturgegebene Faktoren des Weinbaus gemeint, diese jedoch werden, je nach Interpretation, anders gewichtet.

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Wermut

In der Antike bestand Wein immer aus einem Gemisch aus verschiedenen Extrakten von Kräutern und Gewürzen und wurde deshalb auch mit Wasser verdünnt genossen. Homer beschreibt in seiner Odyssee, die etwa um 800 vor Christus geschrieben wurde, eine Zeremonie, in der Helena einen solchen Wein zubereitet. Insgesamt etwa 50 Sorten von mit Gewürzen verfeinertem Wein werden in antiken Rezepten erwähnt, während der Zusatz von Pech, Harz oder Salzwasser während der Vinifikation der Trauben dazu diente, den Wein mikrobiologisch zu stabilisieren (heute geschieht das bisweilen durch Schwefelung).

Auch in den Evangelien wird eine Szene geschildert, bei der Jesus vor der Kreuzigung ein mit Kräutern versetzter Wein gereicht wird, bei dem es sich laut Matthäus um Wermut gehandelt hat. Das Wermutkraut allerdings diente hier nicht der Verfeinerung des Weines, sondern es sollte als ein Betäubungsmittel dienen und die Qualen der Kreuzigung erträglicher machen.

Noch heute wird Wein mit Kräutern versetzt und insbesondere auch das Wermutkraut, artemisia absinthium, findet dabei Verwendung. Am bekanntesten in diesem Zusammenhang ist vielleicht Absinth, auch wenn es sich dabei nicht um einen mit Wermutkraut versetzten Wein, sondern um eine Spirituose handelt. Für Absinth werden neben Wermut traditionell Anis, Fenchel und andere Kräuter verwendet sowie geschmacksneutraler, destillierter Alkohol, wobei der Alkoholgehalt üblicherweise zwischen 45 und 85 Volumenprozent beträgt. Aufgrund der Verwendung bitter schmeckender Kräuter, insbesondere von Wermut, gilt Absinth als Bitterspirituose (obwohl er nicht unbedingt bitter schmeckt).

Absinth wurde ursprünglich im 18. Jahrhundert im Val de Travers im heutigen Schweizer Kanton Neuenburg/Neuchâtel als Heilmittel hergestellt – und traditionell mit Wasser vermengt getrunken. Allerdings wurde es 1915 in zahlreichen Staaten verboten, da es im Ruf stand, aufgrund seines Thujon-Gehaltes abhängig zu machen, was jedoch nicht nachgewiesen werden konnte. Seit 1988 ist Absinth deshalb in den meisten Staaten wieder zugelassen.

Bei der Herstellung werden Wermut und die anderen Kräuter in Neutral- oder Weinalkohol mazeriert (eingeweicht) und anschließend meistens destilliert. Die Destillation trägt dazu bei, die starken Bitterstoffe des Wermutkrauts abzutrennen. Diese sind weniger flüchtig als die Aromastoffe und bleiben bei der Destillation zurück. Umgekehrt kann eine unverhältnismäßige Bitterkeit bei Absinth ein Indiz dafür sein, dass bei der Produktion auf die Destillation ganz oder teilweise verzichtet wurde. (Einen solchen, eher selten produzierten Absinth bezeichnet man als „mazerierten Absinth“.)

Absinth hat gewöhnlich eine grüne Farbe, die er vom hohen Chlorophyll-Anteil in pontischem Wermut erhält. Bei altem Absinth kann sich die Färbung ins bräunliche wandeln, da sich das Chlorophyll im Laufe der Zeit zersetzt (die Eintrübung bei der Mischung mit Wasser erfolgt, da sich zuvor chemisch gebundene Trübstoffe im Wasser lösen).

Das Rezept für Absinth ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden – mit Wermut versetzter Wein allerdings wurde in Neuchâtel nachweislich bereits 1737 konsumiert. Hierbei wurde aber nicht destilliert: Im Unterschied zu destilliertem Absinth handelt es sich bei normalem Wermut/Vermouth nicht um eine Spirituose, sondern um einen Wein, der mit Kräutern aus artemisia-Arten versetzt und mit Hochprozentigem aufgespritet wird um seinen typischen Alkoholgehalt von 15-19 Volumenprozent zu erhalten. Dazu werden gereifte, konzentrierte Extrakte aus mazeriertem Wein mit Basiswein verschnitten.

Die Lagerung von Wermut erfolgt in Stahl oder auch Holz, die Zugabe von Zucker regelt die Kategorie: Extra Dry (weniger als 30 g/l Restzucker), Dry (weniger als 50 g/l Restzucker) oder Süss (mindestens 130 g/l Restzucker). Vorgeschrieben ist ein Alkoholgehalt zwischen 14,5 und maximal 21,9 Volumenprozent.

Als Erfinder des Wermut im heutigen Verständnis gilt der Piemonteser Antonio Benedetto Copano, der das Getränk 1786 in Turin zubereitete, indem er Rotwein mit Zucker, Karamell und rund 30 Kräutern versetzte: Vermouth di Torino. Erst später entstand in Frankreich eine trockene Variante, deren Herkunft noch heute geschützt ist: Vermouth de Chambery. In Turin wird noch heute Wermut von „Cinzano“, „Martini“ und anderen produziert, während „Noilly Prat“ im südfranzösischen Marseillan beheimatet ist (und auf Basis der Rebsorten Clairette und Picpoul de Pinet Vermouth produziert). Das Spektrum reicht von spritzig-mineralischen, über intensiv-fruchtigen bis hin zu animierend-floralen beziehungsweise bitteren Aromen, entscheidend ist jeweils die Komposition von Süsse, Bitteraroma und auch Säure.

Urheber der Absinth-Rezeptur ist je nach Quelle jemand anderer. Gesichert ist, dass im Jahr 1797 ein Major Dubied mit seinem Schwiegersohn Henri Louis Pernod eine Absinthbrennerei gründete, nachdem er das Rezept rechtmäßig erwarb. Um umständliche Formalitäten zu vermeiden, wurde die Brennerei im Jahr 1805 von der Schweiz in den Hauptabsatzmarkt, ins französische Pontarlier, verlegt.

Das Verbot des Absinth führte dazu, dass Pernod fortan Anis-Schnäpse als Substitut für Absinth produzierte. Der Name dieser anishaltigen Spirituose stammt vom okzitanischen Wort „pastis“ beziehungsweise „pastiche“, was „Nachahmung“ bedeutet, im provencalischen „Mischung“. (Heute wird für Pastis Sternanis, Zucker, Fenchelsamen, Süßholzwurzel und anderes verwendet.)

Die beiden bekanntesten Pastis-Marken dürften zweifelsohne „Pernod“ und „Ricard“ sein (beide Produzenten sind im Jahr 1975 zu einem Konzern verschmolzen), allerdings gilt: Nur „Pernod 51“ ist ein klassischer Pastis, einfachem „Pernod“ fehlt das gesetzlich vorgeschriebe Süßholz zur Aromatisierung, weshalb es sich bei ihm nur um einen sogenannten Apéritifanisé handelt.

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Theater und Wein

bach / johannes / passion

In seiner ersten oratorischen Passion bezieht sich Bach überwiegend auf den Leidensbericht des Johannes, der bis heute immer wieder zu Kontroversen führt. Ein Essay zur Passionsgeschichte Jesu und der Bedeutung von Wein im Neuen Testament

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Theater und Wein

unter bäumen

Der Wald hat in vielerei Hinsicht Bedeutung für den Weinbau, aber er war auch selbst immer schon eine Kulturlandschaft. Darüber hinaus erhält er, wie die Weinlandschaft des Rheins, im 19. Jahrhundert politische Bedeutung und wird zum geistigen Zentrum der deutschen Kultur. Ein Essay zum Mythos Wald …

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England

Der Klimawandel sorgt dafür, dass es in England immer wärmer wird und mittlerweile ähnliche Bedingungen herrschen wie in der Champagne vor etwa 30 Jahren. Das hat dazu geführt, dass zunehmend mehr Wein angebaut wird – der dann zu einem inzwischen angesehenen Konkurrenzprodukt zum Champagner verarbeitet wird: „English Quality Sparkling Wine“.

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China

China gilt als der Zukunftsmarkt für Wein. Etwas über 7 % des weltweiten Weinkonsums findet bereits auf chinesischem Boden statt – und er steigt weiter um etwa 15 % jährlich. Trotzdem beträgt der Verbrauch, unter Berücksichtigung der Bevölkerungsdichte, pro Kopf lediglich etwa 2 Flaschen pro Jahr. Hier steckt also ein enormes Potential und insbesondere den Bordelaiser Produzenten ist es gelungen, hier Umsatz zu machen.

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China gilt als der Zukunftsmarkt für Wein. Etwas über 7 % des weltweiten Weinkonsums findet bereits auf chinesischem Boden statt – und er steigt weiter um etwa 15 % jährlich. Trotzdem beträgt der Verbrauch, unter Berücksichtigung der Bevölkerungsdichte, pro Kopf lediglich etwa 2 Flaschen pro Jahr. Hier steckt also ein enormes Potential und insbesondere den Bordelaiser Produzenten ist es gelungen, hier Umsatz zu machen.

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Japan

Weinbau in Japan ist vor schwierige Herausforderungen gestellt. Auch wenn Honshu, die Hauptinsel des japanischen Archipels, auf der gleichen Breite liegt wie das Mittelmeer, herrscht hier ein ganz anderes Klima. Der Weinbau ist ein beständiger Kampf gegen hohe Luftfeuchtigkeit in der Wachstumssaison – Juni und Juli sind Regenzeit – und gegen Taifune, die in der Regel zwischen Juli und Oktober über die Insel toben. Und so wundert es auch nicht, daß es im Japanischen 50 verschiedene Begriffe für „Regen“ gibt.

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Weinbau in Japan ist vor schwierige Herausforderungen gestellt. Auch wenn Honshu, die Hauptinsel des japanischen Archipels, auf der gleichen Breite liegt wie das Mittelmeer, herrscht hier ein ganz anderes Klima. Der Weinbau ist ein beständiger Kampf gegen hohe Luftfeuchtigkeit in der Wachstumssaison – Juni und Juli sind Regenzeit – und gegen Taifune, die in der Regel zwischen Juli und Oktober über die Insel toben. Und so wundert es auch nicht, daß es im Japanischen 50 verschiedene Begriffe für „Regen“ gibt.

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Asien

Asien gilt heute als der Schlüssel zur Zukunft für die Weinwelt. Wein wird hier aber nicht länger nur in China (das als aussichtsreichster Markt betrachtet wird), Japan (hatte als erstes asiatisches Land eine Weinkultur und besitzt einige alte Weinberge) oder den zentralasiatischen Republiken produziert, die eine lange Weinbaugeschichte (mit traditionell süßen Weinen) haben, sondern auch in Indien, Thailand, Vietnam, Taiwan, Indonesien (Bali), Myanmar (Shan-Stadt), Kambodscha (Battanbang) und Südkorea (Gyeongju) wird Wein angebaut. Und sogar, man kann es sich gar nicht vorstellen, in Ozeanien wird Wein angebaut: seit 1999 werden in Polynesien Trauben gelesen.

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Asien gilt heute als der Schlüssel zur Zukunft für die Weinwelt. Wein wird hier aber nicht länger nur in China (das als aussichtsreichster Markt betrachtet wird), Japan (hatte als erstes asiatisches Land eine Weinkultur und besitzt einige alte Weinberge) oder den zentralasiatischen Republiken produziert, die eine lange Weinbaugeschichte (mit traditionell süßen Weinen) haben, sondern auch in Indien, Thailand, Vietnam, Taiwan, Indonesien (Bali), Myanmar (Shan-Stadt), Kambodscha (Battanbang) und Südkorea (Gyeongju) wird Wein angebaut. Und sogar, man kann es sich gar nicht vorstellen, in Ozeanien wird Wein angebaut: seit 1999 werden in Polynesien Trauben gelesen.

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Kanada

Die wichtigsten Weinbaubereiche Kanadas liegen in den Provinzen British Columbia an der Pazifikküste im Westen und in Ontario. Daneben wird auch noch ein wenig Wein in der Provinz Quebec am Atlantik und auf der dem Festland vorgelagerten Atlantikinsel Nova Scotia produziert.

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Die wichtigsten Weinbaubereiche Kanadas liegen in den Provinzen British Columbia an der Pazifikküste im Westen und in Ontario. Daneben wird auch noch ein wenig Wein in der Provinz Quebec am Atlantik und auf der dem Festland vorgelagerten Atlantikinsel Nova Scotia produziert.

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Kalifornien

Die etwa 200.000 Hektar Rebfläche in Kalifornien ziehen sich fast über die gesamte Nord-Süd-Richtung des Staates auf einer Länge von 1.100 Kilometer zwischen dem 35. und 40. Breitengrad: Von Mendocino im Norden bis nach San Diego produzieren etwa 800 Weinbauern jährlich etwa 17 Mio. hl Wein – und damit etwa 85 % der Gesamtproduktion der USA.

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Die etwa 200.000 Hektar Rebfläche in Kalifornien ziehen sich fast über die gesamte Nord-Süd-Richtung des Staates auf einer Länge von 1.100 Kilometer zwischen dem 35. und 40. Breitengrad: Von Mendocino im Norden bis nach San Diego produzieren etwa 800 Weinbauern jährlich etwa 17 Mio. hl Wein – und damit etwa 85 % der Gesamtproduktion der USA.

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USA

In den Vereinigten Staaten wird Wein in allen 50 Bundesstaaten auf etwa 400.000 Hektar produziert. Damit sind die USA einer der größten Weinproduzenten weltweit (4 Mrd. Flaschen) und besitzen darüber hinaus den größten Weinmarkt. Weinbau selbst findet seit etwa 1770 statt: Auf seiner Farm „Monticello“ („kleiner Berg“) versuchte einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten und dritte Präsident, Thomas Jefferson, erstmals in Nordamerika europäische Vitis-Vinifera-Reben anzupflanzen – jedoch ohne Erfolg. Denn der amerikanische Boden war verseucht mit der Reblaus, gegen die die europäischen Edelreben nicht immun sind. Sie brauchen amerikanische Unterlagsreben, denn nur diese haben über die Zeit Widerstandskräfte gegen die Reblaus sowie das heiße, feuchte Klima im Süden und Osten der USA bzw. die rauen Winter im Norden entwickelt. Heute kennt man über ein Dutzend in Nordamerika heimische Rebsorten, sogenannte Amerikanerreben. Viele von ihnen, vor allem „Vitis Labrusca“, erbringen Weine, deren wilden Geschmack man gerne als „fuchsig“ bezeichnet.

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In den Vereinigten Staaten wird Wein in allen 50 Bundesstaaten auf etwa 400.000 Hektar produziert. Damit sind die USA einer der größten Weinproduzenten weltweit (4 Mrd. Flaschen) und besitzen darüber hinaus den größten Weinmarkt. Weinbau selbst findet seit etwa 1770 statt: Auf seiner Farm „Monticello“ („kleiner Berg“) versuchte einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten und dritte Präsident, Thomas Jefferson, erstmals in Nordamerika europäische Vitis-Vinifera-Reben anzupflanzen – jedoch ohne Erfolg. Denn der amerikanische Boden war verseucht mit der Reblaus, gegen die die europäischen Edelreben nicht immun sind. Sie brauchen amerikanische Unterlagsreben, denn nur diese haben über die Zeit Widerstandskräfte gegen die Reblaus sowie das heiße, feuchte Klima im Süden und Osten der USA bzw. die rauen Winter im Norden entwickelt. Heute kennt man über ein Dutzend in Nordamerika heimische Rebsorten, sogenannte Amerikanerreben. Viele von ihnen, vor allem „Vitis Labrusca“, erbringen Weine, deren wilden Geschmack man gerne als „fuchsig“ bezeichnet.

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Südamerika

Obwohl Südamerika mit Ausnahme Europas mehr Reben besitzt und mehr Wein produziert als jeder andere Kontinent, betrat es die internatione Handelsbühne erst sehr spät. Die Siedler aus Europa – Weinbau wurde von Missionaren in Lateinamerika eingeführt um die Nachfrage nach Messwein zu stillen – produzierten in großen Mengen, aber selten in hoher Qualität. Dies begann sich erst im späten 20. Jahrhundert zu ändern.

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Obwohl Südamerika mit Ausnahme Europas mehr Reben besitzt und mehr Wein produziert als jeder andere Kontinent, betrat es die internatione Handelsbühne erst sehr spät. Die Siedler aus Europa – Weinbau wurde von Missionaren in Lateinamerika eingeführt um die Nachfrage nach Messwein zu stillen – produzierten in großen Mengen, aber selten in hoher Qualität. Dies begann sich erst im späten 20. Jahrhundert zu ändern.

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Chile

Weinbau in Chile geht zurück auf Jesuitische Missionare, die im Gefolge der Konquistadoren Mitte des 16. Jahrhunderts erste Reben für ihren Messwein angepflanzt haben. Chile war zu dieser Zeit eine spanische Kolonie, die unter der Verwaltung des Vizekönigreichs Peru stand. Bald hatte jede Hacienda ihren eigenen Weinberg – aus deren Trauben allerdings lange keine trockenen Weine produziert wurde, sondern nur etwas süsser Wein (aus Muscat-Trauben), hauptsächlich aber Pisco, der aus Traubenmost gebrannt wird. „Pisco“ ist nach der peruanischen Hafenstadt benannt, in die er von Chile aus verschifft wurde.

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Weinbau in Chile geht zurück auf Jesuitische Missionare, die im Gefolge der Konquistadoren Mitte des 16. Jahrhunderts erste Reben für ihren Messwein angepflanzt haben. Chile war zu dieser Zeit eine spanische Kolonie, die unter der Verwaltung des Vizekönigreichs Peru stand. Bald hatte jede Hacienda ihren eigenen Weinberg – aus deren Trauben allerdings lange keine trockenen Weine produziert wurde, sondern nur etwas süsser Wein (aus Muscat-Trauben), hauptsächlich aber Pisco, der aus Traubenmost gebrannt wird. „Pisco“ ist nach der peruanischen Hafenstadt benannt, in die er von Chile aus verschifft wurde.

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Argentinien

Die Zentren des argentinischen und chilenischen Weins sind Nachbarn – und doch, klimatisch gesehen, Welten voneinander entfernt. Beide liegen in für Weinbau niedrigen Breiten. Während der Wein in Chile aber von der isolierten Lage zwischen Anden und Pazifik profitiert, verdanken Argentiniens grüne Weingärten in trockenen Halbwüsten ihre Existenz der Höhenlage. Wo Chile in Sachen Breitengrad bis an die Grenzen geht, reizt Argentinien die Höhenlagen aus: Je höher der Weinberg, desto niedriger die Durchschnittstemperatur und desto Größer der Unterschied zwischen Tag – und Nachttemperatur. Das schlägt sich in einer wesentlich langsameren Reifung nieder, die angeblich intensivere Aromen hervorbringen, mehr Polyphenole u.a.

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Die Zentren des argentinischen und chilenischen Weins sind Nachbarn – und doch, klimatisch gesehen, Welten voneinander entfernt. Beide liegen in für Weinbau niedrigen Breiten. Während der Wein in Chile aber von der isolierten Lage zwischen Anden und Pazifik profitiert, verdanken Argentiniens grüne Weingärten in trockenen Halbwüsten ihre Existenz der Höhenlage. Wo Chile in Sachen Breitengrad bis an die Grenzen geht, reizt Argentinien die Höhenlagen aus: Je höher der Weinberg, desto niedriger die Durchschnittstemperatur und desto Größer der Unterschied zwischen Tag – und Nachttemperatur. Das schlägt sich in einer wesentlich langsameren Reifung nieder, die angeblich intensivere Aromen hervorbringen, mehr Polyphenole u.a.

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Sardinien

In Sardinien wird auf 19.000 Hektar Wein angebaut (davon 3.500 Hektar DOC) und zwar praktisch auf der ganzen Insel, insbesondere aber in der hügeligen Campdano-Ebene im Süden der Insel, die zu 85 % aus Gebirgen und Hochebenen besteht. Das Klima im Norden der Insel ist eher kalt mit stabilen Niederschlägen, während es im Süden trockener ist und der heiße afrikanische Schirokko bläst.

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In Sardinien wird auf 19.000 Hektar Wein angebaut (davon 3.500 Hektar DOC) und zwar praktisch auf der ganzen Insel, insbesondere aber in der hügeligen Campdano-Ebene im Süden der Insel, die zu 85 % aus Gebirgen und Hochebenen besteht. Das Klima im Norden der Insel ist eher kalt mit stabilen Niederschlägen, während es im Süden trockener ist und der heiße afrikanische Schirokko bläst.

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Marsala

Marsala ist ein aufgespriteter Süsswein, der nach dem gleichnamigen Ort im Westen Siziliens benannt ist. Er entsteht aus den beiden Weißweinsorten Grillo und Cataratto (sowie bis zu 15 % Inzolia für „oro“ und „ambra“) im Westen der Insel um die Stadt Trapani, unterhalb des Monte Erice, auf vom Meer gekühlten Lagen.

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Marsala ist ein aufgespriteter Süsswein, der nach dem gleichnamigen Ort im Westen Siziliens benannt ist. Er entsteht aus den beiden Weißweinsorten Grillo und Cataratto (sowie bis zu 15 % Inzolia für „oro“ und „ambra“) im Westen der Insel um die Stadt Trapani, unterhalb des Monte Erice, auf vom Meer gekühlten Lagen.

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Sizilien

Mit rund 130.000 Hektar Rebfläche ist Sizilien die größte Weinbauregion Italiens. Allerdings wird nur ein winziger Teil der Produktion unter dem DOC-Siegel in Flaschen abgefüllt: Nur 3 % der Fläche ist klassifiziert, nur 25 % werden abgefüllt, der Rest ist Fasswein – billiger Tafelwein, der dem Export bzw. dem Verschnitt gilt.

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Mit rund 130.000 Hektar Rebfläche ist Sizilien die größte Weinbauregion Italiens. Allerdings wird nur ein winziger Teil der Produktion unter dem DOC-Siegel in Flaschen abgefüllt: Nur 3 % der Fläche ist klassifiziert, nur 25 % werden abgefüllt, der Rest ist Fasswein – billiger Tafelwein, der dem Export bzw. dem Verschnitt gilt.

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Kalabrien

Kalabrien ist die südlichste Region des italienischen Festlandes und bildet die Spitze des italienischen Stiefels. Die etwa 9.000 Hektar Rebfläche (ca. 1.000 DOC) liegen in einem hügelreichen Gebiet mit Sonne im Überfluß.

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Kalabrien ist die südlichste Region des italienischen Festlandes und bildet die Spitze des italienischen Stiefels. Die etwa 9.000 Hektar Rebfläche (ca. 1.000 DOC) liegen in einem hügelreichen Gebiet mit Sonne im Überfluß.

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Basilikata

Die Weine des sogenannten Mezzogiorno findet man nicht nur in Kampanien, sondern auch in der südlich davon gelegenen Basilikata. Hier werden auf 4.500 Hektar (davon 1.220 DOC) 110.000 Hektoliter Wein jährlich produziert, der Genossenschaftsanteil beträgt 45 Prozent.

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Die Weine des sogenannten Mezzogiorno findet man nicht nur in Kampanien, sondern auch in der südlich davon gelegenen Basilikata. Hier werden auf 4.500 Hektar (davon 1.220 DOC) 110.000 Hektoliter Wein jährlich produziert, der Genossenschaftsanteil beträgt 45 Prozent.

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Kampanien

Kampanien umfasst das Gebiet um die Hauptstadt Neapal und liegt südlich von Latium. Die Landschaft hier ist vielgestaltig und erstreckt sich von der Westflanke des Apennin bis an die Küste des Ionischen Meeres. Sanfte, fruchtbare Hügelketten und Küstenebenen erlauben den Anbau verschiedener Traubensorten. Das Klima an der Küste ist heiß und niederschlagsarm, was für schwere, körperreiche Rotweine sorgt. Im Landesinneren, wo Weißwein gemacht wird, erfolgt die Lese später, aber auch hier ist der Einfluß des Mittelmeers noch bemerkbar.

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Kampanien umfasst das Gebiet um die Hauptstadt Neapal und liegt südlich von Latium. Die Landschaft hier ist vielgestaltig und erstreckt sich von der Westflanke des Apennin bis an die Küste des Ionischen Meeres. Sanfte, fruchtbare Hügelketten und Küstenebenen erlauben den Anbau verschiedener Traubensorten. Das Klima an der Küste ist heiß und niederschlagsarm, was für schwere, körperreiche Rotweine sorgt. Im Landesinneren, wo Weißwein gemacht wird, erfolgt die Lese später, aber auch hier ist der Einfluß des Mittelmeers noch bemerkbar.

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Molise

Südlich an die Abruzzen grenzt die kleine, bergige Region Molise. Sie wird oft vereinfachend den Abruzzen zugeschlagen, unter anderem, weil auch hier der Montepulciano, als DOC Molise Rosso, die Hauptrebsorte ist. Daneben sind Aglianico, Sangiovese und Primitivo aus den angrenzenden Regionen eingewandert, die in kleineren Anteilen im Molise Rosso enthalten sind.

Ein DOC Molise Rosso kann sehr rustikal sein, eine rühmliche Ausnahme sind beispielsweise die Weine des Weinguts Di Majo Norante. Die Familie Di Majo produziert Weine schon seit 1800, doch erst seit 1968 füllt sie selbst ab und verkauft unter eigenem Etikett. Die Erträge sind niedrig und die Arbeit im Keller erfolgt aufmerksam. Herausragendstes Beispiel ist der „Molise Rosso Don Luigi Riserva“. Der Wein reift 18 Monate in wiederverwendeten Barrique-Fässern und wenigsten 6 Monate in der Flasche. Er besteht zu 100 % aus Montepulciano und ist – wie alle Weine von Di Majo – biologisch produziert.

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Abruzzen

In den Abrruzzen erreicht der Apennin mit dem mächtig aufragenden Gran Sasso d`Italia (2.700 m) seinen höchsten Punkt. Und auch sonst sind 2/3 der 30.000 Hektar Rebfläche (davon 12.500 DOC) gebirgig und hügelig, wobei der Weinbau bis auf 600 m Höhe reicht. Das gilt insbesondere für die Provinzen L´Aquila und Teram. Zur Küste hin – in Pescara und Chieti, wo über 80 % der Weinproduktion stattfindet – werden die Berge allmählicher wieder flacher.

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In den Abrruzzen erreicht der Apennin mit dem mächtig aufragenden Gran Sasso d`Italia (2.700 m) seinen höchsten Punkt. Und auch sonst sind 2/3 der 30.000 Hektar Rebfläche (davon 12.500 DOC) gebirgig und hügelig, wobei der Weinbau bis auf 600 m Höhe reicht. Das gilt insbesondere für die Provinzen L´Aquila und Teram. Zur Küste hin – in Pescara und Chieti, wo über 80 % der Weinproduktion stattfindet – werden die Berge allmählicher wieder flacher.

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Latium

Ab hier beginnt Süditalien, d.h. der sogenannte „Mezzogiorno“: Das ist das italienische Wort für „Mittag“ und ist abgeleitet vom Stand der Sonne um die Mittagszeit (ähnlich wie das französiche Le Midi). Generell ist mit Mezzogiorno also der italienische Süden bezeichnet.

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Ab hier beginnt Süditalien, d.h. der sogenannte „Mezzogiorno“: Das ist das italienische Wort für „Mittag“ und ist abgeleitet vom Stand der Sonne um die Mittagszeit (ähnlich wie das französiche Le Midi). Generell ist mit Mezzogiorno also der italienische Süden bezeichnet.

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Marken

Die Marken liegen östlich von Umbrien an der Adria, d.h. zwischen Hochlagen des Apennin und der Adriaküste, 200 km südlich von Rimini. Die Provinz bildet die Grenze zwischen Nord- und Süditalien. Die Weinbauzone liegt insbesondere an der Ostflanke des Apennin in einer Höhe von 100-550 m um Jesi bzw. etwas höher in Matelica (400-900 m). Hauptrebsorte – und Aushängeschild der Adriaküste – ist die Verdicchio, eine autochthone Rebsorte, die ihren Namen (soviel wie „Immergrün“) von der Farbe der Traube hat, die, auch wenn sie reif sind, grün („verde“) schimmern.

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Die Marken liegen östlich von Umbrien an der Adria, d.h. zwischen Hochlagen des Apennin und der Adriaküste, 200 km südlich von Rimini. Die Provinz bildet die Grenze zwischen Nord- und Süditalien. Die Weinbauzone liegt insbesondere an der Ostflanke des Apennin in einer Höhe von 100-550 m um Jesi bzw. etwas höher in Matelica (400-900 m). Hauptrebsorte – und Aushängeschild der Adriaküste – ist die Verdicchio, eine autochthone Rebsorte, die ihren Namen (soviel wie „Immergrün“) von der Farbe der Traube hat, die, auch wenn sie reif sind, grün („verde“) schimmern.

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Umbrien

Das wasserreiche, „grüne“ Umbrien liegt komplett im Landesinneren und ist das einzige Weinanbaugebiet südlich der Po-Ebene, das keinen Küstenzugang besitzt. Klimatisch gesehen ist es vielfältig: Es ähnelt dem der Toskana, ist in den Hochebenen im Norden aber kühler als im Chianti-Gebiet und eher kontinental geprägt und im Süden in Montefalco zwar mediterraner, aber nicht vom Mittelmeer beeinflußt.

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Das wasserreiche, „grüne“ Umbrien liegt komplett im Landesinneren und ist das einzige Weinanbaugebiet südlich der Po-Ebene, das keinen Küstenzugang besitzt. Klimatisch gesehen ist es vielfältig: Es ähnelt dem der Toskana, ist in den Hochebenen im Norden aber kühler als im Chianti-Gebiet und eher kontinental geprägt und im Süden in Montefalco zwar mediterraner, aber nicht vom Mittelmeer beeinflußt.

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Ligurien

Ligurien ist ein kleines Anbaugebiet mit felsigen Terrassen an der Riviera des Cinque Terre. Auf den kleinen Parzellen ist Vermentino die Hauptrebsorte. Er schmeckt nach mediterranen Kräutern, hat einen weichen Geschmack und hinterläßt eine salzige Note.

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Ligurien ist ein kleines Anbaugebiet mit felsigen Terrassen an der Riviera des Cinque Terre. Auf den kleinen Parzellen ist Vermentino die Hauptrebsorte. Er schmeckt nach mediterranen Kräutern, hat einen weichen Geschmack und hinterläßt eine salzige Note.

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Emilia-Romagna

In dieser Weinbauregion wird auf insgesamt 56.000 ha (davon 17.000 DOC, auf denen aber nur 10 % des gesamten Weines produziert werden) Wein angebaut. Es gibt 2 DOCGs und 18 DOCs um die Hauptstadt Bologna. Dabei werden Emilia und Romagna oft als geographische Einheit gedacht, die sie aber nicht sind. Auch nicht vom Weinbau her: In der Emilia dominiert Lambrusco, in der Romagna Sangiovese, der hier seit 1967 DOC-Gebiet ist.

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In dieser Weinbauregion wird auf insgesamt 56.000 ha (davon 17.000 DOC, auf denen aber nur 10 % des gesamten Weines produziert werden) Wein angebaut. Es gibt 2 DOCGs und 18 DOCs um die Hauptstadt Bologna. Dabei werden Emilia und Romagna oft als geographische Einheit gedacht, die sie aber nicht sind. Auch nicht vom Weinbau her: In der Emilia dominiert Lambrusco, in der Romagna Sangiovese, der hier seit 1967 DOC-Gebiet ist.

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Veneto

Venetien ist mit 74.000 ha (davon 46.000 DOC) nach Sizilien und Apulien das drittgrößte Weinanbaugebiet Italiens. Es ist zu 1/3 flach: Im Norden liegen die Alpenausläufer (Dolomiten) und im Süden dehnt sich eines der größten Anbaugebiete bis in die Po-Ebene, im Westen begrenzt der Gardasee die Region und im Osten liegt Venedig und die Adria. Bedeutendere Weine entstehen ausnahmslos in den Ausläufern der Alpen sowie in vereinzelten Hügelgebieten vom Gardasee ostwärts bis Conegliano.

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Venetien ist mit 74.000 ha (davon 46.000 DOC) nach Sizilien und Apulien das drittgrößte Weinanbaugebiet Italiens. Es ist zu 1/3 flach: Im Norden liegen die Alpenausläufer (Dolomiten) und im Süden dehnt sich eines der größten Anbaugebiete bis in die Po-Ebene, im Westen begrenzt der Gardasee die Region und im Osten liegt Venedig und die Adria. Bedeutendere Weine entstehen ausnahmslos in den Ausläufern der Alpen sowie in vereinzelten Hügelgebieten vom Gardasee ostwärts bis Conegliano.

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Trentino

Das Trentino schließt südlich an Südtirol an. Hier ist das Etschtal etwas breiter als weiter nördlich. Die Reben gedeihen auf insgesamt 10.000 Hektar, die sich im Unterschied zu Südtirol nun größtenteils auf dem flachen Talboden befinden und nicht an Hängen. Dennoch wurde auch jeder freie Hang erobert und Pergola reiht sich an Pergola. Hier konzentriert sich der Weinbau also in der Talebene, vereinzelt aber geht er auch bis in eine Höhe von 1.000 m.

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Das Trentino schließt südlich an Südtirol an. Hier ist das Etschtal etwas breiter als weiter nördlich. Die Reben gedeihen auf insgesamt 10.000 Hektar, die sich im Unterschied zu Südtirol nun größtenteils auf dem flachen Talboden befinden und nicht an Hängen. Dennoch wurde auch jeder freie Hang erobert und Pergola reiht sich an Pergola. Hier konzentriert sich der Weinbau also in der Talebene, vereinzelt aber geht er auch bis in eine Höhe von 1.000 m.

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Südtirol (Alto Adige)

Südtirol ist das nördlichste Weinanbaugebiet Italiens und liegt unmittelbar an den Ausläufern der Alpen. Es zählt zu den kleinen Gebieten – nur 1 % der Weine Italiens stammt aus Südtirol. Dabei gehört es mit einer Fläche von 740 Quadratkilometer (etwa 3 Mal so groß wie Luxemburg) zu den größten Provinzen Italiens. Bewohnt jedoch sind nur 3 % und auch nur 1/3 kann (mühsam) landwirtschaftlich genutzt werden. Der Weinbau vollzieht sich weitgehend in den alpinen, hochgelegenen Tälern von Etsch (Adige) und Eisack, die sich bei Bozen treffen. Die Weingärten ziehen sich von den Talsohlen über deren hügelige Ränder auf Terrassen die steilen Bergflanken empor und sind durchweg ziemlich parzelliert und kleinteilig: Etwa 5.000 Winzer teilen sich eine Fläche von 5.400 ha.

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Südtirol ist das nördlichste Weinanbaugebiet Italiens und liegt unmittelbar an den Ausläufern der Alpen. Es zählt zu den kleinen Gebieten – nur 1 % der Weine Italiens stammt aus Südtirol. Dabei gehört es mit einer Fläche von 740 Quadratkilometer (etwa 3 Mal so groß wie Luxemburg) zu den größten Provinzen Italiens. Bewohnt jedoch sind nur 3 % und auch nur 1/3 kann (mühsam) landwirtschaftlich genutzt werden. Der Weinbau vollzieht sich weitgehend in den alpinen, hochgelegenen Tälern von Etsch (Adige) und Eisack, die sich bei Bozen treffen. Die Weingärten ziehen sich von den Talsohlen über deren hügelige Ränder auf Terrassen die steilen Bergflanken empor und sind durchweg ziemlich parzelliert und kleinteilig: Etwa 5.000 Winzer teilen sich eine Fläche von 5.400 ha.

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Lombardei

Die Lombardei liegt im Norden von Italien um die Hauptstadt Mailand und ist beeinflußt vom Lago Maggiore im Nordwesten, den sich Italien mit der Schweiz teilt, sowie den Alpen im Norden, die über den gebirgigen Lago d`Iseo hin zum hügeligen Gardasee und dann in die Po-Ebene abfallen. Alle diese Flüsse und Seen wirken sich insgesamt mäßigend auf das Klima aus, sodaß hier auf 22.000 Hektar Wein angebaut wird, 13.000 davon sind DOC-klassifiziert. Es gibt insgesamt 22 DOCs und 5 DOCGs.

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Die Lombardei liegt im Norden von Italien um die Hauptstadt Mailand und ist beeinflußt vom Lago Maggiore im Nordwesten, den sich Italien mit der Schweiz teilt, sowie den Alpen im Norden, die über den gebirgigen Lago d`Iseo hin zum hügeligen Gardasee und dann in die Po-Ebene abfallen. Alle diese Flüsse und Seen wirken sich insgesamt mäßigend auf das Klima aus, sodaß hier auf 22.000 Hektar Wein angebaut wird, 13.000 davon sind DOC-klassifiziert. Es gibt insgesamt 22 DOCs und 5 DOCGs.

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Piemont

„Piemonte“ bedeutet „am Fuß des Gebirges“, in diesem Fall der Alpen, an dessen Ausläufern im Nordwesten Italiens das Piemont liegt. Es entstand, als sich das Meer vor 16 Millionen Jahren zurückzog und ein facettenreiches Terrain mit Schichten von Lehm und Kalk, Mergel, Tuffstein und Kreide zurückließ.

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„Piemonte“ bedeutet „am Fuß des Gebirges“, in diesem Fall der Alpen, an dessen Ausläufern im Nordwesten Italiens das Piemont liegt. Es entstand, als sich das Meer vor 16 Millionen Jahren zurückzog und ein facettenreiches Terrain mit Schichten von Lehm und Kalk, Mergel, Tuffstein und Kreide zurückließ.

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Aostatal

Das schmale Aostatal ist das kleinste italienische Weinanbaugebiet und liegt im äußersten Nordwesten des Landes an der Grenze zum Wallis in der Schweiz und den Savoyen in Frankreich (die Savoyer regierten lange auch im Piemont).

Die Weine der DOC Valle d`Aosta sind alle vom Bergklima geprägt. Die Rebflächen stehen in kleinen Weingärten in den höchsten Weinbergen Europas auf Terrassen bis zu einer Höhe von 1.300 Meter Höhe. Möglich ist das, weil hier ein besonderes Mikroklima den Weinbau überhaupt erst möglich macht: Da das Tal von den Alpen hufeisenförmig eingeschlossen ist, herrscht ein vergleichsweise trockenes Klima mit Schutz vor Wind und schlechtem Wetter. Dennoch müssen sie extreme Winter und relativ heiße Sommer ertragen.

Diese erlauben auch in den ungewöhnlichen Höhen die Erzeugung von kräftigen Rotweinen aus Nebbiolo und Barbera, sowie Petit Rouge und Petite Arvine (aus der Schweiz), ein frisch-fruchtiger und aromatischer Wein (Zitrus und Bergkräuter) mit heller Farbe, rassiger Säure und oft leichter Perlage. Autochthone Rebsorten sind: Fumin, Torrette und Chambave Rouge.

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Schweiz

Wein aus der Schweiz ist außerhalb des eigenen Landes kaum bekannt – weniger als 1 % der Produktionsmenge wird exportiert (davon aber die Hälfte, 300.000 Liter, nach Deutschland). So weiß auch kaum jemand, dass in der Schweiz über 200 verschiedene Rebsorten (aber nur 50 davon auf über 10 Hektar) angebaut werden – und das nach Jahrzehnten der Isolation, in denen die Schweiz Schutzzoll erhob.

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Wein aus der Schweiz ist außerhalb des eigenen Landes kaum bekannt – weniger als 1 % der Produktionsmenge wird exportiert (davon aber die Hälfte, 300.000 Liter, nach Deutschland). So weiß auch kaum jemand, dass in der Schweiz über 200 verschiedene Rebsorten (aber nur 50 davon auf über 10 Hektar) angebaut werden – und das nach Jahrzehnten der Isolation, in denen die Schweiz Schutzzoll erhob.

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Savoyen

Die Weingärten der Savoyen liegen verstreut in einem schwierigen gebirgigen Terrain, wo viele alte Vignobles im Zuge der Reblauskrise aufgegeben wurden. Dabei sind die Weine der Region so vielgestaltig und reich an lokalen Sorten, daß man sich wundert, daß sie fast alle unter den 2 Appellation Savoie und Vin de Savoie zusammengefaßt sind.

Unter der AOP Savoie erscheinen fast doppelt so viele Weißweine wie Rotweine, häufig sauber und frisch (wie die Bergluft und das Wasser). Einige Erzeuger versuchen aus der regionalen, dunkelschaligen und pfeffrigen „Mondeuse“ mehr herauszuholen und bauen ihren Wein wie Beaujolais aus, andere begrenzen den Ertrag und versuchen ihn durch Barrique-Ausbau zu kräftigen. In den besten Weinen bleibt eine saftige Pflaumennote und ein Hauch von Tanninen erhalten. Das Gros der Trauben, die Schlicht als Savoie verkauft werden, stammen aus der „Jacquère“-Traube und sind leichte, trockene Weiße von alpinem Charakter. Außerdem sind 16 Crus in der Savoie-Region zugelassen.

In der AOP Seysel, einst bekannt für Schaumweine aus Altesse, werden heute meist Stillweine gekeltert. Die AOP Bugey erlangte 2009 eine eigene Appellation, was den von hier stammenden Gastrosophen Jean-Anthelme Brillat-Savarin stolz gemacht hätte.

Zu Jean-Anthelme Brillat-Savarin siehe auch den Essay taste by taste.

Es dominieren leichte, packende, halbliebliche Schaumweine, wie die beliebte Cerdon: Sie basiert auf der Gamay, die an steilen Südhängen bis in 500 m Höhe wächst. Chardonnay verleiht den traditionell hergestellten Schaum- und Stillweinen Rückgrad, während Pinot Noir für das Gros der wenigen roten Schaumweine verantwortlich ist.

Die Bedingungen unterscheiden sich für jede Cru, sind aber jeweils strikter als die der allgmeinen AOP Savoie. So ist bspw. im Tal der Arve, wo die Cru Ayze liegt, „Gringet“ zugelassen, aus der Still- und Schaumweine produziert werden, während man sich in Frangy auf „Altesse“ spezialisiert hat. Dafür ist am Südufer des Genfersees für die Crus Ripaille (ein reicher, goldener Wein), Marin und Marignan nur die im Nachbarland Schweiz so beliebte „Chasselas“-Traube zugelassen.

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Jura

Der Vignoble Jura ist eine kleine, zwischen Wäldern gelegene Enkalve in einer der entlegensten Bergregionen Frankreichs. Der „Weinberg“ – ein Kalksteingebirge, das parallel zur Côte d`Or im Burgund verläuft – ist zwar stark geschrumpft, seit er Ende des 19. Jahrhunderts von Mehltau und Reblaus heimgesucht wurde, dennoch kommen unverwechselbare und eigenständige Weine von hier – und nicht zuletzt aufgrund des ökologischen Anbaus immer mehr in Mode.

Das Jura hat 4 Appellationen:

  • Arbois
  • Château-Chalon
  • L´Etoile
  • Côtes du Jura

Das Jura hat viele Ähnlichkeiten mit dem Burgund, z.B. beim Boden und dem Klima, wobei die Winter in den zerklüfteten Bergen des Jura noch härter sind. Wie an der Côte d`Or fangen die besten Rebflächen an teils steilen Süd- und Südosthängen die Sonne ein. Jurakalk ist hier ebenso charakteristisch wie für das Burgund.

Kleine sternförmige Fossilien geben der AOP L`Etoile ihren Namen. Die Savagnin-Traube gedeiht hier besonders gut auf blauem und grauem Mergelstein. Die Region baut auch auf Pinot Noir und Chardonnay. Sie werden zunehmend in dem aus dem Burgund übernommenen oxidationsfreien, floral genannten Stil bereitet. Die faszinierendsten Jura-Weine entsthen jedoch aus lokalen Rebsorten, wie der spätreifende Savagnin, und werden beim Ausbau bewußt mit Sauerstoff in Verbindung gebracht. Die traditionell mit Chardonnay verschnittene Savagnin erinnert in ihrer jungen, schlichten Form oft an ihre nahe Verwandte Traminer, entwickelt in Holz gereift aber eine seltene Festigkeit und Haselnußnote.

Eine Spezialität des Jura ist der sogenannte Vin Jaune, der „Gelbe Wein“, ein Sherry-ähnlicher Wein, der 6 Jahre unter einer Hefeflorschicht reift. Für ihn werden die edlen Savagnin-Trauben möglichst reif gelesen und nach der Reifung (unter einer etwas dünneren Florschicht als in Jerez) mit kräftigen, intensiv nussigen Aromen traditionell in „Clavelins“ abgefüllt – Flaschen mit 620 ml Inhalt, der Menge, die angeblich von jedem ins Fass gefüllten Liter nach der Verdunstung übrig bleibt. Vin Jaune paßt perfekt zu Comté-Käse und wird insbesondere in der nur für diesen Wein eingericheten AOP Château-Chalon, ansonsten aber auch in der gesamten Region, hergestellt.

In der AOP Arbois, wo Louis Pasteur geboren wurde und seine Untersuchungen zur Gärung und Oxidation durchführte, wird vorwiegend Rotwein aus der nach Rosen duftenden Sorte Poulsard hergestellt. Trousseau, eine dunkleere, pfeffrige und nach Veilchen duftende Sorte (inzwischen auch in Kalifornien) ist seltener.

Weißwein wird in der AOP L´Etoile ausschließlich und in der AOP Côtes du Jura überwiegend produziert. Und auch Schaumwein wurde im Jura schon immer hergestellt. Der nach traditioneller Methode hergestellte, oft preisgünste Crémant du Jura macht etwa 1/4 der hiesigen Weinproduktion aus.

Aus Chardonnay, Savagnin und/oder der Sorte Poulsard entstehen in der gesamten Region auch vin de paille (Strohweine). Hierfür werden die Trauben zunächst früh gelesen und vor dem Keltern gut ventiliert bis Januar getrocknet, wodurch der Alkoholgehalt auf 14,5 % steigt. Anschließend wird der Wein in alten Fässern 3 Jahre ausgebaut.

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Elsass

Das Elsass liegt zwischen Vogesen und Schwarzwald in der Rheinebene im äußersten Nordosten von Frankreich. Die 15.000 ha Rebfläche (ähnlich wie in Baden) in Form von an den Berghängen aneinandergereihten Parzellen erstrecken sich über eine Länge von 110 Kilometern von Straßburg bis Thann im Süden. Auf dieser oft nur 2 Kilometer breiten Strecke liegen etwa 160 Ortschaften.

Das Weinbaugebiet, das in die Gebiete Bas-Rhin und Haut-Rhin unterteilt ist, wird durch die Vogesen gegen ozeanische Einflüsse geschützt (d.h. Schutz vor Regen bringenden Westwinden), so daß es eine der niedrigsten Niederschlagsmengen Frankreichs aufweist (500 mm/Jahr). Insgesamt herrscht ein gemäßigtes Kontinentalklima mit sonnigen, wolkenarmen Sommern und trockenen Herbsten. Das wird noch unterstützt durch die sogenannte „Burgundische Pforte“ der südlichen Vogesen: Hier drängt warme Luft über das Rhônetal ins Rheintal beziehungweise in die „Pfanne“ bzw. den Graben zwischen Vogesen und Schwarzwald: den Oberrheingraben zwischen dem Taunus und dem Schweizer Jura. Durch diesen Graben (der sich von Norwegen bis quer durch Ostafrika zieht und Europa teilt) besteht ein geringer Krankheitsdruck für die Weinreben, entsprechend ist biologischer und biodynamischer Weinbau relativ weit verbreitet.

Das Elsass leistet in Frankreich gewissermaßen Pionierarbeit beim biodynamischen Weinbau. Viele Winzer bemühen sich um einen respektvollen Umgang mit der Natur und darum, die Biodiversität auch in den Weinbergen zu erhalten: So werden zum Beispiel Brutkästen für Maisen aufgehangen, die als natürliche Insektenschutz fungieren, denn Maisen fangen bis zu 25 Gramm Insekten/Tag – auf Insektizde kann so verzichtet werden. Auch alte Kulturpflanzen wie bspw. die gelbe Weinbergstulpe werden wieder als Teil eines Ökosystems angepflanzt. Daduch will man Probleme verhindern die Monokulturen bringen: Wasser wird im Boden gespeichert, Humus entsteht und der Boden wird ingesamt stabiler.

Durch die günstigen klimatischen Voraussetzungen können die Trauben im Elsass – es gibt hier ausgesprochen viele aromatische Rebsorten – leicht volle Zuckerreife erlangen. Problematisch kann allenfalls Trockenheit und Dürre werden. Normal sind etwa 100 Tage für die Vegetationsperiode bzw. Ausreifung der Trauben, im Elsass aber findet die Lese oft erst später, Mitte November/Anfang Dezember (zumindest bei „vendages tardives“ und „sélection de grains nobles“).

Die besten Lagen an den Ausläufern der Vogesen in einer Höhe von 200 bis 400 m und sind südlich bis südöstlich ausgerichtet, profitieren so von einer maximalen Sonneinstrahlung. Die weniger guten Lagen befinden sich in der Rheinebene. Traubengut von hier wird zur Erzeugung von Crémant d`Alsace verwendet: 1976 erhielten die Schaumweine aus dem Elsass das Prädikat AOC (bei „méthode traditionelle„) der nach dem Champagner zum beliebtesten Schaumwein Frankreichs geworden ist. 1/4 der Produktion dient der Erzeugung von Crémants (aus Pinot Blanc, Auxerrois, Riesling, Pinot Gris, Chardonnay, Pinot Noir) mit mindestens 9 Monaten Flaschenreifung.

Klassifiziert wurden die 51 Einzellagen („lieux-dits“) im Jahr 1975, wobei die Parzellen zwischen 3 und 80 Hektar umfassen.

Aufgrund einer wechselvollen, geologischen Geschichte (die geologische Karte von Mitteleuropa ist so bunt wie kaum eine andere der Erde) sind die Böden im Elsass höchst unterschiedlich: vor 150 Millionen Jahren war der Rheingraben vom Meer bedeckt. Auf Granitsockeln lagerten sich zahlreiche Sedimentschichten ab (Sandstein, Kalk, Mergel etc.). Schließlich bildeten sich drei Landschaften heraus:

  • die Vogesen (Granit, Sandstein, Schiefer)
  • die Hügel des Vogesenvorlandes
  • die Rheinauen (Mergel und Alluvium)

Ferner entstanden vor 50 Millionen Jahren die Gebiete Saverne, Ribeauvillé, Fouffach-Gueburiller und Thann: Zu dieser Zeit stürzte ein ursprünglich 400-500 Millionen Jahre altes Gebirgsmassiv ein und es entstanden der Schwarzwald und die Vogesen sowie das „Elsass“. Von diesem Einbruch sind viele verschiedene Bodenschichten geblieben: Granit, Schiefer, Mergel, Sandstein und auf verschiedene kalkhaltige Bodenformationen.

Von diesen unterschiedlichen Bodenformationen und -kombinationen sowie ihren Möglichkeiten, Wärme zu speichern, profitieren insbesondere die 51 Grands-Cru-Lagen des Elsass, die 5 % der Produktion ausmachen bei etwa 8 % der Fläche.

Neben der AOP Alsace (seit 1962) ist die „Alsace Grand Cru“ die zweite Appellation (sowie außerdem AOP Crémant). Weine aus der AOP müssen von einer der 4 zugelassenen Rebsorten stammen: Riesling, Muscat, Pinot Gris und Gewürztraminer (in Zotzenberg außerdem Sylvaner). Außerdem sollen sie das jeweilige Mikroterroir der Grand-Cru-Lage widerzuspiegeln und die Typizität der Rebsorte:

(Aber bis auf den Riesling sind alles aromatische Rebsorten deren Typizität den Lagencharakter leicht überspielt: Entweder drückt sich also die Lage im Wein aus – Mineralität, Salzigkeit und Säure zum Beispiel – oder die Rebsortenstilistik.)

Anders als im übrigen Frankreich sind die Etiketten der typischen elsässischen „Flötenflasche“, d.h. der sogenannten „Schlegelflasche“ (wegen ihrer schlanken Form, die für alle stillen Weine vorgeschrieben ist) nicht nach der Herkunft benannt, sondern nach dem Namen der Rebsorte benannt (Ausnahme ist nur der „Edelzwicker“, eine Weißweincuvée).

Seit 2011 kann das Qualitätssiegel „AOP Alsace“ durch den Namen eines Ortes oder einer Einzellage ergänzt werden (AOP Communales oder lieux-dits). Weitere Bezeichnungen richten sich nach der Zuckerreife der Traube:

  • Vendanges Tardives (VT): entspricht einer Spätlese (Anfang Dezember) und muss aus einer der 4 „edlen“ Rebsorten sein, einen Mindestzuckergehalt aufweisen und teils am Stock getrocknet sein (passerilage), teils Botrytis Cinerea haben.
  • Sélection de granis nobles (SGN): entspricht einer Trockenbeerenauslese oder einem Sauternes mit einem noch höheren Mindeszuckergehalt als VT. Botrytis ist die Regel, muss aber nicht sein. Wird nicht jedes Jahr erzeugt.
  • Vin de pailee: entspricht einem Schilf- oder Strohwein (hier werden die Trauben auf Strohmatten getrocknet, ähnlich wie beim passito-Verfahren bei Recioto).
  • Vin de glace: entspricht einem Eiswein.

Traditionell wird in großen alten Eichenfässern (100 Jahre alt) vergoren, so ergibt sich kein Eichenholzeinfluß (bspw. bei „Classic“). Gewöhnlich wird kein BSA durchgeführt und oft haben Weine eine spürbare Süße, die man den Etikettangaben nicht entnehmen kann.

Bekannte Weingüter im Elsass sind beispielsweise: Hugel (Riquewihr), Trimbach (Ribeauville), Josmeyer (Wintzenheim), Ostertag (Epfig) oder Zind-Humbrecht (Turckheim)

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Beaujolais

Das Beaujolais erstreckt sich über 55 Kilometer von den Granithügeln unmittelbar südlich von Mâcon im Burgund bis zum wesentlich flacheren Land nordwestlich von Lyon an der Rhône. Insgesamt wird im Beaujolais fast ebenso viel Wein wie in den burgundischen Anbauregionen zusammen erzeugt. Entsprechend uneinheitlich sind die 20.000 Hektar Rebfläche.

Der Boden im Beaujolais zieht eine scharfe Trennlinie, die nördlich von Villefranche verläuft: Südlich davon liegt das untere Beaujolais mit Tonböden über Granit und Kalk (Tonboden ist zu kalt, um alle Geschmacksstoffe in den Beeren zur Reife zu bringen). Der Norden der Region, das obere Beaujolais, erstreckt sich auf Granit mit sandigen Oberböden. Auf diesen nährstoffarmen Granitböden, die aber gut durchlässig und wärmespeichernd sind, gedeiht die frühaustreibende und reifende Gamay-Traube, die sich in kühlen Regionen wohl fühlt, am besten. Auf nährstoffreicheren Böden würde sie zu hohe Erträge von minderer Qualität bringen. Gamay macht im Beaujolais 99 % der Produktion aus, nur 1 % Chardonnay (für „Beaujolais Blanc“).

Von jeher wird die Gamay-Traube einzeln gestützt, d.h. die Region paraktiziert den traditionellen Gobelet-Rebschnitt, bei dem die Reben auf Zapfen um den Kopf des Stammes herum zurückgeschnitten werden. Anschließend bindet man die Triebe zusammen, um sie aufrecht zu halten (man verwendet inzwischen aber auch Drahtrahmensysteme für eine bessere maschinelle Bearbeitung).

Das Gros der Gamay-Weine durchläuft im Beaujolais eine Kohlensäuremaischung (aber auf der Ebene der Crus findet mehrheitlich eine traditionelle Vergärung „à la Bourguignonne“ mit Eichenholzausbau für langlebigere Weine statt): Bei der Kohlensäuremaischung bzw. „maceration (semi-)carbonique“ enthält der Saft viel Zucker und viel Farbstoff, aber wenig Tannin – die Weine sind frisch-fruchtig, lebendig und leicht, duften und haben Aromen von Himbeere und Kirsche sowie mittlere Tannine. (Am besten man trinkt sie leicht gekühlt.)

Im Beaujolais gibt es eine Hierarchie der Appellationen an deren Spitze zehn Crus stehen. Darunter dürfen sich 39 Gemeinden AOP Beaujolais Villages nennen, gefolgt von der regionalen AOP Beaujolais, deren Weine insbesondere aus dem Süden und Osten der Region kommen, wo sich das Schwemmland des Flusses Saône erstreckt. Auch ein Großteil des Beaujolais Nouveau oder Primeur entsteht hier. (Der Primeur kommt am 3. Donnerstag im November auf den Markt.) Beide haben einen schlanken Körper und wenig Tannin, Aromen roter Beerenfrüchte und Bananennoten sowie Aromen von Kirschwasser wegen der Kohlensäuremaischung.

Die 39 Gemeinden für den AOP Beaujolais Villages liegen vornehmlich im Norden und Westen auf Hügeln mit Granitböden, die 10 Cru-Gemeinden mit eigener Appellation sind:

  • St.-Amour
  • Juliénas
  • Chénas
  • Moulin-à-vent (strukturierte Beaujolais)
  • Fleurie (duftige Beaujolais)
  • Chiroubles
  • Morgon (kernige Beaujolais mit frischer Frucht)
  • Brouilly (duftig)
  • Côte de Brouilly
  • Regurié

Das Gros der Weine stammt aus Brouilly, Fleurie, Moulin-à-vent und Morgon, einem 2.000-Seelen-Dorf mit 1.130 Hektar Rebflächen, das nach Brouilly das zweitgrößte Anbaugebiet im Beaujolais ist. Die besten Lagen befinden sich hier an den steilen Abhängen des Urzeitvulkans Côte du Py auf kargen Granitböden, wo die Gamays besonders robust, kernig, und langlebig ausfallenen.

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Provence

Die mediterrane Region erstreckt sich von der Grenze zu Italien über Arles, Nizza, Saint Tropez (wo die rote Rebsorte Tibouren angebaut wird) entlang der Côte d`Azur am Rand der Alpenausläufer bis nach Marseille. Die meistverbreitete Rebsorte ist die rote Grenache, wobei die Großappellationen Côtes de Provence sowie die AOP Côtes d Aix-en-Provence eine große Palette an Roséweinen hervorbringt. Insgesamt gibt es 17 Crus Classés in der Provence (was die vielen Urlauber aus dem Bordelaise freut).

Das Landschaftsbild zeichnet sich durch vielfältige Kontraste aus. Zahlreiche Hügelketten, die den Wind Mistral aus dem Norden abhalten, bilden ein Spektrum verschiedener Lagenklimata und Bodenarten. (Rosés aus Cinsault und Grenache stellen jedoch den Löwenanteil dar.) Zum Mistral aus dem Norden kommt der Marinade vom Meer (weshalb hier praktisch kein Syrah angebaut wird, denn der muß am Drahtrahmen erzogen werden – und dieses System wurde erst relativ spät, in den 1980er-Jahren an der Rhône eingeführt). Insbesondere die AOP Les Baux-de-Provence jedoch, die für Weißwein eingerichtet wurde und vom Meer erwärmt wird, wird vom Mistral durchkämmt, weshalb sie sich aber auch gut für biologischen Weinbau eignet (der Wind hält die Trauben trocken, die Pilzgefahr ist dadurch gering).

Die Provence ist die mediterranste Weinregion in Frankreich. Viele der Gebiete insbesondere in den Alpenausläufern im Norden liegen aber zu hoch für Weinbau, dort reift keine Traube aus. An der Küste hingegen befinden sich drei isolierte kleine Bereich, die jeweils eine eigene AOP darstellen, die wichtigste ist vermutlich die AOP Bandol östlich von Marseille. (Bandol wurde einst vom Hafen aus verschifft nach dem er benannt ist.) Hier wird auf kieferngesäumten Terrassen Wein auf ca. 1.500 Hektar angebaut, wobei Mourvèdre mindestens einen 50-%-Anteil haben muß, ansonsten noch Cinsault und Grenache. Bandol hat ein vollmundiges Kräuteraroma, da Mourvèdre hier trotz einer der längsten Reifezeiten voll ausreifen kann.

Die kleinen Terroirs sind recht unterschiedlich, die Erträge grundsätzlich niedrig und jedem Regen folgt ein Mistral. Der Mourvèdre war nie ein Freund des Barrique – und so reifen die meisten Weine in großen Foudres. Heutzutage wird der meiste Wein in den „restanques“ genannten Terrassen angebaut. Es sind dunkle, körperreiche Weine mit kraftvollen Tanninen, die Flaschenreifung brauchen (Bandol sind nach 6-7 Jahren trinkreif), um ihre fleischigen, würzig mit Lakritze unterfütterten Brombeeraromen vollständig zu entfalten.

Geschichte des Weinbaus

Marseille wurde um 600 vor Christus von den Phokaiern, die ursprünglich von der kleinasiatischen Küste kamen, als „Massalia“ gegründet. Schnell wurde das frühe Marseille zu einer Verbindungsstelle für Kontakte der Griechen mit den keltischen Völkern Westeuropas, insbesondere Galliens. Zu einer besonderen Stärke Marseilles beziehungsweise Massalias wurde der Weinhandel. Ein gefundender großer Mischkrug mit einem Fassungsvermögen von 1.100 Liter erinnert daran – und auch daran, daß es bei den Griechen üblich war, einen Teil Wein mit zwei Teilen Wasser zu mischen.

Von Massalia aus wurde die Kultur Südfrankreichs hellenisiert. Der spätrömische Autor Justinus fasst die Aussagen eines früheren Autors, Pompeus Trogus, folgendermaßen zusammen: „Von den Griechen lernten die Gallier einen zivilisierten Lebensstil, und sie gaben ihre barbarische Lebensweise auf. Sie begannen ihre Felder zu bestellen (…) und begannen Weinreben und Oliven anzubauen. Ihr Fortschritt in Verhalten und Wohlstand war so großartig, daß es aussah, als wäre Gallien ein Teil Griechenlands, und nicht, als hätte Griechenland Gallien kolonisiert.“

Vieles spricht dafür, daß Griechen eine intensivere Nutzung der Weinberge förderten und fortschrittliche Technologien des Pressens von Olivenöl un der Weinerzeugung einführten. „Der erste Wein, der in Burgund getrunken wurde, war griechischer Wein aus Marseille“, schreibt der Archäologe Sir John Boardman, und die vielen Amphoren, die man in der Provence und im Languedoc gefunden hat, unterstützen diese Behauptung. Überhaupt wurde Marseille zum Ausgangspunkt für den Gütertransport nach Norden – und war es auch noch unter den Römern, die von hier aus nordlichere Regionen und auch Germanien erschlossen.

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Korsika

Die Mittelmeerinsel Korsika ist generell trockener und sonniger als das französische Festland. Trotzdem haben die vielen verschiedenen Lagen in dem gebirgigen Terrain im Grunde nur einen äußerst trockenen, aromafördernden Juli und August gemeinsam.

Korsischer Wein gelangt selten in den Export – und wenn, dann häufig als einfacher IGP wie der L`ile de Beáute, unter dem mittlerweile fast die Hälfte des korsischen Weins in Umlauf gelangt. Aber immer mehr Platz nehmen Gewächse von traditionellen Rebsorten und felsigen Lagen ein – weit weg von der Ostküste der Insel, das bis in den 1960er-Jahren von Winzern aus Algerien von der Malaria befreit wurde und für die Massenproduktion kultiviert wurde. Dennoch liegen die meisten Weinberge in Küstensichtweite, denn das gebirgige Landesinnere ist zu zerklüftet für Weinkulturen.

An der Westküste findet man Granit im Gebiet Ajaccio, im Süden und auf der Halbinsel Cap Corse ganz im Norden etwas Schiefer. Eine Spezialität von hier sind Süßweine aus Muscat und Vermentino (Malvoisie de Corse), während Rotwein als Côteaux du Cap Corse firmieren.

Direkt unterhalb von Cap Corse, im Hinterland von Bastia (Hafenstadt) liegt die AOP Patrimonio, wo auf fast 1/3 der Rebfläche Nielluccio (Sangiovese) wächst. Es ist der einzige Bereich mit Kalksteinböden, weshalb hier die besten und langlebigsten Weine in einem Rhône-ähnlichen Stil entstehen.

Die Appellation Calvi im Nordwesten setzt auf die wesentlich weichere Sorte Sciaccarello (insgesamt 15 %), Niellucio und Vermentino sowie internationale Sorten. Das gilt auch für die AOP Figari und Porto-Vecchio, die die Südspitze der Insel bilden.

Im Gegensatz zu diesen traditionellen Gewächsen sind die „Vins de Cors“ aus dem östlichen Küstenbereich mit seinem Schwemmland, Mergel und Sand für den Massenmarkt gemacht. Bessere Genossenschaften verschneiden mit Markterfolg lokale und internationale Sorten.

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Languedoc-Roussillon

Die Region Languedoc-Roussillon wird auch „Le Midi“ (ähnlich wie das italienische „Mezzogiorno„) genannt und liegt im äußersten Süden von Frankreich. Im Mittelalter wurde die südlichen Hälfte Frankreichs, mit Ausnahme des Baskenlandes und des Roussillon, Okzitanien genannt. Hier wurde Okzitanisch gesprochen – die Langue d`Oc. Das Roussillon fiel erst nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) mit dem sogenannten Pyrenäenfrieden 1659 an Frankreich – behielt sich jedoch stets seine katalanische Sprache und Kultur.

Geografisch gesehen umfasst der Midi sämtliche Gebiete, die unterhalb von Bordeaux und Briancon südlich des 45. Breitengrades liegen. Die Stadt Valence, an der südlichen Spitze der nördlichen Rhône gelegen, trägt auch den Namen „Porte du Midi“, das Tor des Südens.

Das Weinanbaugebiet Languedoc-Roussillon erstreckt sich von Nantes bis zur spanischen Grenze und ist mit rund 220.000 Hektar eine der größten Weinbauregionen der Welt. Sie wird von etwa 3.750 Weingütern und 343 Genossenschaften bewirtschaftet.

Bekannt wurde Languedoc-Roussillon aufgrund der zahlreichen Landweine: Es gibt mehr als 23 IGPs und mehr als 38 AOPs -, vor allem die alles umfassende IGP Vins de Pays d`Oc, die alle Vins des Pays aus dem Midi umfasst. Die meisten Erzeuger bereiten AOP- und IGP-Weine, viele auch ausschließlich. Immer mehr Wein wird sogar als „Vin de France“ vermarktet. (Das jedoch ist eher mit Experimentierfreude verbunden und hat nichts mit der Qualität zu tun: Wie im Burgund ist der Erzeuger der Schlüssel zu einem guten Wein.)

Klima

Aufgrund der Größe des Gebiets sind auch die Klima- und Bodenbedingungen sehr unterschiedlich. Grundsätzlich herrscht in der Region mediterranes Klima mit Temperaturen von häufig über 30 Grad im Sommer, milden Windern und geringen Niederschlagsmengen, vor allem während der Wachstumsperiode. Die Bedingungen für den Rebbau sind infolgedessen, auch mit den 2.500 Sonnenstunden und mit 500 mm Niederschlag, in den meisten Jahren ideal.

Dabei sind die im Landesinneren, in den Ausläufern der die Region umgebenden Gebirge angelegten Weinberge (in den Appellationen Pic St. Loup, Terrasses du Larzac und den nördlichen Gebieten von Faugères und Saint Chinian), deutlich kühler als die Lagen in der Küstenebene. Zudem haben sie oft weniger fruchtbare, aber für den Qualitätsanbau besser geeignete Böden: Die Böden im Norden bestehen aus Granit und Gneis, wodurch die Weine sehr körperreich und mineralisch wirken. Im Süden herrscht hingegen mediterranes Klima, die Böden bestehen aus Sandstein, Schiefer und Kalklehm. Entsprechend sind die Weine leichter, würziger und erinnern an Wildkräuter.

Auch starke Winde können Einfluß auf das Klima haben: Trockene Nordwinde kühlen den Osten und Westen der Region. Durch das Tal der Rhône fegt der Mistral, während der Tramontane durch den Einschnitt zwischen dem Massif Central und den Pyrenäen einfällt.

Die größte Gefahr in diesem warmen, trockenen Klima ist Dürre – auch wenn es von Zeit zu Zeit Überschwemmungen im Sommer geben kann. Das gilt insbesondere für Roussillon, wo die Sonne über 300 Tage im Jahr scheint, und die Durchschnittstemperaturen landesweit am höchsten sind. Aufgrund der geringen Niederschlagsmengen und des reduzierten Krankheitsrisikos finden sich hier auch die Meisten biologisch oder biodynamisch wirtschaftenden Winzer Frankreichs.

Rebsorten

In Languedoc-Roussillon findet sich eine große Auswahl an Rebsorten, auch einige autochthone, lokale Sorten. Der Großteil der Flächen ist mit dunklen Rebsorten bestockt (85 %). Aktuell gibt es 56 Rebsorten, die für IGP-Weine genehmigt sind, für Appellationsweine sind weniger Rebsorten vorgeschrieben. Die wichtigsten sind – in jeder Appellation anders bzw. in einem anderen Verhältnis miteinander kombiniert: Syrah, Grenache, Mourvèdre, Carignan und Cinsault.

Carignan ist eine sehr kräftige Rebsorte. Sie ist spätknospend und -reifend, dunkelhäutig mit hohem Tannin-, Säure- und Farbgehalt, aber wenig Alkohol. Ausserdem ist sie arm an Frucht und Finesse. Aufgrund des hohen Tanningehalts praktiziert man bei Carignan oft eine „máceration semi-carbonique„, um die Tannine etwas zu mildern.

Cinsault wird auf 12.700 ha angebaut und ist unempfindlich gegen Wind und Trockenheit, benötigt aber hohe Temperaturen um auszureifen. Weine aus Cinsault sind hell mit niedrigen Tanninen, gemäßigter Säure und Aromen roter Früchte. Aus Cinsault wird oft Roséwein gemacht, ansonsten ist er im Verschnitt ein guter Partner für Carignan und Grenache.

Grenache, der auf über 44.000 ha wächst, ist kräftig und ergiebig sowie unempfindlich gegenüber Wind und Trockenheit. Die Weine von Grenache haben einen hohen Alkoholanteil, aber gemäßigte Säure und Tannine. Zu Aromen roter Früchte kommt eine Spur Lakritz und Gewürznoten. Grenache bildet zusammen mit Syrah und Carignan die Grundlage für die meisten AOP-Weine aus Languedoc-Roussillon.

Mourvèdre wird auf 5.300 ha angepflanzt, ist spätreifend und braucht viel Sonne und Hitze (wie man sie an der Küste findet), er reift nur in wärmsten Lagen voll aus. Er hat eine starke Färbung und hohen Alkohol, Tannine und Säure sowie komplexe Aromen von Pflaume, Brombeer und Gewürzen.

Syrah wird, wie auch Grenache, auf über 44.000 ha angebaut und hat mäßig Alkohol, eine frische Säure, eine Spur Pfeffer und Aromen von Schwarzkirsche, Schokolade, Gewürzen und Veilchen. Syrah braucht – anders als die andern genannten Rebsorten, die in Buschform erzogen wurden – ein Unterstützungssystem bei der Erziehung. Das ist mit Aufwand und Kosten verbunden, die man lange nicht aufbringen konnte. Insofern ist Syrah relativ „neu“ im Languedoc und gewinnt insbesondere seit der Umstellung von Quantität auf Qualität an Renomée. (Ähnlich wie im süditalienischen Apulien hat die EU in zwei Programmen – 1988 und 2007 – auch in Südfrankreich Prämien für die Trockenlegung des „Weinsees“ bezahlt. In der Folge wurden zehntausende Hektar Rebstöcke ausgehauen, „arrachage“ genannt, und die Anbaufläche von über 400.000 ha auf die heutige Größe verkleinert.)

Alle genannten Rotwein-Rebsorten eignen sich gut für das warme, trockene, sommerliche Klima (Syrah bringt auch in kühleren Gegenden wie an der Rhône gute Ergebnisse). Weißwein hat im heißen Süden Frankreichs nicht so einen hohen Stellenwert, dennoch wachsen hier einige bemerkenswerte autochthone Rebsorten wie beispielsweise:

Picpoul ist nur im Languedoc zu finden (auf etwa 2.000 ha), wo sie als einzige Rebsorte in Weinen der AOP Picpoul de Pinet verwendet wird. Hier an der Küste profitiert sie von den kühlen Meeresbrisen, die über La Clape ins Landesinnere wehen und helfen, die natürliche Säure der Rebsorte zu bewahren: „Picpoul“ ist okzitanisch und bedeutet sowiel wie „Lippenbeißer“, was auf den relativ hohen Säuregrad der Rebe und die vorherrschenden Zitrus- und Apfelaromen hindeutet. Ansonsten ist die Sorte recht aromatisch mit gemäßigtem Alkoholgehalt. Sie wird gewöhnlich ohne Eichenkontakt, sondern im Stahltank vinifiziert.

Bourboulenc (Malvasie) wächst auf etwa 750 ha. Sie ist in den meisten Mittelmeerregionen vertreten und auch bekannt als eine der 13 zugelassenen Rebsorten für Châteauneuf-du-Pape-Weine. In Languedoc wächst sie vornehmlich in der AOP La Clape an der Küste (hier macht sie fast 40 % der Rebfläche aus), da sie hohe Temperaturen braucht. Bourboulenc ist spätreifend (oft erst Mitte oder Ende Oktober), mit ausgeprägter Säure und gemäßigtem Alkohol. Zitrus- und Grapefruitaromen dominieren bei ihr.

Clairette Blanc wird häufiger angebaut als die beiden zuvor genannten Rebsorten (auf etwa 3.000 ha) und häufig auch reinsortig vinifiziert (z.B. bei Weinen aus der AOP Clairette de Languedoc). Sie ist dickhäutig, spätreifend und hat wenig Säure, dafür einen recht hohen Alkoholgehalt (13,5 Vol. %). Zu Aromen von Aprikose, Apfel und Limone gesellen sich Fenchel- und Akaziennoten.

Weinregionen

Das Gros der Weine Südfrankreichs, über 90 %, wird im Languedoc produziert, das aus den Departements Aude, Hérault und Gard besteht, während das Verwaltungsgebiet des Departements Pyrénées-Orientales als Roussillon bezeichnet wird.

Languedoc

Die AOP Corbières ist die größte Appellation, weitere bekannte klassifizierte Weine sind: Saint Chinian, Fitou, Crémant de Limoux und Banyuls – eine der wichtigsten jedoch ist im westlichen Languedoc die AOP Minervois. Die Appellation reicht, an den Hängen des Massif Central gelegen, nicht bis an die Küste, weist aber eine große Viefalt in Bezug auf Höhenlage, Fruchtbarkeit des Bodens und zumindest noch kühlende Meereseinflüße auf. Auch dieses Gebiet ist weiter unterteilt und der beste Bereich, Minervois La Livinière, hat eine eigene AOP.

Minervois ist nicht ganz so zerklüftet wie Corbières, allerdings drängen die Weinberge an der Nordgrenze die Hänge der aufragenden Montagne Noir hinauf. Auf diesen Cevennen-Ausläufern wirken die Reben gefährdet, etwas oberhalb des Dorfes aber liegen einige der höchsten, am spätesten reifenden Weinberge des Languedoc. Im Südwesten macht sich der Atlantik durch höhere Säuregrade und einen etwas leichteren Stil bemerkbar. Das wärmere, trockenere Land, das sich zum Fluß Aude herabschwingt, und das dem Mittelmeer am nächsten liegende Terrain liefern viele der eher nichtssagenden Cuvées.

Neben dem Rotwein brilliert die alte Weißweinsorte Bourboulenc (gemeinhin auch Malvasie genannt) in der AOP La Clape, einem Kalksteinmassiv südlich von Narbonne. Die Weißweine der Windumtobten Halbinsel La Clape haben einen prägnanten Meeresduft, fast wie Jod. Zudem entstehen hier auch aromatische Vin Doux Naturels auf Basis von Muscat d`Alexandrie wie der Muscat de St. Jean de Minvervois. (Bekannter als die VDN aus dem Languedoc sind jedoch jene aus Rivesaltes, Maury und Banyuls in Roussillon.)

Bei Vin Doux Naturels (VDN) wird – wie bei Portwein – die Gärung durch die Zugabe von Destillat gestoppt. Man geht davon aus, dass die Mauren in Andalusien bereits Destillationswissen hatten, aber im Jahr 1285 entdeckte der Arzt Arnaud de Villeneuve aus Montpellier die „mutage“, das heißt die Anreicherung des Traubenmostes mit Alkohol. Diese Weinbereitungstechnik wurde im Roussillon also schon 400 Jahre früher angewendet als im portugiesischen Douro-Tal: Portwein wurde erstmals 1678 offiziell anerkannt, demnach sind die südfranzösischen VDN dem Portwein ganze vier Jahrhunderte voraus.

Zwischen Béziers und Montpellier erstreckt sich eine weite, flache Küstenebene. Weiter landeinwärts und in Richtung der spanischen Grenze hingegen ist die Landschaft hügeliger und rauer. Neben Minervois die wichtigste Appellation ist die AOP Corbières, die wiederum aus 11 Unterbereichen besteht, darunter die AOP Corbières Boutenac.

Corbières reicht von der Küste 60 Kilometer ins Departement Aude – hier wechselt sich Kalk mit Schiefer, Ton, Mergel und Sandstein ab und der Atlantik übt im Norden genauso seinen Einfluß aus wie das Mittelmeer im Süden. Im Norden kühlt der Tramontane die Weinberge.

Die AOP Fitou war 1948 die erste Appellation des Languedoc. Das Anbaugebiet setzt sich aus zwei individuelle, durch einen breiten Keil getrennte Enklaven innerhalb des Corbières zusammen: Fitou Maritime, ein Ton-Kalksteinband um die Salzwasserlagune an der Küste, und Fitou Haut, ein gebirgiger Schieferstreifen rund 24 Kilometer landeinwärts. Der Grenache-Anteil steigt hier auf Kosten des Carignan. Syrah und Mourvèdre gewinnen in Fitou Maritime an Boden.

In der Gegend um Limoux im Westen des Languedoc werden traditionell Schaumweine produziert. Hier ist die Manzac-Traube zu Hause – und es ist die höhere Lage, die für Kühle sorgt. Auf Manzac-Basis wird Blanquette Méthode Ancestral produziert, während der zartere AOP Crémant de Limoux aus Chardonnay, Chenin Blanc und Pinot Noir erzeugt wird. Stillweine werden zwingend in Eiche vergoren.

Im Gegensatz zur traditionellen Methode (wie bei der Champagnerherstellung) wird bei der Méthode Ancestral auf ein langes Hefelager verzichtet (der Hefepropf wird bereits nach 2-3 Monaten entfernt). Anders als der Crémant soll der Blanquette also keine Hefe- oder Briochenoten haben und wird auch ohne Dosage verkorkt und versiegelt.

All diese Weine besitzen eine viel feinere Säure als die aus dem wärmeren östlichen Languedoc, ebenso wie jene aus der AOP Malpère im Norden. Ihre Weine werden von Merlot und Malbec (oder Côt) beherrscht, sind aber nie Spitzenweine.

Die Weine nördlich von Carcassone kommen aus der AOP Corbordès, die einzige Appellation, die Mittelmeer-Trauben mit atlantischen Bordeaux-Trauben kombiniert, was einen Qualitätssprung brachte.

Die Rebflächen im zentralen Bereich der Mittelmeerküste sind mit EU-Mitteln erheblich geschrumpft (von ingesamt über 400.000 ha auf „nur noch“ etwa 230.000 ha im gesamten Languedoc-Roussillon), insbesondere im höheren Landesinneren mit mageren Böden. Typischerweise wachsen die Reben hier an Hängen wie den AOP Terrasses du Larzac, wo sonst nichts gedeiht.

Eines der charakteristischen Terroirs ist die AOP Pic St.-Loup an den Ausläufern der markanten Cevennen. Die Reben hier kommen noch in den Genuss der südlichen Sonne und spiegeln die Kräuter der Region und die Höhenlage mit ihren kühleren Nächten wider. Hier ist gutes „Syrah-Land“.

Die AOP St.-Chinian genießt mit den besten Ruf und liegt in Höhen weit über 600 m auf den zerklüfteten Schieferböden im Norden und Westen der Region. St-Chinion-Berlou und St.-Chinion-Roquebrune sind Unterregionen, die stärker von Schiefer und Syrah beeinflußt sind. Die Reben in niedrigeren Lagen bringen weichere Weine.

Die AOP Faugères besteht fast nur aus mageren Böden in bis zu 700 m Höhe über Béziers und verlangt den Winzern alles ab.

Roussillon

Im Roussillon wird katalanische Kultur gelebt – es gehört erst seit 1659 zu Frankreich. Hier am Ostende der Pyrenäen fällt die Landschaft vom schneebedeckten, über 2.750 m hoch aufragenden Canigou-Gipfel steil zum Mittelmeer ab. Bei einer durchschnittlichen Zahl von 325 Sonnentagen im Jahr versteht man, warum u.a. Wein die Täler von Agly, Têt und Tech prägen. Konzentriert wird die Wirkung der Sonne zusätzlich in den nach Osten gerichteten, von dem Corbières, dem Canigou und den Albères-Höhen gebildeten Amphitheater.

Die Rebflächen in den Ebenen des Roussillon zählen zu den heißesten und trockensten Frankreichs, weshalb ihre in Buschreben erzogenen Grenache-Stöcke schon Mitte August lesereife Trauben tragen. Sie fliessen in die einfachen Vin Doux Naturels ein, die durch Zugabe von Branntwein während der Gärung (wie Portwein) entstehen. Über 90 % aller VDN aus dem Midi kommen aus Roussillon – und der AOP Rivesaltes ist der beliebteste.

Die AOP Maury ist eine weitere Appellation für VDN, genauso wie die AOP Banyuls. Die durchschnittlichen Erträge im südlichsten Anbaugebiet Frankreichs mit seinen steilen, windgepeitschten Terrassen aus braunem Schiefer liegen bisweilen bei unter 20 hl/ha und stammen hauptsächlich von alten Grenache-Reben, die in Buschform erzogen werden. Sie trocknen oft sogar am Stock.

Für einen Banyuls Grand Cru sind 30 Monate Fassreifung und 75 % Grenache vorgeschrieben, dadurch entstehen eher blasse Weine (wegen der Wärme) mit berauschendem rancio-Geschmack (Rancio-Weine werden 5 Jahre lang oxidativ – also mit Sauerstoffkontakt – ausgebaut, haben eine fast schon braune Farbe und den Firngeschmack alter Weine). Der Rimage wiederum, der nur in besten Jahren gemacht wird, wird bereits nach wenigen Monaten in die Flasche gefüllt und altert nach Art des Vintage Port insofern reduktiv in der Flasche – also wesentlich langsamer.

Die trockenen Weine können starke Tannine haben. Die Vergärung von ganzen Trauben und der Verzicht auf maschinelle Ernte schaffen Abhilfe. Die einfachste Art heißt AOP Côtes du Roussillon (aus Carignan).

Die AOP Côtes du Roussillon-Villages im Norden des Roussillon bringen dank geringerer Erträge und stärkerem Alkoholgehalt kräftigere, ansprechendere Rotweine hervor (z.B. Les Asprès). Im zerklüfteten, gebirgigen Roussillon scheint viel Sonne, es gibt wenig Regen und besonders kräftige Winde.

Trockene Weine aus der Banyuls-Zone sind als AOP Collioure bekannt. Die tief Karminroten, eher „spanisch“ als „französisch“ schmeckenden, alkoholstarken Rotweine werden überwiegend aus Grenache bereitet, aber auch aus Syrah und Mourvèdre, Weißweine aus Grenache Blanc und Grenache Gris.

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Sud-Ouest

Weinbau wird auch südlich von Bordeaux und westlich des Midi betrieben. Etwa eine Fläche von 47.000 Hektar steht hier unter Reben. Im Osten befinden sich die Ausläufer des Massif Central, im Süden die Pyrenäen mit ihren kalten Winden und im Westen ist die Region durch Wälder vor dem Atlantik geschützt. Die Reben gedeihen dabei in verstreuten Gebieten mit Nähe zu Flüssen – den alten Verbindungswegen zu entfernten Märkten: Hier, im sogenannten „Hochland“ versauerten die Weine bisweilen im Fass, weil sie erst in den Hafen von Bordeaux eingeführt werden durften, wenn die Stadt selbst ihre eigenen Weine aus dem Bordelais losgeworden war. Allerdings benutzte man die Weine aus dem Südwesten Frankreichs auch, um die schwachbrüstigen Bordeaux-Weine aufzubessern. Das gilt z.B. für den „Schwarzen Wein“ aus Cahors.

Die AOP Cahors ist ein typisches Anbaugebiet der Region, das schon lange für seine schweren, langelebigen Erzeugnisse bekannt war. Auch wenn einige Weine mit Merlot gemildert werden, ist die Region dennoch für die Côt-Traube bekannt (die in Argentinien und Bordeaux als Malbec firmiert). Ihr und den meist wärmeren Sommern ist es zu verdanken, daß der Cahors voller und kräftiger, wenn auch etwas rustikaler als ein typischer Bordeaux gerät – je nachdem ob die Weine aus den fruchtbetonten Tälern des Flusses Lot stammen, den kargen Hängen, oder dem Plateau des „Hohen Landes“: Die drei Schwemmlandterrassen des Flusses Lot sind mit Reben bepflanzt, den besten Rufen genießen die höchstgelegenen.

Die besten „schwarzen Weine“ des Cahors sind enorm tanninstark und langlebig und werden in Holz ausgebaut: geerntet werden reifere Trauben, man setzt (wie in Argentinien) auf Eichenlastigkeit, d.h. die Weine sind extrem extrahiert: der Alkohol nimmt sich alles aus der Frucht. Fruchtaromen sind so kaum auszumachen. (Die argentinische Malbec-Version ist vielleicht etwas weicher, runder und reifer.)

Flussaufwärts von Cahors gelangt man ins Anbaugebiet von Aveyron. In dieser wilden Landschaft liegen die letzten Rebflächen einer einst blühenden Weinregion im Zentralmassiv: wichtigster Wein dort ist der AOP Marcillac. Nur 200 Hektar zählt dieses Anbaugebiet mitten in den Bergen. Produziert werden kräftige, pfeffrige Rotweine aus Ferservadou (Manois), die mitunter eisenhart aber ausgereift geraten.

Nur 20 Hektar (noch vor der Reblauskrise Ende des 19. Jahrhunderts standen hier 1.000 Hektar unter Reben) ist die AOP Estaing im Lot-Tal groß. Produziert werden Weißweine aus Chenin Blanc u.a., sowie Rotweine aus Gamay, ergänzt durch lokale Sorten wie Abourion.

Auf gerade 22 Hektar bringt es die AOP Entraygens-et-Fel im Herzen des Lot-Tals. Auch hier werden Rot- und Weißweine aus obengenannten Rebsorten gemacht

Unwesentlich größte ist die AOP Côtes de Millau mit 65 Hektar, ein altes Anbaugebiet, das heute wieder langsam von sich reden macht mit seinem roten Bergwein. Syrah und Gamay, ergänzt durch Cabernet Sauvignon ergeben kräftige Rotweine, Chenin Blanc und Monzac trockenen Weißweine mit Mineralität und Nerv.

Vergleichsweise zahm wirkt dagegen die hügelige Region um den Fluß Tarn. An dessen Ufer, unterteilt auf 4 Zonen, befinden sich 3.000 Hektar Rebfläche in 73 Gemeinden, die zur AOP Gaillac gehören (den Appellations-Status wurde den Weißweinen von Gaillac schon 1938 zugesprochen, den Rotweinen erst 1970). Gemeinsam mit Tain l`Hermitage gehört Gaillac vermutlich zu den ältesten Weinregionen Frankreichs (und Gaillacs Winzer gründeten auch die erste Weingilde überhaupt: „La Compagnie de la Serpette“, die „Sichel-Kompanie“).

Die Blütezeit dauerte immerhin bis in die 1860er-Jahre, als 15 % der Region unter Reben Stand, 20 hl/ha Ertrag produziert wurde und etwa 1/4 der Bevölkerung vom Weinbau lebte. Dann zerstörte die Reblaus fast alles: Von den 20.000 ha sind gerade noch etwa 3.000 geblieben (nachdem Anfang des 21. Jahrhunderts mit Prämien der EU nochmal 1.000 ha vernichtet wurden – um den europäischen Weinsee zu verkleinern). Erst in letzter Zeit kam wieder Leben in den Bereich, was auf eine immer bessere Abstimmung der Rebsorten auf das vielfältige Terroir zurückzuführen ist: Am rechten Ufer des Flusses Tarn sind Böden mit Kies wie im Médoc, Gestein und Sand; Am linken Ufer, wo die besten Qualitäten wachsen (südlich des Tarn), Lehm und Kalk wie im Burgund; Und auf dem Plateau Cordais Kalkböden und Schiefer, Lehm und Kies. Diese Vielfalt, kombiniert mit der Bandbreite an angebauten (alten) Sorten erklärt die große Vielfalt an Weinen.

Dunkelschalige Trauben wie Fer Servadou und Syrah herrschen im Klima mit kontinentaler Ausgewogenheit, atlantischer Feuchtigkeit und Mittelmeerwärme vor, aber auch eine Sammlung alter Sorten findet sich noch. Viele Weine werden als IGP Tarn vermarktet. Dabei darf in Gaillac so gut wie alles produziert werden: süsser, trockener und prickelnder Wein, auch Gaillac-Varianten eines oxidativen, trockenen (Sherry-ähnlichen) Weines.

Gleich westlich wächst zwischen Tarn und Garonne als roter und roséfarbener Hauswein von Toulouse der AOP Fronton. Seine Basis ist die blütenduftige einheimische Rebsorte Négrette, die mit allerlei Trauben aus dem Südwesten und gelegentlich sogar Syrah oder Gamay verschnitten wird.

Nordwestlich von Fronton liegt am linken Ufer der Garonne die AOP Buzet. Die Weinberge sind auf 27 Gemeinden verteilt. Die Verarbeitung übernimmt größtenteils eine Genossenschaft, auf deren Rotwein die Bezeichnung „Landwein“ passt – die ansonsten insbesondere für die ausgedehnten Anbauflächen östlich von Buzet verwendet wird, wenn sie nicht für Armagnac reserviert sind: IGP Gascogne, ein frischer Weißwein aus Ugni Blanc („Trebbiano“ in Italien), Colombard und Rolle („Vermentino“).

Weiter südlich, im Baskenland, liegt in der Provinz Basse-Navarre an der Grenze zu Spanien die AOP Irouléguy, für die 1.325 Hektar zugelassen sind, aber nur 240 ha bewirtschaftet werden (der Großteil der Produktion des Schafskäses Ossau-Iratiy und der Zucht des dunkelhäugigen Kintoa-Schweins befindet sich hier – beide mit geschützter Ursprungsbezeichnung). Etwa 12 Kellereien stellen hier in dieser regenreichen Ecke (bis zu 2.000 mm/Jahr) Wein her: erfrischende Weißweine, außerdem Rotwein aus Tannat, Petit Courbu und den Mangseng-Trauben. Die AOP-Weine entstehen auf breiten Terrassen um die Viehzucht nicht zu behindern. Ursprünglich war nur Rotwein zugelassen, die Assemblagen sein mussten. Fast 2/3 der Produktion liefern die Genossenschaften (aus 15 Gemeinden), eine Ausnahme ist die Domaine Arretxea in der Gemeinde Irouléguy (sie wird biodynamisch geführt, seit Michel und Ghérese Riouspeyrons die 8,5 Hektar übernommen haben).

Weiter nördlich von Buzet liegt die AOP Côtes du Marmandais, wo beispielsweise der Winzer Elian da Ros tätig ist. Die hier, etwa 20 Kilometer süd-östlich von Bordeaux, übliche Bordelaiser Assemblage wird mit der Abourion-Traube gewürzt. Noch außerhalb von Madiran und Jurancon liegen die AOP Béarn und ihre Enklave Béarn-Bellocq. Der große Rotwein der Gascogne aber ist der AOP Madiran, ein farbintensiver, tanninstarker Wein, der auf Tannat basiert und zur Milderung einer langen Flaschenreifung bedarf, auch wenn heute reifere Trauben und bessere Verarbeitungstechniken dafür sorgen, daß Weine mit konzentrierter Frucht (schwarze Früchte) und hohem Gehalt an weichen, reifen Tanninen entstehen. Madiran reift auf den Ton- und Uferkalksteinhügel des Adour heran (linkes Ufer). Winzer wie z.B. Alain Brumont versuchen immer wieder die Kraft des Madirans zu bändigen, der ansonsten erst nach 7-8 Jahren trinkreif ist. Dazu gehören: niedrige Erträge, lange Maischegärung, häufiges Abstechen, langer Ausbau in neuer Eiche und Sauerstoffzufuhr während der Gärung in den Tank (bei reduktivem Ausbau). Madiran kann es ohne weiteres mit einem klassifizierten Bordeaux aufnehmen.

In den 1980er-Jahren war Alain Brumonts „Montus Prestige“ noch der einzige Wein des Südwestens mit Barrique-Ausbau (was dazu geführt hat, daß man ihm zeitweise die AOP Madiran aberkennen wollte mangels Typizität). Andererseits machte ihn das bekannt und er konnte das Château Montus von ursprünglich 17 auf ein Imperium von fast 600 ha ausbauen, massgeblich in Madiran (350 ha) und in der Gascogne (220 ha), davon ca. 300 ha in Eigenbesitz. Zu seinen Innovationen in Madiran gehören: die Pigeage, die computergesteuerte Traubenselektion etc.

Die Weißweine aus Madiran firmieren unter der AOP Pacherenc du Vic-Bilh und werden aus Armagnac, Petit Courbu sowie Gros und Petit Mansang gemacht (von den 300 Rebsorten im Südwesten sind 120 autochthone).

Schon in den Ausläufern der Pyrenäen liegt die AOP Jurancon. Der grün getönte Weißwein gehört zu den charaktervollsten Weißweinen Frankreichs und wächst auf den Pryrenäenausläufern von Bèarn. Für den trockenen, früh gelesenen Jurancon Sec sind Gros-Manseng-Trauben verantworlich. Die kleineren, dickschaligeren Beeren von Petit Manseng bleiben bis November/Dezember am Stock, konzentrieren dabei Zucker- und Säuregehalt. Die süßen Moelleux-Weine entstehen nicht durch Botrytis, sondern durch Passerilage – und ähneln einem Vouvray. Vendage-Tardive-Editionen fallen noch stärker aus und werden aus noch mehr getrockneten Trauben bereitet. Ausgeprägte Noten von Aprikosen und Grapefruit, manchmal kombiniert mit würzigen Noten aus neuer Eiche sind das Markenzeichen dieser Weine.

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Dordogne

Folgt man im Hinterland von Bordeaux der Dordogne flussaufwärts in das felsige Hochland, gelangt man in ein unübersichtliches Geflecht aus grünen Tälern. Hier, östlich von Entre-deux-Mers, erstrecken sich die Weinberge der Dordogne. Kultiviert werden dieselben Rebsorten wie im Bordelais, allerdings ist das Klima etwas extremer als an der Gironde: In der Dordogne ist der maritime Einfluß vom Atlantik etwas weniger mässigend und im Frühjahr und Spätherbst fallen starke Niederschläge. Das etwas rauere Klima und der Kalkstein, der sich insbesondere in höheren Lagen findet, begünstigt den Anbau von Weißweinsorten.

Die wichtigsten Appellationen der Dordogne sind Bergerac für trockene Weine und Monbazillac für edelfaule Süßweine aus Sémillon und Sauvignon Blanc mit gutem Preis-Leistungsverhältnis. Die trockenen Weine der AOP Bergerac gleichen jenen der AOP Bordeaux. Glanzvoller sind die üppigen Weißweine aus der AOP Saussignac westlich von Monbazillac.

Der berühmtere Wein jedoch wird in der AOP Monbazillac produziert. Wie Sauternes liegt Monbazillac gleich östlich der Stelle, an der ein kleiner Fluss (Gardonette) in das linke Ufer eines großen, der Dordogne, fließt. Auch hier bildet sich häufig Nebel, der die Bildung von Botrytis Cinerea begünstigt. Sogar die zugelassenen Sorten sind dieselben, nicht aber die Weine, was vielleicht an der besonderen Eignung von Muscadelle in Monbazillac liegt. Gelesen wird von Hand und auch Schwefeldioxid wird sehr zurückhaltend eingesetzt. Junge Spitzengewächse sind etwa opulenter als die besten jungen Sauternes, doch fehlt reifen Varianten dessen charakteristisches Nussaroma.

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Loire

Die Loire ist mit etwa 1.000 Kilometer der längste Fluss in Frankreich. Die Weinbaugebiete an der Loire erstrecken sich aber nur auf einer Länge von etwa 500 Kilometer ab dort, wo er sich nach Westen wendet (Centre) und dem Atlantik zufließt. Etwa 60.000 Hektar sind dort mit Rebstöcken bepflanzt, davon 50.000 Hektar AOP-klassifiziert. Insgesamt gibt es an der Loire mehr als 80 Appellationen – es ist die größte Region für Weißwein und die zweitgrößte für Schaumwein in Frankreich.

Weinregionen

Das Loire-Tal kann grob in vier Unterregionen eingeteilt werden. Von Ost nach West sind das:

  • Obere Loire (Centre)
    • Sancerre
    • Pouilly-Fumé
    • Menetou-Salon
    • Chateaumeillant
    • Coteaux-du-giennois
  • Touraine
    • Vouvray
    • Chinon
    • Bourgueil
  • Anjou-Saumur
    • Coteaux du Layon
    • Savennières
  • Nantais
    • Muscadet Sèvre et Maine

Das sind vier Subregionen, aber nicht selbst auch Appellationen – und anders als in anderen Regionen in Frankreich gibt es auch keine regionale generische Appellation für die gesamte Loire. Nur eine IGP Val de Loire, die die gesamte Region abdeckt.

Klima

Die Unterregionen des Loire-Tals sind unterschiedlichen klimatischen Bedingungen ausgesetzt, es zählt aber neben der Champagne, dem Elsass, Jura, Savoyen und Lothringen zur EU-Weinbauzone B (wie als einziges Gebiet in Deutschland Baden). Generell ist das Klima an der Loire kühl und die Trauben gelangen nur mit großer Mühe zur Reife – haben also durchweg eine kräftige Säure. Um Jahrgangsunterschieden vorzubeugen ist ein gutes Laubwandmanagement gefragt um reife Trauben zu erhalten. Außerdem wirken die vielen Nebenflüsse insgesamt mäßigend.

Die 5.500 Hektar der Oberen Loire (Centre) mit 8 AOPs, 671 Winzern, 390 Weingütern, 5 Weingenossenschaften und 33 Weinhändlern liegen weit im Binnenland. Hier herrscht kontinentales Klima, d.h. Sauvignon Blanc von hier hat einen eher zurückhaltenden Stil (keine übermäßige kräuterwürzige oder fruchtige Noten) und wird im Holz vergoren (Holz sorgt für relativ hohe Gärtemperaturen, was sich auf die Säure auswirkt).

Im Nantais nahe der Küste herrscht dagegen ein maritimes Klima – etwa ab Anger, wo es viel regnet (820 mm/Jahr) und Spätfroste drohen -, während es im Anjou etwas wärmer und trockener ist (wird von den Höhen des Mauges geschützt), auch wegen des steinigen Bodens. In der Touraine herrscht ein kühles, feuchtes Klima und Tonböden.

Insgesamt liegt die Region in einer Randklimazone für Weinbau, sodaß Jahrgänge wegen wechselnder Wetterbedingungen sehr unterschiedlich ausfallen können. Pilzkrankheiten können ein Problem sein (Niederschläge). Die besten Weinberge sind daher idealerweise nach Süden ausgerichtet, meist in der Hangmitte und dem Fluß zugewandt, der Wärme und Licht reflektiert.

Boden

Etwa zwischen Anjou und Saumur treffen zwei Bodenschichten aufeinander:

  • Granit und Schiefer im Westen: „Massif Armoricain“ aus der Bretagne, die ursprünglich eine Insel war
  • Kalk im Osten (Saumur, Touraine, Centre): „Bassin Parisien“, das „Pariser Becken“, aus Kalk (Kreide) sorgt für einen guten Wasserabzug. Ein hoher Kalkgehalt im Boden heißt hoher Säuregehalt im Wein.

Rebsorten

Aus 24 zugelassenen Rebsorten werden 41 % Weißwein, 27 % Rosé, 19 % Rotwein und 13 % Crémant gemacht (insgesamt 270 Millionen Flaschen). Die wichtigsten Rebsorten sind:

  • Sauvignon Blanc (Sancerre, Pouilly-Fumé)
  • Chenin Blanc (Vouvray, Anjou, Saumur)
  • Melon Blanc (Muscadet)
  • Cabernet Franc (Chinon, Bourgueil)
  • Gamay (Châteaumeillant)
  • Pinot Noir (Rosé Sancerre)
  • Grolleau (für Rosé d`Anjou, der ansonsten aus mindestens 30 % Cabernet Franc und/oder Cabernet Sauvignon besteht)

Obere Loire (Centre)

Die Unterregion Centre hat 5.500 Hektar Rebfläche und 8 AOPs. Hier wird hauptsächlich Weißwein gemacht (80 %) und das heißt Sauvignon Blanc, wie in den AOPs Sancerre, Pouilly-Fumé und – etwas günstiger – in der AOP Menetou-Salon. Rotwein (15 %) aus Gamay entsteht in den beiden AOPs Chateaumeillant und Coteaux-du-giennois, hier finden sich Böden wie im Beaujolais.

Die Weinberge in der AOP Sancerre (mit der berühmten Gemeinde Chavignol) liegen auf weißen Kalksteinböden mit hohem Tonanteil, sogenannte „terres blanches“ aus Kimmeridgium-Mergel, die eher robuste Erzeugnisse liefern mit reichlich Säure. Dieser Kalkboden, der für guten Wasserabzug sorgt, ist aber immer wieder mit Kies vermischt, der für Frucht sorgt und den Wein etwas raffinierter macht. So ergibt sich ein trockener, gewichtiger Sauvignon Blanc mit frischer Säure und Aromen von grünem Apfel und nassen Steinen.

Die Gesamtrebfläche in Sancerre beträgt 2.900 ha, in Pouilly-sur-Loire befinden sich 1.450 ha. 14 Dörfer und 3 Weiler dürfen Sancerre erzeugen.

Viele Weinberge in der AOP Pouilly-Fumé liegen tiefer als die von Sancerre, die sich zwischen 200 und 350 m Höhe um die Hügelstadt ziehen. Die meisten Spitzenlagen aber sind nördlich der Stadt anzutreffen. Hier enthalten die Böden einen hohen Anteil Feuerstein (Silex), der alterungsfähige, mineralisch-würzige, fast scharfe Sauvignon Blanc erbringt mit rauchiger, flintiger Note.

Touraine

In der Touraine liegt Kimmeridge-Kalk, ein etwas härterer Kalk als Tuff weiter westlich. Angebaut wird auch hier – wie in Centre – hauptsächlich Chenin Blanc und Sauvignon Blanc, auch als generische Appellation (AOP Sauvignon de Touraine). Die Weine aus der Touraine sind oft weniger konzentriert als ihre Pendants aus den berühmteren Appellationen und zeigt oft einen einfachen, fruchtigen Stil. Rotweine aus der Touraine sind aus der Gamay-Rebe.

In der AOP Vouvray östlich von Tours werden Still- und Schaumweine aus der Chenin-Blanc-Rebe erzeugt, ebenso in der AOP Montlouis-sur-Loire. Chenin Blanc ist etwas körperreicher als Sauvignon Blanc, insgesamt aber dennoch ein leichter Wein mit mittlerem Körper, Süße und viel Säure. Er zeigt Aromen von grünen Früchten, Zitrus und mitunter auch tropischen Früchten sowie leichte Kräuterwürze (Blätter). Aus Chenin Blanc ist im Gegensatz zu Sauvignon Blanc eine nicht-aromatische Rebsorte – die die besten Weine der Tourraine hervorbringt. Eine Besonderheit der Rebsorte ist der unterschiedliche Reifegrad der einzelnen Beeren innerhalb einer Traube. Deshalb sind mehrere Lesedurchgänge nötig, um unreife Trauben zu vermeiden.

Weine von Chenin Blanc können trocken oder süss, Still- der Schaumweine sein. Die Art des jeweiligen Stils hängt direkt vom Reifegrad der Trauben bei der Ernte ab. Unterschieden wird in Vouvray zwischen:

  • trocken (sec)
  • halbtrocken (sec-tendre)
  • lieblich (demi-sec)
  • süß (moelleux)

Für Schaumweine verwendet man gerade eben reife Trauben (Zuckergehalt für 10-11 Vol. %), für trockene, mittelsüße und süße Stile sind zunehmend reifere Beeren vonnöten, auch rosinierte oder edelfaule. (Aber auch trockene mit Restzucker.)

Klima wie auch Boden können sich stark auf den Stil von Chenin-Blanc-Weinen auswirken. In Vourvray halten sich atlantische und kontinentale Einflüsse die Waage und das Wetter (damit auch die Reife des Leseguts) variieren von Jahr zu Jahr. Das insgesamt aber eher kühle Klima und die Tonböden sorgen für eher leichte bis mittelschwere, frisch-fruchtige und florale Weine (selten mit Eicheneinfluß).

In der AOP Montlouis-sur-Loire herrschen ähnliche Bedingungen. In der Appellation gegenüber von Vouvray fehlen jedoch die geschützten Südlagen, wie man sie in Vouvray direkt an der Loire antrifft. Der Boden ist etwas sandiger, der Wein daher etwas leichter und weniger intensiv.

Aus Chinon und Bourgueil kommen die besten Rotweine der Loire. Als früh blühende und reifende Sorte ist Cabernet Franc gut an die Bedingungen an der Loire angepaßt. In der AOP Chinon sind sandige, kieselige Böden am Fluß – hier entsteht ein eher leichter, früh trinkreifer Chinon, während an den Südhängen nördlich der Loire, in der AOP Bourgueil, Kalk-Ton-Böden vorherrschen, die für mehr Körper, Struktur und Tannin sorgen (die Reifung erfolgt bisweilen in Eichenholz).

Anjou-Saumur

Die Appellationen Anjou und Saumur haben ein ähnliches Klima und ähnliche Böden wie Vourvray weiter östlich. Der Ruf von Saumur gründet sich auf Chenin-Blanc-Schaumweinen, während Anjou bekannt ist für trockenen Weine, die oft (aber nicht immer) in neuer Eiche reifen.

Im westlichen Teil von Anjou-Saumur liegen die AOP Coteaux du Layon. Das im Vergleich zur Touraine relativ warme und trockene Klima bringt Weine mit großer Reife und vollem Körper, Süße und wenig floralen Stil hervor. Die Reben wachsen im geschützten Tal des Flusses Layon an exponierten Süd-Südwesthängen, die der Sonne ausgesetzt sind, was den Zucker in der Traube konzentriert. Außerdem bildet sich durch den Fluß leicht Edelfäule, insbesondere in Quarts de Chaume und Bonnezeaux (beide Grand Cru) entstehen so die besten Süßweine der Region.

Die AOP Savennières liegt nördlich der Loire auf steilen Südhängen. Auch hier wächst Chenin Blanc in einem körperreichen Stil. Durch die Luftzirkulation bildet sich keine Edelfäule, dafür wird eine Spätlese begünstigt.

Nach der Champagne ist das Loire-Tal das größte Zentrum der Schaumweinherstellung. Neben Vouvray ist insbesondere die AOP Saumur wichtig. Verarbeitet wird insbesondere Chenin Blanc, aber auch Chardonnay (bis zu 10 %) und Cabernet Franc. In Saumur herrscht eine ähnliche Situaiton wie in der Champagne: auch hier findet sich vornehmlich Kalk im Boden.

Höherwertiger als Schaumwein der AOP Saumur ist jener aus Saumur-Champigny und auch aus der AOP Crémant de Loire, die geografisch weniger eng umschrieben ist und deren Weine wesentlich feiner sind.

Nantais

Das Pays Nantais ist das Anbaugebiet der Bretagne. Der hier produzierte Wein heißt AOP Muscadet und besteht aus der Rebsorte Melon de Bourgogne (oder auch Melon Blanc), einer Schwester der Chardonnay. Melon Blanc reift früh und ist – angesichts der drohenden Spätfroste wichtig – frostbeständig, eignet sich also gut fürs kalte Klima. Er hat eine leichte, neutrale Frucht, hohe Säure und ist dabei körperreich.

Muscadet wird in unterschiedlichen Appellationen erzeugt, wobei die AOP Muscadet das ganze Gebiet abdeckt. Mengenmäßig am meisten produziert wird in der AOP Muscadet Sèvre et Maine. Alle Weine dieser Appellation (69 % der Gesamtproduktion) sind trocken mit mittlerem Alkoholgehalt (maximal 12 Vol. %). Früher wurden die Weine im Holzfaß vergoren, heute benutzt man auch Beton und Edelstahl. Muscadets zeichnen sich durch eine betonte Säure, einen schlanken Körper, sowie Aromen grüner Früchte aus. Sie sollten jung getrunken werden und passen gut zu Garnelen, Austern und Miesmuscheln.

Anbauflächen für Melon Blanc stehen dicht gedrängt auf Hügeln von unterschiedlicher Geologie, vorherrschendes Gestein aber ist Gneis und Granit (wie oft in der Bretagne).

Eine Besonderheit des Nantais ist der AOP Muscaded Sèvre et Maine sur lie: Dieser Wein verbringt den Winter nach der Lese (bis zum 1. März) auf dem Hefesatz und wird im Frühling darauf abgefüllt. Er zeichnet sich durch eine vollere Textur aus und wird direkt von der Hefe in die Flasche abgefüllt.

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Sauvignon Blanc

Sauvignon Blanc ist eine hocharomatische und säurereiche Sorte, die früh reift und sich gut für kühle Klimata („cool climate“) eignet, wo sie ihre erfrischenden Eigenschaften erhalten kann. Sie ist allerdings anspruchsvoll und gelangt nur in warmen Lagen mit südlich ausgerichteten Weinbergen zur vollen Reife. Etwas kargere, tiefgründigere Böden sagen ihr mehr zu als schwere. Sie wird weltweit auf etwa 80.000 ha angebaut und ist damit eine der international erfolgreichsten Weißwein-Sorten – auch wenn ihr Ertrag eher mittelmäßig ist.

Zwei Geschmacksbilder bestimmen die Rebsorte Sauvignon Blanc: Der eine Stil ist geprägt von Methoxypyrazin und hat Anklänge an das französische Wort sauvage („wild“) – hier stehen die grünen, grasigen Aromen im Vordergund, die man auch bei anderen Weißweinen finden kann, aber die bei Sauvignon Blanc in erhöhter Konzentration vorkommen. Der andere Stil ist geprägt von der Frucht: Für den Fruchtkomplex sind Thiole verantwortlich (schwefelhaltige Verbindungen, die es auch bei der Scheurebe gibt), die bei der Gärung von bestimmten Hefestämmen freigesetzt werden. Soll die Frucht erhalten werden, müssen Weine aus Sauvignon Blanc strikt vor Oxidation geschützt werden.

Sauvignon Blanc wird angebaut:

An der Loire (Sancerre, Pouilly Fumé, IGP Val de Loire) herrscht ein eher zurückhaltender Stil, d.h. keine übermäßige Kräuterwürze oder fruchtige Noten, sondern das kühle Klima in Centre bewahrt Säure und begünstigt Aromen von grünen Früchten, vegetabile Noten sowie von nassem Kiesel. Häufig wird in Holz vergoren bei hohen Temperaturen, was zusätzlich Säure bewahrt.

Im neuseeländischen Marlborough gibt es etwas mehr Sonnenlicht als an der Loire, was lebhaftere Geschmacksnoten und kraftvollere Aromen hervorbringt. In Neuseeland werden aromatische Sorten wie Sauvignon Blanc meist in Edelstahl vergoren um die fruchtigen Aromen zu erhalten: Stachelbeere, Holunderblüte, Grapefruit, Passionsfrucht und kräuterwürzige Noten.

Im Bordelais wird Sauvignon Blanc insbesondere in Pessac-Léognan angebaut und dort mit Sémillon zu süßen Weinen verarbeitet (Sauternes), aber auch trocken und teilweise in Eiche vergoren wie im kalifornischen Napa Valley produziert, wo Sauvignon Blanc als Fumé Blanc etikettiert und ebenfalls mit Semillon verschnitten wird, was Textur, Fülle und Körper bringt. Das praktiziert man auch in Margaret River in Western Australia.

In Chile werden fruchtbetonte Sauvignon Blancs mit kräuterwürzigem Charakter produziert, insbesondere in kühleren Regionen wie Casablanca und San Antonio.

Südafrika produziert Sauvignon Blancs in zwei Stilrichtungen: Pikant und von der Frucht beherrscht, ähnlich wie die in Neuseeland (aber nicht so körperreich), bei anderen wird Eiche eingesetzt wie in Bordeaux. Dank kühlender Einflüsse reift Sauvignon Blanc sowohl in Constantia (Meerluft) als auch Elgin (Höhenlage) spät und gerät intensiv und frisch.

In Deutschland wird Sauvignon Blanc überwiegend in der Pfalz, Rheinhessen, Baden und Württemberg angebaut. Ausserdem ist die Steiermark in Österreich bekannt für Sauvignon Blanc.

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Neuseeland

Neuseeland ist eine Inselgruppe zwischen der Tasmanischen See und dem Pazifik, die erst vor etwa 1.000 Jahren von den Maori, einem Pazifikvolk, besiedelt wurde. Sie bildet das Ende des sogenannten Pazifischen Feuerrings, einer 14.000 Kilometer langen Vulkankette. Von Norden nach Süden durchziehen gleich mehrere Verwerfungslinien Neuseeland, die für die etwa 20.000 Erdstösse pro Jahr verantwortlich sind: Hier treffen die pazifische- und die australische Platte aufeinander, was dazu führt, das sich das Gelände an manchen Stellen um etliche Zentimenter pro Erdstoß erhöht (das letzte große Erdbeben war im Jahr 2016). Andererseits führt das dazu, daß auch immer wieder fruchtbarer vulkanischer Boden aus dem Erdinneren an die Oberfläche gedrückt wird (dazu kommt vulkanische Erde aus den Vulkanausbrüchen aus der Vergangenheit).

Dennoch hat Weinbau in Neuseeland keine lange Tradition – überhaupt beginnt die Urbarmachung der Nord- und Südinsel Neuseelands erst ab 1840, als der Inselstaat zur britischen Kronkolonie wird. Aber noch 1960 betrug die Gesamtrebfläche nur 390 ha, Weinberge gab es nur auf der Nordinsel in Auckland und Hawke`s Bay. Erst ab den 1970er-Jahren wurden sukzessive neue Anbaugebiete erschlossen. Um 1980 standen in Marlborough auf der Südinsel 800 ha unter Reben bei einer Gesamtrebfläche von etwa 5.600 ha, dann folgten Canterbury und Central Otago. Inzwischen verfügt Neuseeland über Gesamtrebflächen von 37.000 ha und produziert 3,2 Mio. hl/Jahr. Das sind zwar nur etwa 1 % der Weltproduktion, davon gehen aber 2/3 in den Export, die insbesondere über den größten Hafen des Landes in Auckland verschifft werden (Neuseeland lebt vom Export). Insgesamt gibt es um die 700 Erzeuger. Viele Winzer jedoch haben zwar eine Marke, aber keine Kellereianlagen. Premiumerzeuger sind u.a. „Dry River“ in Martinborough und „Felton Road“ in Central Otago.

Klima

Die Weingärten Neuseelands sind auf einige Zentren an den Küsten verteilt, nur Central Otago auf der Südinsel liegt im Landesinneren (und ist das südlichste Weinbaugebiet der Welt). Insofern und aufgrund der isolierten Lage zwischen dem 35. und 45. Breitengrad mitten im Pazifik (Australien ist 1.900 Kilometer entfernt) herrscht überwiegend ein maritimes Klima, nur in Central Otago ist es eher kontinental. Auf der Südinsel ist es kühl, auf der Nordinsel hingegen etwas wärmer.

Im Zusammenspiel von langen Sonnenstunden (sowie einer hohen UV-Strahlung aufgrund des Ozonlochs über Neuseeland), nächtlicher Kühlung durch Meeresbrisen und einer ausgedehnten Reifeperiode entwickeln die Trauben einen hohen Zuckergehalt und reife Aromen, ohne aber ihre Säure einzubüßen. Die Weinberge der Südinsel befinden sich zumeist in der Osthälfte, wo sie durch die Berge in der Inselmitte – die bis zu 3.200 m hohen Southern Alps – vor regenführenden Westwinden geschützt sind. Dass dennoch viele Rebflächen ergiebigen Niederschlägen ausgesetzt sind, kann in der Reifungsphase zu Problemen führen. Auch entstehen so auf beiden Inseln Klimabedingungen, die fast alle kühler sind als ihre geografische Lage nahelegt (Central Otago befindet sich auf dem 45. Grad südlicher Breite, Bordeaux auf dem 45. Grad nördlich).

Auch die Wein-Monokulturen haben dazu geführt, dass Winde keine natürliche Barriere mehr vorfinden. Dadurch kühlt sich die Region ab und auch die Frostgefahr hat zugenommen. Dem versucht man, insbesondere auf der Südinsel, mit Windrädern zu entgegnen, die zu Verwirbelungen zwischen kalter und wärmerer, etwas höher Luft führen sollen.

Die Wetterextreme, die mit der Klimaveränderung verbunden sind, führen auch dazu, dass die Sommer länger und heißer werden. Das hat in Neuseeland auch ein eher außergewöhnliches Problem zur Folge: Schwärme von Vögeln, die die (reifen) Trauben fressen. Schon ein Schwarm von wenigen Hundert Staren, die hier verbreitet sind, kann innerhalb von kürzester Zeit eine Tonne Trauben fressen. (Man versucht das mit gasbetriebenen „Knallmaschinen“, Netzen und mitunter auch mit dressierten Falken zu unterbinden.)

Geogafie

Die Böden in Neuseeland sind in der Regel durchlässig, Staunässe kommt nicht auf. Allerdings waren die jungen vulkanischen Böden lange von Regenwald bedeckt und sind besonders im flachen Gelände mitunter übermäßig fruchtbar und erbringen einen durchschnittlichen Ertrag von etwa 12 Tonnen pro Hektar. Übermäßig stark wachsen auch die Triebe und Blätter. Um dieser Wüchsigkeit der Reben zu begegnen, haben sich die neuseeländischen Weinbauern zu Meistern im Einsatz von Unterstützungssystemen und anderen Maßnahmen des Laubdachmanagements entwickelt. (In den 1980er-Jahren wurden sie v.a. durch den staatlichen Weinbauexperte Dr. Richard Smart eingeführt.)

Ansonsten allerdings gibt es in Neuseeland keine gesetzlichen Regelungen, d.h. erlaubt wäre fast alles: Säuerung, Chaptalisierung etc. Auch ein eigenständiges Appellationssystem gibt es nicht. Allerdings ist es der Branche im Land ein wichtiges Anliegen die Auswirkungen der Weinbergbewirtschaftung wie auch der Kellertechniken auf die Umwelt zu reduzieren. Um die Erzeuger bei der Erreichung dieser Ziele zu unterstützen hat die Initiative „Sustainable Weingrowing New Zealand“ entsprechende Standards formuliert (Pilzbekämpfung, Verpackung etc.).

Weinwirtschaft

Mit 80 % Weißweinanteil ist Neuseeland ein klassisches Weißweinland, und wie in Australien wird ein Großteil des Weines im Massenware-(Cask-)Segment verkauft. Seit den frühen 1990er-Jahren, als der Westaustralier David Hohnen von Cape Mentelle in Marlborough seinen Markenwein „Cloudy Bay“ einführte – ist Sauvignon Blanc das Aushängeschild der neuseeländischen Weinindustrie: 70 % der Produktion gelten ihm.

Rebsorten

Charakteristisches Merkmal der neuseeländischen Sauvignon Blancs ist der deutliche Anklang an Stachelbeere und Passionsfrucht sowie eine markante Säure, insbesondere bei Weinen von der Südinsel, während die aus dem Norden Noten tropischer Früchte offenbaren. Sie werden reaktionsneutral – also in Stahl – kühl vergoren, mitunter aber auch fassgereift, leicht Eichennoten zeigend (bspw. der „Cloudy Bay“).

Neben Sauvignon Blanc wird insbesondere im Norden (Gisborne, Hawke`s Bay), auch Chardonnay großflächig angebaut sowie die aromatischen Sorten Riesling und Gewürztraminer und Pinot Gris. Dank des trockenen Herbstklimas und kühler Nächte haben die Trauben bis zur Lese reichlich Zeit um ihre Aromen zu entwickeln.

Bei Rotwein gilt das Hauptaugenmerk dem Pinot Noir, speziell in Marlborough und Central Otego auf der Südinsel. Er macht insgesamt 50 % der Rotwein-Produktion aus, stellt aber hohe Ansprüche an seine Lage, d.h. an den Breitengrad (nördlich: Burgund und Oregon, südlich: Tasmanien, Otago). Ansonsten wird Merlot oft für Verschnitte mit Cabernet Sauvignon im Bordeaux-Stil verwendet (Hawke`s Bay, wo 21 % des Rotweins angebaut wird). Geringe Bestände gibt es auch von Syrah, die stilistisch eher den Rhône-Gewächsen ähnelt, als denen aus dem heißen Australien.

Weinregionen

Da es in Neuseeland kein Appellationssystem gibt, werden die Weinbauzonen in die Nord- und die Südinsel eingeteilt, insgesamt sind es 11 wichtige Weinbaugebiete:

  • Nordinsel
    • Northland
    • Auckland
    • Waikato
    • Bay of Plenty
    • Gisborne
    • Hawke`s Bay
    • Wairarapa
  • Südinsel
    • Nelson
    • Marlborough
      • Wairan Valley
      • Southern Vallex
      • Awatere Valley
    • Canterbury
    • Waipara
    • Central Otago

Nordinsel

Neuseelands Weinbau nahm 1819 ganz im Norden, in Northland, seinen Anfang: Hier stand tatsächlich der erste Weinberg, obwohl das regnerische und feuchte Gebiet für den Rebbau wenig geeignet erscheint. Dennoch versucht eine wachsende Zahl von Betrieben hier mit Chardonnay und Pinot Gris sowie Syrah das Gegenteil zu beweisen.

Ebenfalls im Norden befindet sich Auckland, wo sich noch immer viele der traditionellen Kellereien befinden, die Traubengut aus dem gesamten Land verarbeiten. Auckland selbst ist geprägt vom warmen und regnerischen subropischen Klima. Es ist das nasseste Gebiet in Neuseeland (trotzdem haben sich hier Siedler aus dem kroatischen Dalmatien niedergelassen und den Weinbau eingeführt). Wie in Australiens Hunter Valley filtert eine Wolkendecke zu intensive Sonnenstrahlung und sorgt für gleichmäßige Reifebedingungen. Probleme indessen bereiten Fäulnis und Pilzerkrankungen sowie Regen zur Lesesaison. Chardonnay, Merlot und Syrah sind die meistangebauten Sorten. Und während hier viel Regen fällt, fehlt der in den Wiheke Island, gleich im Osten gelegen, das für Bordeaux-Trauben geeignet ist und Syrah.

Südlich von Auckland sind die weniger bekannten Gebiete Waikato und Bay of Plenty mit insgesamt 150 ha. Sie erzeugen solide Weine aus Trauben, die sie aus anderenGegenden beziehen. Auch hier fällt viel Regen.

Gisborne an der Ostküste der Nordinsel besitzt einen zweiten Namen: Poverty Bay („Bucht der Armut“). Sie wurde von den Abfüllern zuerst leer gekauft und dann aufgegeben. Ihre Vorzeigetraube Chardonnay ist heute nicht mehr so gefragt wie der weiter südlich angebaute Sauvignon Blanc, zeigt hier aber markante Aromen tropischer Früchte. Das Wetter in der Mündungsebene nahe der Stadt Gisborne selbst ist geprägt von Regen, zugleich aber sind während der Wachstumsperiode hohe Temperaturen und lange Sonnenstunden zu verzeichnen, die gemeinsam mit den Lehmböden dafür sorgen, daß hier 2-3 Wochen vor Hawke`s Bay gelesen werden kann. Zudem entstehen reichhaltige Gewürztraminer, blumiger Semillion sowie Merlot und Malbec.

Hawke`s Bay liegt ebenfalls an der Ostküste der Nordinsel in einem flachen Mündungsgebiet. Sie ist das wärmste aller wichtigen Anbauzentren und hat die meisten Sonnenstunden. In der Ausdehnung ihrer Rebflächen nur von Marlborough übertroffen, hat sie eine bemerkenswerte Vielfalt an Böden, Ausrichtungen und Höhenlagen zu bieten, die zusammen mit dem warmen Klima ein ideales Terroir für Rotwein-Anbau darstellen, insbesondere für Bordeaux-Verschnitte von Merlot und Cabernet Sauvignon sowie Syrah. Aber erst Ende der 1990er-Jahre wurde verstanden, die Vielfalt der Böden richtig zu nutzen: Es besteht eine Mischung aus fruchtbarem Schwemmland- und kargen Kiesböden, wobei Schluff, Lehm und Kies unterschiedliche Wasserspeichervermögen haben. Die besten Lagen befinden sich auf nährstoffarmen Böden, konkret auf einem 800 ha großen Areal aus tiefgründigem Kies nordwestlich von Hastrup, sogenannter Gemblett-Gravel oder Twyford-Kies. Hier gedeiht der frühreife Merlot etwa zu gleichen Teilen wie die nicht immer ausreifende Cabernet Sauvignon. 2/3 aller Syrahrebstöcke steht in Hawke`s Bay.

Ganz im Süden der Nordinsel befindet sich das Weinbaugebiet Wairarapa mit der Subregion Martinborough, das geradezu weltberühmt für seine Pinot-Noir-Weine ist. Wairarapa erstreckt sich nordöstlich von Wellington jenseits der Berge in deren Regenschatten. Hier liegen die Temperaturen niedriger als in andern Anbauregionen auf der Nordinsel, dafür sind die Herbstmonate sehr trocken. So haben über 60 Kellereien die Chance burgunderähnliche Pinot Noirs zu bereiten. Sie profitieren außerdem von den erheblichen Tag-Nacht-Temperaturunterschieden (auch in den sehr heißen Sommermonaten). So entstehen kraftvoll-pflaumige, würzige Weine, aber auch schlanke wie in Burgund eben. Und auch die Struktur im Weinbau ähnelt der von Burgund: Anders als in Marlborough bereiten die Weinbauern hier auch ihre Weine selber. Anstelle großer Erträge werden nur etwa fünf Tonnen pro Hektar gelesen. Die Herausforderung besteht darin, subtile Weine ohne zu hohe Reifegrade hervorzubringen, angesichts der relativ kühlen, trockenen und somit idealen Wachstumssaison für Pinot Noir.

Südinsel

Auf der etwas kühleren Südinsel jenseits der Cookstraße, die die Nord- von der Südinsel teilt, liegt westlich von Marlborough die Region Nelson. Sie hat etwa so viel Anbaufläche wie Wariarapa auf der Nordinsel ist aber kühler und hat mehr Niederschlag. Ihre Weinberge verteilen sich über die Südwestküste der Tasman Bay. Sie stehen auf Tonböden entlang den Hängen der Montere Hills und auf reichen Schwemmlandböden. Erzeugt wird frischer, kräuteriger Sauvignon Blanc sowie kräftiger Chardonnay, aber auch Pinot Gris und Riesling.

Marlborough an der Nordspitze der Südinsel ist mit Abstand das bedeutendste Weinbauzentrum Neuseelands: Mit etwa 23.000 ha liegen etwa 60 % der Weingärten des Landes hier (aber erst seit 1973 hat es diese Bedeutung). Etwa 150 Weinerzeuger gibt es hier, die sich hauptsächlich dem Anbau von Sauvignon Blanc widmen. Die Anbauflächen konzentrieren sich hauptsächlich in folgenden benachbarten Mündungstälern:

  • Wairan Valley (45 %, wärmer)
  • Southern Valley Zone (25 %)
  • Awatere Valley (30 %, kälter)

Das Wairan Valley, ist mit seinen langen Sonntagen klimatisch mit Martinborough zu vergleichen, allerdings ist seine Landschaft sehr abwechslungsreich. Bemerkenswert sind v.a. die am Südende des weiten Tals abzweigenden Seitentäler, mit Lehm im Tal und Kiesel am Hang, die den Weinbauern eine Reihe unterschiedlicher Ausrichtungen und Höhenlagen bieten. Was die Weinregion so besonders macht, ist auch die ungewöhnliche Kombination aus langen Tagen, kalten Nächten, hellem Sonnenschein und (in guten Jahren) trockenen Herbsten. Bei niedrigen Temperaturen ist ein verregneter Herbst fatal, hier jedoch kann man die Trauben meist (aber nicht immer) langsam an der Rebe reifen und Zucker aufbauen lassen, ohne dass sie die Säure verlieren, die die Weine Neuseelands auszeichnet. (Der Namengeber des Weiran Valley, der Weiran River, spült lehm ins Meer, deshalb ist die Buch sehr trübe – und so selber Namensgeber für den Wein „Cloudy Bay“).

Am stärksten ausgeprägt sind die Tag-Nacht-Temperaturunterschiede im etwas trockeneren, kühleren und windigeren Awatere Valley, das auch etwa kleiner ist. Dank künstlicher Bewässerung und Neupflanzungen ist es in den letzten Jahren enorm gewachsen und wäre nach Weiran die zweitgrößte Region des Landes – noch vor Hawke`s Bay. Sowohl Austrieb als auch Lese finden später statt als am Talboden des Weiran Valley. Dafür sind die Sommer heiß und lang. Die Sauvignon Blancs von hier bringen mehr Säure und einen ausgeprägt kräuterwürzigen Einschlag mit Chardonnay und Pinot Noir werden auch zur Schaumweinproduktion verwendet.

Wie im Wairan Valley liegt die entscheidende Besonderheit auch hier im Erdreich: An manchen Stellen liegt der Grundwasserspiegel gefährlich hoch und die besten Lagen auf diesen jungen, steinigen Böden insbesondere im Norden liegen auf durchlässigem Lehm über Kies, der einst das Flussbett bildete. Etablierte Stöcke haben tiefe Wurzeln, aber junge Reben müssen im trockenen Sommer bewässert werden. Im Süden liefert Pinot Noir auf den höher gelegenen Tonböden ihre blumigsten, vollsten und geschmeidigsten Weine. Auch Riesling und Pinot Gris gedeihen hier gut. Viele Sauvignon-Blanc-Erzeuger verschneiden ihre Trauben aus verschiedenen Klimazonen und unterschiedlichen Böden. Auch BSA und Holzeinsatz werden genutzt.

Das weite Hinterland von Christchurch, der Hauptstadt der Südinsel, trägt den Namen Canterbury. Als Weinregion folgt es einem ganz anderen Kurs als der Rest Neuseelands und produziert einige der burgunderartigsten Pinot Noirs des Landes. Die Region ist kühl – zu kühl für Bordeaux-Trauben. In der Ebene macht sich der kalte Einfluß des Pazifiks deutlich bemerkbar, gleichzeitig bringen jedoch Nordwestwinde leichte Wärme und auch lange, trockene Sommer und konstante Winde sind hier die Regel. Sie halten die Reben gesund. Wasser ist hingegen rar und Bewässerung unerläßlich.

Die Ebenen südlich von Christchurch – der eine Weinbauschwerpunkt – sind den Winden stark ausgesetzt. Das andere Gebiet ist das Hügelland Waipara nördlich von Christchurch, das durch eine Reihe von Hügeln gegen den Ozean abschirmt ist und so gegen scharfe Ostwinde geschützt ist. Die Southern Alps schützen ebenfalls. Schluffboden über Kies, teils mit einer dünnen Lösschicht bedeckt, prägt die Ebenen, Waipara hingegen findet sich kalkhaltiger Lehmboden mit Ton- und Kalksteineinlagerungen. Sauvignon Blanc und Pinot Noir sind die meistkultivierten Sorten, oft in biologischem Anbau, allerdings macht sich der Klimawandel auch hier in Form von häufiger auftretendem Hagel bemerkbar.

Central Otago – in Neuseeland kurz „Central“ genannt – ist eines der südlichsten Anbaugebiete der Welt. Es liegt am 45. Breitengrad, nur 4.000 km vom Südpol entfernt. Central Otago liegt mitten im Landesinnern in den Ausläufern der Southern Alps und ist von 1997 bis 2012 von 200 ha, die von 14 Weinbauern bewirtschaftet wurden, auf über 1.500 ha, die nun von fast 120 Winzern kultiviert werden, gewachsen. Angebaut werden vornehmlich Burgundersorten. Der eigentliche Anbaubereich erstreckt sich über ein weites Gebiet mit unterschiedlichen Bedingungen. Im Gegensatz zum Rest Neuseelands herrscht hier kontinentales Klima und im Frühjahr und Herbst drohen, wie im nördlichen Europa, Fröste. Ausserdem reift in kühleren Bereichen (wie Gibston) manchmal sogar die frühreifende Pinot Noir nicht ganz aus, bevor der Winter hereinbricht. Die Sommer jedoch sind sonnig aber kurz, doch trocken. Und obwohl die Sommersonne mit extremer Intensität scheint, erhalten verläßlich kalte Nächte die nötige Säure in den Beeren. Das Ergebnis sind klare Fruchtaromen und so hohe Reifegrade, daß Weine selten unter 14 Vol. % haben. Dafür sind die Pinot Noirs direkt nach der Abfüllung gut trinkbar.

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Australien

Weinbau wird in Australien seit den 1840er-Jahren betrieben (als sich „Penfolds“ aus Schottland in den Adelaide Hills ansiedelte), moderner Qualitätsweinbau aber erst seit den 1950er-Jahren (mit dem Penfold „Grange“ aus Syrah und Cabernet Sauvignon von John Duval, der heute ein eigenes Weingut in Barossa Valley betreibt). Inzwischen beträgt die Rebfläche 174.000 ha auf der ca. 12 Mio. hl/Jahr produziert werden – insbesondere auch für den Export: etwa 60 % der Weine werden verschifft. Australien ist der sechstgrößte Erzeuger der Welt und viertgrößte Exporteur, wobei allein der „Yellow Tale“ 9 % des Exports ausmacht.

Klima

Da Australien zu 3/4 aus Wüste besteht, konzentriert sich der Weinbau auf „South Australia“, das heißt den Südosten und Südwesten des Landes. Die australische Landmasse entspricht in etwa der der USA und übertrifft die Europas, entsprechend existieren unterschiedliche Klimabereiche. Aufgrund der Breitengrade – Weinbau findet zwischen dem 35. und 40. Grad südlicher Breite statt – unterliegen die meisten Anbauregionen einem warmen bis heißen Klima und praktisch nur im Südosten und Südwesten machen sich kühlende, mässigende Einflüße wie die Nähe zum Eismeer bemerkbar. Diese Einflüsse jedoch verlieren im Landesinneren, wo sich gigantische Anbauflächen für den Export in Riverland, Murray Darling und Riverina befinden, an Einfluß. Diese Regionen können nur durch künstliche Bewässerung, insbesondere Tropfbewässerung, aus den Flüssen Murray, Darling u.a. existieren, auf Kosten der Wasserreserven. (Ansonsten ist Shiraz, die oft angebaute Rebsorte in Australien, robust und widerstandsfähig und kann aufgrund ihres Alters und ihrer tiefen Wurzeln ohne Bewässerung überleben.)

Während diese Regionen vor einer bedrohlichen Krise stehen angesichts der anhaltenden Dürre, ist die nördlichste Weinregion in Queensland von tropischem Klima geprägt. Weinbau dort weicht in höhere Lagen aus, um mehr Kühle zu erfahren – wie das jedoch auch in Adelaide Hills oder Eden Valley der Fall ist.

Infolge der Kombination aus Trockenheit und heißen Sommertemperaturen (in extremen Jahren versiegt sogar der Murray River, eigentlich ein Hauptwasserlieferant für die Binnenregionen) stellen Buschfeuer in manchen Gegenden eine ernste Bedrohung dar – nicht zu Reden von den verheerenden Bränden zwischen August 2019 und März 2020, wo die Flammen in manchen Regionen bis zu 80 % des Lebensraumes zerstört haben. Solche Buschfeuer machen sich bisweilen auch in einer beißenden Note im Wein bemerkbar – man spricht dann von einem „smoke taint“.

Viele Erzeuger halten Ausschau nach Lagen in kühlen Lagen, etwa in Tasmanien, das am weitesten südlich liegt, aber auch dort beschränken sich die Anbauflächen auf das östliche Drittel der Insel um die Hauptstadt: Hobert sowie die im Nordosten gelegenen Regionen Tamar Valley und Pipers River. Hier wird „Cool-Climate“-Weinbau betrieben, d.h. die Region ist bewaldet und feucht, Flüsse mildern die Temperaturen zusätzlich und Talhänge halten gefährliche Fröste ab. Am besten gedeihen hier Chardonnay, Pinot Noir und Riesling. Die Küstenwinde drosseln auf natürliche Weise die Erträge in den Lagen, die dem Buschland abgetrotzt wurden, während der langen Reifephasen bildet sich ein intensiver Weingeschmack.

Rebsorten

In Austalien werden heutzutage etwa 140 (internationale) Rebsorten angepflanzt (der Rotwein-Anteil beträgt 55 %). Shiraz ist mit 43.000 ha die wichtigste Sorte Australiens, gefolgt von Chardonnay mit 32.000 ha, Cabernet Sauvignon mit 28.000 ha und Merlot mit 11.000 ha. Pinot Noir wird auf rund 4.000 ha in den kühleren Küstenregionen im Süden angebaut. Eine der augenfälligsten Veränderungen der letzten Jahre war das Aufkommen sogenannter „alternative varieties“ (den ersten kommerziellen Erfolg erzielte die Pinot Grigio auf der Mornington Peninsula). Auch wenn die strengen australischen Quarantänebestimmungen die Entwicklung bremsen, nimmt die Traubenvielfalt stetig zu, dennoch bleibt Shiraz die archetypische australische Traube, da sie auch ohne Bewässerung kultiviert werden kann.

Shiraz (Syrah) wird in den meisten Regionen großflächig kultiviert. Wo es heiß ist – etwa im Hunter Valley – oder zumindest warm – wie im Barossa Valley -, können körperreiche, intensiv fruchtige Rotweine entstehen mit erdigen, würzigen Noten (Leder). Dabei sind die „Winemaker“ völlig frei von Einschränkungen durch alte Traditionen: Der Önologe ist der einzig bestimmende Faktor der Produktion, das Terroir spielt nur eine untergeordnete Rolle. Entsprechend erzeugen manche Winzer inzwischen auch Shiraz-Weine mit sanfterer Extraktion. Sie geben sich zurückhaltender und schlanker, mit pfefferwürzigem Stil, wie in den kühleren Regionen (Geelong bspw.). Im Verschnitt mit Cabernet Sauvignon übernimmt Shiraz die weiche Rolle des Merlot in Bordeaux.

Weinmarkt

In Australien gibt es keine gesetzlichen Vorgaben bei der Wahl der Rebsorten, der Bewässerung, der Experimentierfreude, keinerlei Beschränkungen beim Zukauf, Lesezeitpunkt, bei der Methodik oder beim Einsatz von Hilfsmitteln (z.B. Holzchips) – allein das Ergebnis zählt. Das Gesetz verlangt allerdings, das alle Angaben auf dem Etikett der Wahrheit entsprechen. Entsprechend auch hat kaum ein anderes Land ein solches Entwicklungspotential – nicht zuletzt auch aufgrund der geografischen und klimatischen Voraussetzungen. Dennoch wird die Weinproduktion zu 80 % von nur vier Betrieben bestimmt (Southcamp Wines, zu denen Penfolds und Lindenaus gehören, Orlando-Wyndham, der die Marke Jacobs Creek geschaffen hat, und BRL Hardy).

In Marken wie Jacobs Creek kommt eine Technologiefixierung zum Ausdruck, die in der jüngeren Vergangenheit Australiens typisch war. Anders als in vielen Regionen Europas, wo die Weinproduktion strengen gesetzlichen Regelungen unterliegt, ist in Australien (wie annähernd überall in der Neuen Welt) bei der Weinproduktion fast alles erlaubt. Eine frühe Ausnahme in diesem Zusammenhang jedoch bildet beispielsweise das Privatunternehmen Henschke mit seinem „Hill of Grace“ (100 % Syrah), der gegen die vielen kreierten „Marken-Weine“ als Beispiel für einen vom Terroir geprägten Lagen-Rotwein steht, dem es gelang, sich der Übernahme durch die Konzerne in den 1990er-Jahren zu wiedersetzten.

Die Schöpfung neuer Marken durch die Großunternehmen ist traditionell mit dem Verschneiden von Trauben unterschiedlicher Sorten und weit auseinanderliegender Regionen verbunden. Solche Weine werden bisweilen unter dem Namen der mehrere Regionen umfassenden (Super-)Zone vermarktet. Es bildet die unterste Stufe des 2001 eingeführten Appellationssystems Australiens, das unter dem Namen „Geographical Indications (G.I.)“ existiert und mit dem versucht wurde, zumindest geographische Grenzen einzuführen.

Weinregionen

Das australische Weingesetz existiert seit 2001 und ist ein hierarchisch aufgebautes System der geografischen Angaben, das aus Zonen, Regionen und Subregionen besteht, die sich fast alle in den Staaten Neusüdwales, Victoria und Südaustralien befinden.

  • 40 Staaten mit 70 Subregionen (die sich innerhalb der Grenzen einer Region befinden)
  • 6 Bundesstaaten und 2 Territorien (Regionen, die auch mehreren Zonen angehören können)
  • 7 Zonen (z.B. South Australia)

Das Eden Valley zum Beispiel ist eine Region innerhalb der Barossa Zone, die innerhalb der Zone South Australia liegt, die wiederum Teil der Super-Zone South-Eastern Australia ist, die sämtliche Gebiete innerhalb der Bundesstaaten South Australia, Victoria, New South Wales und Queensland umfaßt. (Von dieser Einteilung profitieren die Erzeuger durch eine ganze Reihe von Verschnittmöglichkeiten.)

Folgende Appellationen bzw „Geographical Indications“ existieren in Australien:

  • Northern Territory
  • Western Australia
    • Margaret River
    • Great Southern
    • Swan Valley (Subregion von Swan District)
  • South Australia
    • Riverland
    • Barossa Valley
    • Eden Valley
    • Clare Valley
    • Adelaide Hills
    • McLaren Vale
    • Limestone Coast
      • Coonawarra
  • Victoria
    • Rutherglen
    • Goulburn Valley
    • Heathcote
    • Yarra Valley
    • Geelong
    • Mornington Peninsula
    • Murray Darling
  • New South Wales
    • Riverina
    • Orange
    • Mudgee
    • Hunter Valley
  • Tasmanien

Beim Gros der Weine, die unter der Bezeichnung South Eastern Australia Zone verkauft werden, handelt es sich um Massenprodukte, deren Lesegut aus Verschnitten stammen von Trauben aus Riverina, Murray Darling und Riverland mit qualitativ hochwertigeren aus Regionen wie Barossa, McLaren Vale etc.

Western Australia

Die Weinbauregion Western Australia konzentriert sich auf den Südwesten des großen Bundesstaates, auf die Gegend um Perth im Norden sowie um die Albany im Süden, die nicht am Indischen Ozean, sondern ans südliche Eismeer mit dem kühlenden West-Australien-Strom grenzt. Gemäß den Richtlinien dürfen Trauben oder Weine aus den verschiedenen (Sub-)Regionen miteinander verschnitten werden und die Erzeugnisse dann mit der Etikettbezeichnung „Western Australia“ vertrieben werden. Diese Weine fallen als einzige nicht in die Super-Zone „South Eastern Australia“. Viele Weine werden – nach neuseeländischem Vorbild – dennoch mit Schraubverschlüssen versehen, die hier wie die Kappen nach ihrem bekanntesten Hersteller „Stelvin“ genannt werden.

Obwohl nur 5 % des jährlichen Weinausstoßes von hier stammen, ist der Weinbau fast genauso alt wie in New Southwales: Bereits 1834 fand die erste Weinlese statt – im Swan Valley, nur wenige Kilometer flußaufwärts der Hauptstadt Perth gelegen. Allerdings wurde den Winzern schnell klar, daß sie angesichts der glühenden Sommerhitze, deren trockene Winde aus dem Landesinneren die Temperaturen wochenlang auf 38 Grad halten, besser weiter in den Süden ziehen, in die kühleren Regionen ihres nahezu leeren Bundesstaates, wo antarktische Strömungen und auflandige Westwinde dem Land angenehme Kühlung verschaffen. Insofern greift hier auch die Klimaerwärmung nicht so sehr – die Zukunftsaussichten stehen wesentlich besser – und man hat andere Möglichkeiten als die Süssweinproduktion.

Die Weinregion Great Southern (mit ihren Subregionen Albany, Denmark, Frankland River, Porongurup und Mount Barker) wurde in den 1960er-Jahren bestockt und beständig erweitert. Sie bietet einige der kühlsten (Eismeereinflüße machen die Region kühler als Margaret River) und feuchtesten Terroirs in Australien – teils hängen die Trauben bis weit in den Mai an den Stöcken (die Reifung der Trauben in Australien erfolgt von Oktober bis April) – und ist bekannt für tiefdunkle Cabernet Sauvignons (in Mount Barker, Frankland River) elegante, pfeffrige Shiraz (Albany) und blumige Rieslinge (Frankland River, Mount Barker). So hat bspw. der 1966 bestockte und in jüngerer Vergangenheit der wiederbelebte Weingarten „Forest Hill“ ( in Denmark: das älteste „Cool-Climate“-Anbaugebiet in Australien) in Westaustralien Weingeschichte geschrieben. (In Denmark an der Küste reifen Bordeaux-Sorten schwer aus und die dünnschalige Shiraz ist krankheitsanfällig, weshalb man hier auf frühreifende Sorten wie Pinot Noir und Chardonnay setzt.)

Von Albany und Denmark im Südwesten Richtung indischer Ozean wird in den Regionen Manjimup und Pemberton insbesondere Burgundersorten angebaut, während in Blackwood Valley Cabernet Sauvignon und in Geographe neben dem Bordeauxsorten auch Tempranillo sowie italienische Sorten und in Ferguson Valley Rhône-artige Cuvées angebaut werden.

Etwas angesehener ist die noch etwas südlicher (200 Kilometer südlich von Perth) gelegene Region Margaret River, die halbinselartig zwischen Indischem Ozean und südlichem Eismeer liegt aber relativ warm ist mit viel Regen (im Winter) und Bordeaux ähnelt. Weinbau wird hier seit den 1970er-Jahren betrieben, heute sind über 150 Erzeuger aktiv. Die Felsküsten am indischen Ozean werden von ständiger Brandung bedrängt.

In Margaret River herrscht warmes maritimes Klima. Im Vergleich zu anderen Weinbauregionen regnet es viel, allerdings hauptsächlich im Winter. Es herrscht ein wildes Durcheinander an Böden, unter denen vor allem die durchlässigen Eisenböden für die ausgenommen guten Rotweine der Region begehrt sind: Cabernet Sauvignon wird häufig mit Merlot nach Bordeaux-Vorbild verschnitten. Die warmen, trockenen Sommer werden vom Küstenwind gekühlt und die Traubenlese beginnt oft schon im Januar. Ausserdem erweist sich Margaret River wie andere Westküstenbereiche – etwa Bordeaux, Bolgheri, das Napa Valley und die Limestone Coast – als besonders befähigt, die Strahlen der Abendsonne einzufangen (eben da sie alle nach Westen ausgerichet sind). Neben Cabernet Sauvignon wird auch Shiraz und Chardonnay sowie Sauvignon Blanc und Semillon angepflanzt.

South Australia

Südaustralien ist für Australien dasselbe, wie Kalifornien für die USA: der Weinstaat schlechthin. Fast 50 % des australischen Weins stammt von hier, wobei sich der Anbau auf den Südosten des Bundesstaates konzentriert, wo eine große Bandbreite erstklassiger Lagen vorhanden ist, woraus sich eine Vielzahl von Verschnitt-Möglichkeiten bei „South Australia“-Weinen ergeben.

Die Hauptstadt Adelaide – mit der renomierten Weinbauforschungsanstalt – liegt inmitten von Anbauflächen. Auch die Landschaft des 55 Kilometer langen Streifens zwischen Adelaide und dem Nordwestlich gelegenen Barossa Valley – Südaustraliens Antwort auf das kalifornische Napa Valley – wird beherrscht von Reben: Die Reflächen hier bilden eine Art grüne Barriere gegen die Wüste. Nebeneinander liegen hier McLaren Vale, die Adelaide Hills, Eden Valley und Barossa Valley. Ganz im Süden des Staates, an der Grenze zum Bundesstaat Victoria liegt die Limestone Coast – etwa 400 km südöstlich von Adelaide – mit der Subregion Coonawarra.

Ein gutes Stück nordwestlich des Barossa Valley liegt das abgelegene, ländliche Clare Valley. Es besteht aus einer Reihe schmaler, auf einem Hochplateau überwiegend in Nord-Süd-Richtung verlaufender Täler mit jeweils sehr unterschiedlichen Bodentypen. Im südlichen Kernland, das als klassisches Riesling-Terrain gilt, findet man die berühmten kalkhaltigen, roten Terrarossa-Böden, während etwas weiter nördlich Schiefer dominiert. Das heiße Klima wird durch Meeresbrisen gekühlt, ebenso durch die kühlen Nächte, die die Säure bewahren, sodaß die sonst übliche Aufsäuerung unnötig ist. Viele Rebanlagen befinden sich außerdem in der Höhe auf 300-400 m, manche sogar bis 570 m. Der Clare-Valley-Riesling ist stahlig-rein und hat eine hohe Säure, er ist mitunter fast spröde. Daneben entstehen auch pflaumige Rotweine aus Shiraz und Cabernet Sauvignon.

Auch die Weingärten in Eden Valley erstrecken sich bis in 500 m Höhe. Und auch hier gerät die mit den schlesischen Einwanderern eingeführte Rieslingrebe am Besten. Sie werden umso feiner und fruchtig-frischer in dem warmen Klima je höher man in die Hügel östlich des Barossa Valley hinauf geht. Eden-Valley-Riesling zeichnet sich durch einen blumigen, manchmal mineralischen Oberton aus, verliert seine Säure aber schneller als der Clare-Valley-Riesling und neigt mehr zu Grapefruit-Noten.

So bedeutend der Riesling auch sein mag – die führende Sorte des Anbaugebietes ist Shiraz, insbesondere im wärmeren tieferen Teil des Valley – wo der im 19. Jahrhundert mit anderen Deutschen eingewanderte Henschke bereits 1860 den berühmten „Hill of Grace“ pflanzte – und im benachbarten Barossa Valley. Barossa ist das größte Qualitätsanbaugebiet Australiens und zieht sich über 30 km auf Höhen zwischen 230 und 550 m an der Grenze zu Eden Valley.

1860 verfolgte Friedrich III. die Alt-Lutheraner in Preussen und Schlesien, die ins Barossa-Valley flohen und den Weinbau einführten. Seit 1924 wird hier biodynamischer Weinbau betrieben (motiviert vielleicht auch von Rudolf Steiner, der Anfang der 1920er-Jahren in Breslau einen berühmten Vortrag hielt). Die Biodynamie hat aufgrund der kargen Böden viele Anhänger in Australien: Der größte Feind der Reben im Barossa Valley ist die Dürre. Die Rebstöcke überleben längere Durststrecken nur, wenn der Boden gesund ist, genügend Humus hat und die Niederschläge der Wintermonate speichern kann. Dünger jedoch verkrustet den Boden, das Wasser verdunstet dann nur an der Oberfläche. Hier findet mit der Rückbesinnung auf die Biodynamie also eine Gegenbewegung zur Technologiefixierung der jüngeren Vergangenheit in Australien statt, die aber ebenso eine Zukunftsperspektive gegen die Klimaerwärmung bietet.

Barossa und Eden werden unter dem Namen Barossa-Zone zusammenfaßt, weshalb eine lediglich als „Barossa“ etikettierte Flasche Trauben beider Bereiche enthalten kann. Die Nächte hier sind zwar kühl, viel kühler als im McLaren Vale, doch die Sommer erweisen sich als heiß und trocken. Allerdings sind die reifen, tief wurzelnden und unbewässerten Rebstöcke (alte Buschreben), von denen 80 ha über 100 Jahre alt sind, gut angepaßt. Die Reblaus hat Barossa nie erreicht (im Gegensatz zu Victoria) und die Stecklinge können direkt in den Boden gesetzt werden.

Barossa-Shiraz ist schokoladig, würzig, hat Noten reifer schwarzer Früchte und Aromen amerikanischer Eiche, in denen sie rasch durgegärt werden, was ihnen Süße und Geschmeidkeit verleiht, anders als in Bordeaux, wo üblicherweise eine lange Maischung nach der Gärung stattfindet, die Farbe und Tannine extrahieren.

Ein weiteres Plus ist das Alter, weshalb es eine Charta für alte Reben gibt:

  • Old Vines: 35 Jahre alt
  • Survivor Vines: über 70 Jahre
  • Centerian Vines: über 100 Jahre
  • Ancestor Vines: über 120 Jahre

Südlich von Barossa und 25 km östlich von Adelaide liegen die Adelaide Hills, ein Gebiet mit gemäßigtem Klima und Weinbergen auf durchweg über 400 m Höhe. Darüber kommen graue Nebel ebenso häufig vor wie Frühjahrsfröste und selbst im Sommer kalte Nächte. Ergiebige Niederschläge fallen meist nur in den Wintermonaten und die Böden können das Wasser meist kaum speichern, weshalb in der Wachstumssaison häufig Bewässerung erforderlich ist. Wo nicht bewässert wird, wächst nichts. Allerdings sind Verallgemeinerungen in der 80 km langen Region schwierig.

Spezialität der Adelaide Hills sind erfrischende Sauvignon Blancs sowie elegante Chardonnays mit hohem natürlichen Säuregehalt (bspw. im Piccadilly Valley). Bei Rotwein liegt Pinot Noir vorne – auch für die Schaumweinproduktion.

Südlich der Adelaide Hills liegt die Fleurieu-Zone, benannt nach der Halbinsel Fleurieu. Das McLaren Vale ist die bekannteste Weinregion der Fleurieu-Zone und liegt an der Küste südlich von Adelaide. Hier üben frische Meeresbrisen nachmittags einen mäßigenden Einfluß auf das warme Klima aus. Auch im McLaren Vale stehen viele alte, teils über 100-jährige Rebstöcke. Hauptsächlich bringt die Region Rotwein aus Shiraz, Cabernet Sauvignon, Merlot und Grenache hervor – bspw. im kühleren Norden mit seinem tiefen, sandigen Boden auf Tongrund (Grenache und Shiraz). Für Weißwein eignen sich die kühleren Adelaide Hills mit ihren bis zu 1.000 m hohen Hügeln besser.

Innerhalb der bedeutenden Weinregion Limestone Coast im Südosten von South Australia liegt die Subregion Coonawarra, ein schmaler Streifen von 1,5 km Breite und 15 km Länge an der Grenze zum Bundesstaat Victoria. Kennzeichnend ist hier der über Kalksteinuntergrund liegende rotbraune terra-rossa-Boden, ein eisenhaltiger, sehr fruchtbarer roter Lehmboden (ein guter Wasserspeicher), der eine sensorische „Blut-Note“ im Wein hinterläßt. Ansonsten sind Aromen von Cassis, Eukalyptus und Minze charakteristisch für die Weine aus Coonawarra.

Der Anteil an Cabernet Sauvignon-Stöcken macht fast 60 % aus – er findet hier ideale Bedingungen: Beeinflußt von kalten Strömungen herrscht ein gemäßigt-maritimes Klima. Eine Wolkendenke mildert die Temperaturen im Sommer, die Region ist kühler als alle anderen südaustralischen Anbaugebiete. Im Frühjahr können Spätfroste und während der Lese Regenfälle Probleme verursachen. Coonawarra ist kühler als Bordeaux, weshalb Sprinkler als Frostschutz eingesetzt werden. Außerdem mußten die Erzeuger in der vergangenen Dekade zusätzliche Bewässserungsmaßnahmen ergreifen. In den 1980er-Jahren verdoppelten sich die Rebflächen in Coonawarra. Viele Stöcke werden maschinell beschnitten und abgeerntet (Drahtrahmenerziehung).

Victoria

Victoria ist zwar der kleinste Bundesstaat auf dem Festland, nirgendwo sonst in Australien sind die Bedingungen aber facettenreicher: Hier finden sich einige der kühlsten Weinberge, bspw. im Nordosten die höher gelegenen Regionen King Valley, Beechworth und Alpine Valley in etwa 800 m Höhe (und darunter), oder auch in Küstennähe, wo die Nähe zum südlichen Eismeer und Winde von dort für ausreichend Kühle sorgen (Melbourne, Port Philip Bay). Westlich davon, im Landesinneren, liegt die Region Goulburn Valley in Zentral-Victoria. Die herrschende Hitze wird durch die mit dem Goulburn-River verbundenen Seen und Nebenflüsse etwas gemildert, dennoch geht hier ohne Bewässerung nichts. Die größten Flächen nehmen Rhône-Trauben ein wie in Barossa, allen voran die Shiraz mit Stöcken von 1860 sowie angeblich die ältesten Marsanne-Reben der Welt. Die Höhenlagen der Region berwirken einen hohen Säureanteil in den Trauben (Zitrusnoten).

Westlich von Goulburn Valley liegt – mitten in Victoria – die relativ kleine Region Heathcote. Für gemäßigtes Klima sorgen auch hier die Höhenlagen, die die Erzeugung von Shiraz-Trauben begünstigen, aber auch Sangiovese gedeiht hier, ebenso wie Tempranillo.

Vollmundige, saftige, Shiraz wachsen auch gut auf den roten Kambrium-Böden noch etwas weiter westlich im Landesinneren in der Region Bendigo. Auch hier herrscht ein warmes Klima, was den Ausbau üppiger Rotwein ermöglicht.

Ganz im Westen von Victoria liegen die drei Bereiche Pyrenees – eine sanft geschwungene, mit Ausnahme der Nächte nicht sonderlich kühle Landschaft östlich der Grampians ganz im Westen die sich in etwa 340 m Höhe auf kalkreichen Böden in der Great Dividing Range befindet. Die dritte Region hier im West ist Henty, am Meer gelegen und deshalb etwas kühler und auch für Weißwein-Anbau geeignet (Riesling).

Um Melbourne befinden sich die vielleicht wichtigsten Weinbaugebiete Victorias. Neben Subury und dem nördlich davon gelegenen Macedon Ranges ist das unter anderem auch das westlich der Port Philip Bay gelegene Geelong: Pinot Noir ist hier die Traube Nummer eins für viele Erzeuger in dieser wärmeren, aber windigen und sehr maritim geprägten Region. Daneben auch Chardonnay, meist sehr körperreich. Beide werden auch zu Schaumwein verarbeitet.

Unmittelbar nördlich von Melbourne liegt das Yarra Valley. Die Topografie des Tals ist komplex, mit flachen und steilen Hängen in 50 bis 470 m Höhe in allen Himmelsrichtungen. Die oberen Hänge sind kühl, und das Tal genießt ungeachtet der Tagestemperaturen meist kühle Nächte. Generell ist das Klima insofern alles in allem kühl bis gemäßigt und maritim. Auch gibt es viel Regen, selbst wenn die Dürrejahre der jüngsten Vergangenheit dem zu widersprechen scheinen. Die Böden rangieren von grauem Sand oder tonigem Lehm bis zu leuchtend roter Vulkanerde, die so fruchtbar ist, dass sich entlang der Täler Riesen-Eukalyptusbäume erheben.

Die Spezialität der Region ist Pinot Noir, auch wenn das Tal heute eher für seine Chardonnays bekannt ist dank der geografischen Vielfalt und der kühlen Bedingungen. Yarra-Valley-Pinot-Noir ist im Allgemeinen reich an Fruchtaromen (Erdbeer, Pflaume, dunkle Kirsche), die Tannine sind reif und weich, ein sorgsamer Einsatz von Eiche – heute drücken die Weine im Gegensatz zu den 1990er-Jahren eher präzise die Eigenheiten ihrer Herkunftslage aus – verleiht den Weinen Komplexittät. Daneben wird auch noch Shiraz und Cabernet Sauvignon angebaut, aber auch für Schaumwein ist das Yarra Valley gekannt: Als sich Moet&Chandon daran machte, eine gute Kopie ihres Champagners zu erzeugen, gründeten sie die „Domaine Chandon“ im Tal. In kühleren Lagen in der Höhe reifen nahezu 70 % der Trauben für Schaumweine, die üblicherweise aus Trauben mehrerer Staaten entstehen (wie bspw. der Chandon Blanc de Blancs Reserve). Der Rest wird für Stillweine in unterschiedlichen Stilen verwendet, die jedoch im Vergleich zu Weinen aus wärmeren Gebieten eher leichtgewichtig sind.

Ähnlich wie in Yarra Valley sind auch in der südlich von Melbourne gelegenen Halbinsel Mornington Peninsula Pinot Noir und Chardonnay die Spezialität, auch wenn es schwerlich ein Pinot-Noir-Anbaugebiet weltweit mit maritimerem Klima zu finden gibt. Im küstennahen Weinbaubereich mit kühlem und gemäßigtem Klima wehen beständige Brisen, die als Hitzeregulatoren fungieren. Das wechselhafte Wetter mit kühlen, nassen und windigen Bedingungen, während der Blüte und nicht selten bei der Lese führt zu Jahrgangsschwankungen, in den besten Jahren entstehen duftende, elegante Weine. Die Sommer sind (gewöhnlich) mit Durchschnittstemperaturen im Januar von 20 Grad meist kühler als die durchschnittlichen Julitemperaturen im Burgund. Gelegentliche Hitzespritzen können bei den empfindlichen Pinot-Trauben Sonnenbrand verursachen.

60 der 200 Weinbauern auf der Halbinsel folgen dem Burgundermodell und verarbeiten ihre Trauben selbst – auch deshalb, weil 2/3 der Güter kleiner als 4 ha sind. Dabei hat sich die Gesamtrebfläche zwischen 1996 und 2008 verdoppelt: Pinot Noir machte dabei mit 430 ha fast die Hälfte der Stöcke aus. Der Chardonnay-Anteil liegt bei 25 %, der Pinot Grigio-Anteil bei 10 %.

Die vielschichtigen Böden reichen vom vulkanischen oden über sedimentäre gelbe Duplex-Böden, sowie sandigen Tonböden. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den Weinen wider, auch wenn sich die Pinot Noirs in jedem Fall durch eine sehr feine Frucht auszeichnen. Außerdem hat er eine erfrischende Säure und Reinheit. Alle Weine zeichnen sich durch eine gut definierte Struktur und einen gemäßigten Körper aus. Der ausgeprägten Säure der Chardonnays versucht man gewöhnlich mit BSA entgegen zu wirken.

New South Wales

New South Wales hat die längste Weinbautradition Australiens, ist inzwischen aber längst von der aktuellen Rebenhochburg South Australia überrundet worden. Das größte Anbaugebiet ist prädestiniert für die Massenproduktion und heißt Riverina. Die Spezialität hier sind Botrytisweine Semillon-Grundlage: Im Herbst auftretender morgendlicher Dunst und Nebel fördern in dieser Region ganz im Westen von Neusüdwales das Auftreten von Edelfäule (während in Rutherglen im Bundesstaat Victoria Muskateller-Weine nach Tokajer-Methode entstehen: aufgespritete Muscat à Petit Grains, die unter oxidativen Bedingungen jahrelang reifen).

Östlich von Riverina und im Süden von New South Wales liegt Tumbarumba, eine kühle, hoch gelegene Region mit Chardonnay-Trauben (für die Schaumweinproduktion).

Nordöstlich von Tumbarumba liegt die australische Hauptstadt, die von der Weinbauregion Canberra District umfasst wird. Hier herrscht richtig kaltes, teilweise sogar frostiges Klima, weshalb einige der delikatesten Versionene von Pinot Noir, Riesling und sogar Grünem Veltliner hier heranreifen.

Etwas kühlere Bedingungen als an der unter der hohen Luftfeuchtigkeit an der Küste liegenden Soalhaven Coast finden Erzeuger in den landeinwärts von Sidney gelegenen, sich an der Westflanke der Great Dividing Range befindlichen Weinberge in den Hilltops, Orange, Cowra und Mudgee.

Hilltops liegt über 350 m Höhe und hier entsteht viel Lesegut für Kellereien anderer Anbaugebiete, in erster Linie Rotwein, Chardonnay und Semillon.

Cowra liegt etwas weiter nördlich und blickt auf eine lange Geschichte zurück, in der üppige, sinnliche Chardonnays von relativ hohen Erträgen aus Höhenlagen von rund 350 m Höhe ein Hauptrolle spielen.

Auch Orange an den Hängen des erloschenen Vulkans namens Canobolras definiert sich über seine Höhe: Seine Weingärten leigen auf über 600 m und darüber. In solchen Höhen gedeiehen unter anderem Riesling, Sauvignon Blanc und Chardonnay, der hier eine sehr klare, natürliche Säure aufweist.

Lange hat man Neusüdwales nach kühleren Winkeln für Weine mit ausgeprägtem Traubengeschmack durchsucht und wurde in den 1970er-Jahren in Mudgee fündig, einer Region bis in etwa 450 m Höhe. Hier gedeiht Chardonnay und Cabernet Sauvignon, Riesling und Shiraz.

Jüngster Neuzugang von New South Wales ist New England Australia, mit bis zu 1.320 m die höchstgelegene Weinregion Australiens ganz im Norden an der Grenze zum Granit Belt in Queensland, der für 2/3 aller Queensland-Weine verantwortlich ist.

Unbestritten die wichtigste Region in New South Wales ist aber das östlich von Mudgee gelegene Hunter Valley, 160 km nördlich von Sydney gelegen. Paradoxerweise aber ist das Tal kein idealer Ort für Weinbau (sondern profitiert wohl eher von der Nähe zu Sydney – etwa 2 Stunden): In der nördlichsten der traditionellen Weinregionen herrscht ein subtropisches, feucht-heißes Klima mit heißen Sommern, dessen Temperaturen günstigerweise durch eine hohe Wolkendecke und Meeresbrisen etwas gemildert werden, insbesondere aus dem Nordosten (New England) aus dem Pazifik. Die Herbstmonate sind nass, wobei mehr als 2/3 der recht hohen jährlichen Niederschlagsmenge von 750 mm in den ersten 4 Monaten des Jahres fallen, zur Erntezeit. für die Winzer ist das eine Plage, denn die Jahrgänge sind so wechselhaft wie in Frankreich. Um das Auftreten von Fäulnis zu vermeiden ist eine gute Laubpflege unerläßlich.

Der Boden auf dem der Ruf des Hunter Valley gründet, ist südlich zu finden, wo sich ein Streifen aus verwittertem Basalt befindet, der die Wuchskraft der Reben hemmt und die oft sehr ausgeprägten mineralischen Nuancen in den Trauben konzentriert. Die roten Vulkanböden auf etwas höherem Terrain (im Westen) eignen sich besonders gut für Shiraz, die klassische Rotwein-Sorte im Hunter Valley. Semillons aber gedeihen hier in den tieferen Lagen auf weißem Sand und Lehm auf einzigartige Weise. (Sie entspricht mit ihrer Säure Riesling und entspricht einem Kabinettwein.) Shiraz erbringt Weine mit Aromen dunkler Früchte, weichen Tanninen, mittlerem Körper und einen erdigen Unterton. Auch Verdelho blickt auf eine lange Geschichte in Hunter Valley zurück, genauso wie Chardonnay.

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Südafrika

Südafrika ist die älteste Weinnation in der Neuen Welt. Weinbau findet seit dem Jahr 1653 statt, als die ersten Trauben gelesen wurden, und Weine aus „Groot Constantia“ wurden schon im 18. Jahrhundert in die ganze Welt exportiert, wie Scherbenfunde vor Amerika beweisen. Früher war Südafrika aber eher für Süssweine bekannt, sogenannte „Vin de Constance“, da Weinbau vornehmlich in Constantia am Fuß des Tafelbergs stattfand.

Weinwirtschaft

Nach 400 Jahren Kolonialherrschaft hat sich die größte Weinbauregion Afrikas seit dem Ende der Apartheit am 27. April 1994 und dem Ende der damit verbundenen Sanktionen gegen das Regime (seit 1977) grundlegend verändert: Einfuhrbeschränkungen für Weinreben wurden aufgehoben (viele Reben waren zu diesem Zeitpunkt mit Viren infiziert und mußten ersetzt werden) und auch die Struktur der Weinwirtschaft hat sich stark verändert: Auch wenn Genossenschaften immer noch viel Einfluß besitzen, so doch keinen erdrückenden mehr. Ebenso sind die Anbauflächen für Wein seither enorm gewachsen. Heute gibt es etwa 600 Weingüter am Kap und 3.300 Winzer bewirtschaften etwa 125.000 ha auf denen über 10 Millionen hl/Jahr produziert werden, fast die Hälfte davon gelangt in den Export (4,5 Mio. hl). Damit ist Südafrika (vor Deutschland mit 3,8 Mio hl) auf Rang 6, wertmässig aber (mit 583 Mio Euro) auf Rang 1 weltweit.

Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs aber haben sich auch über 25 Jahre nach Abschaffung der Apartheit die Besitzverhältnisse, die der „Natives Land Act“ von 1913 regelt, nicht wirklich geändert: Noch immer gehören über 90 % des Landes der weißen Minderheit und über eine Agrarreform wird weiterhin nur diskutiert. Allerdings wächst zumindest das Bewußtsein für die Problematik, denn was das Gesellschaftliche anbelangt gibt es gravierende Veränderungen: Mit sogenannten Empowerment-Projekten wurde und wird versucht, von Seiten der Reblandbesitzer Arbeiter zunehmend aktiv am Betrieb oder zumindest an der Betriebsgestaltung zu beteiligen.

Überhaupt haben Nachhaltigkeit und Biodiversität inzwischen einen hohen Stellenwert in der Weinwirtschaft Südafrikas: Weil das Erdreich eine der reichhaltigsten Pflanzenwelten auf diesem Planeten nährt – über 6.000 verschiedene Pflanzenarten zählt man -, ist Biodiversität zu einem wichtigen Faktor des südafrikanischen Weinbaus geworden. Mit der „Integrated Production of Wine (IPW)“ wird versucht Regeln für Biodiversität und Nachhaltigkeit zu definieren – und dazu gehören auch faire Arbeitsbedingungen (zum „Terroir“ gehören auch Menschen und Geschichte eines Landes). Wer Weine aus Südafrika exportieren will, muß sich nachweislich um nachhaltige Bewirtschaftung und Re-Naturierung des Landes kümmern. Das wird mit unterschiedlich farbigen Siegeln auf den Weinetiketten dokumentiert. In diesem Zusammenhang wird auch versucht Rebflächen nach Art der riesigen, mechanisierten Traubenplantagen in Australien zu verhindern und stattdessen Einzellagen mit weniger als 6 ha bewußt zu fördern. Seit 2005 werden Lagennamen deshalb auf dem Etikett genannt und 2012 stammten bereits 90 % des Weins aus nachhaltigem Anbau.

Klima

Weinbau findet in Südafrika zwischen dem 27. und dem 34. südlichen Breitengrad statt. Dabei wachsen die meisten Reben in kühlerem Klima als der Breitengrad vermuten läßt: Während es im Binnenland (Region Klein Karoo) im Sommer tatsächlich sehr heiß werden kann mit regelmäßig über 30 Grad, unterliegen insbesondere die Regionen in Küstennähe kühlenden Einflüssen: Sie rühren vor allem vom südlichen Eismeer her, denn – wie der Humboldtstrom Chile – streift der kalte Benguelastrom aus der Antarktis hier die westliche Atlantikküste und entfaltet so eine kühlende Wirkung. Wo er auf den warmen Mocambiquestrom trifft entsteht darüber hinaus Verdunstungsnebel.

Insgesamt herrscht so maritimes Klima, das durch den „Cape Doctor“ genannten Wind noch zusätzlich kühlende Einflüsse erfährt: Der „Cape Doctor“ ist ein trockener, kräftiger Südostwind, der von September bis März weht und mit dem die über dem Ozean abgekühlte Luft weiter ins Landesinnere gelangt. In manchen Gegenden können deswegen die Temperaturen um einige weitere Grade zusätzlich sinken. Er verjagt außerdem Feuchte und Mehltau – verringert also das Risiko für Pilzkrankheiten -, deshalb der „Doctor“.

Ebenfalls klimabestimmend für den südafrikanischen Weinbau sind die beeindruckenden Gebirgsketten, die die Anbauregionen durchziehen. Sie bieten den Erzeugern eine imposante Bandbreite unterschiedlicher Höhenlagen (die Höhe wirkt sich spürbar auf das Weinbergklima aus: Unten in den Tälern es es meist deutlich wärmer als oben in den Bergen) und Ausrichtungen im Verbund mit einer Vielzahl unterschiedlicher Böden, was in den unterschiedlichsten Lagenklimata resultiert.

Weinbau

Gepflanzt wird in Südafrika insbesondere an den Südhängen, wo die Reben von kühlenden Temperaturen profitieren (also genau umgekehrt wie auf der Nordhalbkugel). Emporragende Berge können auch Schatten auf benachbarte Rebflächen werfen. In Küstennähe können die Berge zudem wie Windkanäle wirken und den Cape Doctor durch die Weinberge leiten. Außerdem regnet es zu beiden Seiten von Bergketten wie Drakenstein, Hottentos, Holland und Langeberg ausgiebig, während man andernorts mit 200 mm im Jahr auskommen muß. Wenig Regen im Herbst verringert jedoch den Pilzdruck.

Positiv wirkt sich auch die lange Wachstumsperiode von 8 Monaten und die Temperaturunterschiede zwischen kühlen Nächten und heißen Tagen aus: Sie verringern den Energieumsatz der Rebe, sodaß sie den tagsüber angesammelten Zucker nicht verbrauchen kann und deshalb umso mehr davon in den Trauben speichert. Negativ hingegen wirkt sich aus, daß die Böden in Küstennähe häufig einer ph-Anpassung bedürfen. Außerdem hat das Kap die älteste Geologie aller Weinbaugebiete: alte, verwitterte Böden auf Granit, Tafelberg-Sandstein oder Schiefer – ein Untergrund der die Wuchskraft der Reben von Natur aus begrenzt.

Seit den Anfängen des Weinbaus um das Jahr 1650 werden die Reben in Südafrika in Buschform erzogen. Die Rebstöcke können sich dadurch nicht so ausbreiten und nur wenige Triebe entwickeln, weshalb die Kraft in den Trauben optimal konzentriert wird. Die Reben kommen mit der großen Hitze bisweilen gut zurecht, ein Problem jedoch kann Überreife werden und damit verbunden: Säureverlust. Um dem Vorzubeugen wird eine Art „Passerilage“ praktiziert (wie bei den Süssweinen aus Sauternes, wo die Triebe des Weinstockes geknickt werden): Hier wird der Stilansatz der Traube gedreht oder (mit einer Zange) gequetscht, damit die Traube vom Weinstock quasi getrennt wird. Ein Austausch findet so nicht mehr statt, trotzdem kann die Traube weiter reifen und entwickelt ein perfektes Verhältnis von Zucker und Säure. Außerdem legt man so den Erntezeitpunkt fest.

Weinregionen

Seit 1973 regelt das „Wine of Origin Scheme (W.O.)“ die Angaben zur geografischen Herkunft. Weine mit der Etikettangabe „W.O.“ tragen ein Zertifizierungssiegel auf der Flasche. Ausgezeichnet werden seit diesem Zeitpunkt erstmals offiziell Regionen, Distrikte und Wards, die kleinste geografische Einheit. Die übergeordnete, größte Gebietgsbezeichnung ist die „Geographical Unit“, es gibt davon nur zwei 2: Northern Cape und Western Cap, wo 90 % der Gesamtproduktion stattfinden. Das südafrikanische W.O.-Schema unterscheidet folgende Herkünfte (gegliedert nach „Geographical Unit“, „Region“, „District“ und „Ward“):

  • Northern Cape
    • Ward Central Orange River
  • Western Cape
    • Olifants River
      • Discrict Lutzville Valley
      • District Citrusdal Valley
      • District Citrusdal Mountain
    • Coastal Region
      • Disctrict Swartland
      • Disctrict Tulbagh
      • District Darling
      • District Wellington
      • District Paarl
      • District Stellenbosch
      • District Cape Point (Cape Peninsula)
        • Ward Constantia
        • Ward Durbanville
      • District Franschoek Valley
    • Breede River Valley
      • District Breedeklof
      • District Worcester
      • District Robertson
    • Cape South Coast
      • District Elgin
      • District Walker Bay
        • Hemel-en-Aarde (verschiedene Wards)
      • District Cape Agulhas
        • Ward Elim
      • District Overberg
      • District Swellendam
      • District Plettenberg Bay
    • Klein Karoo
      • District Calitzdorp
      • District Langeberg-Garcia
  • Wards not part of a region: Ceres, Cedarberg, Prince Albert Valley, Swatberg und Lamberts Bay

Klein Karoo

Wichtig für den südafrikanischen Weinbau sind insbesondere die Regionen, die unter dem Einfluß des Meeres stehen und gemäßigteres, regenreicheres Klima haben. Davon unterscheidet sich das regenärmere, heißere, von der Bergkette Langeberge von der Küste abgetrennte Klein Karoo mit eher alkoholreicheren Weinen. Hier klettert das Quecksilber in dem trockenen Buschland so hoch, daß gespritete – durch Bewässerung erst möglich gemachte – Weine zur lokalen Spezialität geworden sind, auch wenn geringe Mengen Chenin Blanc produziert werden. Kultiviert werden Muscat-Trauben und Sorten aus dem Dourotal wie Tinta barocca (in Portugal tinta barroca geschrieben) und Touriga Nacional. Die portugiesischen Portwein-Häuser haben ein respektvolles Auge auf die Entwicklung v.a. im District Calitzdorp.

Olifants River

Noch weiter nördlich befindet sich die Region Olifants River, wo ein Großteil der frischen Chenin Blanc und Colombard-Erzeugnisse wächst, die Südafrika als beste Quelle preisgünstiger Weißweine erscheinen lassen. Auch die Districte dieser Region leigen in geringer Höhe im Landesinneren, mit Ausnahme des Wards Banboes Bay, an der Westküste, was man soweit nördlich gar nicht erwarten würde.

Coastal Region

Die Provinz Western Cape (Westkap) ist das größte Weinbaugebiet Afrikas und die Coastal Region ist ein Teil davon. Die Coastal Region liegt in den Distrikten um Kapstadt, die sich im Schatten des Tafelbergs befindet und als „Mutterstadt“ Südafrikas gilt. Ihre Ausläufer ziehen sich bis hinunter and Meer, wo sich am Kap der Guten Hoffnung Atlantik und Indischer Ozean treffen.

Im Norden Kapstadts, südlich von Olifants River, erstreckt sich der große District Swartland, wo vornehmlich Trockenanbau („dry farming“) mit geringen Erträgen praktiziert wird. Bis in die jüngere Vergangenheit hat man diesen District nur mit robusten Genossenschaftsverschnitten in Verbindung gebracht. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert, obwohl ein Großteil des weiten Hügellandes dem Weizenanbau dient. Insbesondere die alten Chenin-Blanc-Reben in Buscherziehung, die für den Weißwein-Boom in den 1960er-Jahren gepflanzt wurden, sind heute äußerst angesehen, auch, weil sie – ebenso wie hochwertige Versionen von Syrah – im Trockenbau ohne Bewässerung kultiviert wird, wodurch sich geringere Ertragsmengen, aber auch eine konzentriertere Frucht ergibt.

Noch immer liegt der Anteil von Chenin Blanc bei fast 20 % der Fläche in Südafrika, wo sie auch „Steen“ genannt wird. Sie ist damit die führende Rebsorte des Landes, aber nicht nur das: Von den 33.000 ha, die weltweit mit dieser Rebsorte bepflanzt sind, stehen 19.000 ha in Südafrika, das damit das führende Chenin-Blanc-Land vor Frankreich (Loire) ist. Dies kommt daher, daß Chenin Blanc in der Kap-Region früher vor allem auch für die Weinbrandherstellung verwendet wurde. Die vielen Bestände von sehr alten, oft bis zu 100 Jahre alten Buschreben sind Südafrikas großes Kapitel. Die besten Weine erbringt Chenin Blanc dort, wo der Einfluß des Meeres die natürlich hohe Kohlensäure bewahren hilft.

Chenin Blanc ist etwas körperreicher als Sauvignon Blanc, insgesamt aber dennoch ein leichter Wein mit mittlerem Körper, Süße und viel Säure. Im Gegensatz zu Sauvignon Blanc ist Chenin Blanc keine aromatische Rebsorte. Dennoch zeigt er Aromen von grünen Früchten, Zitrus und mitunter auch tropischen Früchten sowie leichte Kräuterwürze (Blätter). Durch Fassgärung und -reifung erhalten manche dieser Weine mehr Körperfülle und toastige Eichennoten. Eine Besonderheit der Rebsorte ist der unterschiedliche Reifegrad der einzelnen Beeren innerhalb einer Traube. Deshalb sind mehrere Lesedurchgänge nötig, um unreife Trauben zu vermeiden.

Der District Darling liegt im Südwest von Swartland in Küstennähe und damit im Einfluß kühler Meeresbrisen. Zunächst gründete der Ruf der Enklave auf Sauvignon Blanc, der hier sehr kristallin ausfällt, doch heute hat er verschiedene andere Sorten in seinem Portfolio und verfügt zudem wie Swartland über etliche Anlagen mit alten Reben.

Weiter östlich von Darling liegt der wiederentdeckte District Tulbagh in einer auf drei Seiten von den Winterhoek-Bergen eingerahmten Landschaft. Boden, Ausrichtung und Höhenlage fallen sehr unterschiedlich aus, allen gemeinsam ist aber ein großer Tag-Nacht-Temperaturunterschied. Früher für Weißwein bekannt, entstehen heute Weine im Rhône-Stil (Syrah).

Der District Wellington, ein weniger angesagtes Gebiet, zeichnet sich durch größere Tag-Nacht-Temperaturunterschiede als die Anbaubereiche in Küstennähe aus und ähnelt insofern Tulbagh. Es bietet einen vielfältigen Mix aus Schwemmlandterrassen in Richtung Swartland im Norden sowie atemberaubende Lagen in den Ausläufern der Hawequa Mountains.

Der wichtigste Bezirk in District Tygerberg ist der Ward Durbanville nördlich von Kapstadt. Er verfügt über Hanglagen, die von den Meeresbrisen, die über die Kapspitze kommen, gekühlt werden. Einen guten Ruf hat hier Sauvignon Blanc und Merlot, der in Südafrika lange unter dem Blattrollvirus litt wie auch andere Rotweine. Dieser Virus verhindert das Ausreifen – und so besteht eine der größten Herausforderungen für den südafrikanischen Weinbau darin, die großflächig gepflanzten und unter Quarantäne stehenden Stöcke robust und gesund zu erhalten.

Östlich von Tygerberg liegt der große Discrit Paarl. Hier, weiter im Landesinneren ist der Einfluß des Meeres weniger spürbar und die Temperaturen sind in der Regel im Sommer höher, was jedoch teils durch frischere Nachttemperaturen ausgeglichen wird. Wie in Stellenbosch oder Tulbagh bietet das gebirgige Gelände eine Vielzahl an Höhenlagen, Ausrichtungen und Bodenprofilen. Eine ganze Reihe von Traubensorten wird hier angebaut: Bei Weißwein sind Chenin Blanc und Chardonnay die wichtigsten Sorten, bei Rotwein sind es Cabernet Sauvignon, Syrah – un die einzige autochthone Rebsorte der gesamten Neuen Welt: Pinotage.

Pinotage wurde 1920 gezüchtet und ist eine Kreuzung aus Pinot Noir und Cinsault, die einem „Hermitage“ entsprechen soll. Pinotage ist dunkel und stark duftend, ergibt aber leichte, eher schlanke Weine mit animierender Säure und Aromen roter Beeren. Alte Reben können körperreich sein und in Holz ausgebaut treten Schokoladearomen auf (Holzausbau wird bisweilen auf dem Etikett angeführt).

Franschhoek Valley ganz im Osten ist inzwischen ein eigener District. In dem einst von 400 Hugenotten erschlossenen Tal findet man heute noch viele französische Orts- und Familiennamen. Es ist ebenfalls auf drei Seiten von Bergen gesäumt und eher für seine Landschaft als für seinen Weinen bekannt. (Ursprünglich hieß der District Olifantshoek, weil hier so viele Elefanten lebten.)

Der District Stellenbosch erstreckt sich vom küstennahen Binnenland bis zu den Bergen, die die Stadt Stellenbosch umgeben und gilt seit langem als Zentrum für Qualitätsweine in Südafrika. Insbesondere Cabernet Sauvignon, Merlot und Pinotage werden hier angebaut. Die Stadt ist auch das Zentrum der südafrikanischen Weinbauforschung und -lehre. Je nach Standort ist das Klima gemäßigt bis warm: Im Norden liegt die Temperatur höher – das Klima eignet sich bestens für Weintrauben. Im Winter fällt ausreichend Niederschlag – fast die ideale Menge -, während es im Sommer selten zu heiß ist (aber doch etwas wärmer als in Bordeaux), was den kühlen Winden aus der False Bay zu verdanken ist, die von den Bergen in die Täler geleitet werden.

Der Hauptgrund für den Erfolg Stellenboschs ist aber in der Vielfalt seiner Höhenlagen, Ausrichtungen und Bodentypen zu sehen: Die Böden sind auf der Talsohle im Westen (wo traditionell Chenin Blanc angebaut wird) leicht und sandig, an der Berghängen dagegen schwerer. Am Fuß der Bergkette im Osten (bspw. Simonsberg, Drakenstein) bestehen sie aus verwittertem Granit. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, ist der relativ kleine Bereich in eine Reihe einzelner Wards unterteilt, die jedoch nicht dazu verleiten sollten, mit dem Standort einer Kellerei einen Terroirgeschmack in Verbindung zu bringen. Denn sie dürfen Trauben aus unterschiedlichsten Anbaugebieten verschneiden. Die Etiketten so mancher Spitzenprodukte tragen dann nur die Herkunftsbezeichnung der Geographical Unit oder der Region (Coastal Region bzw. Western Cape), besonders bei Exportprodukten.

In den letzten Jahren hat sich Stellenbosch mit Spitzenrotwein einen Namen gemacht, insbesondere mit Cabernet Sauvignon und Merlot, die häufig im Bordeaux-Stil verschnitten werden, sowie mit Syrah und sogenannten „Cape Blends“, d.h. Verschnitten von Pinotage mit internationalen Sorten, oft aus Bordeaux. Aus kühleren Lagen des Districts kommen darüber hinaus auch hochwertige Sauvignon Blancs und Chardonnay – zumeist aus Lagen bzw. Wards, die Südwinden aus der False Bay ausgesetzt sind oder die Höhenlage den Reifeprozeß verlangsamt, damit die Trauben nicht zu früh gelesen werden müssen, um Aromen und den hohen Säurepegel zu bewahren.

Der bedeutenste Ward im District Cape Point ist Constantia, eine kühle Halbinsel an der Ostflanke der Fase Bay, die einige der ältesten Weinberge am Kap beherbergt. Diese Rebpflanzungen (an der Ostflanke des Tafelbergs) unterliegen dem beständig kühlenden Einfluß des Cape Doctos, und so wird hier mit großem Erfolg Sauvignon Blanc angebaut. Er nimmt in diesem zu False Bay hin geöffneten Amphitheater 445 ha ein und stellt somit etwa 1/3 aller Reben dar. In den wärmeren Lagen werden etwas Shiraz, Cabernet Sauvignon und Merlot kultiviert sowie etwas Semillon (lange die meistangebaute Rebsorte Südafrikas, aber die niedrigen Temperaturen eignen sich besser für Sauvignon Blanc, da sie das Phyrazin in der Traube gewahrt, das für die grasigen Sauvignon-Blancs-Aromen verantwortlich ist).

10 Kellereien stehen im Ward Constantia, nur 1 ist in der Region Cape Point, die noch etwas kühler als Constantia ist und herausragenden Sauvignon Blanc und Semillon produziert. Hier wird auch die Tradition der Dessertweine aus der Muscat-Traube weiter geführt, die spät gelesen werden, damit sie kräftig Zucker aufbauen können.

Breede River Valley

Breede River Valley ist mit etwa 13.000 ha eine riesige Region im Landesinneren, umrahmt von den 4 anderen Regionen. An seinem westlichen Ende befindet sich der District Breedkloof, der so heiß und trocken ist, daß ohne Bewässerung gar nichts geht. Das gilt auch für den benachbarten District Worcester, wo das Klima genauso heiß und trocken ist. Allerdings bringen die fruchtbaren Böden der beiden Districts einen beträchtlichen Teil – etwa 1/4 – des jährlichen Gesamtertrages des ganzen Landes, hauptsächlich Weißweine aus Chenin Blanc und Colombard, mehr als in jeder anderen Anbauregion am Kap. Ein Großteil davon geht in die Spirituosenproduktion bzw. endet als Branntwein, doch insbesondere in Worcester bereitet man auch einige gute rote und weiße Stillweine (auch für den Massenmarkt).

Der District Robertson östlich von Worcester talabwärts im Breede River Valley ist klimatisch mit Worcester vergleichbar, aufgrund seiner großen Nähe zum Indischen Ozean und aufgrund der ins Tal wehenden Südostwinde aber etwas kühler. Weinau findet hier bis in eine Höhe von 1.000 m statt. Auch hier produzieren eine Reihe bewährter Weingüter und Genossenschaften gute Weine für den Massenmarkt. Allerdings bringt der etwas kühlere Bereich dank des hohen Kalksteingehalts im Boden, der etwas weniger fruchtbar ist, auch exzellenten Syrah und körperreichen Chardonnay hervor, obwohl der geringe Niederschlag und heiße Sommer nicht gerade förderlich scheinen. Südostwinde aber bringen die benötigte kühle Luft vom Indischen Ozean ins Tal.

Cape South Coast

Ist Stellenbosch vielleicht mit Bordeaux vergleichbar, so entspricht die Cape South Coast dem Burgund. Dabei ist die Region vorteilhaft am Meer gelegen. Regelmäßig liefert sie mit das beste Lesegut und die besten Weine Südafrikas, obwohl es erst seit 1975 Weinbau in dem Gebiet gibt: Oberhalb von Hermanns an der Walker Bay, im Hemel-en-Aarde Valley, versuchte damals Tim Hamilton-Russell sein Glück mit Pinot Noir – und prompt war kein südafrikanischer Wein den französischen Weinen im Stil jemals so Nahe gekommen. Auch der Chardonnay geriet gut. Heute befinden sich 15 Kellereien im District.

Das vom Atlantik gekühlte Hemel-en-Aarde („Himmel und Hölle“) – das Meer ist hier bis zu 4.000 m tief und im Sommer kommen sogar Wale in die False Bay – mutet bis heute abgeschieden und wild an. Weiter landeinwärts wird das Klima kontinentaler. Trotz durchschnittlicher 750 mm Regen im Jahr ist die Bewässerung in den landeinwärtigen Schiefer- und Sandsteinlagen nötig. Glücklicherweise gibt es auch genügend wasserhaltenden, kühlen Tonboden für den Trockenweinbau von Burgunderreben. Daneben gedeihen noch Sauvignon Blanc gut sowie Merlot und Syrah.

Im Nordwesten der Walker Bay, an Stellenbosch angrenzend, liegt der District Elgin. Die Weingärten liegen hier in kühlen, zwischen 200 und 400 m hohen Lagen. Dank des stetigen Atlantikwinds liegt die Durchschnittstemperatur im Februar unter 20 Grad. Jährlich können bis zu 1.000 mm Regen fallen, doch die Wüchsigkeit auf Schiefer- und Sandböden gilt, Pilzerkrankungen abzuwehren. Elgins Spezialität sind rassige Sauvignon Blancs, aber auch feine Pinot Noirs sowie bordeauxartige Rotweine.

Im District Cape Agulhas, am südlichsten Ende Afrikas, stehen Pflanzungen im östlichen Hinterland in der Nähe des Dorfes (Wards) Elim. Insbesondere ein pikant-kräuterwürziger Sauvignon Blanc sowie der beliebte Shiraz gedeihen hier.

Exkurs zum Weingut Kanonkop

In Stellenbosch ist das Weingut Kanonkop zu Hause. Seit der ersten Abüllung vor 44 Jahren hat sich Kanonkop zu einer herausragenden Quelle für Rotwein aus Stellenbosch entwickelt: 1991 gewannen sie die Robert Mondavi Trophy als „International Winemaker of the year“, außerdem 4 Mal die Auszeichnung „Bester Rotwein-Blend“ weltweit. Verantwortlich für den seither steilen Anstieg sind die Brüder Johann und Paul Krige.

Der Name „Kanonkop“ stammt von einer Hügelkuppe oberhalb des Weinguts, dem Simonsberg, von wo im 17. Jahrhundert eine Kanone abgefeuert wurde wenn Schiffe in die Table Bay einliefen. Seit 4 Generationen befindet sich das Weingut hier am Simonsberg in Familienbesitz, seit 1925 wird Wein produziert (Grossvater Paul Sauer) aber erst seit 1981 konzentriert nur noch Pinotage und Cabernet Sauvignon (zu 50 % und 30 %, der Rest ist mit Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot bestockt). Aber erst seit 1991 bzw. 1994 – mit der Demokratie und dem Ende der Handelsbeschränkungen bzw. dem Gewinn der Weinauszeichnungen – werden sie international wahrgenommen.

Über 100 ha sind bepflanzt und erstrecken sich über die niedrigen Hänge des Simonsberges bei Stellenbosch auf 10- 120 m Höhe. Die Reben sind vorwiegend nach Südwesten ausgerichtet, was jenseits des Äquators eine langsamere Reife garantiert. Sie stehen hier auf verwittertem Granit und relativ hohem Tonanteil, somit muß nicht bewässert werden beim Pinotage. Das ist beim Cabernet anders, der weiter unten auf Sand steht. Außerdem sind viele Pinotages über 63 Jahre alt und wurzeln tief. Sie sind als Buschreben erzogen. Die Lagen am Simonsberg profitieren im Sommer von den kühlen Brisen, die nachmittags von der False Bay hereinblasen und die Temperaturen mässigen.

Im Keller stehen große offene, flache Gärbecken, den Lagares gleich, die am Douro stehen (seit 1941, inzwischen mit einem Kühlsystem ausgestattet). Gelesen wird von Hand – es sind 54 ArbeiterInnen beschäftigt. Grundsätzlich wird in den Lagares Maische vergoren, alle 2 Jahre erfolgt eine Pigeage: Beim Pinotage, der etwas mehr Saft hat, ist der Extraktionsprozeß etwas schneller, da bleibt die Maische drei bis dreieinhalb Tage in den Lagares, beim Cabernet Sauvignon mit seinen kleinen Beeren maximal 5 1/2 Tage. Auf neueste Entwicklungen wie eine optische Beerensortieranlage wird nicht verzichtet.

Bis 2006 gab es nur 4 Weine: den Kadett (mit ausgezeichnetem Preis-Leistungsverhältnis), den Pinotage, den Cabernet Sauvignon und den Blend „Paul senior“. Inzwischen gibt es noch ein Black Label mit herausragender Qualität sowie eine 10-Jahres-Edition jedes Weines. Alle Weine werden in französischer Eiche ausgebaut.

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Mittelmeerregion

Griechenland ist eine natürliche Heimat der Weinrebe, auch wenn Vitis vinifera ihr Entstehungszentrum an den Küsten des Kaspischen- und Schwarzen Meeres (Pontus) hat. Von dort aus hat sich die Rebe über Sumer, den heutigen Irak, nach Iran und Palästina in die Levante ausgebreitet und mit den Phöniziern nach Kreta und Griechenland. Die weitere Verbreitung der Rebe und des Weinbaus erfolgte dann mit der Besiedlung des Mittelmeerraums durch die Phönizier, die den Wein an die nordafrikanische Küste, nach Ägypten und Libyen, brachten, und später durch die Griechen, die ihn in Sizilien und Massalia (Marseille) einführten. (Diesem Weg folgte auch der Dionysoskult: Die Ausbreitung der Weinkultur an den Küsten des Mittelmeeres war auch wesentlich an der Einsetzung der Mysterien des Dionysos beteiligt.)

Zum Dionysoskult siehe auch den Essay die rückkehr des dionysos, zur weiteren Entwicklung des Weinbaus und des Theaters unter den Römern den Essay analogien und adaptionen.

Die Levante mit seinen warmen Sommern und milden Wintern ist ein idealer Lebensraum für Reben. In einigen Ländern wird dort seit Jahrhunderten Weinbau betrieben, in anderen wie den nordafrikanischen geriet der Weinbau in Vergessenheit und wurde erst von den französischen Kolonialherren wieder aufgezwungen.

Zypern

Zypern hat eine lange Tradition im Weinbau, archäologische Funde weisen bis ins Jahr 3.500 v. Chr. Inzwischen ist die Rebfläche aber auf rund 9.000 ha zusammengeschrumpft. Sie liegen fast alle auf Kalkböden an den Südhängen des Troodosgebirges in 240 bis 1.500 m Höhe, die besten über 1.000 m auf Vulkangestein, wo die Kombination aus Höhe und wertvollem Niederschlag den Weinbau erst ermöglicht. Die früher klare Trennlinie zwischen den vier Großkellereien und den rund 50 „Boutique-Weingütern“ ist heute verschwommen. „SODAP“, eine Winzergenossenschaft, ist das einzige wirkliche Großunternehmen und bedient den Massenmarkt, die anderen Erzeuger sind mehr auf Qualität bedacht.

Zypern wurde nie von der Reblaus heimgesucht und schützt seine Reben durch strikte Quarantänebestimmungen, was die Einführung internationaler Sorten (wie den südfranzösischen) verzögert hat. So standen lange die drei Sorten im Fokus: Mavro (Rotwein), Xynisteri (Weißwein) und Muscat d`Alexandrie. Der ursprünglichste Wein Zyperns bleibt der likörartige Commondaria aus rosinierten Mavro- und Synister-Trauben, der an 14 Orten entsteht. Er muß mindestens 2 Jahre in Eiche ausgebaut werden und enthält 4 mal soviel Zucker wie Portwein (er ist ebenfalls aufgepritet auf 15-20 Vol. % Alkohol).

Libanon

Die zypriotische Weinindustrie ist derzeit weniger bekannt als die des Libanon (der von 1920-1946 französisches Mandatsgebiet war). Schon in den 1970er-Jahren machte sich das Land Kanaan, heute als Bekaa-Tal bekannt, als Quelle von Erzeugnissen einen Namen, die mit einem Bordeaux vergleichbar sind, wie bspw. von Chateau Musar, die Cabernet Sauvignon, Cinsault und Carignan zu einem extrem aromatischen Rotwein verschneiden, wie Hugh Johnson weiß. Das Gros der libanesischen Weine ist aber schwer, konzentriert und so, wie man es in einem trockenen, heißen Land erwartet, dessen Reben praktisch krankheitsfrei sind und etwa 300 Tage Sonnenschein im Jahr bekommen. 2012 gab es donnoch mehr als 40 Erzeuger, die bisweilen aber nur geringe Mengen produzieren. Chateau Kefraya, ebenfalls im Bekaa-Tal, ist ein weiteres bekanntes Weingut, oder das ursprünglich 1868 gegründete Domaines des Tourelles sowie Domaine de Baal (aus der Region Baalbek, der Heimat des Bacchustempels).

Die Bekaa-Ebene besteht aus kargen Kalkböden und die Reben wachsen bis in 1.000 m Höhe. Es herrscht kontinentales Klima, was für füllige, gut strukturierte Weine sorgt. Weinbau ist im Libanon aber nicht auf die Bekaa-Ebene beschränkt, sondern Wein entsteht auch in Batroun südlich von Tripoli und um die Hauptstadt Beirut, genauso wie am Mont Liban, einem Gebirgszug zwischen Küste und Batroun im Norden. Insbesondere auch der Libanon leidet unter dem Krieg im Nachbarland Syrien.

Israel (Palästina)

An hunderten Stellen wird bereits in der Bibel von Wein und Weinbau in Palästina gesprochen. Schon früh, möglicherweise bereits im 6. oder 5. Jahrtausend vor Christus wurde hier Wein kultiviert. Die wohl älteste schriftliche Bemerkung dazu wurde in Ägypten gefunden: In einer Inschrift aus dem Jahr 2375 vor Christus heißt es, daß Truppen des Pharao in Israel eine Revolte niedergeschlagen und dabei Städte und Weinstöcke zerstört hätten.

Und auch das Alte Testament schildert für die sogenannte „Zeit der Patriarchen“ (2000-1400 vor Christus) Wein als typisches landwirtschaftliches Erzeugnis in Palästina. Zu dieser dieser Zeit waren die Israliten noch in Ägypten, aber als Moses nach dem Exodus aus Ägypten Kundschafter ins „gelobte Land“ aussschickte kamen sie dort ins später so genannte „Traubental [Nahal Eschkol], wegen der Traube, die die Israeliten dort abgeschnitten hatten“, wie es im Alten Testament (Numeri 13,22) heißt. Diese abgeschnittenen Trauben, “zu zweit an einer Stange“ (Numeri 13,23) transportiert, dienten bei ihrer Rückkehr als Beweis, dass das von Gott verheißene „Gelobte Land“ gefunden war.

Als sich die Israeliten schließlich in Palästina niederließen (um 1230 vor Christus) wurden sie, wie im Deuteronomium gefordert (28,39) zu Weinbauern: „Weinberge legst du an und pflegst sie …“ Tatsächlich wurde in Palästina fast überall Weinbau betrieben, auch in Gebieten, in denen man das aufgrund der klimatischen Bedingungen vielleicht nicht erwarten würde wie beispielsweise am Toten Meer und im südlichen Negev. Neben dem „Traubental“ bei Hebron gibt es noch andere namentliche Hinweise darauf wie zum Beispiel den Mot Carmel („Berg der Reben“). Ansonsten werden Samaria genannt, das Ostjordanland, Silo, Sichem, und Timna. Jesaja (16,7-10) nennt außerdem Pflanzungen in Heschbon, Sibma, Jaser und Elale.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in Gezer, nahe bei Jerusalem, eine kleine, beschriftete Kalksteintafel aus der Zeit um 1000 vor Christus gefunden: der sogenannte „Kalender von Gezer“ – eines der ältesten hebräischen Schriftdokumente. Es handelt sich dabei um ein landwirtschaftliches und gartenbauliches (Weinbau) Schriftdokument, das eng mit Kalendarien und mit der frühen Agrarkultur zu tun hat: Auf sieben Zeilen werden in einer groben, archaischen Schrift bäuerliche Tätigkeiten aufgezählt, die zugleich auch den jährlichen Zyklus der Landarbeit beschrieben. Es werden zwölf Monate aufgezählt, von denen acht miteinander verbunden sind, und die in diesen Monaten zu verrichtenden Arbeiten des Säens und Erntens. Die Anweisungen beginnen mit September/Oktober: „Zwei Monate der Ernte, zwei Monate der Aussaat, zwei Monate der Spätsaat, der Monat des Flachsziehens, der Monat der Gerstenernte, der Monat der Ernte und (ihres) Abschlusses, zwei Monate der Weinlese (oder: des Rebenschneidens), der Monat des Sommers. Abi(hu) [wohl der Name des Schreibers]“.

Zahlreiche Regelungen und Ratschläge zum Weinbau werden in der Bibel geäußert, zum Beispiel dass man Reben auf Hanglagen anbauen soll (Jes 5,1-2), der Weinberg jedes siebte Jahr brach liegen soll – und auch darüber, dass bestimmte Rebsorten für bestimmte Böden besser geeignet waren als andere wußte man. Schließlich waren in der Antike bereits etwa 150 verschiedene Rebsorten bekannt (deren Namen allerdings unbekannt sind).

Gekeltert wurde direkt im Weinberg, die Kelter selbst bestand aus zwei Steinbecken. Mit Steinen wurde der Rebberg auch umfriedet, einerseits als Schutz vor Fraßfeinden, andererseits um Bodenerosion zu verhindern. Die Reben ließ man offenbar an Feigenbäumen hochranken. Die Reben wurden dann geschnitten und ausgegeizt, wie es im Johannesevangelium (15,2) heißt: „Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.“ Geschnitten wurde mit einem gebogenen Winzermesser, das man Jesaia (2,4) zufolge als Zeichen des Friedens aus Lanzen geschmiedet hat: „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen.“

Die Weinlese fand von Juli bis Oktober statt. In der Kelter wurden die Trauben meist zertreten (Jes 16,10), bisweilen jedoch auch mechanisch gepresst (mit Hebeln) oder auch mit Steinen beschwert. Den gewonnenen Most füllte man in Weinschläuche aus Tierhäuten, deren Nähte mit Pech und Öl abgedichtet wurden. Die Gärung setzte in dem warmen Klima vermutlich rasch ein und erst im Frühling des nächsten Jahres wurde der mitunter noch nachgärende Wein in Schläuche oder Tonamphoren abgezogen (Holzfässer gab es nur in Gallien und Germanien). Dazu sagt Jesus im Markusevangelium (2,22): „Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche; der Wein ist verloren und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuer Wein gehört in neue Schläuche.“

Für den Transport verwendete man hauptsächlich tönerne Amphoren, meist mit eingem Hals und zwei Henkeln. Sie waren nicht einheitlich, ein verbreiteter Typ konnte aber etwa 26 Liter fassen und wog leer etwa 18 Kilogramm. Amphoren wurden bisweilen mit einem Lehm- oder Tonpropfen verschlossen, später auch mit Stöpseln aus Korkeiche (1. Jahrhundert vor Christus), die man mit Pech, Gips und vermutlich auch Wachs abdichdete. Schiffe vom römischen Standardtyp konnten 10.000 solcher Amphoren fassen, was einer Ladung von etwa 450 Tonnen entsprach.

Weinbau in Palästina wurde lange nicht mehr betrieben. Moderner Weinbau in Israel geht zurück auf das Ende des 19. Jahrhunderts als Baron Edmond de Rothschild eine Kellerei südlich von Tel Aviv und Haifa gründete. Durch enthusiastische Anpflanzungen besitzt Israel heute wieder 5.500 Hektar Rebland und exportiert weit mehr Wein als der Libanon – der andere Schauplatz einer Weinrevolution in der Levante – mit 3.000 Hektar. Das Gros der Weine bedient den internationalen Bedarf nach koscherem Wein, bspw. (schnellpasteurisiertem) Mevushal.

Das Weingut von Edomond de Rothschild ist nach wie vor eines der größten Weinbaubetriebe des Landes und verkauft seine Weine unter der Marke Carmel. Israel verfügt über die größten Rebflächen in den Küstenregionen von Samson und Samaria (Carignan, Grenache und Sémillon). Ende der 1970er-Jahre bestockte man außerdem die Vulkanböden der Golanhöhen mit Reben – von 400 m am See Genezareths bis auf 1.200 m Höhe am Berg Hermon im Norden -, womit der Weinbau eine völlig neue Richtung bekam.

Heute gibt es Weingärten auf den Golanhöhen, an den Ausläufern der Maronbergs im oberen Galiläa an der Grenze zum Libanon (südlich der Bekaa-Ebene) sowie im judäischen Bergland westlich von Jerusalem. Insgesamt sind es 5 individuelle Weinregionen (Samaria/Shomron, Samson, Judäa-Berge, Galiläa, Negev) mit traditionellen Buschreben vornehmlich aus Bordelaiser Sorten und Rhône-Reben.

Algerien

Anders als in den Ländern der Levante hat Weinbau in Nordafrika keine lange Tradition. Dennoch deckten die Weinerzeugerländer Tunesien, Algerien und Marokko vor gut einem Jahrhundert 2/3 des gesamten internationalen Weinhandels ab. Insbesondere Algerien exportierte riesige Mengen nach Frankreich, wo der Wein für Verschnitte gebraucht wurde. Die Unabhängigkeit von Frankreich hatte den sofortigen Niedergang der Weinwirtschaft zur Folge: Die Gesamtrebfläche Algeriens sank von 365.000 Hektar in den 1960er-Jahren, als das Land der sechstgrößte Weinerzeuger der Welt war, auf rund 35.000 Hektar. Nur noch 50 von ursprünglich 3.000 Kellereien gab es vor dem Bürgerkrieg, wie sich die Situation weiter entwickelt ist unklar.

Vor dem Bürgerkrieg zog sich der Weinbau von den fruchtbaren Ebenen in die Hügellagen zurück. Ein Dutzend Crus war noch vor der Unabhängigkeit in den VDQS-Status erhoben worden, 7 davon wurden als Qualitätszonen anerkannt. Sie befinden sich in den Bergen 80 Kilometer landeinwärts in Oran und Alger. Hier entstehen kraftvolle, dunkle Rotweine in Mascara – aber auch gute Weißweine seit Einführung der Kaltgärung. Weiche, dunkle und körperreiche Rotweine entstehen in den ehemaligen VDQS Tanghrite, Ain Merane und Mazouma. Standortreben sind Cinsault, Carignan und Grenache, in den Medea-Bergen im kühleren Klima auf 1.200 m Höhe auch Cabernet Sauvignon und Pinot Noir.

Tunesien

Seit 1970 wird auch in Tunesien Wein für den Export produziert. Waren es damals 50.000 Hektar, sind heute noch 15.000 Hektar übriggeblieben, hauptsächlich in der Umgebung von Tunis und dem alten Karthago an der Nordküste. Muscat-Weine sind hier so verbreitet wie auf den nahen Inseln bei Sizilien. Ansonsten keltert man auch hier Rotweinsorten des französischen Südens. Tunesien hat das französische AOP-System übernommen und 6 Appellationen eingerichtet, die größte davon ist Mornag. Die Genossenschaft „Union des Caves Cóoperatives Viticoles (UCCV)“, auch bekannt als „Vignerons de Carthago“, zeichnet für 65 % des tunesischen Weins verantwortlich (insbesondere der aromatische Musacat de Kelibia). Kürzlich investierte das sizilianische „Calatrasi“ in 200 Hektar und produziert unter der Linie „Selian“ süffige Carignan-Syrah-Weine.

Marokko

Die Weinbaufläche Marokkos ist von 50.000 Hektar seit der Unabhängigkeit 1956 auf 11.000 Hektar geschrumpft. Das Land verfügt über die straffste Organisation und den höchsten Qualitätsstandard der drei nordafrikanischen Erzeugerländer. Die wenigen mit einer „Appellation d`Origine Garantie (AOG)“ ausgezeichneten Weine unterliegen ähnlichen Kontrollen wie die französischen AOP-Gewächse. Für ihre Bereitung sind der zentrale Betrieb „SODEVI“ und die Genossenschaftskellerei „Les Celliers de Meknès“ zuständig, die den einheimischen Markt kontrolliert und Verschnitte aus Cabernet Sauvignon, Syrah und Merlot produziert. Vier Regionen liefern ordentliche Erzeugnisse, v.a. die größte Meknès/Fès auf 450-600 m Höhe in den nördlichen Ausläufern des Atlasgebirges. Sie werden im Ausland als „Tarik“ bezeichnet bzw. „Chantebled“, in Marokko als „Les Trois Domaines“.

Andere afrikanische Länder

Auch in Ägypten wurden 2008 8,5 Millionen Flaschen Wein („Cru Clepatra“) produziert und auch in Äthiopien bepflanzte man 125 Hektar südlich von Addis Abeba mit edlen französischen Rebsorten.

Insgesamt ist der Weinbau in den nordafrikanischen Ländern aus klimatischen Gründen rückläufig, d.h. die Weinbauzonen verschieben sich insgesamt nach Norden. Vielleicht eine kleine Chance für die ganz unbekannten Regionen Libyen (mit 6.000 Hektar) bzw. die im Süden Afrikas gelegenen Tansania (3.000 Hektar), Madagaskar (2.000 Hektar) und Zimbabwe (40 Hektar).

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Griechenland

Griechenland ist eine natürliche Heimat der Weinrebe, die sich von hier aus im gesamten Mittelmeerraum verbreitete. Allerdings bestand der Wein bei den Griechen immer aus einem Gemisch aus verschiedenen Extrakten von Kräutern und Gewürzen und wurde deshalb auch mit Wasser verdünnt genossen. Homer beschreibt in seiner Odyssee eine derartige Zeremonie, in der Helena einen besonderen Wein zubereitet. Gewürzter und geharzter Wein wird traditionell noch heute in Griechenland getrunken: Beim Retsina beispielsweise wird dem Most während der Gärung Pinien- oder Kiefernharz zugesetzt.

Früher waren unter primitiven Methoden der Weinbereitung bei hohen Temperaturen eigentlich nur Süßweine möglich. Einer der bekanntesten, auch heute noch, ist der aromatische, süße Samos, der aus Muskateller (Muscat d`Alexandrie) hergestellt wird und etwa 130 g Restzucker pro Liter hat. Es handelt sich um einen gespriteten Wein der fünf Jahre in Eiche reift.

Eine neue Ära für den griechischen Wein begann erst Mitte der 1980er-Jahre, als nach dem EU-Beitritt einige innovative Önologen in den kühleren Landesteilen hochmoderne Kellereien gründeten. Griechenland bewirtschaftet heute ca. 70.000 Hektar und produziert etwa 3 Millionen Hektoliter Wein jährlich.

Weite Teile des Landes sind gebirgig und unfruchtbar, nur ein kleiner Teil ist Flachland mit fetten Böden (oft für lohnendere Nutzpflanzen) und vulkanisch geprägten. Insgesamt herrscht eine komplexe Topografie und die vielen verschiedenen Mikroklimata sorgen mit der Kombination aus Höhenlagen, steilen Hängen, und dem unkalkulierbaren Niederschlag für anspruchsvolle und vielfältige Terroirs.

Dabei ist Griechenland tatsächlich nicht zu heiß für hochwertige Weine: Insgesamt ist das Klima zwar mediteran (im Sommer können die Temperaturen weit über 30 Grad erreichen), die Küstennähe, wo das Meer seinen Einfluß ausübt, und die Höhenlage sowie die Winde auf den Inseln südöstlich des Festlandes haben jedoch allesamt kühlenden Einfluß. Und das Gros der besten Weinberge befindet sich in diesen kühleren Gebieten. Die Niederschlagsmengen variieren, doch selbst in den feuchteren Gebieten im Westen des Landes kann Regenmangel in der Wachstumsperiode Wasserstress verursachen.

Dürre stellt besonders für die Rebflächen Ostgriechenlands ein Problem dar, da sie im Regenschatten der Berge liegen und für eine Bewässerung kaum Wasser verfügbar ist. Im Norden dagegen sind Regen und Fäulnis ein Problem, während auf einigen der Nordhänge die Früchte nur schwer ausreifen (auf Peloponnes im Süden dagegen müssen die Weine mitunter entsäuert oder durch Chaptalisierung unterfüttert werden).

Griechenland kommt auf etwa 300 heimische Traubensorten, von denen die wenigsten auch andernorts wachsen. Am meisten Beachtung auf den Exportmärkten finden Xinomavro aus Naoussa, Agiortiko aus Nemea und Assyrtiko aus Santorini. Diese Sorten sind an die jeweiligen Bedingungen bestens angepaßt – und sind dem griechischen Weinrecht folgend auch für die meisten Qualitätsweine vorgeschrieben.

Das Griechische Weinrecht folgt dem der EU: Weine werden klassifiziert als „geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.)“ oder als „Appellation d`Origine des qualité supérieure“ (einer Subkategorie von g.U.) sowie als „geschützte geographische Angabe (g.g.A.)“. Das griechische Äquivalent zu g.U. ist: „Prostate vomeni Onomasiia Prelfis (PDO)“.

In Griechenland sind 28 Gebiete gemäß EU-Recht ausgewiesen, wobei Nordgriechenland die Region mit dem Größten ungenutzten Potential ist: In den Weinbergen von Thrakien im Osten, an der Grenze zur Türkei über Makedonien bis nach Epirus im Westen an der Grenze zu Albanien scheint das größte Qualitätspotential zu liegen. Geografisch gehört die Region Makedonien eher zum Balkan als zur Ägäis. Die wichtigste und erste Appellation Makedoniens ist Naoussa.

Naoussa PDO liegt auf bis zu 400 m Höhe, folglich stehen die Reben in einem etwas kühleren Klima (die Hänge des Vermio sind im Winter schneebedeckt, doch die Sommerhitze macht Bewässerung unerlässlich). Die geschützte Ursprungsbezeichnung gilt für Rotwein ausschließlich von Xinomavro.

Xinomavro („Saure Schwarze“) wird gern mit Nebbiolo aus dem Piemont verglichen: Die langsam reifende Sorte hat trotzdem einen hohen Säuregehalt und hohe Tannine. Sie läßt frische Frucht vermissen und entwickelt ein würzig-erdiges Bouquet, wie es sonst nur von edelsten Barolo erreicht wird.

Das Terrain im Norden ist abwechslungsreich und weitläufig. Goumenissa PDO liegt etwas niedriger (die Weine sind etwas „plumper“), in Amindeo PDO an der Nordflanke des Vermio ist es so kühl, daß dort aromatische Weißweine entstehen und leichte Rotweine. Zitsa PDO bei Joannina in Epirus erzeugt leichte, weiße Bergweine aus Debina. Hier findet man die höchstgelegenen Weinberge des Landes auf 1.200 m Höhe in Metsovo PDO (Cabernet Sauvignon).

Die Region Thessalien östlich von Epirus und südlich von Makedonien gelegen bietet viel (ungenutztes) Potential. Die erst kürzlich gerettete dunkelschalige Sorte Limniona ist nur eine von vielen Raritäten hier. Rapsani ist das Aushängeschild der Rotweine hier.

Mittelgriechenland wird von großen Abfüllern und Genossenschaften beherrscht. Hier in Attika im Umland von Athen – mit 11.000 Hektar die größte Anbauregion des Landes – entsteht der Retsina in der trockenen kargen Mesogia-Ebene aus der Savatiano-Traube, die hier 95 % belegt und inzwischen auch trocken ausgebaut wird.

Mehr als die Hälfte der griechischen Rebfläche erstreckt sich auf dem Peleponnes im Süden des Landes. Nemea PDO im Nordosten des Peleponnes, nahe dem Isthmus von Korinth, der die Halbinsel mit dem Festland verbindet, ist die wichtigste Appellation. Die geschützte Ursprungsbezeichnung gilt nur für Rotweine, die in diesem Bereich reinsortig von Agiorgitiko bereitet werden.

Agiorgitiko („St.-Georgs-Rebe“) hat eine rubinrote Farbe, einen hohen Anteil geschmeidiger Tannine, eine mäßige bis geringe Säure sowie Noten von süßen Gewürzen und roten Früchten, die sich großartig in neuer Eiche entwickeln.

Die Rebflächen für Agiorgitiko liegen zwischen 230 und 900 m Höhe und lassen sich grob in drei Zonen unterteilen: Der fruchtbare rote Lehmboden am Talgrund bringt den am wenigsten ausbaufähigen Wein hervor, die mittleren Höhen eignen sich am besten für üppige Weine, die elegantesten entstehen ganz oben auf 900 m mit viel Säure und rauen Tanninen. Auch Roséweine werden produziert.

Patra PDO im Norden des Peleponnes ist eine Region für Weißwein und Heimat der Roditis, die mineralisch duftende Laghorti wurde erst wieder entdeckt. Andere trockene Weißweine werden aus Sideritis hergestellt, anders als die klebrigen aus Muscat oder Mavradaphne. Das kühle Mantinia-Plateau im Zentrum ist für seine delikate Moschofilero-Traube bekannt. Die Erwartungen an die neue Appellation Monemusaia (Malvasia) im Süden sind hoch.

Von den vielen Inseln Griechenlands ist Kreta die südlichste und einer der größten Weinproduzenten. Die besten Weinberge liegen recht hoch. An zweiter Stelle liegen Kefalonia und Zakynthos mit der autochthonen roten Avgonstiatis. Hier entsteht aus Robola, Tsaoussi und andere frische Weißweine. Auf Rhodos entstehen aus der in größerer Höhenlage wachsenden körperreichen weißen Athiri elegante Sill- und Schaumweine.

Santorini ist die ursprünglichste und verlorenste Ägäis-Insel Griechenlands – eine windumtoste vulkanische Insel auf der aus der alten Assyrtiko-Rebe trockene Weißweine entstehen. Assyrtiko duften intensiv nach reifen Zitrusfrüchten und Steinobst und sind mineralisch mit ausgewogener Säure. (Die süßen Weine sind als Vinsanto bekannt, man läßt die spät gelesenen Trauben bis zu 14 Tage in der Sonne trocknen und 2 Jahre fassreifen).

Auf Santorini weht der Wind so heftig, daß hier zum Schutz der Weinreben eine einzigartige Erziehungsmethode angewendet werden muß: Die Assyrtiko-Reben werden hier auf den windigen Vulkanhängen zum Schutz wie kleine Nester, in Korbform erzogen. Ihre Wurzeln sind wahre Wassermanager: In den Sommermonaten saugen sie es aus den Bimssteinen. Hinzu kommt der sommerliche Nebelniederschlag, der aus der Caldera, einem gigantischen Kraterkessel aufsteigt.

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Balkan

Die meisten ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken sind im Weinbau aktiv und blicken auf eine lange Tradition zurück. Ihre Weine aber finden bisweilen nur lokales Interesse: Die wenigsten sehen jemals ein Etikett, sondern die Abfüllungen werden vor Ort konsumiert oder von industriellen Großproduzenten en gros verkauft. So bleibt die Qualität der Weine aus Slowenien und Kroatien bisher unerreicht.

Bosnien und Herzegowina

Das gebirgige Binnenland von Bosnien und Herzegowina war einst ÖsterreichUngarns wichtigste Weinregion. Noch heute entstehen in Mostar aus der seltenen, erstaunlich fruchtigen, autochthonen „Zilvaka“-Traube einige aromareiche, nach Aprikose duftende Weißweine. Inzwischen dominiert aber die schlichtere, dunkelschalige „Blatina“. Nach den Kriegen der 1980er-Jahre blieben weniger als 4.000 Hektar Rebland übrig, u.a. südlich von Mostar in Herzegowina.

Serbien

Serbien besitzt eine lange Weinbautradition und hat heute etwa 60.000 Hektar Weingärten, die aber nicht alle bewirtschaftet werden. Fünf industrielle Großkellereien (darunter das Unternehmen „Navip“ mit 1.700 ha Rebland) kontrollieren die Produktion, doch auch die Weine der inzwischen über 40 Kleinerzeuger sind sehr vielversprechend. Serbien ist bei seinen Rebsorten eher konservativ: Die dunkle „Prokupac“ erbringt kräftige Rotweine, während die nur selten bemerkenswerte Weißwein-Sorte „Smederevka/Suederevo“ zu halbtrockenen Gewächsen verarbeitet wird (südlich von Belgrad). Serbiens ältester Weinberg heißt „Zupa“ und liegt 130 km südlich von Belgrad. Der „Zupsko Crno“ („Roter Zupa“) ist ein Verschnitt aus „Prokupac“ und der leichten „Plovdina“.

Die autonome nördliche Provinz Wojwodina (mit dem berühmten Carlowitz) teilt das extreme Klima der nördlich in Ungarn gelegenen Tiefebene. Welschriesling („Laski Rizling“) ist verbreitet, vielversprechend sind aber Pinots in allen drei Farben. Das beste Potential haben die Weingärten auf der Fruska Gora, einem Mittelgebirge, das die flache Landschaft der Wojwodina entlang der Donau nördlich von Belgrad durchbricht. Hier entstehen aromatische Weißweine aus Gewürztraminer und Sauvignon Blanc. Die Landschaft erinnert stark an Kroatiens Binnenland im Westen, während die beiden nördlich gelegenen Bereiche Subotica und Banac an der Grenze zu Ungarn und Rumänien mit ihren Sandböden eher ungarisch geprägt sind. Hier wird die rote Kadarka und die weiße Ezerjó aus Ungarn angebaut.

Kosovo

Die Weinindustrie des Kosovo stützte sich lange auf den Export von „Amselfelder“, einen süßen Verschnitt, doch Serbiens Blockade verhinderte das lange. Inzwischen ist Rahovec/Orahovac mit 22.000 ha wichtigstes Anbaugebiet und „Stone Castle“, das wichtigste, exportorientierte Unternehmen des Landes, seit 2006 privatisiert.

Albanien

Albaniens Weinindustrie überlebte die Osmanen und die kommunistische Planwirtschaft mit 4.000 ha Rebfläche. Die einzigartige Kombination aus mediterranem Klima und einheimischen Trauben lohnt die Weiterentwicklung mit italienischer Hilfe.

Montenegro

Montenegro besitzt 4.300 Hektar – und besitzt mit dem Weingut „13 Jul-Plantaze“ das größte Weingut Europas: Es bewirtschaftet 2.310 Hektar zusammenhängende Rebfläche. Rund 70 % sind mit „Vranac“ bestockt, einem dunklen, tanninreichen Rotwein. Bei Weißwein dominiert „Krstac“, ein grasiger Wein, der insbesondere um den Skutarisee angebaut wird. Früher wurde fast ausschließlich nach Russland exportiert, das hat sich seit 1990 deutlich geändert.

Nord-Mazedonien

An der Grenze zu Griechenland entstehen auf den Weinbergen der Republik Nord-Mazedonien auf 22.400 Hektar bessere Weine, seit sie in privater Hand sind. Von den rund 80 Weinbaubetrieben ihrer 3 Anbauregionen ist Podvardarje aus dem Vardar-Tal das bedeutenste. Hier dominiert „Vranac“, der oft mit Cabernet Sauvignon und Merlot verschnitten wird. Die vielen „Smederevka“ werden mit Sodawasser verdünnt. „Zilavka“ erbringt einen kräftigen trockenen Wein mit frischer Säure.

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Schwarzmeerregion (Pontos)

Weinbau an der Schwarzmeerküste hat eine jahrtausendelange Tradition. Mit dem Kaspischen Meer gilt es sogar als Entstehungszentrum der Weinrebe Vitis vinifera. Und selbst das Alte Testament verortet den ersten Winzer in der pontischen Region: In der Genesis (9,20-21) wird berichtet, dass Noahs Arche von der Sintflut auf das Ararat-Gebirge im türkisch-armenischen Grenzland im südlichen Kaukasus gespült wurde. Hier wurde Noah, wie es heißt, „der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken …“.

Jedenfalls läßt sich der Anbau von Reben in Armenien oder Georgien bis 5.000 v. Chr. und noch darüber hinaus nachweisen. Und von dort aus hat sich die Rebe auch über Sumer, den heutigen Irak, nach Iran und Palästina in die Levante ausgebreitet und mit den Phöniziern nach Kreta und Griechenland. Die weitere Verbreitung der Rebe und des Weinbaus erfolgte dann mit der Besiedlung des Mittelmeerraums durch die Phönizier, die den Wein an die nordafrikanische Küste, nach Ägypten und Libyen, brachten, und später durch die Griechen, die ihn in Sizilien und Massalia (Marseille) einführten. (Diesem Weg folgte auch der Dionysoskult: Die Ausbreitung der Weinkultur an den Küsten des Mittelmeeres war auch wesentlich an der Einsetzung der Mysterien des Dionysos beteiligt.)

Entsprechend ist auch unser Wort „Wein“ entstanden, das in seinem Ursprung auf die Pontusregion weist: Wahrscheinlich stammt das Urwort aus einer altkaukasisch-pontischen Sprache, wie dem georgischen „gwino“, und hat sich vom arabischen „Wayn“ beziehungsweise dem altgriechischen „(w)oinos“, das unter den Römern zum lateinischen „vinum“ wurde, schließlich zu unserem „Wein“ entwickelt.

In den 1970er-Jahren war die Sowjetunion mit seinen Republiken am Schwarzen- und Kaspischen Meer der drittgrößte Weinerzeuger der Welt. Ende des 20. Jahrhunderts steuerten ihre Ex-Republiken nur noch 3 % der globalen Weinmenge bei (Gorbatschows Anti-Alkoholkampagne und der Zerfall der UdSSR, schließlich 2006 das Verbot Putins von Importen aus Moldawien und Georgien nach Rußland führten dazu).

Moldawien

Moldawien ist das Land an der Ostgrenze Rumäniens (Moldau) und die frühere Sowjetrepublik mit den meisten Reben und angeblich dichtesten Bepflanzungen der Erde. Die Rebstöcke wachsen hier auf dunklen Böden über gutem Kalkstein. Das vom nahen Schwarzen Meer gemäßigte Klima schafft ideale Wachstumsbedingungen in den 150.000 Hektar (genutzt werden allerdings nur etwa 100.000 ha), die von den 240.000 Hektar zu Sowjetzeiten übrig blieben – immer noch rund 4 % der Landesfläche. Etwa 1/4 der Berufstätigen Moldawiens arbeitet im Weinbau.

Moldawien liegt auf derselben geographischen Breite wie das Burgund. Das Klima ist gemäßigt, aber in kalten Wintern sterben ungeschützte Reben schon einmal ab. Das Gros der Rebstöcke steht im Süden und der Landesmitte rund um die Hauptstadt Chisinau. Der bis heute renomierteste Rotwein ist „Negru de Pukar“, ein Verschnitt aus Cabernet Sauvignon, „Saperavi“ und „Negra rara“ aus Purcari im Südosten des Landes (gleichnamiges Unternehmen).

Moldawien hat 3 offizielle Weinregion (Transinestria, Stefan voda, Valullui Traian), die von der EU und russischen Investoren gefördert werden. Historische Beziehungen gibt es nach Frankreich – weshalb über 80 % der Reben anerkannte Sorten von Vitis Vinifera sind. Die meistgepflanzten Reben sind derzeit Aligoté (23 %), die georgische Weißwein-Sorte „Rhatesiteli“ (15 %) sowie internationale Sorten.

Ukraine

Das zweitwichigste Weinland unter den früheren Sowjetrepubliken ist Moldawiens östlicher Nachbar, die Ukraine. Weite Teile sind zum Ausreifen der Trauben zu kalt, doch schon die Phönizier und Griechen erkannten, daß der wärmende Einfluß des Schwarzen Meeres den Weinanbau an ihren Ufern ermöglicht, insbesondere auf der von Russland beanspruchten und anektierten Krim.

Rußland

Russlands Rebstöcke wachsen auch hier, wo das Schwarze und das Kaspische Meer das harsche Kontinentalklima abmildern. Mehr als 50 % stehen in der Region Krasnodar im Westen, wo die Reben ohne Winterschutz auskommen. Am Don weiter nördlich (wo er bei Rostow in das Asowsche Meer fließt), müssen sie im Winter eingegraben werden, auch in Stawropol und in Dagestan.

Georgien

Im Vergleich mit Rußland ist Georgien ein kleines Weinland, aber seine Kultur ist wesentlich älter und viel differenzierter: wenigstens 500 einheimische Rebsorte gibt es. Georgien gilt neben Armenien als Wiege des Weinbaus, der etwa 5.000-6.000 Jahr v. Chr. zurückliegt. Georgien liegt am Südrand des Kaukasus, jener Landbrücke zwischen dem Schwarzen- und dem Kaspischen Meer, die Europa mit Asien verbindet. Heute werden etwa 60.000 Hektar für den Weinbau genutzt, vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele.

Georgien besitzt drei historische Weinregionen. 3/4 der Weinberge befinden sich in der trockensten Region Kachetien an den östlichen Kaukasusausläufern, wo mehr als 1/3 aller Trauben des Landes heranreifen. Kartlien liegt im flacheren Umland der Hauptstadt Tiflis, in Zentralgeorgen, während Imeretien am Schwarzen Meer mit seinem feuchteren Klima zahlreiche autochthone Rebsorten hat.

In ganz Georgien arbeiten Weinbauern noch mit Bereitungsmethoden aus vorantiker Zeit, etwa den „Kvevri“ oder „Quevri“: eine bauchige Ton-Amphore, die im Boden vergraben wird. Das Lesegut kommt komplett samt Stielen und Schalen hinein und wird dann (ohne Zugabe von Hefekulturen) sich selbst überlassen – eine Methode, die sich nicht zur industriellen Produktion eignet. Das Ergebnis ist meist stark tanninhaltig. Georgiens beste Rebsorten wie die hellschalige „Mtsvane Kakhuri“, die rotfleischige „Saperavi“ und die charakterreiche, frische „Rkatsiteli“ blühen hier auf. Neben den drei historischen gibt es heute auch noch 18 von der EU anerkannte Herkunftsregionen.

Armenien

Zu Sowjetzeiten waren in Armenien etwa 37.000 Hektar mit mindestens 200 Rebsorten bepflanzt, darunter viele autochthone, unter denen wahrscheinlich die Areni aus der Gegend um den gleichnamigen Ort den höchsten Stellenwert hat. In diese Region (Jegheonaadser) südöstlich der Hauptstadt Jerewan werden Trauben wie in Georgien noch in Tonamphoren vergoren. Sie liegt bis 1.600 m hoch. Erst vor kurzem wurde hier das älteste bekannte Weingut entdeckt (allerdings ist Georgiens ältestes Beweisstück 8.000 Jahre alt aus der Jungsteinzeit in der Nähe von Tiflis bzw. Tbilissi, genauer: bei Imri gefunden worden. Die älteste Gesamtanlage liegt aber offenbar bei Areni in Armenien.

In Armenien herrscht Kontinentalklima und die Rebberge liegen auf 1.200 bis 1.800 m Höhe. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind während der Reife vorteilhaft. Zudem gibt es mannigfaltige Böden, steinig, aber nähstoffreich und mit jeweils unterschiedlichem Mikroklima Ideal für „Areni“, die als „launische Schwester“ des Pinot Noir gilt und fruchtig ist, mit wenig Tannin.

Aserbaidschan

Auch Aserbaidschan produziert Wein – meist süßen Rotwein aus der „Matrassa“-Traube. Nahe der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan erhebt sich der ruhende Vulka Ararat mit 5.137 m Höhe. Er liegt bereits in Ostanatolien – und Falls Noahs Weinberg an den Hängen des Ararat wirklich der erste Rebgarten der Geschichte war, dann darf sich die Region als Wiege des Weins bezeichnen.

Türkei

Die Türkei bereitet seit Kemal Atatürks Bemühungen um eine Modernisierung des Landes in den 1920er-Jahren wieder Wein. Das Land verfügte schon immer über eine der weltgrößten Rebflächen – etwa 600.000 Hektar -, aber noch 2010 wurden nur 3 % davon für die Weinproduktion genutzt, der überwiegende Rest sind Tafeltrauben oder werden zur Produktion des Anisschnaps Raki verwendet. Früher war der staatliche Monopolbetrieb „Tekel“ mit sechs Kellerein der größte Erzeuger und beherrschte den Exportmarkt. Auch mit ursprünglichen, anatolischen Rebsorten, die Atatürk so rettete. 2005 wurden deren Weine in „Kayra“ umbenannt, das Unternehmen privatisiert und die Qualität deutlich verbessert. Aber noch immer erschweren fehlende Gesetze die Entwicklung der Weinindustrie, insbesondere auch für die etwa 125 Privatgüter.

Das Klima der Türkei ist sehr facettenreich, entsprechend gibt es eine Vielzahl an autochthonen Reben in den verschiedenen Anbauzentren – etwa 1.000 im Westen völlig unbekannte. In den kalten Wintern Anatoliens müssen die Reben durch Anhäufen von Erde vor fatalen Minustemperaturen geschützt werden – sie werden also vergraben. die Wachstumsperiode ist hier kürzer als in den milderen Regionen Marmara und Ägäis. Dennoch entsteht in Ostantolien der bekannteste türkische Rotwein, der schwere „Burbagans Bogazkete“, bspw. vom Weingut Pendore von Kavaklidere, das bis zu 450 m hoch liegt. Hier herrscht kühleres Kontinentalklima, während das thrakische Hinterland Istanbuls von beiden Seiten her vom Meer geprägt ist. Entsprechend werden im wärmeren Klima Thrakiens (auf der europäischen Seite des Bosporus) Weine aus bekannteren Rebsorten wie Cinsault, Gamay und Sémillion sowie Clairett gekeltert.

Die ostthrakische Region Marmara baut 16 % der zu Wein verarbeiteten Trauben an, die Dichte der Weinbaubetriebe ist hier am höchsten. Die große „Doluca“-Gruppe hat hier ihren Sitz und produziert einen „Trakya Kirmisi“ (aus Papaskarasi und der robusten Rotwein-Sorte Karalahna) sowie der weißen „Trakya Beyaz“ (Semillon).

Über die Hälfte des türkischen Weins wächst in der Ägäisregion um Izmir. Misket und Sultaniye werden hier angebaut. Von den wenigen Weinproduzenten sind die Mehrheit in Marmara un der Ägäisregion ansässig.

Likya ist der Pionier unter den Weinproduzenten an der Südküste der Mittelmeerregion, Diren der einzige interessante Erzeuger in Nordosten um Tokat in der Schwarzmeerregion, deren regionale Spezialität die helle, „Varince“-Traube ist.

In den höher gelegenen Weinbergen Zentralanatoliens, wo 14 % der Produktion gemacht werden, sowie in Ost- und Südanatolien (12 %) hat Kavaklidere seine Zentrale. Sein neuestes Anbaugebiet mit Namen Côtes d`Avanos liegt in der kargen vulkanischen Landschaft Kappadokiens, wo schon die Hethiter Wein bereiteten. Die lokale Weißweinsorte ist die frische Emir.

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Bulgarien

Weinbau hat im Bewußtsein Bulgariens einen hohen Stellenwert: Bis zur Aufnahme des Landes in die EU 2007 standen über 150.000 Hektar unter Reben, bis 2009 ist diese Fläche auf etwa 60.000 Hektar gesunken, von denen rund 15 % nicht für die Weinproduktion verwendet werden und 85 % seit Ende der 1970er-Jahre für den Export (insbesondere in ehemalige Ostblockländer) bestimmt sind.

Der Weinbau in Bulgarien wurde in den letzten Jahren stark mechanisiert und modernisiert: Temperaturegulierungssysteme und bessere Weinbaumethoden brachten den Wandel und reduzierten den Export billigen Massenweines auf etwa die Hälfte zugunsten der Produktion von biologisch oder biodynamisch produzierenden kleinen Gütern.

Es sind vor allem die französischen Sorten, die die einheimischen (die Rotweinsorten Gamza/Kadarka, Melnik und insbesondere Mavrud) verdrängen: Sowohl Cabernet Sauvignon als auch Merlot werden auf je etwa 20.000 Hektar angebaut und sind auch schon seit über einem Jahrhundert im Land vertreten. Die Weißweine ergeben eher Alltagsweine, werden zu Branntwein oder Obstbrand (Rakija) verarbeitet.

Bulgarien hat nach eigenen Angaben viermal so große Cabernet-Anbaufläche wie Kalifornien. Sie zeichnen sich durch gute Frucht, große Fülle und Kraft aus. Mavrud ist eine spätreifende autochthone Sorte und kann volle, würzige Rotweine liefern, die lagerfähig sind. Sie hat eine lange Vegetationszeit und ist deshalb im Süden des Landes (Thrakien) beliebt, ebenso wie Melnik an der griechischen Grenze im heißen Struma-Tal.

Bulgarien ist grob in zwei Großregionen unterteilt für regionale Weine: Die Donauebene im Norden des Landes und die Thrakische Ebene, die alle Weinbaugebiete im Süden Bulgariens vereint. Dabei sind – wie in Italien – 21 Regionen mit garantierter Ursprungsbezeichnung (nach anderen Angaben 51 Appellationen) in 5 kleineren Hauptanbaugebieten ausgewiesen:

  • Nordregion: an der Grenze zu Rumänien (Donau). Hier wird überwiegend Rotwein angebaut und etwas Chardonnay.
  • Südregion: auch hier wird Rotwein angebaut. Hier (in Plovidv) wird ein dunkler Rotwein nach Rhône-Manier gekeltert, der oft lange reifen muß.
  • Ostregion: Das kühle Anbaugebiet zwischen den Bergen und dem Schwarzen Meer hat sich auf Weißwein spezialisiert
  • Südwestregion: In dieser kleinen, eigenständigen Region halten sich Weiß- und Rotwein die Waage. Melnik aus Harsovo genießt höchsten Respekt.
  • Balkanrandregion: Schmaler Streifen südlich des Balkan-Gebirges. Hier werden duftige Weißweine angebaut, bspw. im Rosental die „Red Misket“ (von Château Copsa).
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Rumänien

Rumänien liegt auf derselben geografischen Breite wie Frankreich und produziert beachtliche Qualitäten verschiedenster Weine bei etwas kontinentalerem Klima. Denn das Schwarze Meer ist zwar kein Atlantik, doch gemeinsam mit den Karpaten, die sich in der Mitte des Landes erheben, mildert es die heißen, trockenen Sommer ab. Die Gipfel der Karpaten erheben sich bis zu 2.400 m Höhe aus der Ebene und umschließen das weite Siebenbürgische Becken. Jenseits der Walachei fließt die Donau im Süden des Landes durch eine sandige Ebene, bevor sie sich nach Norden ihrem Delta zuwendet und so die Dobruschda vom Rest des Landes trennt.

Wie auch in Bulgarien wurden in Rumänien in den 1960er-Jahren riesige Fläche urbaren Landes in Weingärten verwandelt, bevor sie ab dem Jahr 2009 wieder zurückgingen. Dennoch steht Rumänien durch diese enormen Erweiterungen mit immer noch etwa 180.000 ha an 6. Stelle unter den europäischen Weinbauländern (allein bei Riesling liegt das Land mit 6.000 ha an zweiter Stelle nach Deutschland mit 24.000 – und weit vor Österreich mit 2.000 ha).

Rumänien ist heute in 7 Weinregionen unterteilt, die sich rund um die mittleren Karpaten konzentrieren:

  • Moldau: im Osten mit dem Bereich Cotnari im Norden
  • Muntenia: nördlich von Bukarest
  • Oltenia: im Süden an der Grenze zu Serbien
  • Dobrogea: am Schwarzen Meer
  • Banat: im Südwesten
  • Crisana: im Westen
  • Maramures: im Nordosten
  • Transsilvania: im Zentrum

Mit rund einem Drittel der Gesamtanbaufläche ist die Moldau östlich der Karpaten die mit Abstand größte von ihnen ist Weißweinland. Im Bezirk Vrancea stehen 20.000 ha unter Reben. Bekannte Weinstädte hier im Osten sind Cotesti, Nicoresti, Panciu und Odobesti. Das Terrain ist vielseitig, wie in der ungarischer Tiefebene aber großteils von Sand geprägt.

Dem Bogen der Karpaten im Uhrzeigersinn folgend, schließen die Regionen Muntenia und Oltenia an. Muntenia ist für sein „Dealu Mare“ bekannt. Auf dem herausragenden, gut 60 km langen Steifen auf gut bewässerten Südhängen (mit den höchsten Durchschnittstemperaturen Rumäniens) über der Bukarester Ebene gedeihen heute vorwiegend Cabernet, Merlot und die seltenere Pinot Noir sowie einige körperreiche autochthone Rotweinsorten. „Dealu Mare“ ist die aufregendste Region für ambitionierte Rotweine.

Östlich der Donau an der kurzen Schwarzmeerküste liegt die Region Dobrogea (Dobruschda) mit dem sonnigsten Klima und dem geringsten Niederschlag des Landes. Die Subregion Mufatlar hat einen Ruf für süffige Chardonnays, die hier auf von Meerwind umwehten Kalksteinböden gedeihen und mitunter auch überreif (süß) gekeltert werden.

Im Norwesten Rumäniens wird Ungarns Einfluß offensichtlich. Viele Rotweine aus den genannten Trauben entstehen hier, Welschriesling und Sauvignon sind Weißen aus Banat.

Das Siebenbürgische Becken, eine bis zu 460 m Hohe Hochebene ist wie eine Insel im Landeszentrum. Kühleres, regnerisches Klima sorgt hier dafür, dass in Transsilvanien (Siebenbürgen) frischere Weißweine produziert werden als im Rest des Landes, außerdem Pinot Noir. Zentrum des Weinbaus ist hier Tarnave, der einen Weißwein-Verschnitt namens „Perla de Tirnave“ produziert.

Gegen die billige Massenproduktion haben sich 16 Produzenten aus allen Landesteilen zusammengeschlossen im Verband zur Weinförderung (APVR). Sie helfen, die Bedeutung der überdimensionierten Staatsbetriebe (die 3 größten vereinen 15.000 ha auf sich) zu schmälern – entsprechend ist der Anteil der Weine aus den Staatsbetrieben auf rund 15 % geschrumpft, seit Rumänien 2007 Mitglied der EU wurde. (Mit dazu gehört Stephan Graf Neipperg, der in Rumänien das Weingut „Alira“, die „Einzigartige“, startete. Solche deutsche Unterstützung hat Tradition in einem Land, das bereits seit 6.000 Jahren Weinbau betreibt: im 12. Jahrhundert setzten die Siebenbürger Sachsen und im 18. Jahrhundert die Banater Schwaben Akzente.) Zum APVR gehören aus:

  • Dobrogea: Alira
  • Banat: Balla Geza
  • Transsylvanien: Liliac, Villa Vinea
  • Dealu Mare: Budureasca, Aurelia Visinescu, Davinu, S.E.R.V.E, Vinarte, Viile Metamorfosis
  • Cotnari: Casa de Vinuri Cotnari u.a.
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Friaul-Julisch Venetien

Friaul-Julisch Venetien befindet sich im äußersten Nordosten Italiens und ist eine Grenzregion zwischen dem slawischen, romanischen und deutschen Kulturraum. Die etwa 25.000 Hektar Rebfläche (davon 19.000 DOC) reichen von den Ausläufern der Alpen, den sogenannten Karnischen Alpen, bis an die Adria und umfassen insgesamt 10 DOCs und 4 DOCGs, alle für Weißwein.

Wie bei den Unterschieden zwischen alpiner und mediterraner Kultur, gibt es diese auch beim Klima: Insgesamt herrscht zwar ein gemäßigtes Kontinentalklima, Luftströme aus den Bergen transportieren jedoch Kühle herbei, während die Weingärten an der Adriaküste eher einem warmen, maritimen Klima unterliegen. Die Reben hier profitieren von den den Luftströmungen und auch von den Unterschieden zwischen Tag- und Nachttemperaturen.

Insgesamt sind in Friaul-Julisch Venetien 12 Rebsorten erlaubt, wobei insbesondere frisch-fruchtige Weißweine produziert werden. Die autochthonen weißen Rebsorten Ribolla Gialla und Friulano stechen dabei hervor. Friulano stammt ursprünglich aus dem Bordelais, wo sie als „Sauvignonasse bekannt war, und wurde im 19. Jahrhundert in Friaul eingeführt. Ansonsten gewinnen noch die eigenständigen Varietäten Pignolo, Schiopettino und die Rotweinsorte Refosco (dal Peduncolo Rosso) an Bedeutung sowie die regionalen Spezialitäten Malvasia Istriana und Vitovska im Karst oder Süssweine wie Ramandolo und Picolit mit eigener DOCG in den alpinen Randgebieten im Norden.

Ribolla Gialla, auch Gelber Ribolla genannt, ist eine der ältesten autochthonen Rebsorten der Region und wurde bereits im Mittelalter erwähnt. Weine aus der Ribolla-Gialla-Rebe zeichnen sich durch Zitrus-, Kastanien- und Akazienaromen aus und haben eine ausgeprägte, frische Säure, die für Lagerfähigkeit sorgt.

Die Rebsorte Picolit vereint Süsse und lebendige Säure optimal und eignet sich insofern bestens für die Herstellung von Süsswein, wofür er auch eine eigene DOCG bekommen hat. Die Rebsorte ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt und hat seinen Namen von „piccolo“, da seine Beeren sehr klein sind. Picolit zeichnet sich durch Zitrus- und Honignoten aus sowie nussigen Aromen.

Auf den Malvasia Istriana verweisen bereits Dokumente aus dem 14. Jahrhundert, ihren Ursprung hat die Rebsorte jedoch im antiken Griechenland, von wo sie sich über den gesamten Mittelmeerraum verbreitet hat – allerdings mit unterschiedlichen Spielarten und Interpretationen. Infolgedessen ist die Malvasia Istriana auch eine eigenständige Rebsorte, die sich durch eine besonders salzige Mineralität auszeichnet. Einige Winzer verwenden sie auch zur Produktion von Orange-Wein, wo sie die Malvasia lange mazerieren lassen.

Eine DOC, die DOC Friuli Grave, erstreckt sich fast auf die gesamte Region und ist insofern auch die größte des Friaul, ansonsten gibt es noch DOCs für die zwei Hügelgebiete der Region, die den Namen „Colli“ tragen: Die DOC Collio (Goriziano) und die nördlich davon gelegene DOC Friuli Colli Orientali (östliche Hügel). Drei unbedeutendere DOC-Bereiche liegen in der Küstenebene (Lison bspw.).

Die beiden Hügelgebiete sind die angesehensten Weißwein-DOCs des Landes. Das gilt insbesondere in der kleineren DOC Collio, wo die Nachfrage nach Pinot Grigio dazu geführt hat, dass sie die Friulano und Sauvignon Blanc überholt hat. Immer beliebter wird die Lokalrebe Ribolla Gialla. In Collio sorgt der „Ponka“ genannte Boden aus Mergelsandstein für feine Mineralität und Fruchttiefe. Die Reben wachsen hier fast ausschließlich auf Hügellagen zwischen 100-350 Metern Höhe. 166 Winzer bewirtschaften 1.450 Hektar und produzieren 6,5 Mio Flaschen Wein. Die DOC existiert seit 1968, geplant sind außerdem „DOCG Collio Gran Selezione“ für nur noch autochthone Sorten, sowie DOCG Pinot Grigio Superiore, der seit etwa 1840 in Collio angebaut wird.

Neben diesen Weißweinsorten ist ein gutes Drittel der Rebflächen der DOC Colli Orientali dabei auch für Rotwein reserviert, insbesondere Cabernet Sauvignon und Merlot, ansonsten werden auch hier Schioppettino und Pignolo angebaut sowie Refosco. Diese Rotweinsorte ist seit dem 18. Jahrhundert in der Region bekannt und trägt ihren Namen wegen der rotgefärbten Stiele. Sie ergiebt einen eher säure- und tanninreichen, granatfarbenen Wein mit fruchtigen Aromen, der inzwischen auch zu lagerfähigen „Vini di Terroir“ ausgebaut wird. Das Klima in Colli Orientali ist etwas kühler und kontinentaler als in Collio, wo der maritime Einfluß bemerkbar ist, doch im südlichen Teil reift sogar Cabernet Sauvignon aus. Und noch bis in die 1960er-Jahre wurde Rotwein aus bis zu 80 % Merlot gemacht, der hier als autochthone Rebsorte betrachtet wird.

Die DOC Friuli Isonzo besteht aus grünem Land, das vollständig mit Weinbergen bedeckt ist und im äußersten Osten der Region liegt. Hier im Herkunftsgebiet Isonzo wurde 1879 das Weingut „Lis Neris“ gegründet. Der Name, der „die Schwarzen“ bedeutet, erinnert an die ganz in Schwarz gekleideten Witwen, die im 19. Jahrhundert zur Arbeit auf die Felder gingen.

Das Tal des Isonzo wurde vor 300.000 Jahren von Gletschern gebildet. Diese wanderten von Slowenien durch die Berge und Hügel und gelangten so vom Gebiet des heutigen Goizia/Gorziano (in der Collio DOC) bis nach Romans d`Isonzo. Als sie schmolzen, wurde das Tal freigelegt, und das Wasser hinterließ beim Zurückgehen eine ungeheure Menge an Steinen und Kieseln, „claps“ auf Friulanisch.

Heute ist die Menge an Kieseln ein Glücksfall für die Weine der Gegend. Diese begünstigen nämlich die Verteilung von Wasser und Sauerstoff und machen so den Unterboden für die Wurzeln der Weinstöcke sehr geeignet. Die Kiesel an der Oberfläche speichern tagsüber die Wärme die sie nachts wieder abgeben, womit sie die Reifung der Trauben fördern.

Die Temperaturschwankungen, die durch den Bora-Wind verursacht werden, vervollständigen das Bild von einem Bodenklima, das die Akkumulierung aromatischer Bestandteile in den Beeren begünstigt.

Exkurs zu Francesco „Josko“ Gravner

In Friaul-Julisch Venetien, genauer gesagt im Collio, hat der Winzer Mario Schiopetto Ende der 1970er-Jahre begonnen, moderne Weißweine zu produzieren. Italien galt damals als etwas rückständig, was die Weinproduktion anbelangt, und Winzer wie Schiopetto begannen das zu dieser Zeit zu ändern: Sie führten Reinzuchthefen bei der Vinifikation ein, temperaturgesteuerte Stahltanks und pneumatische Keltern. So entstanden bis dahin ungekannte Weißweine auf einem hohen technischen Niveau – von denen sich zunächst auch der Winzer Francesco „Josko“ Gravner aus dem Örtchen Oslavia an der Grenze Italiens zu Sloweniens beeindrucken ließ. Auch er modernisierte seinen Betrieb und trug so gemeinsam mit anderen zum Erfolg der frischen und schlanken Weine bei.

Das allerdings sollte für Gravner mit einem Besuch in Kalifornien im Jahr 1987 enden: Gerade erst hatte er sich neue Barriquefässer gekauft, um seine Weine nach burgundischem Vorbild zu vinifizieren – was auch den kalifornischen Chardonnays internationalen Erfolg gebracht hat. Dieser Erfolg jedoch, das wurde Gravner bei dem Besuch klar, beruhte darauf, dass die Weine immer mehr einer einzigen Stilistik entsprachen, was die Weine nicht mehr voneinander unterscheidbar machte. Zwar besaßen diese Weine allesamt eine hohe Qualität, aber sie auch alle ähnlich: Die neuen chemischen und technischen Verfahren erlaubten es zwar, die Qualität der Weine erheblich zu steigern, allerdings führte das auch zu einer Uniformität im Weinbau und einem Konformismus beim Geschmack. Das wurde Gravner klar – und das wollte er nun ändern.

Ende der 1990er-Jahre machte sich Gravner auf den Weg zu den Ursprüngen des Weinbaus, nach Georgien. Hier lernte er die ganz traditionelle Art der Weinherstellung unter Verzicht auf alle technischen und chemischen Hilfsmittel kennen. Er beschloß seine bisherige Arbeit komplett auf diese Art der naturnahen, ursprünglichen Weinbereitung umzustellen. Anfang der der 2000er-Jahre schaffte er sich 40 Tonamphoren aus der Kaukasusregion an, sogenannte 1.300 Liter fassende „Kvevri“, und stellte sein 15 Hektar großes Weingut in den Hügeln des Collio auf die Produktion von „vini naturali“, Orange- und Naturweine, um. Damit sollte er einen besonderen Einfluß auf den Weinbau der Region ausüben – und letztlich selbst zum Vorbild für viele Winzer jüngerer Generationen werden.

Gravner läßt seine Weißweine bis etwa 7 Monate auf der Maische in den in der Erde vergrabenen Tonamphoren gären und verzichtet dabei auf komplett auf die Verwendung von chemischen Zusatzstoffen oder technischer Hilfsmittel. Auf die mehrmonatige Maischegärung folgt eine mehrjährige Reifung aller Weine, das heißt alle Erzeugnisse verbleiben bis zu einem Jahr in den Tonamphoren, bevor sie weitere 6 Jahre im großen Holzfass ruhen (Gravner verfolgt seit 2003 einen 7-Jahres-Zyklus, wobei „Annata“-Weine und „Riservas“ sogar 14 Jahre reifen, bevor sie in den Verkauf gelangen). Auch was den Rebschnitt anbelangt orientiert sich Gravner an der Zahl 7: Pro Pflanze, die er nach biodynamischen Grundsätzen und intuitiv behandelt, beläßt er neuerdings 7 statt 6 Triebe beim Winterschnitt – auch um die Produktion etwas zu erhöhen von derzeit nur 220 hl bzw. 30.000 Flaschen.

Auf seinen Paradelagen Runk und Hum erzieht er vornehmlich Ribolla-Gialla-Reben im Albarello-Schnitt (Busch), seit Jahrhunderten die traditionelle Reberziehung im Mittelmeerraum. Die Ribolla stammt u.a. vom Gewürztraminer ab (und vom Weissen Heunisch) und hat bei Vollreife Anfang Oktober eine goldgelbe Farbe. Gravner verzichtet auf eine Entrappung (seit 2016). Seine Weine haben einen unbestreitbaren oxidativen Charakter und ermangeln der unmissverständlichen Fruchtigkeit.

Gravners Weinberge liegen etwa zur Hälfte in Slowenien, gekeltert aber wird im italienischen Oslavia. Seit 2001 arbeitet er auschließlich mit Tonamphoren.

Mehr zu Josko Gravner auch im letzten Kapitel des Essays zeit der stille, zeit des lichts.

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Slowenien

Slowenien war 1991 die erste jugoslawische Teilrepublik, die sich unabhängig erklärte und deren Weine auch in Westeuropa vermarktet wurden. Auf 26.000 Hektar werden hier ca. 1 Million Hektoliter Wein pro Jahr produziert, 75 % davon Weißwein.

Slowenien erstreckt sich von der Adria ostwärts bis zur pannonischen Tiefebene an der Grenze zu Ungarn. Hier sind die Mittelmeereinflüße nicht mehr spürbar, sondern es herrscht eher ein kontinentales Klima. An seinen Hügeln finden sich hervorragende, in 3 Regionen unterteilte Weinbaulagen mit insgesamt 14 Gebieten:

  • Primorska (an der Küste, grenzt an Friaul)
  • Posavje (an der Grenze zu Kroatien entlang der Save/Sava)
  • Podravje (an der Grenze zu Ungarn, entlang der Drau/Drava an der Grenze zu Österreich)

Die modernen Rebsorten wurden in Slowenien vom österreichischen Erzherzog Johann 1823 eingeführt. Er ordnete an, „alle edlen Weinsorten, die es gibt“ auf seinem Gut anzubauen. Dem folgten viele Winzer – 27.000 kleine Betriebe gibt es inzwischen.

Primorska verfügt über 6.500 Hektar und ist die westlichste Region – mit Verbindungen ins italienische Friaul (der italienische Winzer Josko Gravner zum Beispiel arbeitet hier grenzüberschreitend). Die Sommer sind heiß, der Herbstregen setzt früh ein. Unter dem Einfluß der Adria wie der Alpen produziert man kräftige, aromatische Weine, zur Hälfte auch Rotweine, was eher ungewöhnlich für Slowenien ist.

Rebula (Ribolla Gialla) ist die dominante Weißwein-Sorte, beim Rotwein dominieren die Bordeaux-Sorten und Pinot Noir. Rebula eignet sich für den Stahltank genauso wie zur Reifung in Tonamphoren (und monatelange Hülsenmaischung). In Primorska wir im italienischen Friaul wird eine große Bandbreite von verschiedenen Rebsorten aufgebaut, wie der aromatische, vegetabile Sauvignonasse (im Friaul „Friulano“ genannt). Der Pinot Grigio ist charakter- und strukturreicher als im Veneto beispielsweise.

Die Region Vipava-Tal (Wippach) ist vor allem in höheren Lagen deutlich kühler, was in frischeren, leichteren, elegantere Weinen als in der Region Brda im Norden, das nahtlos ins italienische Collio übergeht. (Ales Krstancic vom Weingut „Movia“ in Brda ist über die Landesgrenzen hinaus der bekannteste Winzer Sloweniens. Er hat die dortige Weinwirtschaft beflügelt und von „natürlichen“ Weinbaumethoden überzeugt.) Oberhalb von Triest liegt die Region Kras (Karst), ein Kalksteinplateau mit rotem, eisenreichen Boden und ist bekannt für seinen dunklen, säuerlichen Teran aus der Refosco-Terrano-Rebe.

Podravje ist mit 6.800 Hektar die größte und kontinentalste Weinregion Sloweniens. Sie unterteilt sich in die weitläufige Region Stajerska Slovenija und die kleine Region Prekmurja. Stajerska Slovenija ist Sloweniens am weitesten von der Küste entfernte Region. Sie liegt südlich der österreichischischen Steiermark und produziert ähnlich aromatischen Weißwein. Nach Ljutomer ganz im Osten war der Welschriesling benannt, der in den 1960er- und 1970er-Jahren in großen Mengen exportiert wurde und lange vorherrschend war (als „Laski Rizling“). Doch inzwischen bekommt Sipon (= Furmint) mehr Aufmerksamkeit. „Renski Rizling“ („Rhein-Riesling“) hat Potential. Radogna ist seit 1852 Sloweniens Hauptstadt des Schaumweins.

Aus Podravje kommen zu 90 % Weißwein, die reduktiv und kältevergoren im Stahltank entstehen. Traditionell enthielten viele Weine unvergorenen Zucker, heute sind die meisten trocken.

Posavja, südlich von Podravje, hat 2.700 ha Rebfläche. Hier entstehen eher Cuvées aus lokalen Rebsorten wie bspw. den würzigen Modra Frankinja (Blaufränkisch), der von langer Fassreife profitiert.

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Tschechien und Slowakei

Auf etwa 36.000 Hektar wird in den beiden seit 1993 geteilten Ländern ca. 0,6 Millionen Hektoliter Wein erzeugt, etwa die Hälfte davon in Tschechien, das aus den alten Regionen Böhmen und Mähren besteht. Das Klima hier ist relativ kühl und üblicherweise recht trocken (zentraleuropäisches Klima). Die Lese beginnt im September/Anfang Oktober und dauert bis November. Die Anbautechniken entsprechen jenen in den großen Westeuropäischen Ländern, die Qualitätskontrollen sind auf die Rebsorte beschränkt und auf einen einfachen Test des Mostgewichts.

Die an Sachsen grenzende Weinregion Böhmen verfügt über 720 ha Rebland, das sich im Nordwesten des Landes vorwiegend am rechten Elbufer erstreckt. Hier entstehen leichte Weine aus Pinot Noir und Riesling. Ein Großteil von Tschechiens Weinen kommt aber aus Mähren. Die rund 18.000 ha konzentrieren auf das ans Weinviertel angrenzende Gebiet südlich der Stadt Brünn. Die warmen Kalksteinhänge des Pálava-Hügellandes sind berühmt für ihre Flora, insbesondere die Subregion Znojmo für ihre Weißweine (Sauvignon Blanc, Grüner Veltliner/Veltinské Zelané, Riesling/Ryzling). Auch in den Subregionen Mikulov (Chardonnay, Pinot blanc und Pinot gris) und Slováckos.

In der Slowakei gibt es 9 Untergebiete, die sich vornehmlich im Südwesten um Bratislava, an den Donaunebenflüssen Hron (Gran), Nitra (Neutra) und Váh (Waag) befinden. Die Weinberge grenzen hier direkt ans Weinviertel in Österreich. Die Region im Osten, beim ungarischen Tokaj, ähnelt in Klima und Boden derselben. In den Orten Kistoronya, Szoloske und Satoral Janhely darf Tokajer gemacht werden. Internationale Sorten dominieren, ansonsten gibt es aber auch einige slowakische Sorten, die früher reifen und eine höheren Zuckergehalt sowie vollere Aromen bieten. Es gelten die europäischen Qualitätsstufen, die höchste erhält den DSC-Status (Districtus Slovakia Controllatus).

Generell eignen sich das wärmere Klima und die tieferen, fruchtbaren Böden der Südslowakei besser für Rotwein, besonders für Cabernet Sauvignon und Frankova (Blaufränkisch). Die kargeren, steinigeren Böden der kleinen Karpaten östlich der Hauptstadt Bratislava sind Weißwein-Revier. Nur ein geringer Teil der Produktion wird exportiert – und dann vornehmlich nach Tschechien.

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Ungarn

In Ungarn wird auf etwa 50.000 Hektar Weinbau betrieben und ca. 2,7 Millionen Hektoliter pro Jahr produziert. Fast alle Regionen haben sich im Schutz der Berge entwickelt, wobei unterschiedliche Terrains für verschiedene Mesoklimata sorgen, die sich in der regionalen Weinvielfalt spiegeln. Dabei ist der typische ungarische Wein weiß (ca. 70 %) bzw. goldgelb und würzig.

In Ungarn finden die Reben seit Jahrhunderten optimale klimatische Bedingungen vor (Ungarn galt noch vor 100 Jahren als das größte südosteuropäische Weinland – heute jedoch haben Länder wie Rumänien, Bulgarien und Griechenland mehr Reben im Anbau). Verantwortlich dafür sind das gemäßigte Kontinentalklima (im Süden) und das pannonische Klima (im Westen), sowie die Botrytis cinerea an den Flüssen Bodrog und Tiszy im Nordosten.

Das gemäßigte Kontinentalklima ist in Europa fast überall vorherrschend und zeichnet sich durch recht warme Sommer und kalte Winter aus. Das pannonische Klima ist maßgeblich in der ungarischen Tiefebene (sowie in Österreich) vorherrschend. Den Namen erhielt es von der pannonischen Provinz des römischen Reiches, dem heutigen Westungarn. Im Unterschied zum kontinentalen Klima gibt es wesentlich weniger Niederschläge. Die Sommer sind heißer und trockener, die Winter sehr kalt. Die Übergänge zwischen den Jahreszeiten sind kurz, deshalb muß die Vegetation schnell verlaufen.

In Ungarn scheint die Sonne durchschnittlich 2.000 Stunden pro Jahr, ca. 200 h mehr als in Deutschlands südlichsten Weinregionen wie dem Kaiserstuhl oder dem Markgräflerland in Baden. Die Niederschläge hingegen sind mit etwa 420 mm jährlich gering, kommen aber periodisch zum perfekten Zeitpunkt im Frühsommer zu Beginn der Vegetationsphase und am Ende der Lese. Begünstigend wirken außerdem die Winde im Sommer, sodaß die Reben im Allgemeinen auch keinen Trocken- bzw. Hitzestreß erleiden.

Ungarn wurde im Jahr 1875 von der Reblausplage heimgesucht, was zu einem enormen Verlust an Rebfläche führte und zu einer bedeutenden Umgestaltung des Weinbaus hinsichtlich der Rebsorten. Das gilt auch für Ungarns größtes Weinanbaugebiet: die Tiefebene. In den sandigen Böden der Puszta könne die Reblaus nicht überleben, glaubte man irrtümlich. Aber auch hier hat sie sich ausgebreitet und man war genötigt umzustellen. Heute wird die Riege der größten ungarischen Rebsorten angeführt von der kräftig strukturierten, weißen Furmint.

Furmint ist eine der Hauptrebsorten im Tokajergebiet und zeichnet sich durch ihre lebendige Säure (die derjenigen eines Sauvignon Blanc oder einer Scheurebe entspricht) sowie Aromen von reifem Pfirsich, Mango, Litschi und weißen Blüten aus.

Die zweite wichtige Rebsorte der Region Tokaj ist die weichere und duftigere Hárslevellu, die „Lindenblättrige“. Sie kann aufgrund ihrer Säure und ihres Alkohol langlebige Weine (edelsüße) hervorbringen und hat Aromen von Wiesenkräutern und -blumen, also ein eher würziges Bukett.

Die bedeutendste Weißweinrebe in Ungarn aber ist der Olaszrizling (Welschriesling). Sie ist im gesamten östlichen Weinbau wichtig und wächst in Ungarn vor allem am Balaton. Olaszriesling zeichnet sich durch seine prägnante, erfrischende Säure aus und erinnert in Duft und Geschmack an grünen Apfel und rosa Grapefruit, Limette, Ananas und frische Banane. „Olaszrizling“ leitet sich von den italienischen Bauern ab, die Ende des 13. Jahrhunderts nach Ungarn (Tokaj) kamen, um beim Wiederaufbau der beim Überfall der Tartaren zerstörten Regionen zu helfen: „Olasz“ heißt übersetzt „welsch“ beziehungsweise „italienisch“. Er gab entsprechend dem Welschriesling seinen Namen.

Andere, leichtere Weine leifern die aromatische, lebendige Leányka (im Nordwesten um Eger) und die traubigere Király Leánka („Königintochter“), die hauptsächlich am Balaton ausgebaut und an Muskateller-Weine wie Sárga Muskotály erinnert im Duft, ansonsten aromatisch und würzig ist mit hohem Säurepotential.

Rote ungarische Trauben gibt es nur wenige (insgesamt 30 % der Weinproduktion), sie werden überwiegend in Eger, Sopron, Szekszárd und Villány kultiviert. Die Kékfrankos (Blaufränkisch) ist die am häufigsten angepflanzte Sorte und birgt großes Potential, da ihre Frische der pannonischen Hitze entgegenwirkt. Kékfrankos ist eine sehr farbintensive, fast schwarze Rebsorte mit intensivem Duftnoten von schwarzen Johannisbeeren, Brombeeren und Schwarzen Kirschen (Holunder und einer pfeffrigen Würze). Verstärkt wird das im Mund durch eine kräftige Säure- und Tanninstruktur. Sie wird fast überall angebaut, insbesondere aber in Szekszárd, Sopron, Eger und Mátra.

Eine der berühmtesten Rotweinreben ist die Kardarka, die hohe Ansprüche an den Boden stellt und erst sehr spät reift und daher frostanfällig ist. Sie erbringt sehr kraftvolle, aromatische Rotweine mit hohem Alterungspotential. In der Nase findet man schwarze, reife Kirschen, Heidelbeeren und Cassis sowie Lakritz und Süßholz. Die besten stammen aus Villány und Szekszárd. Sie war die wichtigste Rebsorte für die Cuvée namens „Egri Bikavér“ („Erlauer Stierblut“), heute ist es die Kékfrankos.

Das ungarische Weingesetz basiert auf dem Weinrecht der EU (seit 2004), aber auch hier gibt es regionale Besonderheiten. Das Mostgewicht wird in Ungarn mit Hilfe der Klosterneuburger Mostwaage (KMW) gemessen. Es ist identisch mit den italienischen „Babograden“. Nach dem Restzuckergehalt unterscheidet man:

  • trockene Weine (0-4 g/l)
  • halbrockene Weine (4-12 g/l)
  • halbsüsse (12-50 g/l)
  • süße (ab 50 g/l)

Die sogenannte Qualitätspyramide gestaltet sich wie überall in Europa nach folgendem Muster:

  • Qualitäts- und Prädikatsweine („Különteges Minösogi“): mind. 19 Grad KMW (oft restsüß), bis zu 13 Vol. %
  • Landweine („Minösegi Bori“ bzw. „Zajielegü Aszalali“): mind. 13 Grad KMW, nicht unter 10 Vol. %, 85-%-Regel
  • Tafelweine („Asztaly Borok“): mind. 10 Grad KMW, zwischen 9 und 11 Vol. %

Karte: © weingueter-in.de

In Ungarn gibt es 22 Weinanbaugebiete für Qualitätswein, die in 4 große Regionen zusammengefaßt sind:

  • Ungarische Tiefebene (26.000 ha)
    • Kunság (22.300 ha)
    • Hajós-Baja (2.000 ha)
    • Csongrád (1.860 ha)
  • Nord-Transdanubien (11.000 ha)
    • Balatonfüred-Csopak (2.000 ha)
    • Sopron (1.700 ha)
    • Badacsony (1.600 ha)
    • Etyek-Budo (1.500 ha)
    • Balatonfelvidék (1.200 ha)
    • (Asjar-)Neszmély (1.150 ha)
    • Mór (700 ha)
    • Pannonhalma (600 ha)
    • (Nagy-)Somló (600 ha)
  • Süd-Transdanubien (12.800 ha)
    • Balatonbolgár (3.000 ha)
    • Tolna (2.900 ha)
    • Szekszárd (2.500 ha)
    • Villány (2.000 ha)
    • Zala (1.500 ha)
    • Pécs (750 ha)
  • Nord-Mittelgebirge (20.000 ha)
    • Mátra (7.200 ha)
    • Eger (5.400 ha)
    • Bükk (1.200 ha)
    • Tokaj (5.600 ha)

Die Hälfte der Rebflächen befindet sich in der Großen Tiefebene zwischen Donau und Tisza (Theiß) auf sandigen Böden. Die höherwertigen Anbaugebiete sind über die Hügelkette verstreut, die das Land von Süden bzw. Südwesten bis Nordosten durchzieht.

Ungarische Tiefebene

Die Donau teilt Ungarn in zwei Hälften: Sie fließt zunächst von West nach Ost entlang der Grenze zu Tschechien und der Slowakei und macht dann auf der Höhe von Budapest einen Knick nach Süden Richtung Serbien. Westlich der Donau befinden sich Nord- und Südtransdanubien, östlich davon das Nord-Mittelgebirge und die Puszta, die ungarische Tiefebene.

Die Puszta ist die größte ungarische Weinregion und gleichsam eine sandige, baumarme Steppenregion. Das Klima ist sehr stark von kontinentalen Einflüssen geprägt. Auf den sandigen Böden können die Reben gedeihen, weil der Grundwasserspiegel durch die Donau hoch ist.

Das größte Gebiet ist Kunság und befindet sich im nördlichen Teil, Csongrád liegt südöstlich davon und Hajós-Baja süd-westlich an der Grenze zu Szekszárd und Serbien. Der Schwerpunkt der Weinerzeugung in diesen drei Gebieten liegt in der Produktion von einfacheren Weinen, wobei der Anteil an Weißwein überwiegt (Olaszrizling), bei den Rotweinen ist Kadarka am wichtigsten.

Ein bedeutendes Weingut dieser Region ist das Weingut János Frittmann (Frittmann Testvérek) in Kunság. 2018 feierte es sein 30-jähriges Bestehen. Der unkomplizierte Kadarka gilt als einer der besten Ungarns und auch der Merlot („Merle noir“: Schwarze Amsel) ist von guter Qualität und übertrifft die sonstigen Alltagstropfen der Region, weiß Sommeliere Yvonne Heistermann.

Nord-Transdanubien

Damit ist die Region im Nordwesten Ungarns bezeichnet: nördlich des Balatons (Plattensee) zwischen dem Burgenland in Österreich und der Donau. Drei der vier Appellationen der Region Plattensee befinden sich hier am nördlichen Ufer, die größte ist Balatonfüred-Csopak. Das Klima in der hügeligen Landschaft mit Böden aus Schiefer, Vulkangestein, Kalk und Sandstein ist ausgewogen durch den Balaton mit warmen, nicht zu heißen Sommern und milden Wintern. Das Gebiet – benannt nach den beiden Hauptorten Balatonfüred und Csopak wurde erst 1959 gegründet, hat aber eine lange Tradition. Ein bekanntes Weingut ist Mihaly Figula, der 16 ha (insbesondere Weißwein) bewirtschaftet.

Badacsony am nordwestlichen Ufer ist ein Weißwein-Gebiet, in dessen Mitte der namensgebende 438 m Hohe Berg steht, an dessen südlichen Hängen Wein angebaut wird. Die Region ist vielleicht vergleichbar mit der Loire: Die Böden sind sehr mineralreich, das warme Basaltgestein vulkanischen Ursprungs speichert die Sonnenwärme, die er nachts abgibt. Die feine Mineralik wird von einer erfrischenden Säure unterstützt. Bekanntester Winzer ist Hubert Szeremley, der 115 Hektar bewirtschaftet (mit Gerard Depardieu).

Balatonfelvidék ist rech flach und nicht direkt am See, entsprechend ist das Klima etwas rauer: Die Appellation ist nicht so von den kalten Winden geschützt. Weißwein dominiert auch hier.

Im Nordosten des Gebietes befindet sich die Appellation Etyek-Buda, westlich von Budapest. Auf etwa 1.500 ha werden im jüngsten Anbaugebiet Ungarns insbesondere Weißweine angebaut (auch Schaumweine) aufgrund der kühleren Klimatik. Die Weine sind sehr säurebetont und rassig.

Auch in Ászar-Neszmély, etwas westlicher gelegen, gedeihen Weißweine aus Traditionstrauben, aber heute stossen ultramoderne Kellereien wie „Hilltop“ sortenreine Weine für den Exportmarkt aus.

Der Lehmboden der Appellation Mór sorgt für einen sehr üpppigen, aromareichen und teils süßen Ezerjó, der auch von der Mineralik der sandigen Lössböden profitiert. Mit seinen 700 Hektar gehört Mór zu den kleinen Anbaugebieten, wie auch Somló. Der Berg Somló ist ein erloschener Vulkan (433 Meter hoch) nördlich des Balaton. Der Schomlauer Wein wurde von den Habsburgern (zur Hochzeit) getrunken. Auch hier wächst vornehmlich Weißwein. Zur Riege der kleinen Appellation gehört auch Pannonhalma, wo im seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Kloster seit dem Jahr 996 Wein angebaut wird.

Sopron zählt zu den ältesten Appellationen. Hauptrebsorte hier am Neusiedlersee ist Kékfrankos, die insbesondere auch Franz Weninger wiederbelebt hat. Das Klima hier zwischen See- und Bergland ist kühler und niederschlagsreicher als im übrigen Ungarn. Vorteilhaft aber sind die milden Winter und langen Spätsommer und Herbste, weshalb die Reben wesentlich später reifer, was für hohe Säure und frisch-fruchtige Rotweine sorgt.

Süd-Transdanubien

Damit ist die Region im Südwesten Ungarns gemeint, zwischen Kroatien, Donau und Balaton, wo sich am Südufer auch die Appellation Balatonboglar befindet. Das Klima in dieser flachen Gegend ist recht ausgeglichen und die Böden sind lehmig und sandig und eignen sich für Weißwein wie den für den Exportmarkt bestimmten „Chapel Hill“.

Westlicher liegt Zala, das erst 1998 deklariert wurde. Die Reben dieser hügeligen Landschaft sind zu 90 % Weißwein mit regionalen Spezialitäten wie Zalangyöngye („Perle von Zala“) sowie Cszerszagi Füszeres (ein Hybrid), die eigenwillige Tischweine hervorbringen.

Im Süden, nahe der kroatischen Grenze, liegt das kleine Gebiet der Region Pécs. In dieser warmen Region wachsen hauptsächlich sehr kräftige Weißweine. Es gehört zu den höherwertigen Anbaugebieten, die über die Hügelkette verstreut sind, die Ungarn von Südwesten bis Nordosten (Tokaj) durchzieht. Dabei ist Villány nahe der kroatischen Grenze das südlichste Weinanbaugebiet Ungarns. Hier herrscht mediterranes Klima (milde, relativ kurze Winter). Frühlingshafte Witterungsverhältnisse lassen die vornehmlich Rotweinreben früh austreiben und blühen, anschließend folgen heiße und trockene Sommer. Die typischen Bordeaux-Rebsorten, aber auch Kékfrankos gedeihen hier auf den Löss-, Lehm- und mineralischen Kalkböden sehr körperreich und kraftvoll-würzig. Das Weingut Hummel ist hier zu Hause und produziert u.a. Cabernet Sauvignon und Merlot. Die Region der „Sieben Hügel“ um Villány wird auch „Bordeaux des Ostens“ genannt.

Zwischen Weinlese und Weihnachten, am 11. November, ist Martinstag in Ungarn. Der Hl. Sankt Martin wurde 331 n. Chr. im ungarischen Szombathely (nahe der burgenländischen Grenze) geboren, ihm wird traditionell am 11.11. gedacht – an dem Tag, an dem auch das Wirtschaftsjahr der Winzer beginnt. Das wird mit Martinsganz und „Primeur“ gefeiert – insbesondere auch in Villányi.

Zum Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres siehe auch den Essay maskenpflicht.

Tolna, 1989 gegründet, liegt zwischen Villány im Süden und Balaton. Im gemäßigten Klima wächst Weißwein, Kadarka und Kékfrankos sind in der Minderheit – anders als in Szekszárd. Das Anbaugebiet unterteilt sich in die Hügellandschaft im Westen und das Szekszárder Bergland, wo es etwas kühler ist. Auf dem kalkhaltigen Löss wachsen facettenreiche Rotweine. Skekszárd ist auch neben Eger die einzige Stadt Ungarns, die Bikáver („Stierblut“) erzeugen darf: eine Cuvée aus Kékfrankos, Kadarka, Cabernet Sauvignon und Merlot. Beachtung verdingt hier das Weingut Heimann.

Nord-Mittelgebierge

Die Region im Nordosten Ungarns besteht aus 4 Appellationen und ist von allen das Gebirgigste. Das gilt insbesondere für das im Westen der Region liegende Gebiet Matrá, das auch das größtee ist mit über 7.000 ha. In dieser „Bergweinregion“ findet man Reben bis 500 m Höhe, wobei das Mittelgebirge die Anlagen vor Kälteinflüssen schützt. Der 1.015 m hohe Kékestetö ist der höchste Berg des Landes. Die Böden sind vulkanischen Ursprungs und ähneln denen des Tokaj. Angebaut wird überwiegend Weißwein (80 %), aber vereinzelt findet sich auch Rotwein in Ungarns zweitgrößter Appellation.

Eger im Osten des Matrágebirges gehört zu den bedeutensten Weinzentren des Landes. Das Klima ist etwas milder als in Matrá. In den Tuffsteinkellern (Tuffstein ist vulkanischen Ursprungs – wie in Madeira) liegen hunderte Eichenfässer voller Kékfrankos, die die Kadarka ersetzte und das „Stierblut“ verdünnte. „Erlauer Stierblut“ wurde erstmals 1851 erwähnt: Ein „Egri Bikavér“ ist immer eine Cuvée aus mindestens 3 Rotweinsorten, die oft als „Gemischter Satz“ angebaut werden. Der „Stierblut-Kodex“ von 1997 regelt die Produktion. Die Weißweine aus Eger sind meist körperreich.

Das kleine Gebiet Bükk zwischen Eger und Tokaj ist deutlich kühler. Die Ebenen sind meist mit Weißwein bestückt und wachsen auf kalkhaltigen Böden, sind aber nicht so bedeutend wie die Weine aus den Nachbarappellationen. Die einfachen Trinkweine dienen bisweilen auch als Grundweine für die Schaumweinproduktion.

Die bekannteste Weinbauregion Ungarns ist sicherlich Tokaj („Tokaji“ ist das ungarische Wort für Tokajer, die Stadt und das Anbaugebiet heißen Tokaj.) Seit dem 16. Jahrhundert ist seine Qualität legendär, was größtenteils auf den üppigen „Tokaji Aszú“ zurückzuführen ist. Er entstand aus edelfaulen Trauben methodisch im Jahr 1630 im Weinberg Oremus: Der Legende nach standen 1650 türkische Truppen im Land – zeitgleich mit Beginn der Weinlese. So wurde verfügt – 125 Jahre früher als auf Schloss Johannisberg, wo die Spätlese „erfunden“ wurde -, die Trauben zunächst hängen zu lassen und erst später zu lesen.

Die Voraussetzungen für Wein aus edelfaulen Trauben sind in Tokaj ideal: Es liegt im Norden Ungarns in den Ausläufern der Karpaten, nahe der slowakischen Grenze (neben der Region Tokaj darf Tokaji auch noch in 3 Gemeinden in der Slowakei produziert werden). Das Zemplén-Gebirge ist vulkanischen Ursprungs. Seine Kegel stehen am Nordrand der Tiefebene. Die besten Weinberge liegen an nach Süden ausgerichteten Hügeln an den beiden Flüssen Bodrog und Tisza (Theiß), die an der Südspitze der Kette zusammenfließen. Das Klima ist gemäßigt und zeichnet sich durch trockene, wenig heiße Sommer und lange, sonnenreiche Herbste aus. Von der Ebene strömen warme Sommerwinde herein, die Karpaten schützen im Nordwesten und Osten vor kalten Winden und die von den Flüssen heranziehenden Nebel – am frühen Morgen steigt die Feuchtigkeit auf – begünstigen das Entstehen des Botrytispilzes (Botrytis cinerea). Aber die Edelfäule entsteht nicht jedes Jahr, man kann daher verschiedene Stile unterscheiden.

Grundsätzlich wird das Geschmacksbild eines Tokaji vom vulkanischen Tuffboden geprägt und den drei zugelassenen weißen Rebsorten, die auf nicht ganz 6.000 ha wachsen:

  • Furmint: 70 % entfallen auf diese säurereiche Rebsorte, die spät reift, dünnschalig ist und insofern anfällig für Botrytis. Sie ist die Hauprebsorte für Aszú-Weine und hat Aromen von Apfel und gereift nussige Noten sowie Honig.
  • Hárslevelü: Die „Lindenblättrige“ bringt Duft in die Cuvée und ist reich an Zucker und Aromen. Furmint und Hárslevelü werden oft miteinander gelesen, gepresst und vergoren.
  • Sarga Muskotály: 5-10 % macht die „Muscat Blanc à petits grains“ aus. Sie wird entweder wie in Sauternes als Würze beigemischt oder als üppige Spezialität für sich verarbeitet.

Je nachdem, wie stark sich die Edelfäule entwickelt hat, werden die Trauben bei der Lese, die traditionell am 28. Oktober beginnt, nach 3 Kategorien getrennt gelesen:

Trockene Weine: Weine ohne Botrytis werden in 0,75l-Flaschen sortenreinabgefüllt.

Tokaji Szamorodni („wie er gewachsen ist“): Hier sind die Trauben nur teilweise von Botrytis befallen. Je nachdem kann Szamorodni trocken (szaras) sein, oder süß (édes), wobei auch die trockenen Weine Charakterzüge von Edelfäule aufweisen. Unabhängig davon müssen beide mindestens 2 Jahre reifen, davon mindestens 1 Jahr im Holzfass.

Tokaji Aszú („Ausbruch“): Dieser Wein unterscheidet sich von den trockenen Stilistiken, denn er hat ausprägte Botrytis (etwa 50 %). Nur die edelfaulen Beeren (diese werden „aszú“ genannt) werden gelesen. Sie werden einzeln aussortiert und in großen Tanks zur weiteren Verarbeitung bewahrt. Die gesunden Trauben werden in ein bis zwei Tagen normal trocken vergoren, die selektierten Aszú-Beeren werden hingegen zu einer Paste verarbeitet, von Hand geknetet oder von Maschinen püriert. Diese Paste wird dem trockenen Grundwein in dosierten Mengen beigegeben. Als Maß gelten die sogenannten Puttonyos bzw. Butten à 25 kg, die den traditionellen 136-140-Liter-Fässern („gönci“) hinzugefügt werden. Meist sind es 4-6 Butten, die hineingerührt werden und 1-5 Tage drin bleiben (d.h. mit 6 Butten ist das Fass voll. Der trockene Grundwein wird nur genutzt, um den Zucker aus der Paste zu waschen). In dieser Zeit führt der Zuckergehalt zu einer neuerlichen Gärung, die sich je nach Zuckergehalt und Kellertemperatur richtet: Je süßer der Wein und je kälter der Keller, desto langsamer verläuft der Fermentationsprozeß (die Gärung). Die feinsten Gewächse haben einen Süßegrad mit wenig Alkohol – meist 10,5 Vol. % -, einfachere 12-13 Vol. %.

Neuerdings gilt als gesetzliche Vorgabe: Das Gönci-Fass darf nur noch 100 Liter fassen, der Restsüßegehalt beträgt dann bei 3 Butten 90 g/l, bei 4 Butten 110 g/l et cetera.

Tokaji Aszú reift mindestens 2 Jahre im kleinen Holzfass und 1 Jahr im Regal (früher wurden noch länger ausgebaut). Dadurch entstehen tiefdunkle, bernsteinfarbene Weine (ähnlich den italienischen Ripasso-Weinen) mit frischen Fruchtnuancen bzw. einer beträchtlichen Säure und Aromen von Orangenschalen, Aprikosen und Honig.

Tokaji Eszencia mit 450 g/l Restzucker besteht ausschließlich aus Vorlaufmost des Aszú, der Jahre braucht bis er vergoren ist und nur ca. 5 Vol. % Alkohol hat (hier gibt es keinen Mindestalkoholanteil wie bei Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen in Deutschland, die mindestens 5,5 Vol. % haben müssen). Tokaji Eszencia ist honigartig bzw. wie ein Nektar.

Late Harvest: Diese Weine werden wie Sauternes auch mit botrytisierten Beeren hergestellt, diese werden jedoch mitvergoren (wie Spätlesen oder Trockenbeerenauslesen) und nicht eingemaischt wie bei Tokaj Aszú.

Das Tokaj-Gebiet wurde bereits um 1700 klassifiziert und in Crus unterteilt. Insgesamt gibt es 27 wichtige Gemeinden. Die Rebstöcke sind an leicht ansteigenden Hängen (keine Steillagen) nach Süden ausgerichtet und weden am Drahtrahmen erzogen. Sie bilden ein breites „V“. In dem „Oremus“-Weinberg der Familie Rákósczis wurde der erste Aszú-Wein gemacht. Heute gehört das Weingut zum spanischen „Vega Sicilia“ von Pablo Alvarez.

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Apulien (Puglia)

Apulien am Absatz des „italienischen Stiefels“ ist die zweitgrößte Weinregion des Landes und produziert 1/5 der gesamten Menge. Dabei sind 3/4 der Produktion als Verschnittwein für den Norden (und Frankreich), für die Herstellung von rektrifiziertem Traubenmostkonzentrat (RTK) und Wermut oder als Rohstoff für die Destilieranlagen gedacht, mit denen sich Europa seines Weinsees entledigt. Die etwa 90.000 Hektar sind in 32 DOCs und 4 DOCGs eingeteilt, von denen die wichtigsten die folgenden sind:

  • DOCG Primitivo di Manduria dolce
  • DOC Salice Salentino
  • IGT Puglia

Apulien ist die flachste Anbauregion in Italien, was die Weinbergpflege zwar erleichtert, aber wenig Möglichkeiten für eine Flucht vor der gnadenlosen Sommerhitze in höhere Lagen bietet (außerdem haben EU-Rodungsprämien dazu geführt, daß leider oft Buschreben ausgerissen wurden, die nicht maschinell bearbeitet werden können, aber wenigstens einen natürlichen Schutz vor der Sonne hätten bieten können). Eine ungünstige Situation für Reben in einer Gegend mit vielen Hochebenen – aber insbesondere die Rebsorte Negroamaro („schwarz-bitter“ von italienisch „Niger“ und griechisch „Mavros“) hat sich über lange Zeit an dieses heiße Klima Apuliens gewöhnt und eine dicke Schale entwickelt, die sie unempfindlich gegen Hitze macht. Etwa 800 vor Christus wurde Negroamaro von den Griechen eingeführt. Seine Flaschenkarriere begann er in den 1980er-Jahren, als Cosimo Taurino begann die Trauben später zu ernten. Dadurch verloren sie an Flüssigkeit und die Aromen konzentrierten sich: Kirsch- und Rumtopfaromen der überreifen Trauben sorgen für ein angenehmes Gleichgewicht zur feinen Herbe im Abgang auf, Gerbstoffe machen sich in Form einer Note von delikaten schwarzen Oliven bemerkbar.

Das mit Abstand bedeutenste Anbaugebiet für Negroamaro ist um den Ort Salice Salentino. Hier gibt es fruchtbare rote Böden im Inland und kalkhaltige nahe dem Meer. In beiden wächst Negroamaro sehr gut. Für italienische Verhältnisse ist er spätreifend (Ende September/Mitte Oktober). Die Rettung vor der Hitze des Sommers sind die Nächte, die etwas kühler sind und eine stabile Säure garantieren.

Etwas berühmter als Negroamaro dürfte vielleicht die Rebsorte Primitivo sein. Sie ist genetisch identisch mit der kalifornischen Zinfandel, aber kroatischen Ursprungs. Traditionell wird sie im westlichen Salento kultiviert, v.a. auf den roten Böden und auf Kalk in Manduria. Ihren Namen hat sie aufgrund des Umstands, dass sie selbst für italienische Verhältnisse früh ausreift: bereits im August. Deshalb nannte man sie „primeuve“, „frühe Traube“.

In den vielen Sommerstunden Apuliens bildet der Primitivo di Manduria durch Fotosynthese sehr viel Zucker, der bei der Vergärung in Alkohol umgewandelt wird. Allerdings führt die steigende Temperatur während des Gärungsprozesses zum frühen Zelltod, das heißt der Alkohol verwandelt sich bei hohen Temperaturen zum Zellgift – und der Wein bleibt süss. Notgedrungen entstand so zunächst die Weinkultur des Dolce naturale. Heute jedoch wird früher geerntet – ein paar Monate im Fass runden den Wein weiter ab. Dennoch bleibt es ein eher fetter, wuchtiger Wein.

Wenn Primitivo und Negroamaro hohe Erträge bringen, liefern sie einfache, fruchtige, jung zu trinkende Weine, die unter der Bezeichnung IGT Puglia in den Handel gelangen. Bei Ertragsbeschränkungen dagegen entstehen Körper- und aromareiche Weine, würzig aufgrund des Eichenfassausbaus und dem Verschnitt mit einer kleinen Menge Malvasia Nera, die einen würzig-blumigen Duft und etwas Schmelz beisteuert.

Im Norden Apuliens liegt die Castel del Monte des Stauferkönigs Friedrich II., wo in gleich zwei DOCGs Nero di Troia, eine historische Varietät, angebaut wird und mit der DOCG Castel del Monte Bombino Nero die einzige Rosé-DOCG Italiens steht. Bombino Nero hat viel Säure und wenig Zucker. Daraus ergibt sich ein frischer, süffiger, aromatisch-salziger Wein.

Im südlichen Apulien ist die Reberziehungsform des Alberello, die Buscherziehung, charakteristisch. Die Pflanzen erreichen dadurch ein Alter von mehr als 80 Jahren. Ebenfalls charakteristisch für Apulien sind die vielen weißen Trulli: kleine, bunkerartige Wachtürmchen mit Runddach (in dem Städtchen Alberobello sind sogar ganze Wohnhäuser in dem Stil gebaut), wie sie auch in Rheinhessen zu sehen sind.

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Kroatien

Die Dinarischen Alpen, die parallel zur Küste verlaufen, teilen Kroatien in zwei Landschaftstypen: An der Küste liegen Istrien, das kroatische Küstenland (Primorje), Norddalmatien (Sjeverna Dalmacija), das Mittlere und Südliche Dalmatien (Srednjai Juzna Dalmacija) sowie das Dalmatische Hochland (Dalmatinska zagora). Kontinentalkroatien hingegen befindet sich im Landesinneren, es grenzt an Ungarn. Hier, in Slawonien (Slavonija), wird hauptsächlich Weißwein angebaut, z.B. Grasevina, Kroatiens Welschriesling, der ein Viertel der Produktion ausmacht. Auch die Küste ist vorwiegend ein Weißwein-Gebiet, aber auch der Ursprung der roten Tribidrag (=Zinfandel beziehungsweise Primitivo) ist hier.

An der Küste dominiert Karst bzw. Kalkböden. Die Reben wachsen traditionell als Buschreben, weil mediterranes Klima herrscht und die buschförmige Erziehung den Trauben viel Schatten bietet. Sie ziehen viele Mineralstoffe aus dem Boden.

Weinbau findet in Kroatiens Küstenregion und auf den von den warmen Strömungen der Adria umspülten Inseln oft auf terrassenförmig angelegten Weinbergen an den steilen, felsigen Hängen direkt am Meer statt. Mit die steilsten Hänge befinden sich auf der Insel Brac, wo in 450 m Höhe Terrassen in Hängen mit über 50 Grad Gefälle angelegt wurden. Nach der Entstehung der Repulbik Kroatien vor etwa 30 Jahren – als der moderne, privatisierte Weinbau überall im Land seinen Anfang nahm – wurden hier 50.000 neue Rebstöcke gepflanzt.

Dabei hat Weinbau in Kroation in jahrtausendealte Tradition. Schon vor über 4.000 Jahren haben sich hier griechische Siedler niedergelassen und auch Wein angepflanzt. Auf der Insel Hvar hat man auf der Insel geprägte Münzen mit dem Abbild von Dionysos gefunden, ebenso in der von den Griechen gegründeten Stadt Pharos. Im 15. und 16. Jahrhundert dann wurden die Adriainseln, allen voran Korkucal überhaupt zur Handelsdrehscheibe: Sie gehörten meist zur Seerepublik Venedig – die in dieser Zeit ein Importverbot für Wein verhängte, getrunken wurden also vornehmlich eigene Weine aus autochthonen Rebsorten. Zwischen 1880 und 1920 explodierte der Weinbau dann, da Kroatien zunächst – anders als praktisch alle anderen Weinbauregionen Europas – nicht von der Reblaus betroffen war. Über 24 Millionen Flaschen Wein jährlich wurden ins Ausland exportiert. (Erst 30 Jahre später fand auch die Reblaus ihren Weg ins Land.)

Von den insgesamt etwa 60.000 ha befinden sich 36.000 an der Küste, die über 6.000 km lang ist (mit mehr als 1.000 Inseln). Istrien ist dabei die nördlichste Küstenregion. Hier wird die Malvasia-Variante Malvazija Istarska aufgebaut (mit Hülsenmaischung, wie in Slowenien). In Istrien wird Wein häufig in Akazienfässern ausgebaut, was zu körperreichen, lebhaften Weinen führt. Der typische Rotwein Istriens ist Teran (Refosco), der mitunter mit Merlot verschnitten wird.

Insbesondere der Anbau von Tribidrag ist neuerdings explodiert. „Tribidrag“ ist ein Synonym für die „Crljenak-Kastelanski“-Traube („rote Traube von Kastela“, einer kleinen Stadt nahe Split und Ursprung der Rebsorte, die international unter dem Namen Primitivo beziehungsweise Zinfandel bekannt wurde. Den Namen „Zinfandel“ bekamm die „Crljenak-Kastelanski“ wegen einer Fehllieferung aus dem Habsburgerreich nach Amerika: Eine Lieferung der kroatischen Rebsorte wurde irrtümlich als „Zierfandler“ (eine österreichische Rebsorten-Spezialität) beschriftet und im New Yorker Hafen als „Zinfandel“ entziffert.

Nördlich von Dubrovnik wird die rote Plavac Mali („Kleiner Blauer“) auf steilen Terrassen angebaut. Man findet die kleinen, dunklen Trauben überall in Dalmatien, der südlichsten Region Kroatiens, oft auch auf den unzähligen Inseln des Landes. Denn Plavas Mali ist eine äußerst robuste Rebsorte, der die steinigen Böden, die glühende Hitze und insbesondere auch der ständige, Bura (Bora) genannte Wind nichts anhaben kann. Plavac Mali ist eine würzige, kräftige Sorte mit viel Aroma, aus der granatfarbene Rotweine entstehen. Aus der Plavac Mali entstehen auf der süddalmatischen Halbinsel Peljesac auch die bekannten Weine „Dingac“ und „Postup“ (Dingac wird teilweise im Ripasso-Verfahren hergestellt wie im Valpolicella).

Die elegantere und duftende Bobil wird traditionell nur in den steinigen Küsten-Weingärten um den Hafen von Primosten zwischen Sibenik und Split angebaut. Die Weinstöcke für den ebenfalls roten Babic standen ursprünglich ebenfalls dort, das heißt in Bucavac (bei Primosten), wo er – noch im sozialistischen Jugoslawien – in Gemeinschaftsgärten angebaut wurde, die durch niedrige Natursteinmauern in kleine Parzellen unterteilt waren. Entlang der Küste Zentral- und Südkroatiens wird ansonsten auch Malvasia angebaut und in der Region um die Insel Korcula Posip.

Die Weine Kroatiens tragen folgende Prädikate:

  • Vrhunsko Vino (Spitzenweine)
  • Kvalitetno Vino (Qualitätswein)
  • Stolnovino (Tafelwein)

Einen Kontrast zu den vielen genossenschaftlich produzierten Weinen bieten dabei die kleinbäuerlichen Betriebe an der dalmatinischen Küste und den davor liegenden Inseln.

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Portugal

Ganz Portugal ist Weinbaugebiet, allerdings ist Portugal ein relativ kleines Anbauland: So sind zwar 240.000 Hektar Anbaufläche registriert, wovon etwa 200.000 ha auch genutzt werden, allerdings werden nur rund 6 Mio. Hektoliter Wein jedes Jahr erzeugt. Obwohl die Anbaufläche fast doppelt so groß ist wie in Deutschland, werden also doch nur etwa 1/4 der Menge produziert.

Von der Gesamtproduktion sind etwas mehr als 40 % Weißwein, der Rest Rotwein und Rosés (im Dourotal zum Beispiel „Mateus“ und „Lancers“). Etwa 40 % davon gehen in den Export. So verhältnismäßig gering die Produktion ist, so hoch ist der Pro-Kopf-Verbrauch in Portugal: Er liegt mit 55,5 Liter pro Jahr an der Spitze in Europa (mit dem Vatikan und Luxemburg).

Die Anbauflächen für Qualitätsweinbau umfassen knapp 85 % der gesamten Rebfläche des Landes und sind verschiedenen Einflüssen ausgesetzt: Den bedeutendsten klimatischen Einfluß übt der Atlantik aus, weshalb in einem Großteil Portugals maritimes Klima herrscht. In vielen Weinbauregionen im Inneren des Landes ist das Klima dagegen heißt und trocken – es herrscht kontinentales Klima -, und nicht war im Sommer und kühl und feucht im Winter, wie am Antlantik. In manchen Regionen trägt die Höhenlage zur Milderung der sehr hohen Temperaturen bei. Auf jeden Fall sind die mitunter sehr großen Unterschiede bei den Durchschnittstemperaturen mit verantwortlich für die vielen verschiedenen Weinstile, die es in Portugal gibt, wobei festzuhalten ist, daß im Westen des Landes eben eher atlantisch-maritimes, im gebirgigeren Osten kontinentales Klima herrscht.

Die Böden variieren enorm: So gibt es zwar im Norden und im Binnenland Granit und Schiefer, an der Küste Kalkstein, Ton und Sand, im Süden den beliebten Schiefer – insgesamt aber sorgen die zum größten Teil sehr kargen Verwitterungsböden für geringe Erträge. (Auch der Anteil der Biofläche liegt bei nur 3.000 ha.)

Die isolierte Lage des nur etwa 200 x 800 Kilometer umfassenden Landes am Rand der iberischen Halbinsel hat dazu geführt, dass es heute nur noch in Italien mehr autochthone Rebsorten gibt: Rund 340 einheimische Rebsorten wurden in Portugal erhalten. So besitzt das Land also eine Fülle autochthoner Rebsorten, die es von vielen anderen Weinerzeugerländer absetzt – was andererseits aber das Verständnis der portugiesischen Weine erschwert, insbesondere auch, weil nicht selten ein und dieselbe Rebsorte je nach Region einen anderen Namen trägt.

Vor dem EU-Beitritt 1986 gab es keine Klassifizierung außer „Garrafeira„, was „gereifter Wein“ bedeutet:

  • Rotwein: 12 Monate bzw. 24 in Alentejo, 36 im Dao (weil Hochland)
  • Weißwein: 6 Monate bzw. 12 Monate Flaschenreife

Andere wichtige Begriffe, die man immer wieder auf portugiesischen Etiketten sieht, sind:

  • Quinta – Weingut (kein Zukauf!)
  • Adega – Kellerei
  • Balsero – Großes Holzfass
  • Lagar – Offenes Kelterbecken, meist aus Marmor und gekühlt (offene Vergärung, nicht im Stahltank)
  • Casta – Rebsorte
  • Colheita – Jahrgang

Ansonsen gilt seit dem EU-Beitritt die gesetzliche Neuordnung, d.h. Portugal verfügt über ein vierstufiges Klassifikationssystem, das dem französischen ähnelt und das in das gültige EU-System übersetzt wurde:

  • DOP (Denominacao de Origem Protegida): bisher 30 DOCs und 4 Indicacao de Provenciencia Regumentada (IPR), die in den Rang DOC aufsteigen konnten
  • IGP (Indicacao Geográfica Protegida): bisher 8 Vínhos Regionais
  • Vinho: Tafelwein ohne geografische Herkunft

Die wichtigsten Regionen und Anbaugebiete für portugiesischen Wein von Norden nach Süden sind:

Weinanbaugebiete Portugal

Karte: © ViniPortugal

  • Minho (DOP Vinho Verde)
  • Trasmontano (DOP Trás-os-Montes)
  • Douro (DOP Douro und DOP Porto)
  • Beiras (DOP Dao und DOP Bairrada)
  • Estremadura (VR Lisboa)
  • Tejo (VR Tejo und DOP Tejo)
  • Sétubal (VR Peninsula de Sétubal)
  • Alentejo (DOP Alentejo)
  • Algarve (VR Algarve)
  • Madeira

Anbaugebiete

Vinho Verde

Vinho Verde entsteht im Nordwesten Portugals, in der Provinz Minho mit dem gleichnamigen Fluß, der die Nordgrenze zum spanischen Galizien (Rías Baíxas) bildet. Die Anbaufläche der DOP Vinho Verde umfasst ca. 35.000 ha, etwa 1/8 der portugiesischen Weinernte kommt von dort. Vinho Verde ist damit die größte DOP in Portugal.

Aufgrund der Nähe zum Atlantik hat das Vino-Verde-Gebiet ein gemäßigtes maritimes Klima mit viel Niederschlag: Ohne sorgfältige Laubdachpflege kann der übermäßige Regen zu übermäßigem Wachstum der Blätter führen und Pilzkrankheiten in den Trauben begünstigen. Ausserdem würden dann auch die Früchte nicht ausreifen. Dashalb wurden die Reben traditionell an Pergolen erzogen.

Die Pergolaerziehung, die auch im benachbarten spanischen Rías Baíxas praktiziert wurde, ermöglicht es, die Trauben hoch über dem Boden wachsen zu lassen. Es verlangsamt die Reife und sorgt für das gewünschte Gleichgewicht zwischen Zucker und Säure und wirkt drohendem Pilzbefall entgegen. (Ausserdem erlaubt es den Anbau anderer Produkte darunter.) In neuen Weinbergen allerdings werden die Reben an niedrigen Verdikaldrahtrahmensystemen mit Zapfenschnitt erzogen, was ebenfalls eine gute Luftzirkulation ermöglicht, wenn man ein entsprechendes Laubdachmanagement betreibt, sowie eine maschinelle Bearbeitung und insgesamt reifere Gewächse.

„Verde“ heißt „grün“ und wird hier als Gegensatz zu „maduro“, gereift (wie bspw. in Rioja), verwendet: Das „Grün“ bei Vinho Verde steht für seine knackige Frische. Denn wegen des kühlen Klimas enthalten Vinho Verdes sehr viel Apfelsäure (auch wegen der hohen Erziehung). Deshalb förderte die traditionelle Bereitung den biologischen Säureabbau (BSA), d.h. die Umwandlung von Apfel- zu Milchsäure – wobei auch Kohlensäure als Nebenprodukt entsteht, die in der Flasche gefangen wird: Traditionell moussieren Vinho Verde leicht, was ihre Frische noch betont. Heutzutage jedoch werden die Weine hier kaum noch traditionell bereitet. Insbesondere für den Export wird die Säure häufig künstlich abgemildert (durch den BSA in der Flasche bildet sich ein Bodensatz) und Kohlensäure zugefügt, d.h. auf Massenproduktion ausgerichtete Kellereien lassen den Wein voll ausgären, damit er bakteriell stabil bleibt, und füllenihn anschließend mit einem Schuß Kohlensäure ab. Außerdem hat der Kellermeister dadurch noch die Möglichkeit, den Wein mit unvergorenem Most nachzusüßen, ohne dass die Gärung neu einsetzt. Früher hatte Vinho Verde wenig Alkohol und Restsüße, da die Gärung künstlich (durch Zugabe von Gas) gestoppt wurde. Heute sind sie ausgewogen und erreichen Alkoholgehalte von bis zu 14 Vol. %.

Die klassischen Vinho-Verde-Weißweine haben eine zitronengelbe Farbe, viel Säure und wenig Alkohol (zwischen 8 und 11,5 Vol. %). Die alkoholschwächeren Weine sind in der Regel halbtrocken (anders als der echte, scharfte Vinho Verde werden viele Exportweine kräftig gesüßt). Steht eine der insgesamt 9 Subregionen (wie bspw. Amarante oder Penafiel), eine Rebsorte oder ein offizieller Begriff zur Qualität auf dem Etikett, kann der Wein bis zu 14 Vol. % haben.

Die weißen Vinho Verdes sind typischerweise ein Verschnitt aus den Rebsorten Arinto, Avesso (körperreich, Mandelaromen), Loureiro (floral, pfirsichfruchtig), Azal und Trajadura. Die Ausnahme bildet die wachsende Menge feiner Vinho Verde, die ausschließlich aus der lokalen Rebsorte Alvarinho („die kleine weisse vom Rhein“ mit strukturierter Säure wie Riesling) hergestellt werden. Sie wächst sowohl in der nördlichen Teilregion Moncao und Melgaco, wie auch jenseits des Minho im spanischen Rías Baíxas, wo sie Albarino heißt. Die reinsortigen Vinho Verde Alvarinho haben etwas mehr Alkohol (11,5 bis 14 Vol. %) und Aromen reifer tropischer Früchte.

Mit der stärkeren Konzentration der Vinho-Verde-Produzenten auf den Exportmarkt sind die Weißweine wichtiger geworden als die Rotweine. Dabei werden auch im Vinho-Verde-Gebiet bis zu 1/3 rote Vinho Verde hergestellt. Er wird meist aus der Vinhao-Traube gekeltert. Roter Vinho Verde wird mitsamt der Stile (Rappen) vergoren, weshalb sie mitunter tiefdunkel und tanninstark sind.

Ähnlich wie Moncao und Melgaco, die durch Berge vom Atlantik geschützt sind und dadurch verhältnismäßig trocken und warm (d.h. fast schon subtropisch mit 1.200 mm Regen durchschnittlich jedes Jahr), aber mit kühlen Nächten durch die Höhenlage, liegen auch die Regionen für die besten roten Vinho Verde geschützt landeinwärts.

Douro

Die Region Douro – eines der ältesten abgegrenzten Weinbaugebiete der Welt – erstreckt sich nicht über das gesamte Douro-Tal, sondern endet etwa 90 Kilometer vor Porto und der Mündung des Flusses in den Atlantik (der Douro ist insgesamt 900 Kilometer lang, aber nur 200 davon in Portugal). Bis etwa 1991 war es vornehmlich für seinen gespriteten Portwein bekannt. Fast die komplette Produktion war auf Portwein ausgelegt. Heute ist es auch Heimat von etwa 150 Rotwein-Produzenten, die auf etwa 41.000 Hektar charaktervolle, dunkelrote, körperreiche und mit viel Tannin sowie reichhaltigen Aromen schwarzer Beeren versehene Weine herstellen (ähnlich dem Baga in der DOP Bairrada).

Das Weinbaugebiet Douro erstreckt sich von der Serra do Marao 90 Kilometer östlich von Porto entlang des Douro bis zur spanischen Grenze, wobei nur 18 % der Fläche direkt am Fluss liegt, der Rest in den Seitentälern mit Nebenflüssen („Corgo“ genannt). Das Douro-Tal, das erstmals vom Briten Joseph Jones Forrester (1809-1861) vollständig kartographiert wurde, ist in 3 Unterbereiche mit unterschiedlichen klimatischen Bedingungen aufgeteilt:

  • Baixa Corgo („Unterer Nebenfluß“ im Westen)
  • Cima Corgo(„Oberer Nebenfluß“)
  • Douro Superior

Im Allgemeinen herrscht in der DOP Douro ein warmes, kontinentales Klima, da die Serra do Marao die kühlen, Regen bringenden Winde vom Atlantik abschirmt. Dennoch gibt es klimatische Unterschiede: Baixa Corgo im Westen ist der kühlste und feuchteste Unterbereich. Von diesem „unteren Nebenfluß“ ausgehend wird es Richtung Osten immer heißter und trockener – die böden karger.

Im Frühling sind die Winzer nicht selten mit Frost konfrontiert und heftige Platzregen führen immer wieder zu erheblichen Beeinträchtigungen der Blüte, aber auch der Lese. Im Sommer kann es tagsüber sehr heiß werden und Regen fällt während der gesamten Wachstumsperiode kaum. Weinbau ist nur möglich, weil die Reben dank senkrechter Risse im Schieferuntergrund (das Douro-Tal ist das größte Schieferproduktionsgebiet der Welt) sehr tief Wurzeln schlagen und an das Grundwasser gelagen können, das von dem Regen im Winter gespeist wird. (Portugal ist auf Granit gebaut – hier als Schiefer in seinem verwitterten Zustand.)

Die Weinberge im Douro-Tal, insbesondere in Baixa und Cima Corgo, sind auf sehr hohen und bis zu 60 Grad steilen Hängen angelegt (ähnlich wie an der Mosel). Die Topografie ist äußerst vielfältig, so herrschen bspw. zwischen dem oberen und dem unteren Teil der Schieferhänge teils beträchtliche Temperaturunterschiede. Auch werden gern nördlich ausgerichtete Hänge bepflanzt, da sie Schutz vor der vollen Sonneneinstrahlung bieten. Dennoch bedeutet in jedem Fall die Bewirtschaftung so steiler Hänge einen enormen Arbeits- und Kostenaufwand.

Traditionell wurden die Reben auf schmalen, „socalcos“ genannten Terrassen gepflanzt, die von Steinmauern gestützt werden (im 17. Jahrhundert). Jede Terrasse bietet nur einigen wenigen Rebzeilen Platz, was eine Mechanisiierung der Arbeit unmöglich macht. Auch die Mauern instand zu halten ist aufwendign, dennoch ist dieses System weiterhin viel in Gebrauch. Um aber zumindest ein wenig maschinelle Hilfe in Anspruch nehmen zu können, wurden in den 1970er-Jahren die alten Terrassen nach und nach durch breiter ausgebaute „patamares“ ersetzt (und inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt): Sie kommen ohne Mauern aus, sondern stützten sich auf Schiefer, und sind breit genug, dass mit Traktoren gearbeitet werden kann. (An flachen Hängen kann auf eine Terrassierung auch ganz verszichtet werden, was „vinha ao alto“ genannt wird.) Hier werden die Rebezeilen relativ dicht längs zum Hang angelegt. Während die „patamares“ eine geringe Stockdichte aufweisen. Insbesondere jedoch aufgrund der Erosion des Mutterbodens wird wieder vermehrt auf einreihige Terrassen umgestellt.

In der DOP Douro sind insgesamt 80 Resorten zugelassen, empfohlen sind aber nur 6 Rotweinsorten:

  • Touriga Nacional (dunkel, kräftig): 2 %
  • Tinto Cao (ledrig, straff, hohe Säure)
  • Tinto Franca (weich, fruchtig): 20 %
  • Tinta Roriz (= Tempranillo): 16 %
  • Tinta Barroca (saftig): 11 %
  • Alfrocheiro

Alle Sorten werden teilweise als „Gemischter Satz“ angebaut und mitunter in neuer Eiche ausgebaut.

Die Weißwein-Produktion beträgt nur 9 %, die wichtigsten Sorten sind Malvasia Fina, Moscatel, Verdelho, Viosinha, Rebigato etc. Sie können eine hohe Säure aufweisen, wenn sie aus Höhenlagen kommen.

Duriense ist die VR-Zone für deklassierte Douro-Weine, die üblicherweise aus internationalen oder nicht lokalen Sorten wie Syrah, Sauvignon Blanc, Alvarinho und Semillon gewonnen werden.

Beiras

Beiras ist als Anbaugebiet (IGP Beira Atlantico und Terras da Beira) viel zu groß und entzieht sich daher jeder Vereinheitlichung. Andererseits enthält es 2 DOPs, deren Weine zu den bekanntesten in Portugal zählen:

  • DOP Dao
  • DOP Bairrada
  • (DOP Lafoes)
  • (DOP Beira Interior)

Die DOP Dao um die alte Domstadt Visen, 80 Kilometer südlich des Douro, erstreckt sich entlang der drei Flüsse Alva, Mandego und Dao über ein von Kiefernwäldern durchsetztes Plateau in 400-500 m Höhe, auf dem immer wieder Gesteinsbrocken und Granitfelsen den gut drainierten Boden durchstoßen. Hier finden sich immer wieder auch Sandböden.

Der Großteil der etwa 20.000 Hektar Rebfläche liegen auf 200-400 m Höhe an den Hängen und sanft geschwungenen Hügeln, teilweise aber sogar auf 800 m Höhe. Je höher die Lage in der bergigen Gegend, desto größer der Unterschied zwischen Tag- und Nachttemperaturen, was sich günstig auf die Säure- und Aromenenwicklung auswirkt.

Im Westen und Südosten wird die Region von Gebirgen vor dem Atlantik geschützt, was kalte und nasse Winter beschert mit durchschnittlichen Niederschlagsmengen von über 1.100 mm. Die Sommer sind warm und trocken, viel trockener als im westlich gelegenen Bairrada. Dennoch zeichnen sich die Rotweine aus der DOP Dao durch delikate rote Fruchtaromen, weiche Tannine und viel Säure aus.

Viel zur Hebung des Niveaus hat die Einführung von hochwertigen Rebsorten wie Touriga Nacional, Tinta Roriz, Jaen (= Mencia) und Alfrocheiro beigetragen. Insbesondere die sortenrein verarbeitete Touriga Nacional führt zu erstaunlichen Ergebnissen, während Alfrocheiro dunkle Weine liefert mit Aromen von Heidel- und Erdbeere. Die besten Weißweine stammen von der Encruzade-Traube, die Saline und kräftige, säurebetonte Weine bringt. Wie die Rotweine sind auch die Weißweine, die etwa 1/5 der Produktion ausmachen, durchaus 20-30 Jahre lagerfähig. (Für einheimische Sorten werden meist Burgunderflaschen verwendet.)

Die DOP Bairrada wurde zwar erst 1979 und damit rund 70 Jahre nach Dao als Anbaugebiet ausgewiesen, tritt jedoch heute in ernste Konkurrenz zum großen Nachbarn. Bairrada ist eine stark ländlich geprägte Region, die sich von den Eukalyptuswäldern des Dao bis an die Atlantikküste erstreckt. Durch die Nähe zum Atlantik herrscht ein maritimes Klima mit regnerischen Wintern und warmen Sommern. (Für spätreifende Sorten kann Regen zur Erntezeit ein Problem sein.)

Mit seiner geringen Höhenlage, den schweren Lehm- und Sandböden (bzw. dem Granitverwitterungsgestein) und dem gleichen Übergewicht an Rotwein ähnelt Bairrada der DOP Dao, hat aber andere Sorten und eigenständigere „Adegas“ (Kellereien), während im Dao doch viele Genossenschaften vorherrschen.

Die Rebsorte Baga ist mit einem Anteil von fast 50 % die vorherrschende Rotweinsorte. Baga ist spätreifend und mit kleinen, dickschaligen Beeren, die dunkle, tanninstarke Weine erbringen, die sehr an Barolo erinnern. Zu frühl gelesene Trauben können sehr säurebetonte Weine erbringen mit adstringierenden Tanninen. Spätere Lese oder auch schonendere Methoden beim Einmaischen und Mahlen sowie das Verschneiden mit anderen dunklen Sorten haben die Weine weicher werden lassen. Dominiert Baga in der Komposition braucht der Wein 15-20 Jahre Zeit um auszureifen.

Der Großteil der ingesamt 12.000 Hektar (7.900 ha sin DOP-klassifiziert) ist mit Roweinsorten bepflanzt, aber auch Weißweine werden erzeugt, vorwiegend aus den beiden Rebsorten Biscal und Maria Gomes. Biscal erbringt säurebetonte, gelbfruchtige Weine, die streng und strukuriert sind und gerbstoffhaltig. Maria Gomes ist zitrisch, mit strammer Säure, und leicht blumig und fruchtig. Sie sit die meistangebaute Weißwein-Sorte in Portugal!

Die seit 1890 bestehende Espumante-Tradition wurde unter Beteiligung beider Sorten wiederbelebt, ebenso mit der roten Baga, die weiß vergoren wird und Tannine einbringt (ein idealer Essensbegleiter zu fettreichem Spanferkel).

Alentejo

Während der Norden Portugals von einem dichten Regenteppich überzogen ist, gibt es im Alentejo keinen Atlantik-Einfluß: Hier stehen keine Bergketten die zum Abregnen zwingen. Weinbau konzentriert sich in der weiten, abwechslungsreichen Region auf insgesamt 8 Subzonen mit einer Rebfläche von 22.000 Hektar, davon etwa 11.000 ha DOP-klassifiziert:

  • Portalegre (350 ha)
  • Borba (3.500 ha)
  • Redondo (1.900 ha)
  • Evora (700 ha)
  • Regnengos (3.200 ha)
  • Granja Amareleja (250 ha)
  • Vidiguera (1.700 ha)
  • Moura (250 ha)

Die weiten, sonnengedörrrten Flächen des Alentejo sind durchsetzt mit dunklen Korkeichen, deren Rinde für die Korkenproduktion Verwendung findet. Insgesamt ist es in den im Südosten Portugals gelegenen Alentejo warm und sonnig, doch kleinere klimatische Unterschiede zwischen den einzelnen Subregionen sorgen dafür, dass eine Reihe verschiedener Stile erzeugt werden. So ist es bspw. in der im Norden gelegenen Enklave DOP Portalegre, wo sich Granit und Schiefer bis zu 1.000 m hoch erheben, eher kühler und feuchter, während es weiter südlicher wesentlich heißer ist und der Niederschlag so gering, daß die Lese bereits in der dritten Augustwoche beginnt. Insofern kommen aus dem Norden die eleganteren Weine, während im heißeren und trockeneren Süden eher fülligere Exemplare entstehen. Hier im Süden herrscht kontinentales Klima mit viel Sonne, Hitze und Trockenheit, weshalb die Tauben (zum Schutz) eher dickschalig sind.

Gemessen an den 750.000 ha Korkeiche (was 1/3 der Weltproduktion entspricht, ein weiteres 1/3 wächst im Maghreb) sind die 22.000 Hektar Rebfläche eher klein in dem Bundesland, das fast 30 % der Fläche Portugals einnimmt (aber nur 450.000 Einwohner zählt bei insgesamt knapp über 10 Millionen). Dennoch entstehen hier Weine auf Topniveau – von der in Südfrankreich als Massenträger geschmähten, fast ausgerotteten Färbersorte Alicante Bouschet.

Der typische Rotweinverschnitt besteht aus Aragonês (Tempranillo) und Trincadeira, einer trockenheitsresistenten Traube mit würzigen Aromen roter Beeren und hohem Tanningehalt. In den letzten Jahren haben außerdem Touriga Nacional und Syrah an Bedeutung gewonnen. Die Weine sind typischerweise dunkelfarbig mit betonten, aber weichen Tanninen, vollem Körper und ausdrucksstarken, reifen Fruchtnoten – nicht so karg und streng wie in Restportugal.

Die durstlöschenden Weißweine sind aus der tropisch-fruchtigen Antaovaz, der blumigen, weißen Ronpeiro, der frischen Arinto und etwas Verdelho und Alvarinho bereitet. Sie haben einen hohen Säuregehalt und werden mitunter in Eiche vergoren oder gereift, um zusätzliche Tiefe und Komplexität zu gewinnen (eine Gran Reserva muß in Alentejo 2 Jahre gelagert werden). Ausserdem gibt es eine eigenen Appellation für Amphorenweine, die „Talha“ heißen (spanisch „Tinaja“) und einen leichten Terrakotta-Geschmack haben.

Kleinere Winzerbetriebe sind in Alentejo selten, dafür sind die im Norden unbekannten Großgüter hier die Norm. Und 6 der 8 DOP-Subzonen sind fast in der Hand von Genossenschaften. Dabei wird das Gros der Weine der Region sowieso als Vinho Regional Alentejano, oft mit Sortenangabe, verkauft, auch wenn sie als DOP qualifiziert wären.

Sonstige

Der Nordosten Portugals ist im Großen und Ganzen ein Hochplateau und über weite Strecken eigentlich zu kalt für den Rebbau. Trotzdem werden hier unter dem Siegel der DOP Trás-os-Montes Rotweine gemacht, insbesondere von Genossenschaftskellereien, wobei nur wenige den Weg ins Ausland schaffen.

Die ergiebige DOP Tejo ist nach dem Fluss benannt, früher die Lebensader Portugals, der von der spanischen Grenze südwestlich nach Lissabon fließt. Auf 13.000 ha findet hier eine massive Tafelweinproduktion statt (nur 35 % sind zertifiziert), v.a. aus Touriga Nacional und Alicante Bouschet, die wichtigste aber ist Castelao.

VR Lisboa, früher Estremadura oder nur Oeste (Westen) genannt ist eine ergiebige Region. Auf 30.000 ha wird in 3 der 4 historischen Anbaugebieten noch immer Wein gemacht (nur 2.700 ha sind DOP-klassifiziert, insgesamt gibt es 9 DOPs, verwendet wird aber oftmals nur das VR-Siegel): Die DOP Bucelas ist für 200 ha Weißwein reserviert (Arinto), DOP Carcavelos ist auf die Lage „Quinta dos pesos“ geschrumpft (mit Surferstrand) und die DOP Colaras, wo die Rebstöcke in den nördlich von Lissabon gelegenen Sanddünen an der Atlantikküste wachsen (Colares Ramisco) und ungewöhnlich tintige, adstringierende Weine ergibt.

Der traditionsreichste Wein auf der Halbinsel Setubal ist der rote Moscatel (gespritter Muscat d`Alexandrie), der hier neben Castelao entsteht (mind. 67 % bei Cuvées).

Unabhängig von den 4 DOPs wird der Wein im Süden unter dem Sigel VR Algarve verkauft.

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Spanien

Praktisch überall in Spanien wird Wein angebaut: Mit einer Rebfläche von ca. 1 Million Hektar ist Spanien das größte Weinanbaugebiet der Erde – liegt bei der erzeugten Menge (ca. 40 Millionen Hektoliter) jedoch deutlich hinter Italien und Frankreich (beide bei 45-46 Millionen Hektoliter). Das liegt insbesondere daran, daß Spanien mit Ausnahme des Nordwestens (Galizien) unter Hitze und Wassermangel leidet.

Trockene Böden können nur wenige Rebstöcke ernähren, weshalb sie in vielen Regionen weit auseinander stehend gepflanzt und traditionell zu niedrigen Büschen erzogen werden (Gobelet- oder Alberello-Erziehung). So ergibt sich eine geringere Menge bei der Lese.

Grob lassen sich drei Klimazonen in Spanien unterscheiden:

  • Nord- und Nordwestküste: gemäßigt-maritim, atalantisches Wettersystem mit viel Niederschlag
  • Ostküste: warmes, mediterranes Klima mit kühlen Meeresbrisen
  • Meseta Central (Hochplateau im Zentrum des Landes): heißes, kontinentales Klima (im Winter um den Gefrierpunkt, wenig Regen)

Spanien liegt insgesamt zwar in den wärmeren Breiten, aber gut 90 % aller Weingärten liegen höher – und damit kühler – als alle wichtigen französischen Weinregionen, was den Weinen ausreichend Säure verleiht und damit Frische erhält. Es gibt in Spanien nicht einen schiffbaren Fluß, das gleichen die Berge aus.Denn Spanien liegt durchschnittlich über 650 Meter und ist damit das höchste Land Europas nach der Schweiz (ähnlich wie Argentinien): Diese Höhe gleicht den Breitengrad aus, d.h. 100 Höhenmeter entsprechen temperaturtechnisch 200 Kilometer Entfernung vom Äquator: beides bedeutet etwa 1 Grad Celsius weniger (je höher und weiter weg vom Äquator, desto kühler).

Bei kalten Wintern und heißen Sommern, unter der die Reben ihre Arbeit oft einstellen und die Trauben nicht mehr weiter reifen, gilt es, im Frühherbst schnell genügend Zucker aufzubauen, bevor die Temperaturen wieder fallen.

Zwar kam bereits 1850 der erste „moderne“, im Barrique ausgebaute Rotwein auf den Markt – in Rioja, wohin viele Winzer aus dem Bordeaux aufgrund der Reblauskatastrophe emigrierten -, aber erst seit ca. 20 Jahren haben auch andere Regionen eine gute Stellung auf den internationalen Märkten. Der Wandel setzte 1995 ein, als die Weingesetze die Bewässerung erlaubten, obwohl sich das nur wenige Winzer leisten können. 37 % der Fläche in Spanien können bewässert werden – hier stiegen die Erträge drastisch.

Hinzu kam, dass in Gegenden wie La Mancha (mit ca. 170.000 Hektar die größte „Denominación“, wie die Appellationen genannt werden), die sich für maschinelle Ernte anbieten , nun auch die Erziehung an Drahtrahmensystemen eingeführt wurde. So begann vor etwa 20 Jahren eine qualitätsorientierte Modernisierung im spanischen Weinbau und die Zahl der qualitätsorientierten Denominaciónes steigt seither ständig, wobei es bei ca. 240.000 Winzern nur etwa 4.500 abfüllende Betriebe (oft Kooperativen) gibt!

Karte: © call-a-paella.de

Derzeit gibt es 68 Qualitätsanbaugebiete, die sich in 6 Gebieten mit 14 Regionen befinden. Die wichtigsten sind:

  • Oberes Ebrotal (Alta Ebro)
    • Rioja
    • Navarra
    • Carinena
    • Calatayud
    • Campo de Borja
    • Somontana
  • Baskenland
    • Chacolí de Guetaria
    • Chacolí de Vizcaya
  • Katalonien
    • Priorat
    • Penedes
    • Montsant
    • Balearen
  • Duerotal
    • Ribera del Duero
    • Cigales
    • Toro
    • Rueda
    • Bierzo
  • Nordwesten
    • Valdeorras
    • Ribeira Sacra
    • Ribeiro
    • Monterrei
    • Rías Baíxas
  • Levante
    • Valencia
    • Utiel-Requena
    • Alicante
    • Jumilla
    • Yecla
    • Bullas
  • Castilla-La Mancha
    • La Mancha
    • Valdepenas
    • Vinos de Madrid
    • Manchuela
  • Extremadura
    • Ribera del Guadiana
  • Andalusia
    • Málaga
    • Sierras de Málaga
    • Montilla-Moriles
    • Huelva
  • Kanaren

Die meisten Denominaciónes sind so groß, dass sie in unterschiedlichste Bedingungen und Böden eingeteilt werden können. Insbesondere sind das:

  • rote Lehmböden (ca. 50 %) mit Eisengehalt, die Wasser gut speichern, z.B. in Rioja, La Mancha, Extremadura, Penedes
  • kalkhaltige Böden wie beispielsweise der „Albariza“-Boden in Jerez (siehe Sherry), aber auch für die besten Tempranillos insbesondere im nordwestlichen Teil des Riojas (Rioja Alavese und Rioja Alta)
  • Schiefer im Priorat, wo er Garnacha mit mineralischen Noten ergibt und „Llicorella“ heißt, oder in El Bierzo, wo er fruchtige und mineralische Mencias ergibt
  • Schwemmland (Stein- und Sandböden in Flußnähe)
  • Granit in Galizien, beispielsweise in Rías Baíxas, wo er dem Albarino eine gute Säurestruktur gibt und Frucht
  • Vulkanische Böden, z.B. auf den Kanaren

Unabhängig aber von den Böden, definiert der „Consejo Regulador“ die Bedingungen beziehungsweise das „Reglemento“ für jedes „Denominación de Origen“-Gebiet (DOP): Rebsorten, Hektarertrag, Rebstockdichte und -schnitt, Herstellungsmethoden u.v.m. Erst nach der sensorischen Prüfung gibt er das Etikett frei. Die zentrale Behörde ist das „Instituto Nacional de Denominacónes“ (INDO).

Seit 2010 unterscheidet das spanische Weinrecht folgende Weingüteklassen:

  • DOP: Denominación de Origen Protegida, bisher: 17 Vinos de Pago, 2 DOCa, d.h. Donominación de Origen Calificada, 68 DOs
  • IGP: Indication Geografica Protegida, bisher 45 Vinos de la Tierra („Landweine“)
  • Vino (unterliegen keiner Hierarchie und sind auch nicht gereift)

Neben dieser hierarchischen Klassifikation gibt es in Spanien auch eine für die Reifung bzw. die Lagerung, d.h. Weine kommen in Spanien, anders als in Bordeaux mit seinem Subskriptionssystem schon trinkfertig auf den Markt:

  • Generico (entspricht „Joven„): Jahrgangswein bzw. Produkt ohne Marke
  • Vino de Crianza: „Crianza“ bedeutet „Erziehung“, das heißt diese Weine müssen mindesten 24 Monate gereift sein, davon 6 Monate im Barrique und 18 in der Flasche (in Rioja und Ribera del Duero gilt: 12 Monate im Barrique)
  • Vino de Reserva: Reifung 36 Monate, davon 12 im Barrique
  • Vino de Gran Reserva: Reifung 60 Monate, davon 18 im Barrique (in Rioja, Ribera del Duero und Penedes: 24 Monate)

Seit der Einführung des modernen Weinbaus steigt der Anteil an Qualitätsweinen in Spanien. Er liegt inzwischen bei rund 50 % der Fläche bzw. 30 % der Weinproduktion. Überraschenderweise sind etwa die Hälfte davon Weißweine, 27 % Rotweine und 23 % Roséweine. Jährlich werden auch etwa 31 Millionen Flaschen „Cava“ erzeugt (93 % davon durch Freixenet, das sich zu 51 % im Besitz von Henkel befindet). Damit ist Spanien nach der Champagne der größte Schaumweinproduzent der Welt!

Folgende Rebsorten werden am häufigsten in Spanien angebaut:

  • Airén (22,3 %)
  • Tempranillo (20,8 %, wird auf ca. 200.000 Hektar angebaut – auf einer Fläche also, die fast doppelt so groß ist wie die Gesamtanbaufläche in Deutschland!)
  • Bobal (6,4 %)
  • Garnacha (6,4 %)
  • Viura (4,7 %)
  • Monastrell (4,4 %, Monastrell = Mourvèdre)
  • Tintorera (2,7 %, = Färbersorte wie Alicante Bouschet)
  • Pardina (2,6 %)
  • Restliche Sorten: 29,7 %

Anbauregionen

Alta Ebro

Der Ebro fließt von der kantabrischen Kordillere im Norden südostwärts, bis er in Katalonien das Mittelmeer erreicht. Mit insgesamt 910 Kilometer Länge ist er nach dem Tajo (portugiesisch: Tejo) der zweitlängste Fluß in Spanien. Sein Oberlauf umfaßt folgende Gebiete (DOs):

  • Navarra
  • Rioja
  • in Aragón:
    • Campo de Borja
    • Calatayud
    • Carinena
    • Samontana

Anders als in den berühmten Nachbarregionen Navarra und Rioja gedeihen die Rebstöcke in Aragón nicht so gut: Im Westen von Somontana bspw. verhindert der raue Atlantikwind ein Gedeihen von Reben, im Süden liegt Wüste mit salzigen Böden.

In Campo de Boja bringen hoch gelegene Buschrebenpflanzungen von Tempranillo und Garnacha preiswerte, saftige Rotweine hervor (in Eiche ausgebaut). Das kontinentale Klima und ein kalter, trockener Nordwestwind („cierzo“) sind dabei hilfreich. Das Klima ähnelt dem in der DO Carinena, wo ebenfalls fruchtige, junge Garnacha-Weine entstehen, ebenso in der DO Calatayud.

Die junge Do Somontana, was „am Fuße der Berge“ bedeutet, repräsentiert gewissermaßen das „internationale Spanien“: Auf Initiative der Regionalregierung werden hier seit Ende der 1980er-Jahre auch internationale Rebsorten angebaut. Die Anbaufläche hat sich hier bis 2011 auf fast 4.750 Hektar verdoppelt. Mildes Klima und mehr Regen als auf der iberischen Meseta üblich begünstigen den Weinbau hier.

Die Reblächen der DO Navarra erstrecken sich zischen der nord-östlichen Grenze zu Rioja bis in die Ausläufer der Pyrenäen. Das Klima in Navarra besteht aus drei Subzonen:

  • der Nordwesten genießt atlantische Klima, während
  • der Nordosten kontinental geprägt ist.
  • Im Süden, östlich von Rioja Baja, ist das Klima mediterran und der jährliche Niederschlag unterschreitet das anerkannte Minimum von 500 Milimeter pro Jahr.

Es gibt also Unterschiede zwischen dem kühlen und gebirgigen Norden (750 Meter hoch) und den wüstenartigen, trockenen und flachen Subzonen im Süden, wo häufig auch Merlot angebaut wird, während im Norden bspw. auch Chardonnay (in einem ähnlichen Stil wie in Pouilly-Fuissé, durch die Kühle, die von den Pyrenäen herunterströmt und einen fruchtig-opulenten Stil erzeugt).

Navarra ist seit 1975 eine DO. Auf 11.400 Hektar werden insgesamt 460.000 Hektoliter Wein erzeugt, vorwiegend Rotwein aus Tempranillo, der aber auch mit anderen Rioja-Sorten (sowie Cabernet Sauvignon und Merlot) verschnitten wird. Die Weinstile reichen von preisgünstigem „Generico“ bis zur „Gran Reserva“ der Spitzenqualität.

Daneben werden aber auch Rosés aus Garnacha erzeugt. Sie wird früh gelesen, solange sie noch hohe Säure und geringe Zuckerwerte aufweist (ingesamt ca. 1/3 der Produktion). Sie werden nur mittels Saignée-Verfahren bzw. „free-run-Moste“ hergestellt, wodurch einfache, erfrischende und fruchtige Weine mit mittlerem Alkohol entstehen (sehr weicher Stil, der bspw. zu gefüllter Paprika paßt).

Weißweine machen nur einen geringen Teil der Produktion aus und sind meist aus Viura, aber auch Chardonnay und Sauvignon Blanc erzeugt.

Dem Rioja ist ein eigener Eintrag im Weinglossar gewidmet.

Baskenland

Chacolí de Guetaria, auf baskisch Getariako Txakolina genannt, und Chacolí de Vizcaya (Bizkaiko Txakolina) sind die beiden kleinen DOs des Baskenlandes im Norden Spaniens, am Golf von Bizkaya. Das Gros der Weine aus den beiden Appellationen ist Weißwein und wird aus der authochthonen Rebsorte Ondarribi Zuri gemacht. Sie zeichnet sich durch Mineralik, eine frische Säure und Aromen grüner Äpfel aus – wird allerdings nur in so geringen Mengen hergestellt, dass sich ein Export praktisch nicht lohnt und die Weine entsprechend vornehmlich vor Ort getrunken und in Bechergläsern serviert werden. Da allerdings passen sie hervorragend zur baskischen Küche, die gleichzeitig vom Meer und vom hügeligen Landesinneren beeinflusst ist und sich inzwischen weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht hat: Nirgends auf der Welt ist die Dichte an Sternerestaurants größer als in der Region um Bilbao.

Catalunya

Katalonien ist mit ca. 60.000 Hektar eine der größten Regionen Spaniens und nimmt die Nordostecke des Landes ein. Ein Gros der Rebflächen konzentriert sich auf ein Gebiet südlich von Barcelona, das die Küstenebene und die angrenzenden Hügel im Westen umschließt. Katalonien liegt auf derselben Höhe wie die Toskana und wird im Norden durch die Pyrenäen geschützt. Allerdings bieten sich zwischen den mediterranen Bedingungen an der Küste und dem subalpinen Klima im Norden viel Raum für unterschiedlichste Weine.

Katalonien verfügt über 10 Anbauzonen mit kontrollierter Ursprungsbezeichnung sowie 2 generische DOs (Cava und Catalunya), außerdem gehören auch die Balearen mit 2 DOs zu Katalonien (Weine aus den beiden mallorquinischen Denominaciónes Binissalem und Plà i llevant werden zu 86 % auf der Insel getrunken). Die wichtigsten sind:

  • Priorato
  • Penedès
  • Montsant

Penedès erstreckt sich von der Mittelmeerküste bis auf 800 m hinauf in die Hügel, entsprechend unterschiedlich sind die jeweiligen klimatischen Bedingungen und Weinstile. Überwiegend erzeugt aber werden hier Weißweine, insbesondere die für die Cava-Produktion benötigten Sorten Macabeo, Xarel-lo und Parellada. Internationale Sorten sin in Penedès verbreiteter als im übrigen Spanien.

Insbesondere Miguel Torres hat Penedès und Katalonien seit den 1960er-Jahren international bekannt gemacht. Seine Flächen sind mit Chardonnay, Riesling, Sauvignon Blanc, Cabernet Sauvignon, Merlot, Pinot Noir sowie den traditionellen Sorten bepflanzt. Die 1999 gegründete DO Catalunya als generische DO wurde in erster Linie wegen Torres eingeführt, um dem expandierenden Unternehmen die zu enge Denominación Penedès für ihre Einstiegsweine zu öffnen.

Fast alle Cava Spaniens, nämlich 98,2 %, werden in Catalunya produziert – und hier insbesondere in Penedès. Daneben aber entsteht Cava auch noch in anderen Gebieten (z.B. Rioja und Valencia), sie ist also eine DO aus nicht zusammenhängenden Gebieten. In Katalonien konzentriert sich die Produktion größtenteils rund um die Stadt Sant Sadurni d`Anoia. Die drei zugelassenen traditionellen Traubensorten für den Schaumwein sind:

  • Macabeo (= Viura): steuert Säure und Frucht bei
  • Parellada: aus dem Hochland, für Eleganz und Mineralität
  • Xarel-lo: eine hochwertige Traubensorte, die Struktur und Farbe bringt sowie erdige und gelbruchtige Aromen

Diese drei Rebsorten wachsen auf 33.000 Hektar (in der Champagne sind es im Vergleich 35.000 Hektar, im Prosecco-Gebiet sind es 7.500 Hektar) mit Kalk- und Lehmböden. Die Chaptalisation ist gesetzlich verboten und es wird auch kein BSA beim Grundwein gemacht, um die geringe Säure zu erhalten (das ist ist in der Champagne teilweise anders). Während bei anderen Schaumweinen rote Rebsorten praktisch immer weiß gepresst werden, besteht der Cava nur aus Weißweinrebsorten. Wie deutscher Sekt muß er auch mindestens 9 Monate in der Flasche reifen (Hefekontakt), Reservas 15 Monate und Gran Reservas 30 Monate. Einzellagen-Cavas sogar 36 Monate. Cava ist nicht so säurebetont wie Champagner.

Montsant umschließt die kleinere, aber hochwertigere DOCa Priorat im Westen und schützt es so. In Montsant entstehen konzentrierte Rotweine aus einer Vielzahl von Rebsorten, doch fehlt dem Gebiet der ausgezeichnete Boden des Priorat. Hauptrebsorten sind Carinena, Garnacha und Syrah. („Montsant“ ist eigentlich ein kleiner Ebro-Nebenfluß.)

Das Priorat ist neben Rioja die zweite DOCa in Spanien. Die Weinberge des Priorato liegen in einem hügeligen Gebiet im Landesinnern, innerhalb der Provinz Tarragona (einer Hafenstadt mit eigener DO südlich der DO Montsant) und ist umgeben von der Serra de Montsant. Es umfaßt 1.725 Hektar steiler, vulkanischer Hanglagen, besonders ist jedoch der „llicorella“ genannte Boden aus dunkelbraunem Schiefer mit glitzerndem Quarzit. (Die Llicorella verhindert, daß man im Priorat Erde sieht. Diese „wandert unvermittelt ins Glas“: Die Weine schmecken mitunter fast petrolig und asphaltig.) Er reflektiert und speichert die Wärme, kann aber während der gesamten Wachstumsperiode auch ausreichend Wasser speichern. Das ist wichtig, weil der jährliche Niederschlag bei kaum 400 Milimeter liegt. Kühle Nächte sorgen für eine Linderung der Hitze im Sommer.

Aufgrund der steilen Hänge betreibt man im Priorat Terrassenweinbau. Die Reben werden als Busch erzogen. Im Norden des Priorat, in Umbrias, sind die Weinberge nach Nord-Ost ausgerichtet, um in der Hitze nicht auch noch der direkten Sonnenstrahlung ausgesetzt zu sein; Hier wächst eleganter Garnacha – insbesondere in den bis zu 1.000 m hoch gelegenen, kühleren Dörfern. Im Süden, in Sodanos, wächst Carinena, die mit Abstand häufigste Rebsorte in Catalunya.

Weinbau im Priorat ist aufwendig. Der geringe Nährstoffgehalt und das Alter der Reben lassen nur geringe Erträge zu (teilweise nur 12 hl/ha bei einer Rebdichte von durchschnittlich 5.000 Stöcken pro Hektar). Deshalb sind Priorat-Weine teuer, obwohl fast nur generische Weine erzeugt werden.

Roter Priorat ist, anders als Burgunder, wuchtig und muskulös. Er ist in der Regel dunkelrot und tanninstark mit mittleren bis hohem Alkohol-Gehalt und konzentrierten Aromen schwarzer Frucht – oft mit französischer Eiche. Im übrigen Spanien wird massiv auf amerikanische Eiche gesetzt: Sie ist günstiger, da sie viel schneller wächst, und macht sich bisweilen durch prägnante Vanille- und Kokosnoten bemerkbar.

Duero-Tal

Die Mehrzahl der Weingärten von Kastillien und Léon liegt hoch am Oberlauf des Duero, der in den Bergen südlich von Rioja entspringt und bis nach Portugal fließt, wo er Douro genannt wird. Der Duero entwässert die Meseta Central im Norden. An seinen Ufern liegen die DOs:

  • Ribera del Duero
  • Cigales
  • Rueda
  • Toro
  • Bierzo

An den Ufern des Duero, der Ribera del Duero, reifen einige der größten und teuersten Rotweine Spaniens. Sie waren noch vor 30 Jahren kaum bekannt, machen heute aber Rioja den Rang streitig. Seit 1982 DO, gibt es dort heute ca. 200 Bodegas.

Ein Kranz von Bergen schottet Ribera del Duero gegen jeglichen Meereseinfluß ab. Die Sommer sind kurz, heißt und trocken, die Winter lang und frostkalt (auch die Gefahr von Spätfrosten im Frühjahr besteht immer). Die Nächte sind hier in 850 Metern Höhe kühl – und die Weine entsprechend mit besonders lebendiger Säure beseelt.

Derzeit stehen 20.000 ha unter Reben, also etwa 1/3 von Rioja. Auf den meisten gedeiht Tempranillo, der hier „Tinto fino“ oder „Tinto del Pais“ genannt wird. Daneben gibt es die internationalen Sorten Cabernet Sauvignon, Merlot, Malbec, aber keine Weißweine, außer Albarino zum Nachsäuern (maximal 1 %).

Die dickschalige Tempranillo-Trauben erbringen in heißen Klimata ohne deutliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht mitunter Weine, denen zur idealen Ausgewogenheit die nötige Säure fehlt. Deshalb liefert sie bessere Ergebnisse dort, wo sommerliche Temperaturen durch das Meer oder die Höhe gemildert wird – wie auf dem breiten Hochplateau von Ribera del Douro, wo Tempranillo auch oft reinsortig ausgebaut wird (und auch „süssere“ Tannine hat).

Tempranillo heißt übersetzt: das „Frühchen“, d.h. er hat einen kurzen Wachstumszyklus und gedeiht auf kargen Höhenlagen am Besten. Er hat Aromen von Kirsche, Brombeere, Pflaume, ist keine tanninreiche Sorte und hat eben von Natur aus wenig Säure und Glycerin (das für geschmeidigeren Alkohol sorgt). Heute ist man bestrebt, die Fruchtaromen und Tannine zur Geltung zu bringen, d.h. man maischt lange ein und läßt sie relativ kurz reifen. Oft liest man auf dem Etikett „Roble“ für Eiche: einen solchen Wein läßt man 1 Monat in Eiche – es handelt sich insofern um einen „aufgepeppten“ Rotwein, im Gegensatz zu einem „Madurado“, einem gereiften Wein (wie in Rioja).

Den ersten Beweis, daß Ribera del Duero das Zeug zu finstem Rotwein hat, lieferte Vega Sicilia: Seine Flächen wurden um 1860 bestockt, zu einer Zeit, als Rioja unter den Einfluß von Bordeaux geriet. Der Keller, ein alter Stollenkeller, wurde 1864 in Kalksteinhügel in 730 m Höhe am Südufer des Duero aus der Taufe gehoben. Man importierte internationale Sorten aus Bordeaux und Tinto fino sowie Garnacha. Für die legendäre Reserva „Unico“ wird nun ungepresster Vin de Goutee verwendet, den man 15 Tage vergät bzw. bis zu 6 Jahren in verschiedenen Fässern reif, den „Valbuema“ bis zu 5 Jahre.

In der DO Cigales nördlich des Duero wird neben preiswerten Rosados auch guter Rotwein aus Tempranillo hergestellt, der hier auf felsigen Böden und einem trockenen, rauen Klima auf 560-800 m mit wenig Niederschlag wächst. Dürre und Fröste sind hier das Hauptproblem, Funghizide sind selten nötig. Cigales liegt höher und ist kühler als das südwestlich gelegene Toro, weshalb seine Weine auch gelegentlich mehr Struktur haben. Rund 40 Kellereien sind hier aktiv.

Zwischen Ribera del Douro im Osten und Toro im Westen gelegen, unterscheidet sich die DO Rueda von seinen Nachbarn dadurch, daß hier auf den etwa 15.000 Hektar saftige, aromaintensive Weißweine angebaut werden. Seit 1980 ist Rueda eine Denominación. Sie besteht aus 74 Ortschaften im Gebiet Kastilien-Léon, mit Valladolid als Provinzhauptstadt, und ist auf einer Hochebene in 700-800 m Höhe gelegen. Hier herrscht ein markantes, hartes, kontinentales Klima mit langen, kalten Wintern und kurzen Frühjahren (mit Nachtfrösten), sowie trockenen und heißen Sommern mit viel Sonne (durschnittlich 2.600 h/Jahr). Übers Jahr fallen hier nur 300-500 mm Niederschlag, weshalb sich die Rebstöcke tief ins Erdreich verwurzeln müssen. Die hohe Kontinentalität (über den Tag bis zu 25 Grad) sorgt für ein Gleichgewicht zwischen Zuckergehalt und Säure und ist ideal für die autochthone Rebsorte Verdejo.

Verdejo ist eine Kreuzung, an der unter anderem der Traminer beteiligt ist, wie auch bei der Sauvignon Blanc, die in Rueda ebenfalls auf 750 Hektar angebaut wird. Verdejo ist zwischen 1050 und 1100 in Spanien aufgetraucht und zeigt kräuterige, würzige Aromen (Fenchel, Brennessel), sowie Stachelbeere, vegetabile Noten und hat eine leichte Bitternote (Apfelkerne), die aber nicht mit der grasigen Note des Sauvignon Blanc verwechselt werden darf. Ihm gegenüber hat Verdejo einen schlankeren Körper und viel Säure. Das Klima der Hochebene sowie die lange Sonnenscheindauer von 2.600 Stunden begünstigen eine langsame und späte Reifung der Trauben und verhelfen zu einer exzellenten Säurestruktur und Extrakt.

Die armen Böden von Ruedo sind neben dem Klima der zweite Faktor für die Identität der Weißweine. Rueda erstreckt sich nördlich und südlich entlang des Duero und ist geprägt von Schwemmlandböden und Kiesterrassen. Braune Böden wechseln sich mit Steinböden ab (teils sandig, teils lehmig), was einem typischen Schotterboden entspricht. In höheren Lagen dominiert Kalk, der den Weinen eine mineralische Stuktur verleiht.

Erzogen werden die Reben in Rueda hauptsächlich am Drahtrahmen, weshalb auch maschinell gelesen werden kann – angepaßt an den jeweils perfekten Lesezeitpunkt: Da die Verdejo-Trauben ihre Säure gut halten und nich an Frische verlieren, können sie zu Entwicklung ihres vollen Mineralpotentials später gepflückt werden als der einfachere Sauvignon Blanc. Vergoren werden die Trauben dann bisweilen Nachts in Stahltanks (temperaturkontrolliert) mit Vorklärung und Filtration. Bisweilen geht es bei generischen Weinen darum, die primären Fruchtaromen zu erhalten, es gibt aber auch vollere, fassvergorene Versionen.

In Rueda gibt es keine Klassifizierungen, sondern Typen:

  • gelbes Etikett: Rueda (muss mindestens 50 % Verdejo enthalten und 11 % Alkohol haben)
  • rosa Etikett: Rueda Verdejo (muss mindestens 85 % Verdejo enthalten und 11,5 % Alkohol aufweisen)
  • oranges Etikett: Rueda Dorado (ein auf 15 Vol. % aufgespriter Wein)
  • grünes Etikett: Rueda Sauvignon (mit mindestens 85 % Sauvignon Blanc)

Wie auch in den anderen Duero-DOs wurde auch in Rueda das Potential der Weine für den internationalen Markt von Personen von Ausserhalb erkannt: Hier war es Marqués de Riscal aus Rioja, der bereits in den 1970er-Jahren seine Weißwein-Produktion hierher verlegte und in moderne Technologien investierte. Auf 220 Hektar produziert Marqués de Riscal beispielhalften Verdejo und Sauvignon blanc.

Aus dem Bordeaux ist 1994 Didier Belondrade (mit seiner inzwischen geschiedenen Frau Brigitte Lurton) nach Rueda gekommen. In seinem Weingut entsteht als Hauptwein ein fassvergorener Verdejo mit viel Körper und ausgeprägten Röstaromen, sowie schöner Balance zwischen cremiger Reife und Frische.

In der DO Toro herrscht vielleicht das heißeste Klima der kastilischen Denominaciónes. Die hier vorwiegend aus Tempranillo erzeugten Rotweine galten als rustikal und kraftvoll mit intensiven Fruchtaromen und bisweilen viel Alkohol. Der Schlüssel zur Qualität liegt wie auch in den anderen DOs in der Höhe von 750 m und ist ein Ergebnis der hohen Temperaturen, der Sonne, und der geringen Erträge der Buschreben: Die Winzer können darauf zählen, daß kühle Nächte Farbe und Aromen, die die Trauben an den glühenden Sommertagen auf den roten Ton- und Sandböden aufbauen „fixieren“.

Die extrem niedrige Pflanzdichte ist dem wüstenähnlichen Klima mit unter 400 mm Regen im Jahr geschuldet. Ein Teil der „Tinta da Toro“ (aus Tempranillo), die auf 85 % der Rebfläche wächst, wird durch Kohlensäure-Maischung (Maceration Carbonique) schnell vinifiziert und jung und saftig verkauft (Joven ist in der Regel mit Garnacha-Anteil). Das Gros aber baut man in Eiche aus, Riservas mindestens 12 Monate. Sie sind dunkel und tanninstark und haben ein gutes Reifepotential.

Die DO Bierzo liegt zwar noch in Léon, aber nicht im Duero-Tal, sondern weiter nördlich in den Bergen, in einem Talkessel an der Grenze zwischen Galizien und der Meseta Central. Etwa 4.300 Hektar Rebfläche werden hier bewirtschaftet. In der vornehmlich auf Rotweine konzentrierten DO herrrscht gemäßigtes, feuchteres Klima, das bereits vom nahen Atlantik und seiner kühlenden Wirkung geprägt wird. Hier herrscht also, anders als im Duero-Tal, kein Hochland-Klima: die durchschnittliche Niederschlagsmenge liegt bei etwa 800 mm, die Durchschnittstemperatur beträgt 13 Grad mit etwa 2.700 Sonnenstunden jährlich. Bierzo befindet sich gewissermaßen an einer Schnittstelle zwischen der kastilischen Fleischküche und der atlantischen Fischküche – das kantabrische Gebirge fungiert als Klimascheide.

Die Hauptrebsorte in Bierzo ist die rote Mencia, die elegante Weine mit viel Säure und rotfruchtigen, balsamischen Aromen sowie wenig massives Tannin bringt. Sie ist üppig und extraktreicht, leicht kräuterig mit feinen Bitternoten (weniger Säure als in Galizien, weniger Körper als im restlichen Kastilien-Léon). Mencia steht in Spanien auf insgesamt 11.300 Hektar, insbesondere in Bierzo (3.000 ha), aber auch in Ribeira Sacra, Rías Baíxa und Valdeorras. Sie liegt an 9. Stelle der meistangebauten Rebsorten Spaniens.

Auf den Mencia-Weinbergen in Bierzo, die auf 400-1.000 m Höhe liegen, stehen bis zu 70 % alte Reben. Die Rebbergsböden an den Bergtälern bestehen aus Sedimentgestein, Granit und Schiefer, in der Talebene herrscht Schwemmland vor.

Fasziniert von den hier untypischen Schieferterrassen, haben sich Alvarao Palacios und sein Neffe Ricardo hier betätigt und den Mencia bzw. das Bierzo international bekannt gemacht. Sie arbeiten hier mit 140 Winzern zusammen, die 450 Weinberge bewirtschaften. Im Gegensatz zur früheren Generation konzentrierter, starker Weine, und um die durftenden Noten roter Früchte (Kirsche) zu erhalten verzichtet Alvaro Palacios auf den Einsatz neuer Eiche.

Nicht alle der inzwischen über 70 Kellereien produzieren auf dem selben Niveau, aber Raúl Pérez gehört dazu. Auch er versucht, die Lebendigkeit und animierende Frische, wie sie auch Burgund-Liebhaber suchen, zu bewahren. Mächtige Weine für Bordeaux-Trinker sind eher aus Tempranillo und kommen aus Toro und Ribera del Duero.

Nordwesten

Im Nordwesten Spaniens liegt die Region Galizien mit der Hauptstadt Santiago de Compostela. Der Name „Galizien“ kommet vom keltischen Volk der Gallaeker, die im Altertum hier siedelten. Infolge des atlantischen Einflusses ist Galizien kühler und nasser als der Rest des Landes. Daher kommen von hier viele der besten spanischen Weißweine.

Fast alle spanischen Weißweine müssen aufgesäuert werden – nur in Galizien nicht. Weiter westlich, im Grenzgebiet zu Léon, wird auch erfrischender Rotwein angebaut. Folgende Denominaciónes findet man hier:

  • Valdeorras
  • Ribeira Sacra
  • Ribeiro
  • Monterrei
  • Rías Baixas

Die DO Valdeorras ist eine sehr gebirgige Region mit atlantischem Klima und kargen Böden: Unter einer sandigen Oberfläche befindet sich pures Granit. Entsprechend hat sich Valdeorras mit frischen, spritzigen Weißweinen aus der Godello-Traube einen Namen gemacht. Viele alte Reben (50-100 Jahre alt) stehen hier, bspw. in den Bodegas Valdesil, einem Bioweingut, dass einen sortenreinen Godell mit Aromen von Birne mit präsenter Säure, Lindenblüten-Aromen sowie nussigen Noten erzeugt. Aber auch Rotweine aus Mencia und autochthonen galizischen Rebsorten bauen sich einen guten Ruf auf.

In der DO Ribeira Sacra wird unter archaischen Bedingungen auf steilsten Schieferterrassen über zwei Flüssen interessanter Rotwein und guter Godello angebaut.

Die DO Ribeiro weiter westlich an der Grenze zum Vinho-Verde-Gebiet in Portugal ist für seine leichten, fruchtigen Weißweine bekannt (belieferte England bereits im Mittellalter). Der trockene Weißwein wird meist aus Albarino, aber auch aus portugiesischen Sorten gekeltert.

Direkt an Portugal grenzt auch die sehr kleine DO Monterrei, die Weißweine aus den beiden Hauptrebsorten Godello und Donna blanca produziert. Bei den Rotweinen wird die fruchig duftende Mencia wiederbelebt. Ein führender Vertreter hier ist Quinta da Muadella.

Die DO Rías Baíxas gilt als das beste Weißweingebiet Spaniens. Die Landschaft hier unterschiedet sich vom übrigen Spanien: „Rías“ sind flache Fjorde, die die Küstenlandschaft prägen – und verdeutlichen, dass dieses Weinanbaugebiet direkt am Meer liegt. Hier herrscht ein gemäßigtes, feuchtes, atlantisches Klima, wobei die feuchten Brisen vom Meer, der Nebel und der viele Regen in der Region (1.500 mm) den Granitboden über Jahrmillionen haben verwittern lassen, sodaß er porös geworden ist (ähnlich wie Sandstein). Diese Böden, auch „Xabre“ genannt, eignen sich in Verbindung mit dem kühlen Klima perfekt für den Anbau von Weißwein, insbesondere von Albarino. Aus ihm werden sehr frische, mineralische Weine gemacht mit hoher Säure und tiefem ph-Wert (3,2), also hohem Alterungspotential. Auf 4.000 von insgesamt 4.100 Hektar wird Albarino angebaut, die dank der von Natur aus kräftigen Säure und der reifen (gelben) Steinobstaromen ohne Eichennoten bereitet wird. Verboren wird temperaturkontrolliert im Stahltank, oft wird aufgrund der hohen Säure ein BSA durchgeführt und gelegentlich der Hefesatz aufgerührt. Albarino ist dickschalig und widerstandsfühig gegen Pilzerkankungen. Er hat Apfelsäurewerte, die an Riesling herankommen, weshalb er auch oft mit ihm verglichen wird (ähnelt einem schlanken Riesling von der Mosel).

In Rías Baíxas herrscht ein feuchtes Klima, aber praktisch kein Frost. Rebkrankheiten wie Mehltau und Fäulnis sind wegen der Feuchtigkeit jedoch ein häufiges Problem. Deshalb wurden die Reben früher als Pergola erzogen (heute viel Drahtrahmen) um die Luftzirkulation zu begünstigen. Die Stöcke stehen in grossen Abständen und ranken sich oft an Granitpfosten, was den Weinbau sehr unwirtschaftlich macht.

Levante

Als Levante bezeichnet man die Region an der Mittelmeerküste südlich von Katalonien zwischen Valencia im Norden und Murcia im Süden. Die Levante umfaßt folgende 6 DOs:

  • Valencia
  • Utiel-Requena
  • Alicante
  • Yecla
  • Jumilla
  • Bullas

In vielerlei Hinsicht haben die Weingärten im Hinterland der zentralen Mittelmeerküste noch schnellere Fortschritte gemacht als der Norden: Die Levante stand lange im Ruf nur schwere Massenweine für den schwindenden Exportmakt liefern zu können, doch frische Investitionen und die Einführung moderner Methoden ließen in einigen DOs fruchtige und stilvolle Rotweine aufkommen. Bewußt kräftigere, süsse Weine werden zwar weiterhin bereitet, die besten können aber mit den superreifen „Premium“-Weinen aus Kalifornien oder Australien konkurrieren, wobei einheimische Trauben meist mit internationalen Verschnitten werden.

Die DO Valencia liegt im Norden der Levante – die Stadt ist mit seinem Hafen ein wichtiger Umschlagplatz für alle Weine aus der Levante. Die mit 13.000 Hektar weit ausgedehnte DO ist eine Quelle für Weine mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. Hier wachsen viele unterschiedliche lokale und internationale Rebsorten, wobei bei den Rotweinen Monastrell (Mourvèdre) am verbreitetsten ist und bei den Weißen die alkoholstarke Lokalsorte Merseguera. In Valencia werden die Weine mitunter noch in Tonamphoren, sogenannten „Tinajas“ ausgebaut. Valencia ist auch bekannt für süsse Moscatels de Valencia, einem gespriteten Süßsein aus Muscat d`Alexandrie.

Landeinwärts hinter Valencia stößt man auf die DO Utiel-Requena, ein hügeliges Gebiet auf ca. 750 m Höhe, dessen dunklen Trauben – allen voran Bobal, eine fleischige, beinahe schwarze Traube mit viel Säure und wenig Alkohol und Spaniens zweithäufigste nach der Tempranillo. Früher wurde Bobal als Färbertraube verwendet. Dazu vergor man jeden Posten mit der doppelten Menge Schalen, um ihnen möglichst viel Farbstoffe und Tannin zu entziehen (Vino de doble pasta). Das Nebenprodukt, der helle Ablaufmost ohne viel Schalenkontakt, ergab eine weitere Spezialität, einen rassigen, hellen Rosado, der eher dem modernen Geschmack entspricht. Inzwischen aber machen einige Winzer deutlich, daß auch Bobal bei korrekter Behandlung durchaus interessante Weine liefert, zumal die Haut eigentlich dünn ist.

Die DO Alicante umfasst Küstenweinberge für süßen Moscatel und Hügelflächen für Rote, Vino de doble pasta und Rosadas gleichermaßen. Lokal begrenzt wird etwas Weißwein (relativ teuer) produziert. Im heißen und trockenen Alicante war Enrice Mendoza mit Weinen konstanter Sätrke, aber variierender Süße der Vorreiter, dem alle folgten. Die Bodega Enrice Mendoza ist ein mittelgroßer Betrieb, der einen internationalen Rotweinstil favorisiert und körperreiche Cabernet Sauvignon, Merlot, Shiraz, Petit Verdot, französische Mischungen sowie natürlich Moscatel bereitet.

Hinter Alicante in der Provinz Murcia liegen die DOs Yecla, Jumilla und Bullas. Während in Bullas viele Rosé erzeugt werden, versuchen die jeweiligen Genossenschaftskellereien im kargen Hochland der DO Yecla, insbesondere aber in der wichtigsten Monastrell-Denominación der Welt, der DO Jumilla, ihrem tintigen Material moderne Aspekte abzuringen. Monastrell (Mourvèdre) ist eine dickschalige Traube, die gut mit Trockenheit zurecht kommt und viel Hitze und Sonne braucht. Sie erbringt dunkle, körperreiche Weine mit viel Tannin und Alkohol bei eher geringer Säure (weshalb sie mitunter auch mit Bobal verschnitten wird). Von der Aromatik her dominieren reife Brombeere. Die meisten Monastrells sind jugendlich-frisch und reifen perfekt im heißen, trockenen Klima von Jumilla.

Bodegas wie Casa Castillo in Jumilla haben gezeigt, dass selbst sortenreiner Monastrell zähmbar ist und mit unerwartetem Alterungspotential überraschen kann. Die Bodega ist ein Traditionsweingut, daß in den 1990er-Jahren umstrukturiert und zum Teil mit internationalen Sorten wie Cabernet und Syrah neu bepflanzt wurde.

Wie Casa Castillo Jumilla bekannt machte, machte Ramon Castano Yecla international bekannt, nachdem man in der Region bei Valencia die Rebfläche von über 20.000 ha auf rund 11.500 reduziert hat. Das Klima ist wie in der gesamten Region trocken, hier vielleicht noch etwas kontinentaler als in den anderen DOs. Nur 4.600 ha sind DO (seit 1975). In Yecla gabs nie die Reblaus, d.h. 40 % der Rebstöcke sind wurzelecht.

Castilla-La Mancha

Südlich von Madrid liegt die Meseta Central, eine Hochebene, auf der man auf 440.000 ha (!) die mit Abstand größte Weinbergsdichte Spaniens findet. Fast die Hälfte der gesamten Weinproduktion Spaniens kommt aus diesem weiträumigen Gebiet, wobei nur 18 % der Gesamtproduktion auf Flaschen abgefüllt werden – Castilla-La Mancha ist der größte Fasswein-Produzent der Welt und auch die 3 größten Kooperativen der Welt befinden sich hier. Jedoch hat sich in den letzten 20 Jahen einiges getan: Mit Spaniens Beitritt zur EU wurden die traditionellen Genossenschaftskellereien mit der Realität des modernen Marktes konfrontiert: War die einsame Hochebene lange Zeit ein Anbaugebiet für billige Massenweine aus der weißen Airén-Traube (insbesondere für Brandy de Jerez), war man nun gezwungen in moderne Technologie zu investieren um Konkurrenzfähig zu bleiben.

Die wichtigsten DOs von Castilla-La Mancha (insgesamt sind es 8) sind:

  • La Mancha
  • Valdepenas
  • Vinos de Madrid
  • Manchuela

Das bei weitem größte Abaugebiet Spaniens ist die DO La Mancha. 187.000 Hektar stehen hier unter Reben, am häufigsten ist die hitzebeständige Airén, die eher Geschmacksneutral ist und aus der frische Weißweine bereitet werden können. Inzwischen nehmen die Bestände dieser Sorte allerdings wieder ab, da die Behörden Erzeugern andere Sorten nahelegen wie bspw. Verdejo. Daneben aber werdn auch Cencibel (Tempranillo), Cabernet Sauvignon, Syrah und Chardonnay empfohlen. So hat sich seit Ende der 1990er-Jahre La Mancha durch stetigen Wechsel von weißen zu roten Sorten ebenso dramatisch verändert wie die übrige spanische Weinlandschaft. 2005 waren bereits mehr als 1/3 aller Erzeugnisse rot (wenn auch häufig aus preiswerten Tropfen von Cencibel).

In La Mancha wurde außerdem auch der Trend zu Spitzenweinen von Einzellagen (sogenannte „pagos“) begründet und bes heute sind in der Region die meisten der Güter versammelt, die Weine der Qualitätsstufe „Vino de Pago“ erzeugen. In Zentralspanien herrscht ein extremes, aber voraussehbares Klima. Deshalb könne Önologen die Weine durch Anpassung des Lesezeitpunktes und durch Gärregulierung „entwerfen“. Dem widersetzen sich die kleinen Produzenten von pagos. Auf Versuchspflanzungen werden französische und lokale Sorten bis dato ungeahnte Nuancen entlockt.

Südlich von La Mancha und 160 Kilometer von Madrid liegt die Qualitätsenklave DO Valdepenas, das „Tal der Steine“. Klimatisch ist sie ihrer größeren Nachbarin gleichgestellt, in puncto Qualität allerdings überlegen: Valdepenas hat nur 25 Produzenten im Industriemaßstab und produzierrt mehr Grand Crus als Rioja, d.h. Valdepenas ist der größte Gran Reserva-Produzent der Welt (allerdings fehlt ihnen die Größe der besten Gewächse aus Rioja oder Ribera del Duero).

Vergor man früher den Rebensaft wie in Valencia in hohen „tinajas“ aus Ton, läßt sich mit modernen Methoden aufzeigen, wie viel besser Wein ausfallen kann: Erzeuger wie Los Llanos oder Félix Solís areiten nur mit Kaltvergärung und Eichenausbau. Los Llanos ist das erste Gut von Valdepenas, das selbst abfüllte – hauptsächlich Cencibel (Tempranillo). Die fassvergorenen Reservas und Gran Reservas setzten Maßstäbe. Félix Solís ist ein 1.000-Hektar-Gut in Familienbesitz und vor allem für den günstigen Vina Albali Reserva bekannt. Das dynamische Unternehmen hat einen neuen Zweig namens Pago de Rey eingerichtet, der Bodegas in Rioja, Rueda, Toro und Ribera del Duero kauft.

Wie in La Mancha ist auch in Valdepenas Airén die verbreitetste Sorte, während Rotweine überwiegend von Cencibel erzeugt werden, entweder reinsortig oder im Verschnitt mit internationalen Sorten. Die Weinstile rangieren von fruchtig bis konzentrierter und in Eiche gereift (es handelt sich bisweilen um alkoholstarke, aufgrund des Eichenholzeinsatzes und der damit verbundenen Röstaromen fast „verbrannte“ Rotweine).

Die DO Vinos de Madrid umfasst insgesamt 14.000 Hektar und 3 Subzonas, u.a. San Martin, die sich in das Zentralgebirge zieht (Sierra de Gredos). Hier, unter den nur 45 Erzeugern, findet man die größte Kozentration an „durchgeknallten“ Weinmachern (wie im Priorat) und „die feinsten Garnachas der Welt“ (David Schwarzwälder), bspw. von Bernabeleva, Jiménez-Landi und Maranones.

Die DO Manchuela befindet sich östlich von La Mancha. Auf den 4.000 Hektar werden Weißwein und Rotwein erzeugt. Die Finca Sandoval machte sich mit Syrah-Monastrell-Verschnitten, aber auch mit der lokalen Bobal einen Namen. Das 2001 gegründete Gut hat nur 11 ha und liegt auf einem Hochplateau mit Kalkablagerungen. Häufiger Eichenholzausbau (französische Eiche) charakterisiert ihre Weine.

Extremadura

Westlich der La Mancha, an der portugiesischen Grenze, liegt die Extremadura („Jenseits des Duero“), das für schlichte, alkoholstarke und körperreiche – „warm gewachsene“ – Tempranillos bekannt war, der hier auf den insgesamt 80.000 Hektar dominiert.

Einzige wichtige DO in der auch vielsprechende Weine produziert werde ist die DO Ribera del Guadiana mit 26.000 ha Rebfläche, insbesondere in der Subzone Tierra de Barros. Früher dominierten hier Weißweine, doch eignen sich Böden und Klima wesentlich besser für Rotwein, obwohl man aufpassen muß, daß die Beeren nicht zu reif werden.

Auch in Pago los Balancines (von Pedro Mercado) wird ernstzunehmender Wein produziert. Es befindet sich auf einem Hochplateau mit sattrotem Boden aus Ton und Kalk, das den winterlichen Regen drainiert und die Reben im Sommer mit Feuchtigkeit versorgt. Hier herrscht eine hohe Kontinentalität: 45 Grad im Sommer, nur 8 Grad Nachts, sowie stetiger Wind vom Atlantik, der die Hitze mässigt und vor Krankheiten schützt.

Alle Sorten (Tinta Roriz, Alicante Bouschet, Garnacha, Tintotera, Cabernet Sauvignon, Touriga Nacional, Nrunal, Graciano, Petit Verdot, Syrah) werden biologisch angebaut, nicht künstlich bewässert und im Gobelet-Schnitt erzogen (auch Syrah, die Erziehung braucht und deshalb am Pfahl niedrig gehalten wir). Pro Hektar werden gerade einmal 1.500 kg Trauben gelesen.

Andalusien

Sherry mag der bekannteste „Vino generoso“ Andalusiens sein, der einzige ist er aber nicht. Denn daneben gibt es noch folgende DOs für trockene Stillweine in der Region:

  • Málaga
  • Sierras de Málaga
  • Montilla-Moriles
  • Condado de Huelva

In Andalusien wird auf 34.500 Hektar Wein angebaut, 20.000 davon sind als DO klassifiziert. Produziert wird dabei nicht nur Sherry, sondern auch ungespriteter, trockener und süßer Wein. Der Schlüssel zur Bereitung von Weinen, die zugleich mit Frische und südlicher Reife aufwarten können, ist wie überall in Spanien die Höhenlage: Ein nur wenige Kilometer vom Meer entfernter Weinberg kann bereits 800 Meter hoch liegen und in den Genuß von überaus heißen Tagen, aber auch kühlen Nächten kommen.

Grundsätzlich herrscht in Andalusien (insbesondere in Jerez) ein warmes, mediterranes Klima, in den Weinbergen nahe der Atlantikküste ist es dabei etwas kühler, da hier der feucht-kühle Westwind, der „poniente“, stärkere Wirkung zeigt. Gelegentlich bringt der heiße, trockene „Levante“ aus dem Osten brütende Hitze und Trockenheit. Diese starke Hitze kann bei den Reben starken Stress verursachen und die Trauben schädigen.

Aufgrund der küstennahen Lage gibt es im Vergleich zu vielen anderen Regionen Spaniens viel Niederschlag – bis zu 600 mm/Jahr. Während der Wachstumsperiode regnet es jedoch selten, und es liegt vor allem an den Böde, den kreidehaltigen, weißen „Albariza“-Böden, daß die Reben hier gedeiehen können. Aufgrund seines hohen Kreide- bzw. Calziumcarbonat-Anteils sorgt Albariza für guten Wasserabzug, ist zugleich aber tiefgründig genug, um ausreichend Feuchtigkeit zu halten, was während der trockenen Sommermonate das Überleben der Reben sichert. Damit er im Herbst und Winter möglichst viel Wasser speichert, gräbt man nach dem Ende der Lese zwischen den Rebzeilenn rechteckige Mulden, in denen sich das wertvolle Nass sammeln kann. Im Frühjahr wird die Erdoberfläche wieder geglättet. Dem Wasserhaltevermögen kommt im Sommer entgegen, daß die Oberfläche dann zu einer harten Kruste erstarrt, die die Verdunstung stark mindert (Böden reissen nicht auf wie Lehm, der sich erst in 30-40 cm Tiefe unterhalb des Kalkbodens befindet).

Albariza-Böden (Muschelkalk wie in der Champagne) sorgen für eine markante Mineralität. Klassifiziert werden die Anbaugegenden nach der Qualität der Bodenformation: Am besten sind die weißen Albariza-Böden, am berühmtesten die pagos (Distrikte) von Carrascal, Macharnudo, Anina und Balbaina. Einige Rebflächen erstrecken sich auf „barros“ (dunklem Land) und Sand (Salzmarschen am Guadalquivir-Fluß) und liefern zweitklassige Weine für den Verschnitt, wenngleich sandige Küsten Weinberge der Moscatel-Reben mitunter durchaus behagen.

Früher galt die DO Málaga nur für den in winzigen engen bereiteten gleichnamigen Wein: Für ihn war vorgeschrieben, daß das gesamte Lesegut nach Málaga gebracht werden musste, um in den dortigen Bodegas zu reifen. Zum Süßen und Reifen bzw. Konzentrieren der Weine wendet man unterschiedliche Verfahren an: Die einen trocknen die Beeren in der Sonne, die anderen Kochen den Most zu „arrope“, wie in Jerez, einem zum Süßen eingesetzten Traubenmost. Die feineren Verteter reifen wie Sherry in der Solera, befinden sich stilistisch aber eher im süsseren Spektrum: Málaga wird für gespritete Weine mit 15-22 Vol. % Alkohol und für natürliche Süßweine mit über 13 Vol. % Alkohol verwendet, für deren Zucker- und Alkoholgehalt allein die Sonne verantwortlich ist. (Telmo Rodriguez hat erst vor kurzem einen alten Moscatel-Weinberg in der Region wieder hergerichtet.)

Seit 2001 gibt es Málaga auch eine eigene DO für trockene Weine unter 15 Vol. %: die DO Sierras de Málaga. Als dynamischster Unterbereich gilt die Umgebung von Ronda, wo neben internationalen Rebsorten auch Pedro Ximenez, mehrere Moscatel-Sorten und Macabeo für Weißwein angebaut werden.

Im Anbaubereich DO Montilla-Moriles wird auf einer Rebfläche von 6.500 Hektar Süßwein vornehmlich aus der Rebsorte Pedro Ximénez (PX) produziert, der auch nach Jerez exportiert wird. Pedro Ximénez eignet sich wegen seiner dünnen Schalen bestens zum Trocknen in der Sonne und ist deshalb bestens für die Verwendung von süßen Weinen geeignet. Außerdem wirft PX im Unterschied zu Palomna geringere Erträge ab und erbringt Weine von höherem Alkoholgehalt sowie etwas niedrigerer Säure. Die besten PX werden oft in tinajas vergoren und entwickeln dieselbe Florhefe wie Sherry.

In der DO Huelva nördlich von Jerez an der Küste nahe der protugiesischen Grenze werden leichte Weißweine aus der Zalema-Traube hergestellt.

Kanaren

Die Kanaren sind eine Inselgruppe westlich von Afrika auf der Höhe der Sahara, am äußersten Rand der Klimazone, die sich für Weinbau eignet. Ständig weht ein kräftiger Wind und die Sonne brennt das ganze Jahr gnadenlos.

Trotzdem wird auf vier der sieben Vulkaninseln vor der Küste Marokkos derzeit Wein im DO-Format produziert (La Palma, Lanzarote, La Gomera, Tenerifa und als Landweinproduzent: El Hierro). Die Rebstöcke auf den Kanaren haben nie eine Reblaus gesehen, denn sie wachsen hier auf einer 40-120 cm dicken Ascheschicht, die im Fall von Lanzarote von der letzten großen Eruptionsphase der Vulkane der „Montana del Fuego“ zwischen 1730 und 1736 stammt. Die Lavaströme bedecken damals fast 1/4 der Insel und bildeten einen außergewöhnlich fruchtbaren Boden. (So haben die Kanaren auch eine eigene Geschichte süßer Weine, wie schon im Essay falstaff angedeutet.)

Um die Reben vor dem ständigen Wind zu schützen haben die Winzer eine einzigartige Technik entwickelt: Sie graben für jeden Rebstock einen kleinen trichterförmigen Krater in die Vulkanasche, bis sie auf den extrem fruchtbaren Boden stoßen. Die Rebe in der Mulde wird zusätzlich durch ein halbmondförmiges Mäuerchen geschützt. Da es auf Lanzarote über eine halbe Million Rebstöcke gibt, sind ganze Landstriche mit diesen kleinen Kratern übersät – ein gewaltiger Aufwand für die Winzer, die das fast ausnahmslos alle in ihrer Freizeit machen. (Kanarischer Wein wird praktisch nicht exportiert.)

Auf Lanzarote gibt es keine einzige Quelle und es fallen nur 130-150 Liter Regen pro Quadratmeter im Jahr. Trotzdem gelingt der Weinbau auch ohne Bewässerung. Und zwar deshalb, weil die schwarze Vulkanasche, auf der die Reben stehen, Nachts den Sprühnebel bzw. die nächtliche Tröpfchenbildung „auffängt“. Durch dieses Phänomen, das die Winzer vor Ort als „magische Nächte“ bezeichnen, nimmt der Boden genügend Feuchtigkeit auf um das Überleben der Rebstöcke zu gewährleisten.

Am besten wachsen auf den insgesamt 15.000 Hektar die vollen, zitrustönigen Weißweine aus einheimischen Trauben wie Marmajuelo und Gual.

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Rioja

Als Anbaugebiet kann Rioja auf eine lange Geschichte zurückblicken. Die ersten gewerblichen Bodegas des modernen Weinzeitalters wurden um 1860 von Marqués de Riscal und dem Marqués de Murrieta gegründet. Sie orientierten sich am Chateau-System von Bordeaux mit Weinbergen um das Weingut und füllten in Flaschen ab. Da zu dieser Zeit in Bordeaux die Reblaus wütet, wird Rioja zum Massenanbaugebiet – und erlebt seine wirtschaftliche Blütezeit. Zentrum des Weinbaus in Rioja war 1870 Haro: Von hier aus führt die neu gebaute Eisenbahn zum Hafen von Bilbao und von dort aus nach Frankreich. (In Haro ist es auch, wo Gustav Eifel erstmals einen freitragenden Dachstuhl – ohne Stützen – für das Fasslager von CVNE konstruiert.)

Als erstes Anbaugebiet Spaniens wurde Rioja 1926 gesetzlich eingegrenzt und erhielt 1991 als einzige Region in Spanien neben dem Priorat den DOCa-Status als höchstmögliche Klassifizierung ihrer Weine.

Das charakteristische Merkmal traditioneller Riojas ist der lange Ausbau im Barrique: 95 % der Weine werden so ausgebaut. Mit ca. 1,3 Millionen Barriques findet sich in Rioja die höchste Dichte der Welt. Verwendet wurde traditionell amerikanische Eiche (die für die intensiven, süßeren Kokos- und Vanillenoten im Rioja verantwortlich ist), inzwischen wird aber auch viel französisches Holz benutzt (das etwas feinere Würzaromen in den Wein bringt, Nelke beispielsweise), wenn auch vornehmlich von spanischen Küfern in Logrono verarbeitet. Die Kategorien „Reserva“ und „Gran Reserva“ wurden speziell zur Honorierung der Eichenreifung eingeführt – auch wenn immer mehr Erzeuger inzwischen mehr nach Intensität statt nach Alter streben. Deshalb wird länger eingemaischt und früher abgefüllt. Typisch für „Crianzas“ hingegen ist die sogenannte Maceration Carbonique mit ganzen Trauben.

Wein wird in Rioja während der Reifezeit traditionell mit Sauerstoff in Kontakt gebracht, indem man sie – ähnlich wie in einem Solera-System – von einem Barriqefass ins andere umfüllt, wobei die Sedimente im alten Fass verbleiben. Die Weine sind dadurch nicht trübe.

Karte des Riojagebietes

Karte: © decantalo.com

Die DOCa Rioja erstreckt sich über 120 Kilometer entlang des oberen Ebro und gliedert sich in drei Unterzonen, die sich um die Hauptstadt Logrono gruppieren:

  • Rioja Alavese im baskischen Nordosten , Nahe der Sierra de Cantabria, das alle Wolken von Alavese fern hält, mit kalkhaltigen Böden
  • Rioja Alta im Nordwesten, aber südlich des Ebro
  • Rioja Baja im Süden (auch „Oriental“ genannt), entspricht mit seinem Kieselboden der südlichen Rhône, ist aber kühler

Ohne die massive Felswand der Sierra de Cantabria hätten die Reben keine Chance gegen die heftigen Atlantikwinde. Das gilt insbesondere für Rioja Alavese und Rioja Alta, die beide unter atlantischem Einfluß stehen. In Rioja Baja ist das Klima weniger atlantisch-maritim, deshalb kann Garnacha hier ausreifen, während man in Rioja Alta und Rioja Alavese hauptsächlich auf Tempranillo setzt. Das Klima ingesamt ist geprägt von heißen Sommern und strengen Winter: 2017 sind fast 50 % der Ernte in Rioja wegen Frostschäden ausgefallen. Der jährliche Niederschlag ist gering, weshalb Trockenheit ein ernstzunehmendes Thema für die Winzer ist.

Die höchste Region des Rioja ist das Rioja Alta mit Logrono als Zentrum und Haro als weitere bedeutende Stadt. Etwa 1/3 der Rebfläche von insgesamt 63.500 Hektar stehen hier. Die Weinberge liegen auf einer Höhe von 500-800 m (in Ribera del Duero zum Vergleich, wo ebenfalls überwiegend Tempranillo angebaut wird, sind es ebenso 700-800 m).

Die Böden in Rioja Alta befinden sich am Südufer des Ebro und bestehen aus rotem, eishaltem Ton, sowie Schwemmlandböden von den 7 Zuflüssen des Ebro. Das Klima hier ist etwas kühler – es gibt etwa eine Differenz von 2 Wochen bei der Erntezeit verglichen zum südlicheren Rioja Baja.

Am Nordufer, in Rioja Alavese, gibt es mehr Südhänge und einheitlichere Ton- und ärmere Kalkböden: Die Böden werden hier heller („cremiger“). Zusammen mit der Exposition Richtung Sonne bestehen so optimale Reifebedingungen. (Viele kleine Toperzeuger finden sich hier.) Etwa 11.500 Hektar sind bepflanzt.

In Rioja Baja sind 18.000 Hektar bepflanzt. Der Boden besteht aus Schluff und Ton, die Hauptrebsorte ist Garnacha und Reben sind praktisch die einzige Nutzpflanze. Hier herrscht eher mediterranes Klima, entsprechend kann die die Garnacha-Rebe (Grenache) gut ausreifen. Die Lese dauert bis Mitte November. Wie im katalonischen Priorat hilft auch hier eine Nord-Ost-Ausrichtung für elegantere Weine. Die Landschaft ist ein Flickenteppich aus kleinen Parzellen mit niedrigen Buschreben (traditionell hatte früher jede Familie eine eigene Parzelle, deshalb ist heute die Region sehr zersplittert). Rioja Baja ist aufgrund des Windes „cierzo“ und des geringen Niederschlages trocken.

Im gesamten Rioja gibt es bislang keine Bodenklassifizierung nach burgundischem Vorbild. Diese wurde erst 2019 eingeführt: Über dem Bereichswein steht seither der Ortswein („municipio“) und darüber der Einzellagenwein („vineto singular“). Wie bspw. Telmo Rodriguez versucht auch Alvaro Palacios den Terroirgedanken des Burgund (oder auch des Verbands der Prädikatweingüter (VdP) in Deutschland) in Rioja zu etablieren (und darüber hinaus in ganz Spanien). Auf seine Initiative wird das neue Bezeichnungssystem eingeführt.

Bislang stand bei den insgesamt nur 600 Erzeugern in Rioja der Stil im Vordergrund, nicht das Terroir. Auch deshalb sind hier nur 10 Prozent der Reben älter als 40 Jahre und nur 1 % über 100-jährige Reben. Rioja war eine klassische „blending area“ mit Weinen mit wenig Extraktion, langer Reifezeit im Barrique, die immer klassifziert waren. Dem steht ein Verständnis gegenüber von Tempranillos, die reinsortig gemacht werden, mit mehr Extraktion und kürzerem Ausbau (keine strammen Tanninpakete).

Die dominierende Rebsorte in den meisten Blends ist Tempranillo, die auf insgesamt 51.000 Hektar (von 65.000) angebaut wird. Tempranillo heißt übersetzt: das „Frühchen“, d.h. er hat einen kurzen Wachstumszyklus und gedeiht in kühleren Bereichen mit großen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht am Besten, da er von Natur aus wenig Säure hat. In wärmeren Gegenden wie dem Rioja Baja fehlt den Weinen aus der dickschaligen Tempranillo-Traube mitunter die nötige Säure. Ansonsten hat Tempranillo Aromen von roter Kirsche, Brombeere und Pflaume. Er ist tanninreich und hat ein hohes Lagerpotential. Tempranillo profitiert von Körper, Alkohol und Duft der Garnacha, die in Rioja Baja am Besten gedeiht. Weniger verbreitet sind Mazuelo (= Carinena), die farbintensive, säure- und tanninreiche Weine liefert („der grobe Klotz“), sowie Graciano, mit kraftvollen Aromen dunkler Früchte, Säure und Tannin, außerdem Maturana tinta für Schwarzbeerigkeit.

Etwa 1/7 der in Rioja gepflanzten Reben liefert Weißwein. Dabei handelt es sich fast ausnahmslos um die säuerliche Viura (= Macabeo) – es gibt aber noch 7 weitere zugelassene Sorten wie bspw. Malvasia. Viele Bodegas verzichten inzwischen auf langjährige Fassreifung und erzeugen ihre Weißweine durch lange, langsame Gärung mit sofortiger Abfüllung um die primären Traubenaromen einzufangen sowie ihre Frische. Etwa 15 % der Produktion besteht aus blassen Rosados.

An der Farbe des Rückenetiketts erkennt man das Alter der gereiften Weine:

  • hellgrün: Generico beziehungsweise Joven
  • hellrot: Crianza
  • dunkelrot: Reserva
  • blau: Gran Reserva

Ein Joven wird ohne Eichenausbau abgefüllt, ein Vino de Crianza muss mindestens 12 Monate in „barricas“ verbracht habe, eine Reserva 3 Jahre gereift sein, davon ebenfalls 12 Monate im Eichenfass und eine Gran Reserva muß 5 Jahre alt sein und davon 2 Jahre im Barrique verbracht haben. Anders als im Bordelais mit seinem Subskiptionssystem und der anschließenden Reifung in der Flasche im Keller des Käufers, kommen die Weine aus Rioja also schon trinkfertig auf den Markt.

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Italien

Weinbau hat in Italien eine 2.500 Jahre lange Tradition, zuerst vermutlich auf den Inseln Sardinien und Sizilien. Bereits die Griechen bezeichneten Italien als Oenotria („Weinland“), allerdings geht das Weinbauwissen mit dem Zusammenbruch des römischen Reiches verloren und erst der Klerus entdeckt den Weinbau im Mittelalter wieder (mit Karl dem Großen). Später wird Florenz und die Toskana zum Weinbauzentrum, d.h. bereits 1761 legten die Medici (Cosimo III.) das Chianti-Classico-Gebiet fest, das damit zum ersten definierten Weinanbaugebiet wurde, bevor Ministerpräsident Bettino Ricasoli 1872 bestimmte, dass Chianti zu 4/5 aus Sangiovese („Blut des Jupiters“) bestehen soll (bis dahin spielte der Anbau einer klar definierter Rebsorten in einem dafür vorgesehenen Gebiet eigentlich keine Rolle).

Was hier zuerst in der Toskana über die Herkunftsbezeichnung erlassen wurde, fand allerdings erst wesentlich später, nämlich 1963 Eingang in eine nationale Gesetzgebung: War Weinbau bis dahin in erster Linie eine insgesamt sehr unübersichtliche Privatangelegenheit, wurde nun ein Auszeichnungssystem (nicht zwingend ein neues Weingesetz) eingeführt, dass ähnlich wie das französische AOP-System erkennbar macht, wer Wein wann, wo und wie hergestellt hat.

Das DOC-System von 1963 schreibt erstmals Grenzen, Ertragsobergrenzen, spezielle Rebsorten und Bereitungsmethoden in ganz Italien fest. Auch den Ausbau (gewünschte Farbe und Geschmack) sowie den durchschnittlichen Anteil der Rebsorten bei Verschnitten. Als weiterer Schritt zur Regulierung mancher DOCs wurde die zusätzliche Kategorie DOCG (Denominazione d`Origine Controllata Garantita) seit den 1980er-Jahren eingeführt. Diese Kategorie steht an der Spitze, was die Kontrolle des Ursprungs betrifft.

Das DOC-System zementiert gewissermaßen eine Tradition, d.h. einen bestimmten Typ Wein zu einem bestimmten Zeitpunkt, unabhängig vom technischen Stand und damit verbundener kellertechnischer Möglichkeiten. Innovation wird so schwierig – und deshalb verabschiedeten sich viele Winzer insbesondere in der Toskana bald (seit Ende der 1970er-Jahre) aus den DOC-Systemen, um ihre eigene Stilistik auf den Markt zu bringen (z.B. Colombaia in Chianti). Oft verzichteten sie auf den Anbau vorgeschriebener, autochthoner Rebsorten, und stiegen auf Sorten wie Merlot und Cabernet Sauvignon um, weil diese bisweilen robuster sind und Wetterkapriolen (wie sie z.B. in der Toskana vorkommen können) besser aushalten. Diese Winzer hatten Erfolg: Ihre Weine erhielten zwar kein DOC-Prädikat, wurden aber dennoch bald „Supertoskaner“ genannt. Und so wurde schließlich 1992 aufgrund des Erfolgs dieser „Supertuscans“ eine Neufassung des Klassifikationssystems für ganz Italien verabschiedet: Damit diese Winzer ihre Weine nicht mehr – wie zum Hohn des Systems – als „Vino da Tavola“ verkaufen müssen, wurde die neue Kategorie IGT (Indicazione Geografica Proteta) eingeführt, insbesondere für nicht-traditionellen Rebsorten.

Seither werden die geografischen Herkunftsangaben Vino da Tavola, IGT, DOC und DOCG in allen Weinbauregionen Italiens – die in etwa den 21 politischen Regionen gleichen – verwendet; Entsprechend seit der EU-Regelung 2009:

  • DOP (Denominazione d`Origine Protetta): bisher 73 DOCGs und 330 DOCs, die etwa 33,5 % der Gesamtproduktion ausgemacht haben
  • IGP (Indicazione Geografica Protetta): bisher 118 IGTs, die 66,5 % der Gesamtproduktion ausmachten
  • Vino (d`Italia)n.

Neben den Vorgaben für DOC muß Wein der Kategorie DOCG vom Erzeuger abgefüllt sein und Naturkork haben, eine staatliche Banderole sowie eine genauere Bezeichnung bzw. Garantie der Herkunft. Angegeben werden können:

  • Unterzone: sottozona
  • Gemeinde: commune
  • Ortsteil: frazione
  • Klima: microzona
  • Parzelle: vigna oder vignats

Ausserdem gibts noch die Etikettenangaben „Classico“ (aus historischer Ursprungszone), und „Riserva“ (gereift) sowie „Superiore“ (diese Weinen haben einen um 1 Vol. % höheren Alkoholgehalt als vergleichbare Weine).

Schon aufgrund seiner Geografie ist Italien prädestiniert, unterschiedliche und vielfältige Weine hervorzubringen: Dominieren im Norden die Alpen und ein eher kühles, kontinentales Klima (was die Fruchtreife verlangsamt und den Aufbau einer stabileren Säure ermöglicht) herrscht im Süden ein klassisch mediterranes Klima. Dazwischen erstreckt sich ein langer Gebirgsrücken (Apennin), der gewissermaßen als Wetterscheide fungiert bzw. die Produktion der (Premium-)Weine entscheidend beeinflußt: herrscht an den Küsten eher warmes, maritimes Klima, reicht die Produktion von Spitzenweinen bis in den Apennin auf eine Höhe von 700 Meter und mehr (bspw. Pomino in der Toskana auf 700 m, das den Fescobaldis gehört, die hier Chardonnay und Pinot Noir produzieren) hinein. So ergibt sich eine durchschnittliche Temperatur von 12-16 Grad und es erklärt sich, dass praktisch jede nur erdenkliche Kombination aus Höhenlage, Breitengrad und Ausrichtung möglich ist – natürlich ein Segen in Zeiten des Klimawandels.

Neben diesen Möglichkeiten gibt es in Italien außerdem etwa auch noch 2.000 autochthone Rebsorten (von denen allerdings „nur“ 497 offiziell zugelassen sind). An der Spitze stehen:

  • Sangiovese (71.500 ha – 11,4 %)
  • Trebbiano (55.000 ha – 8,7 %)
  • Montepulciano (5,6 %)
  • (…)
  • Barbera (20.500 ha – 3,3 %)
  • Glera (18.000 ha – 2,9 %)
  • Pinot Grigio (17.000 – 2,6 %)
  • Nero d`Avola (17.000 – 2,6 %)

Weinbau war in Italien lange eine Privatangelegenheit und noch bis vor zwei Generationen wurde dennoch nur ein Bruchteil der Weine vom Erzeuger selbst abgefüllt: Insgesamt gibt es zwar 385.000 Traubenerzeuger im Land, die durchschnittlich 1,6 ha bewirtschaften, aber nur 45.000 Abfüller! Das heißt, es gibt einen hohen Genossenschaftsanteil: 625 Genossenschaften mit 190.000 Mitgliedern, die insgesamt 28 Millionen Hektar Wein produzieren.

Insgesamt werden in Italien auf 620.000 Hektar ca. 45 Mio. Hektoliter Wein erzeugt, in etwa so viel wie in Frankreich, womit die beiden weltweit an der Spitze liegen. Die Tendenz allerdings ist rückläufig, auch weil die Inlandsnachfrage in Italien in den letzten Jahren um etwa 40 % gesunken ist.

Der Klimawandel hat zwar nicht unmittelbar Einfluß auf den Rückgang der Rebfläche, möglicherweise aber doch auf den wachsenden Anteil an der Bioweinproduktion, der jetzt schon bei 12 % liegt. Auch der italienische Weinbau muss auf den Klimawandel reagieren, „sonst haben bald alle Weine 15 Vol. % Alkohol“ (Jürgen Hammer).

Mit gut 20 % Anteil ist Deutschland neben der USA der wichtigste Markt für italienische Premiumweine. Diese werden, anders als in anderen Ländern, praktisch überall in Italien erzeugt, auch auf den Inseln im Mittelmeer.

Die 21 Weinbauregionen Italiens umfassen das gesamte Land und gleichen den politischen Regionen:

Weinanbaugebiete in Italien

© wein-plus.de

Süditalien, d.h. der sogenannte „Mezzogiorno“, beginnt etwa ab dem Latium. „Mezzogiorno“ ist das italienische Wort für „Mittag“ und ist abgeleitet vom Stand der Sonne um die Mittagszeit (ähnlich wie das französiche „Le Midi„). Generell ist mit „Mezzogiorno“ also der italienische Süden bezeichnet.

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Toskana

Die 56.000 Hektar Weinberge der Toskana, davon fast 50 % DOC-klassifiziert, liegen südlich der Po-Ebene zwischen dem Apennin und dem Tyrrhenischen Meer, wo sie sich über etwa 200 Kilometer entlang der ligurischen Küste erstrecken und sich grob in drei Bereiche einteilen lassen:

  • das bergige Chianti-Gebiet im Norden
  • das hügelige Gebiet im Süden mit den Appellationen Brunello di Montalcino und Vino Nobile de Montepulciano
  • die flache Küstenebene mit der Maremma Toskana und der Appellation Bolgheri (und San Gimignano im Hinterland)
Weinregionen in der Toskana

Karte: © gute-weine.de

Die Toskana ist Heimat von Italiens meistkultivierter Traube: des Sangiovese. Der zeichnet sich durch ein hohes Maß an Säure und Tanninen aus. Da sie spät reift, ist sie auf warmes Klima angewiesen und fühlt sich in Mittelitalien folglich wohl. In höheren Lagen braucht Sangiovese eine warme Saison um auszureifen, aber auch das ist angesichts der Klimaerwärmung eher kein Problem. Allerdings ist Sangiovese eine arbeitsintensive Sorte, denn die dünnhäutigen Trauben nehmen die in der Toskana üblichen ruppigen Wetterwechsel leicht übel. Regen im Frühling oder Spätherbst, wenn Erntezeit ist und die Beerenhaut durchlässig ist, läßt sie platzen. Das Wetter im September ist schicksalhaft.

Sangiovese ist die Hauptrebsorte im weitläufigen Chianti-Gebiet, das sich mit fast 160 Kilometer Länge in den Ausläufern des Appenin zwischen Pisa, Florenz und Siena ausdehnt. Wein, der hier überall wächst, darf als einfacher DOCG Chianti verkauft werden. Ursprünglich war diese Zone etwas kleiner – wurde aber 1761 in seinen Grenzen von dem Medici Cosimo III. festgelegt und war damit das erste ausgewiesene Weinanbaugebiet weltweit (um die Dörfer Radda, Gaiole und Castellina, Greve kam erst später dazu), das heute als Classico-Gebiet firmiert.

Wein hat in der Toskana eine lange Geschichte, schließlich bauten schon die Etrusker hier Reben an. Bei ihnen wurde aus dem frühgriechischen „winos“ ein Wort, das die Römer dann als „vinum“ verstanden. Wein war bei den Etruskern ein „Getränk der Könige“ – und auch der Anfang des heutigen Chianti geht auf einen Baron zurück: den ehemaligen toskanischen Ministerpräsidenten Baron Bettino Ricasoli, der im Jahr 1872 noch heute gültige Regeln für den Chianti festlegte. In seinem Castello di Brolio südlich von Gaiole experimentierte mit Rebsorten, bis er sich sicher war, dass in Chianti zu 4/5 nur noch „Blut des Jupiter“ (Sangiovese) angebaut werden sollte, der Rest war lokalen Rebsorten wie Canaido und Colorino vorbehalten – was aber zunächst nicht hießt, dass sich jeder daran hielt. Deshalb wurde 1924 von genervten Chianti-Winzern bei einem Treffen in Radda ein Konsortium gegründet, das die eigene Produktion vor (fremder) Konkurrenz schützen sollte. Als Logo wählte 1976 man einen schwarzen Hahn: Der Legende nach sollte die Grenzziehung zwischen Florenz und Siena durch Reiter festgelegt werden, die zum Morgengrauen in ihren Städten losreiten sollten – und an dem Ort des Treffpunkts wollte man dann die Grenze festlegen. Da der hungrige, heruntergekommene schwarze Hahn der Florentiner früher krähte als der schöne und satte Hahn aus Siena ermöglichte er dem Reiter aus Florenz einen Vorsprung und damit eine größere Fläche.

Leider erlaubte Ricasoli damals auch einen Anteil der Weißweinsorte Malvasia (Trebbiano) im einfachen Chianti – was dem Trebbiano Toscana die Tür öffnete: Mit den DOC-Bestimmungen von 1963 wurde ein Mindestanteil den 10 % Weißwein für alle Chianti-Stile festgelegt, aber bis zu 30 % sind erlaubt, deutlich zu viel. Schnell wurde klar, dass die Bestimmungen geändert werden müssten, oder die Erzeuger ihre besten Weine entgegen der Regeln erzeugen und verkaufen müssen.

1975 schließlich rebellierte die traditionsreiche Familie Antinori gegen die herrschende, unzureichende Weingesetzgebung, es war die Geburtsstunde der sogenannten „Supertuscans„: Gegen Ricasolis, in der sogenannten „Chianti-Formel“ festgelegten Sortenvorschrift (die einen Anteil der Weißweinsorten Canaido, Colorino, Malvasia/Trebbiano im Chianti-Wein vorsahen), begann Pero Antinori mit seinem Önologen Giacomo Tacchis einen Wein aus Sangiovese und ortsfremden Rebsorten in kleinen französischen Eichenfässern zu machen, den sogenannten „Tignanello“ des Marchese Antinori (aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc). Schnell schoben sie auch noch den „Solaia“ nach – mit einem umgekehrten Verhältnis von Cabernet Sauvignon und Sangiovese.

Das Verwenden von Bordeaux-Sorten war soweit von den Vorschriften entfernt, dass Antinori auf alle DOC-Prädikate verzichten musste und den Wein zunächst nur als „Vino da Tavola“ verkaufen konnte bzw. später als IGT-Wein. Allerdings war der Wein mit so großem Aufwand im Weinberg und mit viel Kellertechnik gemacht, dass er ihn dennoch für 40 DM verkaufen konnte, obwohl er nicht den Vorschriften für eine geschützte Ursprungsbezeichnung entsprach, aber eben von guter Qualität war. Er legte den Grundstein dafür, dass das italienische Weinwesen nach dem Fiasko mit der „fiasco“ (der Bastflasche für den blassen und verwässerten Chianti dieser Zeit) international seinen einstigen Ruf als Quelle exzellenter Weine zurückgewann. Deshalb sind ihm viele toskanische Erzeuger gefolgt (z.B. in der Maremma) und bereiten hochwertige Weine aus internationalen Sorten. Ein Großteil davon ist als IGT Toscana etikettiert, doch auch an der ligurischen Küste gibt es Anbaugebiete in denen zwar die Höhenlage keinen entscheidenden Einfluß auf den Anbau ausübt, aber vielmehr die Meeresbrisen eine kühlende Wirkung ausüben. Hier sind in den beiden relativ neuen Appellationen DOC Maremma Toscana und DOC Bolgheri Weine zugelassen, die vollständig aus nicht-italienischen Sorten bereitet sind: Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah. (Die DOC Bolgheri ist ein sonnenverwöhntes Terroir, von der milden Meeresbrise gut durchlüftet und reich an leichten Schwemmlandböden mit sandigen Schichten und einer Lehmbasis in der Tiefe.)

Lange vor Antinori begann der Marchese Mario Incisadella Rocchetta in den 1940er-Jahren in seinen Ländereien um das Dorf Bolgheri Cabernet Sauvignon zu pflanzen, um einen privaten Hauswein nach Médoc-Vorbild zu erzeugen. Diesen Wein begannen die Neffen des Marchese (1968), Piero und Lodovico Antinori, mit Hilfe des Bordelaiser Önologen Peynand, als einfacher Tafelwein mit dem Namen „Sassicaia“ (der einzige Wein Landesweit, der eine eigene DOC für sich hat: Bolgheri Sassicaia Sassicaia DOC; aus Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc) abzufüllen und zu vermarkten. Bereits Mitte der 1970er-Jahre genoss dieser Weltruhm. In den 1980er-Jahren begann dann Lodovici Antinori auf dem Nachbargut „Ornellaia“ mit dem Anbau von Cabernet Sauvignon, Merlot – und Sauvignon Blanc, da der Sangiovese hier keine guten Ergebnisse brachte. Der Ornellaia ist geprägt vom Klima, das vom Meer gemildert wird, dem Salzgeruch in der Luft und den kalkhaltigen Böden, die auch reich an Mineralien sind. Er wurde 1998 als einer von drei italienischen Weinen als bester Wein der Welt gekürt (vom „Wine Spectator“).

Dieser Erfolg rief auch Nachahmer auf den Plan – und so flossen in den beiden letzten Jahrzehnten Investorengelder in die Maremma: Neben Antinori, Frescobaldi und Ruffino auch Winzer wie Bolla, Gaja, Loacker und Zonin … Und das, obwohl sich ein Teil des neuen Weinlandes als zu flach für gehobene Weine erwiesen hat. Deshalb weichen diese Investoren in andere Zonen aus, die man auch als „Neue Toskana“ bezeichnen kann: Ins Blickfeld rücken so Val-di-Cornia und Suverto südlich von Bolgheri, sowie die Sangiovese-DOCGs Montecucco Sangiovese (mindestens 90 %) oder die DOC Morellino di Scansano (seit 1978 die klassische Anbauzone in der Maremma für Sangiovese, der hier Morellino heißt und mindestens zu 85 % enthalten sein muß). Alle diese Appellationen liegen etwas höher und werden von der DOC Maremma Toscana umfasst.

Unabhängig vom Erfolg entfernten sich aber viele dieser „revolutionären“ Weine vom eigentlichen toskanischen Charakter. Dem entgegnete man in Chianti, wo dann hochwertigere Sangiovese-Klone und verbesserte Anbaumethoden aufkamen und sich auch das Konzept des Chianti Classico als ein wirklich edler Spitzenwein herausbildete: Seit 1996 ist das Chianti-Classico-Gebiet eine eigenständige DOCG und unterliegt strengeren Gesetzen. (Chianti ist ein Gebiet mit 15.500 ha, 70 % davon mit Sangiovese bestockt.)

Anders als für der einfachen Chianti, für den ein Weißwein-Anteil von 10 % erlaubt ist und Sangiovese nur mindestens 70 % ausmachen muß, gilt für DOCG Chianti Classico ein strikteres Produktionsreglement: Mindestens 80 % müssen Sangiovese sein, Weißwein ist nicht erlaubt seit 2006. Und auch die Pflanzendichte der Rebstöcke ist vorgeschrieben: Mindestens 4.400/ha. Ausserdem muss er mindestens 12 % Vol. Alkohol haben (normaler Chianti: 11 %). Sowohl für den einfachen Chianti als auch den Classico gilt bei Riserva eine Reifezeit von mindestens 2 Jahren und 3 Monaten in der Flasche.

Chianti nimmt insgesamt etwa ein Drittel der Rebfläche der Toskana ein (etwa 18.000 ha), das Classico-Gebiet davon etwa 7.200 ha. Es stellt den historischen Bereich dar, zu der aber auch noch andere Subzonen kommen.

Neben Chianti Classico gibt es im Chianti-Gebiet noch 7 Subzonen:

  • Rufina
  • Colli Senesi
  • Colli Fiorentini
  • Colli Aretini
  • Colli Pisane
  • Montalbane
  • Montespertoli

Kommt das Traubenmaterial aus dem gesamten Chianti-Bereich, werden die Flaschen als DOCG Chianti ausgewiesen, ansonsten kann auch der Name eines der Unterbereiche auftauchen, wenn nur Trauben aus dieser Subzone verwendet wurden. (Darin nicht eingeschlossen ist die DOCG Chianti Classico.) Besonderes Ansehen genießen aufgrund der Qualität der Weine die Subzonen DOCG Chianti Rufina und DOCG Chianti Colli Senesi.

Nördlich von Rufina führt ein Einschnitt in den Apennin eine die Weinberge kühlende Meeresbrise heran. Sie ist hauptsächlich für die Eleganz und Finesse des Chianti Rufina verantwortlich. Ansonsten liegen auch die Rebflächen der DOCG Chianti Classico höher, zu etwa 2/3 auf 100-500 Meter, Spitzenlagen zwischen 500-700 m (und die DOC Pomina sogar noch etwas höher). Die Böden in diesen Höhenlagen sind steinig und karg. Der „Galestro“, eine Bodenformation aus gepresstem, versteinertem Lehm- mit Kalk (härter als Schiefer) ist eine fruchtbare, gut belüftete und mineralreiche, salzhaltige Unterlage.

Der Galestro läßt Weine mit packenden Tanninen und spielender Säure entstehen. Sie sind schlank und elegant und stehen für den klassischen Stil: konzentriert mit etwas Veilchen und schwarzen Kirschen. Der „Albarese“ hingegen ist ein Sandstein mit Kalk. Boden und insbesondere die Höhenlage sind wichtig, da die Sangiovese-Trauben dadurch langsamer reifen, wodurch auch die aus ihnen gewonnen Weine mehr Säure und Kräuteraromen aufweisen.

Mit dem Prädikat „Gran Selezione“ ist angezeigt, dass die Trauben von einem einzigen Weingut stammen und 6 Monate länger gereift sind als Riserva (also insgesamt 30 Monate, davon drei in der Flasche). Zur Reifung in Eiche gibt es keine Vorschriften. Wurde aber in den 1980er-Jahren noch eher im Barrique ausgebaut, dominiert heute in Italien auch der Ausbau im großen Holzfaß, dessen Einfluß auf den Wein nicht so dominant ist, denn „Chianti lebt von Finesse“ (Jürgen Hammer).

Unter der Bezeichnung „Governo“ firmieren Weine, deren Trauben zu 10 % angetrocknet und angegoren und dem fertigen Chianti zugegeben werden. BSA wird dadurch angeschoben und eine 2. alkoholische Gärung findet statt. Das macht man im März/April.

Verglichen mit den Rebflächen im Chianti-Gebiet befinden sich die von Brunello di Montalcino in etwas geringerer Höhe: Die Höhenlagen reichen zwischen 150m im Süden, wo auf schwereren Tonböden eher kräftigere Weine heranreifen, bis zu 500 m an steilen Hängen um Montalcino, wo die Südhänge für ausreichend Wärme und der „galestro“-Boden Weine hervorbringt, die eleganter, aromatischer und „reinrassiger“schmecken. Grundsätzlich ist das Klima hier in der südlichen Toskana wärmer, kann aber durch kühle Meeresbrisen aus Südwesten beeinflußt werden (auch wenn der 1.700 m hohe Monte Amiata Sommerstürme abhält). Montalcino hat insofern das warme, trockene Klima der toskanischen Küste, gepaart mit den felsigen, etwas kargen Böden der kühleren Chianti-Classico-Zone.

Montalcino hat 2.100 ha mit 200 Produzenten und ist eine 100 %ige Sangiovese-Appellation, der mindestens 2 Jahre in Eiche gelagert werden muss.

Zur selben Zeit, als Ricasoli seine Chianti-Formel ersann, erstellte Clemente Biondi Santi ein Modell für Brunello – eine lokale Auswahl von Sangiovese-Klonen – und blieb damit lange fast der einzige, der Brunello produzierte: Noch 1968 bewirtschafteten gerade einmal 13 Winzer 50 ha. Dann entdeckten die US-Importeure von Banfi den Wein – und das Image stieg. Heute bewirtschaften 250 Produzenten über 2000 ha. Die Produktionsregeln der ersten DOCG Italiens (1967) legen fest, dass beim Brunello maximal 52 hl/ha gelesen werden dürfen und der Wein mindestens 2 Jahre im Holz und 4 Monate in der Flasche reifen muss (darf erst im 5. Jahr in den Verkauf). Ausserdem muss Brunello aus 100 % Sangiovese gemacht sein.

Bereits nach einem Jahr darf der ebenfalls seit 1967 DOC klassifizert einfache Rosso di Montalcino auf den Markt. In schlechteren Jahrgängen dürfen Brunellos auch herabgestuft werden. Als Riservas müssen sie nur 2 Monate länger in der Flasche reifen. Sie haben nicht so einen oxidativen Stil wie beispielsweise Rioja Gran Reservas.

Anders als bei Brunello muss der Vino Nobile de Montepulciano nur zu 70 Prozent aus Sangiovese bestehen, hier ebenfalls ein Klon. Daneben gedeihen mehrere unbekannte einheimische und Bordeaux-Sorten. Die Weinberge des Vino Nobile liegen fast alle an den sanft abfallenden Hängen und flacheren Gegenden im Südosten des Ortes und liegen zwischen 250-600 Meter. Mit 740 Milimeter Regen fällt etwas mehr als in Montalcino. Weil der gelbe Boden hier besonders lehmhaltig ist, und deshalb mehr Feuchtigkeit im Boden halten kann, geraten die Weine etwas zugänglicher, während die Wärme Vollreife garantiert. So sind sie insgesamt intensiver und körperreicher als Chiantis. Der Wein muß mindestens ein Jahr im Holzfass reifen, darf aber erst nach zwei Jahren verkauft werden, Riservas drei Jahre. Wie auch Brunello darf Vino Nobile zu Rosso di Montepulciano herabgestuft werden.

Eine Besonderheit in Montepulciano ist der Vin Santo, ein ausserordentlich süsser, orangefarbener Nektar aus Malvasia, Grecchetto oder Trebbiano. Vin Santo hat als Messwein eine 1.000-jährige Geschichte. Die Trauben werden wie Amarone bis Dezember luftgetrocknet, anschließend vergoren, vorsichtig gepresst und mindestens drei Jahre in winzigen, abgeflachten Fässern („caratelli“) ausgebaut. Noch länger ausgebaut wird Vin Santo di Montepulciano Riserva.

Der einzig bemerkenswerte Weißwein in der Toskana ist Vernaccia di San Gimignano, einer Gemeinde in hügeliger Landschaft in einer Höhe von 200-400 Meter mit mediterranem Klima (zwischen -5 bis +37 Grad). Etwa 70 Produzenten bearbeiten 720 Hektar, wobei der Vernaccia-Anteil fast 85 % ausmacht. Die Reben stehen hier auf sandigen Böden (gelber Sand, „Tufo“ genannt, und gelber Lehm). Die Lese erfolgt spät und der Wein wird gewöhnlich im Stahltank ausgebaut.

Vernaccia hat mit dem Südtiroler Vernatsch nur den Namen gemein, sie sind aber nicht verwandt. Vernaccia di San Gimignano war 1966 die erste DOC-Ursprungsbezeichnung und seit 1993 DOCG. Er muß aus mindestens 85 % aus Vernaccia bestehen. Aus selektionierten Trauben wird die sogenannte Typologie-Riserva gekeltert, für die mindestens 11 Monate Reife im Keller (Stahl oder Holz) und drei in der Flasche vorgesehen sind. Der maximale Hektarertrag darf 9.000 Kilogramm nicht übersteigen. Er hat fruchtig-florale Noten, mit der Reife entwickeln sich mineralische Komponenten. Vernaccia alten Stils wird so stark wie möglich bereitet, auf den (goldgelben) Schalen vergoren und im Fass gelagert, bis ein firmer, oxidativer Geschmack entsteht. Die hellere Version ist kaum unverwechselbar.

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Beethovens „Sturmsonate“

Seit Ludwig van Beethoven (1770–1827) in Wien lebte, verbrachte er viel Zeit außerhalb der Stadt, in der Natur, und wurde zu einem regelmäßigen Besucher der vielen Heurigenlokale in der Umgebung von Wien. Gegenüber einem anderen Komponisten bemerkte Beethoven: „Ich liebe diese Landpartien und die Heurigen.“ Einer seiner Wohnsitze befand sich sogar direkt in einer Weinbaugemeinde: dem damaligen Wiener Vorort Heiligenstadt, am Fuße des Kahlenbergs gelegen, der noch heute für Weinbau bekannt ist.

Hier in Heiligenstadt verfasste Beethoven im Jahr 1802 auch einen nie abgesandten Brief an einen seiner Brüder, das sogenannte „Heiligenstädter Testament“, in dem erstmals von der ihm drohenden Taubheit berichtet. Dennoch ergibt sich Beethoven nicht seinem Schicksal, sondern will ihm, wie er sagt, „in den Rachen greifen“. Das tut er im selben Jahr in der sogenannten „Sturmsonate“. Sie steht am Anfang eines „neuen Weges“, wie Beethoven sagt, an dessen Ende es ihm gelungen ist, die Tragik seines Lebens in einen Triumph zu verwandeln.

Ein Hörbeitrag zu Beethovens Umgang mit der Krise (vor dem Hintergrund der erneuten Verlängerung des Lockdowns) …

PS: Seine letzten Monate verbrachte Beethoven auf dem Landgut seines Bruders im niederösterreichischen Kamptal. Von dort ist eine Nachricht an einen Weinhändler aus Mainz erhalten, in der Beethoven schreibt: „Mein Arzt verordnet mir sehr guten, alten Rheinwein zu trinken, senden Sie mir eine kleine Anzahl Bouteillen.“ Tatsächlich wurden ihm einige Flaschen „kostbaren Rüdesheimer Bergweins von 1806“ zugesandt, die allerdings erst eintrafen, als Beethoven bereits im Sterben lag. Als er die Flaschen erblickte, sollen seine letzten Worte angeblich gewesen sein: „Schade, schade, zu spät.“ Zwei Tage später, am 28. März 1827, ist Beethoven verstorben.

Rudolf Buchbinder spielt Beethovens Klaviersonate Nr. 17 d-Moll op. 31,2 („Sturmsonate“)

Buchbinder spielte im Jahr 2014 im Rahmen der Salzburger Festspiele den kompletten Sonatenzyklus von Beethoven. Bereits sein ganzes Leben setzt sich Buchbinder mit Beethoven auseinander, den Zyklus hat er mehr als 45 Mal aufgeführt, in allen wichtigen Konzertsälen der Welt. An Beethoven fasziniert Buchbinder, wie er sagt, dass er „immer alles Mögliche bis ins Extreme ausschöpft“. Seine Interpretation besticht durch eine extreme Sorgfalt und mühelose Leichtigkeit. Er setzt damit immer wieder Maßstäbe.


Beethovens Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 („Schicksalssinfonie“), Wiener Philharmoniker dirigiert von Christian Thielemann

Zwischen 2008 und 2010, etwa eineinhalb Jahre lang haben die Wiener Philharmoniker und Thielemann an der Aufführung aller neun Beethoven-Sinfonien gearbeitet. Entstanden ist eine enorm präzise, subtile und unglaublich dynamische Interpretation von Beethovens sogenannter „Schicksalssinfonie“.


Mozarts Requiem d-Moll KV 626, Wiener Philharmoniker und Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor dirigiert von Sir Georg Solti

Aufnahme einer Aufführung im Wiener Stephansdom aus dem Jahr 1991. Die unglaublich packende Interpretation besticht durch perfekte Tempi, der Chor sowie das Orchester beeindrucken durch ihre fantastische dynamische Qualität.


32x Beethoven – Igor Levits Klavierpodcast

Gemeinsam mit seinem Produzenten Anselm Cybinski analysiert Igor Levit, der vielleicht bekannteste Beethoven-Interpret derzeit, alle 32 Klaviersonaten von Beethoven – eine pro Folge. Am Flügel sitzend werden anhand der Sonaten Themen, Einflüsse und Epochen besprochen und herausgearbeitet, was Beethoven so einzigartig und vielleicht auch revolutionär macht.

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Rezension

Fest der Liebe – Zur Liebeslyrik von Petrarca und Shakespeare

Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“

Paulus, 2. Kor. 4,18

Daß Sinnlichkeit in Sinn nicht aufgeht, heißt noch lange nicht, daß der Körper als Rest, der sich intellektueller Kontrolle und Zwangsintegration entzieht, … als sprachlos unterdrücktes Leben, ja gar als revolutionäre Substanz zu verklären wäre.“

Christiaan L. Hart Nibbrig, Die Auferstehung des Körpers im Text (1985)

Zwischen 1592 und 1594 herrschte in London die Pest. Da die Theater zu dieser Zeit – wie derzeit gerade auch bei uns – geschlossen waren, widmete sich William Shakespeare anderen schriftstellerischen Projekten, unter anderem den Sonnets, die zumindest teilweise in diesen Pestjahren entstanden sind. Seine Sonnets gelten als kritische Auseinandersetzung mit der Liebeslyrik von Francesco Petrarca beziehungsweise den seinen Stil imitierenden Petrarkismus. (Zu Shakespeare siehe auch den Essay falstaff.)

Man würdigt die Sonette Shakespeares heutzutage als Texte, in denen die von Petrarca etablierten formalen Darstellungskonventionen von Shakespeare durch einen natürlichen Sprachrhythmus überwunden werden – er verändert so also die klassische Form des Sonetts und schließt diese mit einem couplet ab, das die Aussage des Sonetts bilanziert oder ihm mahnend nachgestellt ist. Darüber hinaus deutet Shakespeare die petrarkistische Zerrissenheit zwischen Welt und Seele, zwischen Liebes- und religiösem Heilsverlangen in einen rein zwischenmenschlichen Konflikt um.

Als Gattung ist das Sonett als isolierte Kanzonenstrophe am Hof des Stauferkönigs Friedrich II. um 1230 auf Sizilien entstanden. Bevor es durch Shakespeare verändert wurde, perfektionierte es Francesco Petrarca (1304-1374) insbesondere in seinem in italienischer Sprache verfassten Canzoniere. Hier etablierte er das Sonett als eine strenge, vierzehnzeilige Gedichtform mit festgefügtem, zweiteiligem Grundschema mit zwei Quartetten (Vierzeilern) und zwei Terzetten (dreizeiligen Strophen), deren Reimschema ursprünglich dem Muster abab/abab oder abba/abba bei den Quartetten beziehungsweise cdc/dcd oder cde/cde bei den Terzetten folgen. Als wichtigste Versmaße gelten in Italien der Elfsilber (Endecasillabo), in Frankreich der Alexandriner und in England sowie seit der Romantik auch in Deutschland der fünfhebige Jambus.

Francesco Petrarca mit Lorbeer und Laura aus seinem „Canzoniere“

Francesco Petrarca

Petrarca war der Sohn eines aus Florenz verbannten Notars, der 1312 am Papsthof in Avignon eine Anstellung erlangte. Unweit von dort, etwa zwanzig Kilometer nordöstlich, in Carpentras, wuchs Petrarca auf und lebte dann bis 1341 in Vaucluse bei Avignon, wo er auch nach einem Jurastudium in Italien dem geistlichen Stand beitrat. Hier in der Provence, umgeben von Weinreben und in Sichtweite der westlichen Alpen und des Mont Ventoux, entstehen auch jene Werke, aufgrund derer er 1341 in Rom die höchste Dichterwürde empfängt und als Poeta laureatus mit dem Lorbeerkranz gekrönt wird, was ihn mit Dante Alighieri und Giovanni Boccaccio zum wichtigsten Vertreter der italienischen Literatur des 14. Jahrhunderts machte.

Avignon war in der Zeit von 1309 bis 1377 Sitz von insgesamt sieben französischen Exil-Päpsten. Dazu kam es, weil Frankreich nach dem Tod des Stauferkaisers Friedrich II. (1194-1250) zunehmend seinen weltlichen Einfluss gegen den universalen Machtanspruch des Papsttums durchsetzen konnte. Als Clemens V. aus Bordeaux im Jahr 1305 zum Papst gewählt wurde, verzichtete er auf den Amtssitz in der Heiligen Stadt und ließ sich stattdessen in Lyon krönen und dauerhaft in Avignon nieder, wo er völlig in Abhängigkeit von Frankreich geriet.

Petrarca polemisierte bald gegen die „babylonische Gefangenschaft“ des Papstes in Avignon und kämpfte für die Rückkehr des Heiligen Stuhles nach Rom, das er als „Jerusalem“ betrachtete. Avignon hingegen hat Petrarca stets als das gottlose „Babylon“ erlebt und bezeichnet: Im Neuen Testament ist Babylon, wohin die jüdische Bevölkerung 597 vor Christus nach der ersten Eroberung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar II. deportiert wurde, Inbegriff der Verderbtheit der Welt und wird zur „Hure Babylon“: „Denn vom Wein des Zornes über ihre Unzucht haben alle Völker getrunken. Die Könige der Erde haben Unzucht getrieben mit ihr, und die Kaufleute der Erde sind reich geworden durch ihren überbordenden Luxus“, heißt es zum Beispiel in der Offenbarung des Johannes (18,3).

Entsprechend hat Petrarca zwischen 1342 und 1358 mehrere polemische Briefe gegen die sündhaften Zustände in der Kirche in Avignon verfasst und auch im Canzoniere spricht er von einem „Tempel der Ketzerei“, „wo das Gute stirbt und das Böse sich nährt“. Seine Polemik war einer der Gründe, warum er im Jahr 1353 die Provence und Frankreich für immer verließ und nach Italien ging, obwohl ihm Vaucluse mit seinem Landleben ein perfektes Refugium für seine Konzentration aufs Geistige bot. (Zur Bedeutung des Landlebens für Petrarca siehe auch den essay serenissima repubblica.)

Zuvor jedoch hat Petrarca den sich unweit von Carpentras, wo er aufwuchs, in den Himmel türmenden Mont Ventoux bestiegen. Diese Besteigung des Mont Ventoux gilt als Beginn eines neuen Welt- und Naturbewusstseins beziehungsweise als Ursprung der modernen ästhetischen Erfahrung der Landschaft. Denn auf dem Gipfel überkommt ihn eine ungeheure „Schaulust“ und er öffnet sich der Schönheit der Natur – sie wird mit Petrarca insofern ästhetisch. Von ganz oben blickt er auf die Welt hinab und ist überwältigt. Diese Erfahrung verändert vielleicht auch Petrarcas Blick auf den Menschen: Nicht nur die Natur ist schön, sondern er erkennt auch den Menschen in seiner Schönheit. Inbegriff dieser strahlenden Schönheit ist die von ihm geliebte und im Canzoniere besungene Laura.

Petrarcas „Canzoniere“

Der Canzoniere ist eine Sammlung von 366 lyrischen Texten, überwiegend Sonette, in denen Petrarca seine ewigliche Liebe zu Laura auch über deren Tod hinaus besingt, selbst wenn diese zeitlebens unerfüllt beziehungsweise unerwidert bleibt. Bereits unmittelbar nach der Besteigung des Mont Ventoux, noch in Vaucluse in der Provence, beginnt Petrarca die zyklische Fassung zu schreiben, und er wird bis zu seinem Tod 1374 daran arbeiten.

Petrarca hat den Canzoniere in zwei Teile gegliedert, wobei der erste Abschnitt aus 263 Gedichten an die lebende Laura besteht, die nachfolgenden (ab 264) beziehen sich auf die jung verstorbene, tote Geliebte. Inhaltlich ist der Übergang vom Leben zum Tod der Laura bruchlos (ihr Tod wird in den Todesahnungen und Krankheiten, die ab dem 31. Sonett das Todesmotiv vorwegnehmen, angedeutet). Dabei handelt es sich bei dem Zyklus jedoch um keine chronologische Abfolge einer Liebesgeschichte, sondern wie schon bei der Besteigung des Mont Ventoux steht der Läuterungsprozess von Petrarcas Ich im Zentrum, das heißt, der besondere Reiz des Canzoniere besteht insbesondere in der Spannung, die aus dem christlichen Bewusstsein erwächst, dass bereits das sinnliche Begehren sündig ist.

So entwickelt sich Petrarcas Liebe vom eben als Sünde empfundenen körperlich-sexuellen Begehren hin zur platonisch-geistigen Verehrung und darüber hinaus zur sehnsuchtsvollen Hinwendung an eine jenseitige „Madonna angelicata“ („engelhafte Geliebte“), sodass am Schluss eine Art „Anrufung der Gottesmutter Maria“ lyrischen Ausdruck findet. Zu beobachten ist insofern eine Art Vergeistigungsprozess – bis Laura in Kanzone 347 neben Gott sitzt, so, wie sie im Leben neben Amor gesessen hat (337). Als Mensch wird Laura zusehends sublimiert, bis sie zu einem himmlischen Wesen wird – und dann doch wiederum als Naturphänomen verkörperlicht, nämlich metaphorisch als Sonne an den Himmel entrückt (in Kanzone 4 beispielsweise schreibt Petrarca im vierten Vers: „und nun hat er uns in einem kleinen Ort eine Sonne geschenkt, / so dass der Natur und dem Ort gedankt wird“).

Der Canzoniere ist kein autobiographisches Dokument, sondern wurde von Petrarca dramaturgisch konzipiert und mehrmals bewußt überarbeitet: Ausgangspunkt ist seine morgentliche Begegnung mit einer jungen Frau, Laura, beim Gang zur Kirche Sainte-Claire in Avignon am Karfreitag, den 6. April 1327. Ausgerechnet am Sterbetag von Jesus also will er seiner irdischen Liebe begegnet sein. In seinen Gedichten nennt Petrarca dieses Datum und die seitdem vergangenen Jahre immer wieder, auch Laura soll schon in jungen Jahren an einem Karfreitag gestorben sein. Nun war jedoch der 6. April 1327 gar kein Karfreitag – und es stellt sich heraus, dass damit ein symbolisches Datum gemeint ist: Petrarca wollte damit zum Ausdruck bringen, dass seine irdische, sinnliche Liebe zwar am Tag von Jesus Tod begann, die wertvollere, im christlichen Sinn geläuterte, himmlische Liebe jedoch, die der zweite Teil des Canzoniere ab dem 264. Sonett beschreibt, analog dazu eben auch erst 264 Tage später beginnt – und das ist dann der 24. Dezember, Weihnachten, der Tag der Geburt Jesu, dem seine wahre Liebe gilt.

Abgesehen vom Todestag ist über Laura nichts bekannt, über ihre Identität schweigt Petrarca. Man könnte sie aufgrund des von ihm genannten Todesdatums bestenfalls mit einer Laura de Noves identifizieren, aber das ist Spekulation. Petrarca selbst nennt den Namen der Geliebten im gesamten Canzoniere nur ein einziges Mal, im Sonett 332, dennoch macht er ihn zum Programm: Als Wortspiel klingt Laura nämlich öfter an, beispielweise in „l`aura“ (Wind), „l`auro“ (Gold), „lauro“ (Lorbeer) oder „l`aurora“ (Morgenröte).

Obwohl Laura also womöglich gar nicht existiert hat und eine fiktive Figur ist, verfasst Petrarca diese umfangreiche Liebeslyrik, in der die aus christlicher Perspektive verwerfliche irdische Schönheit und Grazie über das Leid des Todes und sogar die Auferstehung Christi triumphiert und darüber hinaus auch noch das sündhafte Begehren Ausdruck findet. Wie ist das mit der Gottesliebe Petrarcas vereinbar?

Bereits Augustinus (354-430), auf den sich Petrarca immer wieder bezieht, schreibt in seinen Bekenntnissen (Confessiones), dass die „Dünste aus dem Sumpf fleischlicher Begierde“ den „heiteren ruhigen Glanz der Liebe“ verfinstern und dass Schönheit nicht mit der „Lust dieser Augen meines Fleisches“, sondern nur „im Innersten“ wahrnehmbar sei. Darüber hinaus beschreibt er in seinem Gottesstaat (Civitas Dei) das Ideal einer beherrschbaren Sexualität, die dann von der Kirche als offzielle Sexualethik übernommen wurde: Schon im Paradies hätten Adam und Eva dem in der Genesis formulierten göttlichen Auftrag „Seid fruchtbar und vermehrt euch“ gehorchen müssen, doch erst mit dem Sündenfall sei die Begierde, die Lust, geweckt worden. Bis dahin erfolgte der Geschlechtsverkehr leidenschaftslos, und das männliche Glied „würde das Zeugungsfeld besät haben gerade so wie der Bauer die Saat ins Feld sät“. Entsprechend sei er in der Ehe legitim, weil die Menschen dort zeugen, ohne die „beschämende Wollust“ gekannt zu haben, denn auch die „Schamglieder“ wären mehr vom „Willen“ als von der „Lust“ beherrscht worden.

Außerdem schreibt Augustinus, dass „mit dem vorgemachten Leben in Dichtung und Theater“, mit den „theatralischen Darstellungen“ nur oberflächliches Mitleid mit sündhaftem Treiben oder gar heftige, wilde Leidenschaften erregt würde. Diesem Vorwurf kommt Petrarca zuvor, indem er sein Canzoniere als Lebenserfahrungen eines poetischen Ichs, eines Alter Ego beschreibt, das „Scham“ empfinde angesichts seiner „jugendlichen Verirrung“ und „die Reue und das klare Erkennen, dass, was der Welt gefällt, ein kurzer Traum ist“. Sein Canzoniere ist insofern als eine Art Geständnis formuliert, mit dem dieses Ich hofft „Mitleid zu finden und auch Vergebung“, wie er ebenfalls schon in seinem ersten Sonett schreibt. Es handelt sich um eine Art reumütige Selbsterfahrung („die Scham ist die Frucht meines eitlen Tuns“), die er rückblickend und – Augustinus folgend – in weltlicher Abgeschiedenheit und Einsamkeit verfasst hat.

Zum Inhalt des Lebens in Einsamkeit wird für Petrarca also das Schreiben, und zum Inhalt des Schreibens in Einsamkeit, zum Lebensquell des Ich werden die „edlen Empfindungen Liebe und Ruhm“, Amor und Gloria. Ihretwegen nimmt Petrarca für die Dauer seines irdischen Daseins den heillosen Zustand der Gottesferne in Kauf: In einem Brief von 1349 hat Petrarca gestanden, dass er mit der hingebungsvollen poetischen Gestaltung einer außergewöhnlichen Liebe („furor“) zu Ruhm zu kommen trachtete, das heißt er hofft mit Lorbeer (lauro) bekränzt zu werden, das Apoll den Dichtern und Helden als höchste Auszeichnung gewidmet hat.

Petrarca greift hier auf den antiken Mythos von Apoll und Daphne zurück – so wie er im Canzoniere überhaupt das poetische Ich mit dem Gott gleichsetzt. Im antiken Mythos geraten Apoll, der Gott der Lyrik, und Cupido in Streit: Apoll hat die von Hera geschickte Pythonschlange getötet und erklärt, Pfeil und Bogen stünden fortan ihm allein zu und nicht dem „geilen Knaben“. Cupido aber rächt sich, indem er einen die Liebe weckenden Pfeil auf Apoll, einen anderen, die Liebe vertreibenden Pfeil auf Daphne schießt, die von Apoll flüchtet. Vergeblich verfolgt Apoll die enteilende Geliebte. Dennoch ist die Verfolgte voll Schrecken und in höchster Not fleht sie ihren Vater an, er möge ihre schöne Gestalt zerstören und sie verwandeln. Er erhört sie und verwandelt sie in einen Lorbeerbaum – weshalb Apoll das Laub des Baums als Triumph- und Siegeszeichen weiht. Wie der Dichtergott Apoll erfolglos hinter Daphne herjagt, die sich ihm durch die Verwandlung in einen immergrünen Lorbeerbaum entzieht, so verzehrt sich also der Liebende im Canzoniere erfolglos nach Laura – hofft aber durch seine Lyrik zumindest unsterblichen Ruhm und Lauro, Lorbeer, zu erlangen.

Seine unerfüllte Liebe zu Laura steht auch dafür: Für Petrarca gilt es, das Leiden an der unerfüllten Liebe als Inspiration und den Konflikt zwischen der Erinnerung an die sinnliche Verlockung und der Einsamkeit produktiv zu nutzen um literarischen Ruhm zu erlangen. Ein solches Leben ist für ihn dennoch nicht leidenschaftslos, das heißt „Richtig zu leben“ bedeutet Petrarca zufolge sich dem Gefühl schreibend erinnernd zu öffnen.

Lyrik wird bei Petrarca so zu einem Erinnerungsort der Liebe, die ihn hier in diesem irdischen Leben aber dennoch zu einer hochfliegenden dichterischen Gestaltung inspiriert. „Die Liebe“, so Peter Brockmeier, Herausgeber und Kommentator einer Auswahl aus Canzoniere über die Kanzone 23, „erscheint in dieser Kanzone als eine das Ich transformierende Naturgewalt, unter deren Wirkung Vernunft und Weisheit verloren gehen“. Diese Naturgewalt, sein sinnlich-erotisches Begehren, will Petrarca durch das Schreiben und sein poetisches Bekenntnis sublimieren. So hofft er, in einem literarischen Selbstbekenntnis vom irdischen Zeitlichen (der sinnlichen Liebe zu Laura) zum Ewigen (dem literarischen, lorbeerbekränzten Ruhm) voranzukommen, um die eingangs zitierten Worte von Paulus hier aufzugreifen.

Sinnlichkeit bei Petrarca

Petrarca hat, anders als Augustinus, der Sinnlichkeit also nicht gänzlich abgeschworen, das heißt er orientiert sich in seinem Canzoniere weniger an dem christlich-asketischen Gebot der Enthaltsamkeit, sondern eher dem moralischen der „Mäßigung“, wie es in der Antike beispielsweise Cicero empfohlen hat, dem zufolge die „Freude am Sehen und Hören“ den Menschen zu neuen Erkenntnissen führt. (Petrarca ist insofern schon lange vor der Aufklärung Humanist.)

Petrarca widerspricht also Augustinus. Entsprechend hat er seine Gedichte auch als „Augenlieder“ bezeichnet, wie Brockmeier weiß; So schreibt Petrarca beispielsweise in Sonett 61: „Gesegnet sei der Tag …, wo ich getroffen wurde / von den beiden schönen Augen, dich mich gebunden haben; / und gesegnet die erste süße Bedrängnis, / als ich empfand, dass ich mit Amor verbunden war, / und der Bogen und die Pfeile, von denen ich getroffen wurde, / und die Wunden, die mir bis ins Herz gehen. / Gesegnet all die Worte, die ich, / den Namen meiner Herrin rufend, ausgestreut habe, / und die Seufzer und die Tränen und das Verlangen; /(…)“

In diesem Bild von Amors „l`aurato strale“, dem goldenen Pfeil, kommt auch die unwiderstehliche Gewalt der Sinne zum Ausdruck, die mit der sündhaften, begehrenden Natur des Menschen verbunden sind. Dabei hat Petrarca Auswirkungen der Liebe auch mit Zitaten aus Texten des Alten Testamentes dargestellt, so zum Beispiel im ersten Vers der Sonette 133, wo es heißt: „Amor hat mich bestimmt als Ziel für Pfeile, / als Schnee in der Sonne, als Wachs im Feuer / und als Nebel im Wind; und ich bin schon ein Fels, / Herrin, um Gnade rufend, und Euch rührt es nicht. / (…)“ Der erste Vers hier stammt aus den Klageliedern des Jeremias (Jer. 3,12): „Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gesteckt“, während „wie der Schnee im Sommer“ aus Sprüche (26,1) stammt und „wie das Wachs zerschmilzt vor dem Feuer“ aus den Psalmen (67,3) et cetera. Petrarca verbindet hier also das sinnliche Denken der Antike mit leibfeindlich-christlichen Vorstellungen sowie platonisch-geistigen Elementen.

Platonische Vorstellung verwendet Petrarca beispielsweise zur Beschreibung von Lauras Vollkommenheit, zum Beispiel im Sonett 154: „Die von der süßen Strahlen Glanz durchsonnte / Luft flammt