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Sémillon

Sémillon ist eine weiße Rebsorte aus Südwestfrankreich, benannt nach der Gemeinde Saint Émilion in Bordeaux, die im regionalen Dialekt „semeljun“ genannt wird. In der berühmten Ortschaft selbst hat die Rebsorte allerdings nie eine Rolle gespielt, dafür aber eine um so größere in Sauternes, wo sie bis ins 19. Jahrhundert praktisch exklusiv angebaut wurde, bevor sie sich auch in andere Regionen in der Umgebung und schließlich auch in die Neue Welt verbreitete – insbesondere auch nach Australien, wo sie ohne Accent aigu „Semillon“ geschrieben wird und neben dem Bordelais vielleicht ihr ihr wichtigstes Verbreitungsgebiet hat.

Sémillon wird weltweit inzwischen auf etwa 22.000 Hektar kultiviert, ungefähr 12.000 Hektar dieser Rebfläche befinden sich im Bordelais, wo die Rebsorte in Sauternes ihren Ursprung hat. Auch wenn ihre genaue Entstehung unbekannt ist, so wird sie hier doch im 16. Jahrhundert erstmals namentlich erwähnt. Gemeinsam mit Sauvignon Blanc werden hier aus ihr die vielleicht berühmtesten Süßweine überhaupt hergestellt: Sauternes und Barsac.

Rund vierzig Kilometer südlich von Bordeaux, am westlichen Ufer der Garonne die beiden Gemeinden Sauternes und Barsac, letzteres eine Appellation innerhalb von Sauternes. Beide sind bekannt für weiße Süßweine, erzeugt aus Sémillon, mit achtzig Prozent die wichtigste Sorte, ergänzt durch etwas Sauvignon Blanc und wenig Muscadelle. Sie wachsen hier auf 2.200 Hektar und werden von 200 Erzeugern hergestellt – der wichtigste ist sicherlich das Château d`Yquem. Die Legende besagt, dass der Besitzer des Weinguts 1847 etwas verspätet von einer Russlandreise zurückgekommen sei und deshalb noch nicht mit der Lese begonnen wurde. Fast alle Trauben waren aber bereits vom Edelschimmel (Botrytis cinerea) befallen – und so begann die ruhmreiche Geschichte der fortan als „Sauternes“ bezeichneten Süßweine.

Sauternes und Barsac liegen in einer Hügellandschaft am Nebenfluß Ciron. Der warme, fruchtbare Winkel Aquitaniens mit Böden von Kies, Sand, Kalk und Lehm, zeichnet sich durch seine Nebel aus, die sich an Herbstabenden entlang des Flüsschens bilden und bis nach Sonnenaufgang halten – ideale Bedingungen für die Entstehung von Botrytis cinerea. Das Ausmaß der Edelfäule ist allerdings von Jahr zu Jahr verschieden. In den Jahren mit wenig Botrytis wird deshalb auch das Verfahren der Passerillage angewendet um den Zucker in den Trauben zu konzentrieren (dazu werden die Zweige des Rebstockes geknickt, damit die Wasserzufuhr in die Trauben unterbrochen wird).

Für Sauternes ist Sémillon essentiell, weil sie wegen ihrer dünnen Schale besonders anfällig für Botrytis ist. Die Rebsorte ist eigentlich bequem im Anbau, da sie kräftig wächst, tiefgrünes Laub bildet und auch etwas später später blüht, was sie relativ unempfindlich für das Verrieseln macht. Das macht sie sehr ertragreich – allerdings ist sie aufgrund ihrer Dünnschaligkeit nicht resistent gegen unerwünschte Pilzkrankheiten. Ist die Gefahr des Fäulnisbefalls nach einer durchschnittlich langen Reifezeit aber abgewendet, kann Botrytis cinerea die Trauben gewissermaßen veredeln, indem der Pilz durch die dünne Haut eindringt und die Beeren rosinieren läßt. Dadurch schrumpft zwar die Mostausbeute der ansonsten – stets in Abhängigkeit vom Terroir – zu hohen Erträgen neigenden Rebsorte, aber ihr Zuckergehalt wird dadurch gleichzeitig konzentriert – ideal für die Herstellung von Süßwein.

Die Lese der edelfaulen Beeren erfolgt dann von Anfang September bis in den November hinein in mehreren Lesedurchgängen (großteils) von Hand. Ein Hektar ergibt etwa 1.500 bis 2.000 kleine Flaschen edelsüßen Weins. Die Vergärung anschließend erfolgt in neuen Barriques und kann aufgrund des hohen Zuckergehalts der Trauben bis zu drei Jahre dauern. Durch den Ausbau im Eichenholzfass wird die ohnehin schon tiefgoldene, bei ausgereiften Trauben beinahe rötliche Farbe der Sémillon noch zusätzlich intensiviert.

Sémillon ist ein wenig aromatischer, eher „fetter“ Wein, das heißt, in Sauternes sorgt sie für einen hohen Alkoholgehalt mit viel Restzucker (diese Kombination gibt es bei deutschen Süßweinen nicht), weshalb die natürliche Säure des Sauvignon blanc im Verschnitt für die Balance wichtig ist: Gewöhnlich weisen die Weine einen Zuckergehalt von 80 bis 120 Gramm pro Liter sowie einen Alkoholgehalt von 14 bis 15 Prozent auf, sind aber süß. Während Muscadelle in der Cuvée noch etwas exotische Aromatik beisteuert, wirkt die kräftige Säure des aromatischen Sauvignon Blanc ausgleichend – so entstehen ausgewogene Süßweine, die noch dazu extrem langlebig sind.

Ähnliche, aber nicht so hochwertige Süßweine – im schlichtestesten Fall werden sie, wie bei Portwein, einfach durch das Abstoppen der Gärung hergestellt – bringt Sémillon auch in der nahegelegenen Appellationen Cadillac hervor sowie, in etwas besserer Qualität, in Montbazillac in der Dordogne, wo Sémillon ansonsten auch noch in Bergerac verbreitet ist.

Abgesehen von Süßweinen entstehen im Bodelais aber auch noch trockene Weine von Sémillon das gilt insbesondere für die Anbaugebiete Graves und Entre-deux-mers. Allerdings wird er hier bisweilen immer mit Sauvignon Blanc verschnitten – der Sémillon inzwischen bei den Anbauflächen überflügelt hat. Außerdem ist auch noch Muscadelle Bestandteil der Cuvée – und formal dürfen auch noch bis zu dreißig Prozent von dem weniger charakatervollen Ugni Blanc (Trebbiano) dabei sein sowie von Colombard und anderen, nicht so verbreiteten Rebsorten enthalten. Gleichwohl dominiert in den hochwertigeren Weißweinen aus den beiden Appellationen üblicherweise Sémillon, wobei durch niedrige Erträge, alte Reben und den Ausbau in Eichenholzfäßern sehr körperreiche und langlebige Weine entstehen.

Obwohl Sémillon im Bordelais seit jeher mit Sauvignon Blanc im Verschnitt auftaucht, wird sie in Australien seit den späten 1990er Jahren auch mit Chardonnay cuvetiert – zu salopp so genannten „Sem-Chards“. Auch hier, ebenso wie in anderen Gegenden der Neuen Welt, liefert die ertragreiche Semillon mit ihrem „gewichtigen Charakter“ die Basis für derartige Verschnitte – unabhängig davon, dass es ihnen bisweilen vielleicht etwas an Aromatik fehlt (zumindest kommerziell hat sich der Verschnitt durchgesetzt). Ansonsten aber zeichnet sich Australien dadurch aus, dass hier auch reinsortige Semillons hergestellt werden.

Während Sémillon im Bordelais unverschnitten praktisch überhaupt nicht vorkommt, entstehen insbesondere im australischen Hunter Valley sehr eigenwillige, ausdrucksstarke und auch säurebetonte Semillons – die nicht umsonst auch den Beinamen „Hunter Valley Riesling“ bekommen haben. In dem Anbaugebiet in der Region in New South Wales, etwa 160 Kilometer nördlich von Sydney gelegen, herrscht eigentlich ein subropische, feucht-heißes Klima, dessen Temperaturen aber günstigerweise durch eine hohe Wolkendecke und Meeresbrisen etwas gemildert werden. Außerdem sind die Herbstmonate nass, wobei mehr als zwei Drittel der recht hohen jährlichen Niederschlagsmenge von 750 Millimeter in den ersten vier Monaten des Jahres fallen – zur Erntezeit. Für die Winzer ist das eine Plage, denn die Jahrgänge sind ähnlich wechselhaft wie im Burgund, und um das Auftreten von Fäulnis gerade auch bei Semillon zu vermeiden ist eine gutes Laubwandmanagement bei der wüchsigen Rebsorte unerläßlich.

Es ist aber insbesondere der Boden, auf dem der Ruf des Hunter Valley gründet, denn im Süden findet sich ein Streifen aus verwittertem Basalt, der die Wuchskraft der Reben natürlich hemmt und die oft sehr ausgeprägten mineralischen Nuancen in den Trauben konzentriert. Semillons gedeihen hier und in den tieferen Lagen auf weißem Sand und Lehm auf einzigartige Weise – und entsprechen mit ihrer mineralischen Aromatik und ihrer ausgeprägten Säure durchaus einem Riesling Kabinett hierzulande.

Obwohl die Anbaufläche von Semillon bereits in den 1980er Jahren von Chardonnay und auch Sauvignon Blanc überholt wurde, hat er sich schon relativ früh – aus Südafrika kommend – im australischen Weinbau etabliert. Während die Rebsorte in Südafrika 1822 noch 93 Prozent der Rebfläche belegte und einfach mit dem Namen „Wyndruif“ („Weintraube“) belegt wurde, ist sie heute mit unter 1 Prozent der Anbaufläche fast schon der Bedeutungslosigkeit anheimgefallen.

Das aber ist Australien anders: Neben den trockenen Semillons aus dem Hunter Valley kommen aus den bewässerten Regionen im Landesinneren auch Süßweine von Semillon, ähnlich wie in Sauternes, nur weniger hochwertig: Die Spezialität aus Riverina, dem größten Anbaugebiet New South Wales – ansonsten prädestiniert für die Massenproduktion – sind tatsächlich Botrytisweine auf Semillon-Grundlage. Im Herbst auftretender morgendlicher Dunst und Nebel fördern in dieser Region ganz im Westen der Region das Auftreten von Edelfäule – erstaunlich genug.

Neben seinen wichtigsten Standorten im Bordeaux und in Australien, findet man den Sémillon heute in nennenswertem Umfang in Chile und Argentinien mit etwa 2.000 Hektar, auch wenn sich die Bedeutung von Semillon dort in Grenzen hält. Das gilt auch für andere Länder wie beispielsweise Kroatien. Ansonsten wurde Sémillon Ende des 19. Jahrhunderts von Zionisten auch nach Israel gebracht und leistete dort einen wichtigen Beitrag zur Errichtung des modernen Weinbaus.

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