Weinglossar

Pinotage

Südafrika ist das einzige Land in der gesamten Neuen Welt, das mit dem Pinotage eine ureigene Rebsorte besitzt. Allerdings ist der Pinotage erst Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden – als man langsam realisierte, dass sich Pinot Noir unter den warmen klimatischen Bedingungen am Kap der guten Hoffnungen nicht zufriedenstellend entwickelte und hinter den Erwartungen zurück blieb.

Das war bei Cinsault anders. Als man die Rebsorte um die Mitte des 19. Jahrhunderts hoffnungsvoll am Kap einführte, belegte man sie entsprechend mit dem Namen „Hermitage“, nach dem berühmten Wein von der Nördlichen Rhône – obwohl Cinsault dort überhaupt nicht angebaut wird. Wenn sie vielleicht auch ihrem Namen nie gerecht wurde – die gegen Hitze und Trockenstress ausgesprochen widerstandsfähige Rebsorte erwies sich ideale Besetzung für das Land um das Kap. Bis in die 1960er Jahre hinein entwickelte sich die „Hermitage“ jedenfalls zur meistangebauten Rebsorte in Südafrika.

Womöglich hat sich in Stellenbosch, dem Zentrum der südafrikanischen Weinbauforschung, der Weinbauprofessor Abraham Izak Perold 1925 gerade auch aufgrund der Hitzeresistenz der „Hermitage“ dafür entschieden, sie mit der zweifellos etwas höherwertigen, im Anbau aber etwas anspruchsvolleren Pinot Noir zu kreuzen. Aus dieser Kreuzung jedenfalls wurde der „Pinotage“ geboren – die erste und bisher einzige Rebsorte (von Vitis vinifera), die außerhalb Europas entstand.

Zunächst jedoch waren es nur wenige, noch namenlose Rebstöcke, die Perold in seinem eigenen Garten kultivierte. Erst sein Nachfolger in Stellenbosch, Charles Theron, begann in den 1930er Jahren mit der Vermehrung und Veredelung der neuen Rebsorte. Dazu propfte er die „Perolds Hermitage x Pinot“, wie er die neue Rebsorte nannte, aufgrund der gerade erst überstandenen Reblauskrise auf resistente Wurzelstöcke von amerikanischen Unterlagsreben. Bei der Vermehrung von Rebsorten durch Propfung werden ausgesuchte Äste von Rebsorten im Winter mit dem Stamm einer Unterlagsrebe verbunden und dann im Frühjahr im Boden eingepflanzt. Die Veredelung erfolgt, indem auf bereits vorhandene Rebstöcke eine Knospe oder ein Steckling (Reisig) der neuen Sorte gepfropft wird. Als so genügend Rebstöcke gezüchtet waren, erfolgten 1943 auch die ersten kommerziellen Anpflanzungen der neuen Rebsorte im Anbaugebiet Elgin. Weitere Selektionen und Veredelungsmaßnahmen führten schließlich zur heute bekannten Rebsorte.

Die neue Rebsorte fühlt sich besonders in Hanglagen und auf wasserspeichernden Böden mit hohem Ton- oder Kalkanteil wohl. Wie Pinot Noir treibt sie relativ früh aus und wie Cinsault reift sie auch früh – hat aber leider auch die Anfälligkeit für Pilzkrankheiten und Fäulnis von den beiden geerbt. Bleibt sie allerdings gesund, führt die neue Rebsorte (wie Cinsault) zu reichlichen Erträgen, wenngleich so auch ihre Weine eher nichtssagend werden. Wertvollere entstehen, wenn man den Ertrag mindert, beispielsweise durch die sogenannte „Grünlese„, wo man nach der Blüte und dem Fruchtansatz im Sommer einige Fruchtansätze wegschneidet, um die Qualität der verbliebenen Trauben zu verbessern.

Wein aus den neuen Trauben gekeltert wurde erstmals 1941. Spätestens in der Folge der ersten Anpflanzungen ein paar Jahre später wurde klar, dass die neue Rebsorte unter der südafrikanischen Sonne einen relativ hohen Zuckergehalt ausbildet und damit ein hohes Mostgewicht, wodurch auch der Alkoholgehalt im Wein steigt. Bei eher gemäßigter Säure und moderaten Tanninen entwickelt sie aber auch eine ausgesprochen rotfruchtige Aromatik – deren Fülle aber zunächst nur bedingt Zuspruch erfuhr. Außerdem hatten die Weine eine charakteristische, an Lack erinnernde Note (Isoamylacetat), die ungewohnt war.

Der Erfolg der neuen Rebsorte war also zunächst bescheiden. Erst zu Beginn der 1960er Jahre wurde ihr Anbau intensiviert. Dabei traten zwei traditionsreiche Weingüter, „Bellevue“ und „Kanonkop„, besonders in Erscheinung – deren erste sortenreine Weine von „Perolds Hermitage x Pinot“ der neuen Rebsorte schließlich zum Durchbruch verhelfen sollte: Unter dem neuen, besser zu vermarktenden Namen „Pinotage“ wurde der Wein erstmals 1959 auf der „Cape Wine Show“ präsentiert – und übertraf auf Anhieb selbst renommierte Gewächse aus Cabernet Sauvignon, die damals den qualitativen Maßstab in Südafrika markierte.

Internationale Anerkennung fand Pinotage – das gilt jedoch für alle Weine aus Südafrika – erst nach dem Ende der Apartheid am 27. April 1994 und der Aufhebung der damit verbundenen Sanktionen gegen das Regime (das seit 1977 herrschte). Nach 400 Jahren Kolonialherrschaft hat sich die größte Weinbauregion Afrikas seither grundlegend verändert. Im Hinblick auf Pinotage bedeutet das, dass inzwischen immerhin etwa 7.000 Hektar Rebfläche mit der eigenen Rebsorte bestockt sind, was etwa sechs Prozent der 125.000 Hektar Gesamtrebfläche Südafrikas entspricht.

Pinotage wird reinsortig ausgebaut – sowohl in neuen Barriques gereift als auch im Stahltank in einer etwas schlankeren, kühleren Stilistik, die ans Beaujolais erinnert -, er wird aber auch als Verschnittpartner für den sogenannten „Cape Blend“ verwendet. Das ist eine Cuvée, in die neben der heimischen Pinotage auch internationale Sorten fließen, insbesondere Cabernet Sauvignon und Merlot aus Bordeaux, die beide seit den 1960er Jahren der Cinsault den Rang als meistangebaute Rebsorte am Kap abgelaufen haben. Insbesondere die „Cape Blends“ aus dem traditionsreichen Stellenbosch haben sich dabei internatinal einen Namen gemacht – schließlich ist hier auch das „Warwick Estate“ zu Hause, das 2000 den ersten „Blend“ machte.

So ist Pinotage inzwischen also aus Südafrika nicht mehr wegzudenken – auch wenn seine Anbaufläche durchaus noch ausbaufähig ist. Ansonsten ist die Rebsorte aber praktisch kaum verbreitet. Unwesentliche Bestände finden sich außerhalb des Landes noch im benachbarten Zimbabwe sowie in Neuseeland. Zuletzt begann man sich auch in Australien und Kalifornien für ihn zu interessieren – man kann also vielleicht, nicht nur am Kap, auf Gutes hoffen.

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