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In eigener Sache

In den Jahren vor seinem Tod hat Roland Barthes von der „Lust am Text“ gesprochen. Was er in diesem Zusammenhang zur Sprache brachte, ist ein Aspekt der Körperlichkeit des Schreibens und der Schrift – der écriture, wie er es nennt -, bei dem es nicht um eine Verbindung von Sinn und Sprache geht, sondern was ihn interessiert – was ihm Lust bereitet – ist das Verhältnis von Körper und Sprache: Schreiben wird von Barthes nicht als eine Produktion von Texten beziehungsweise als Realisation und Repräsentation von Ideen begriffen, sondern als Prozess seiner materiellen Entfaltung. Es geht dann nicht mehr um den Text als linear zu entziffernde Sinneinheit, sondern um die Schrift als materielle Spur einer körperlichen Bewegung. Es ist das Schreiben im „manuellen Sinn“, der körperliche Gestus, und „nicht die metaphorischen Auffassungen des Wortes `Schrift´“, der ihn interessiert und dessen er selbst sich bedienen möchte, wie er schreibt.

Barthes unterläuft hier die Vorstellung eines Primats der denkenden Subjektivität in der Schrift und rückt stattdessen den Körper ins Zentrum der Schrift: „Der Text“, schreibt er, „trägt meinen Körper woandershin“. An die Stelle des Sinns rückt der Körper als Träger signifikanter Handlungen beziehungsweise die „Signifikanz“, die ganz im Sinne Julia Kristevas begriffen ist als „jenes unaufhaltbare Funktionieren der Triebe auf die Sprache zu, in ihr und durch sie hindurch“. Sprache wird somit insbesondere auch zur Auslegung des Körpers und seiner Triebe – des begehrenden Subjekts. Denn, wie Barthes schreibt: „Die Lust am Text, das ist jener Moment, wo mein Körper seinen eigenen Ideen folgt – denn mein Körper hat nicht dieselben Ideen wie ich“ …

Selten ist mir das so klar geworden wie derzeit, wo mich eine Verletzung am Schreiben hindert – daran, überhaupt einen Stift in die Hand zu nehmen. Es ist genau die von Barthes beschriebene Lust am Schreiben, die gewöhnlich schon am Anfang des Schreibprozesses bei mir steht – beim Lesen -, wenn Textpassagen unterstrichen, eingekreist, durchgestrichen, miteinander verbunden oder mit Anmerkungen versehen werden …

Schreiben ist für mich, wie schon das Lesen, eine Lust am Text – eine lustvolle, körperliche Arbeit mit dem Text: Überall finden sich die Spuren meiner Einschreibungen. Es ist ein unablässiges Bearbeiten und Umstellen des Wortmaterials, beim Lesen wie beim Schreiben, das mich fortlaufend auf neue Ideen und Fragen bringt – völlig unklar oft, wohin mich das führen wird, nicht enden wollend … All das jedoch fällt gerade komplett aus, wenn man Buchstabe für Buchstabe einzeln in die Tastatur einzutippen genötigt ist – genauso wie jeder gewohnte Schreibfluss, jede Schreibrhythmik, eben all das, was die Körperlichkeit des Schreibens ausmacht. Schreiben wird stattdessen zur Mühsal. Von einer Lust jedenfalls kann keine Rede sein …

Und so bitte ich die nächsten Wochen um Nachsicht: Essays sind wohl nicht zu erwarten … um aber nicht gänzlich untätig zu sein, habe ich beschlossen, während meiner Rekonvaleszenz das Weinglossar zu ordnen und zu vervollständigen, da die Texte dafür mitunter bereits verfasst sind. Das aber bedeutet, dass in nächster Zeit täglich ein kurzer Eintrag erscheinen wird … Ich hoffe, ihr lasst euch davon nicht nerven!

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