Essay

fernweh

In den letzten Wochen sind 104 Karten entstanden, die einen Überblick über die im Glossar besprochenen Weinanbaugebiete geben sollen. Öfter musste ich in dieser Zeit an Michel de Montaigne denken, der sich jahrelang in einen Rundturm eingeschlossen hat …

„Immer aber, wenn der Raum sich erweitert, spannt sich die Seele.“

Stefan Zweig, „Montaigne“ (1942)

Die „terres de Montaigne“ waren schon immer ein Weinanbaugebiet. Und tatsächlich wurden bereits im 16. Jahrhundert auch zwei Hektar der Domaine mit Rebstöcken bepflanzt. Die Domaine – das war ein Schloss in St.-Michel-de-Montaigne in der Dordogne, unweit von St. Émilion im Bordelais, das Ramon Eyquem aus den Erlösen seines Wein- und Fischhandels in Bordeaux kaufte.

Bordeaux_Weinanbaugebiete

Karte vom Weinanbaugebiet Bordeaux (Bordelais) – eine von 104 neuen Karten im Weinglossar, die eine Übersicht über die Weinanbaugebiete weltweit geben

Ramon war der bürgerliche Ahnherr der Familie Eyquem, die einst in Bordeaux lebte. Erst später, 1533, kam mit dem Urenkel von Ramon erstmals ein Familienmitglied in dem Schloss in der Dordogne zur Welt – es war Michel Eyquem de Montaigne, besser bekannt als Michel de Montaigne.

Dass er einen Adelstitel trug, verdankte er seinem Vater, der als Soldat den König in den italienischen Krieg begleitete und für seine Dienste den Titel „Sieur de Montaigne“ verliehen bekam. Zu den Ersten von Bordeaux machte die Eyquems aber dann erst Michel: Nach dem Studium in Bordeaux wurde Montaigne 1557 Gerichtsrat am parlement („oberster Gerichtshof“) in Bordeaux. Das Amt hatte er bis 1570 inne.

Am 28. Februar 1571 zog sich Michel de Montaigne (1533-1592) zu seinem 38. Geburtstag in sein Privatleben und ins Schloss in St.-Michel-de-Montaigne zurück, um dort den Rest seiner Tage zu verbringen. Er ist hier Herr über den Landsitz der Familie mit seinen weitläufigen Gütern, Feldern, Wäldern, Wiesen und auch Weingärten – bekennt aber, „dass er nicht eine Kornart von der anderen unterscheiden kann, weder auf dem Feld noch im Speicher, wenn der Unterschied nicht augenfällig ist. (…) Ich kenne nicht einmal die Bezeichnungen für die wichtigsten Geräte in meiner Wirtschaft, oder die elementarsten Dinge der Landwirtschaft … kein Monat vergeht, ohne daß ich dabei ertappt werde, daß ich keine Ahnung habe … was da eigentlich vorgeht, wenn sie den Wein in der Kufe mischen.“

1568, drei Jahre vorher, ist Montaignes Vater gestorben und hat ihm ein Vermögen hinterlassen. Nun, nach seiner Rückkehr auf das Schloss, stellt er, wie Stefan Zweig es in einem seiner letzten, fragmentarisch gebliebenen Essays über „Montaigne“ (1942) formuliert, „die Frage an das Schicksal“.

„Ich kreise in mir selbst“, schrieb Montaigne – und hatte dafür im Rundturm des Schlosses inmitten der Weinberge der Dordogne ein adäquates Domizil gefunden, in das er sich die nächsten zehn Jahre zurückzog. Der Turm hat drei Etagen, im Parterre befindet sich Montaignes Privatkapelle – ein dunkler Raum, in dem noch Wandmalereien zu erkennen sind, etwa jene vom heiligen Michael, wie er den Drachen niederzwingt. Sie wurden von einem fahrenden Künstler angefertigt, der ursprünglich alle Räume des Turmes ausgeschmückt hatte. Michels runder Wohnraum und eine angrenzende Garderobe sind im ersten Stockwerk zu besichtigen, sein Arbeitszimmer, ein Ort der Meditation, in der obersten Etage.

Hier befand sich einst die ansehnliche Büchersammlung, die nach Michels Tod von seiner Tochter verkauft wurde (beinahe ein Glück, denn sie wäre spätestens dem Brand 1885 zum Opfer gefallen, der das Chateau zerstörte. Dem Feuer entgingen nur wenige Erinnerungsstücke, die heute im Turm ausgestellt sind – und „gerade in ihrer Dürftigkeit ein eindrucksvolles Bild von Montaignes Zurückgezogenheit ergeben“, wie es in einem Reiseführer heißt).

Die Fenster hier oben erlauben den Blick auf die friedliche Landschaft – die weiten Flure, der Garten, die Wiesen und Weinhänge allerdings rühren ihn nicht mehr an: er sperrt die Tür zum Turm hinter sich ab und verwehrt sogar der Familie den Zutritt. Die Deckenbalken lässt er mit 54 lateinischen Maximen beschriften, die ihm jedes Mal ins Auge stechen, sobald sein Blick müßig nach oben geht. Nur eine ist in Französisch, sie lautet: „Que sais-je? [Was weiß ich?]“. Das ist, was ihn beschäftigt.

Hier beginnt Michel de Montaigne zu schreiben und erfindet dabei die Gattung der Essays (französisch „essais“), das heißt, er entwirft erstmals eine offene Textform, die wesentlich an die Subjektivität eines Autors gebunden ist und bei der es weniger um so etwas wie Objektivität geht. „Was Montaigne sucht, ist sein inneres Ich“, schreibt Zweig, das heißt, eigentlich ist es „nicht das Ich, das Selbst, das Montaigne sucht, er sucht gleichzeitig das Menschliche. Er unterscheidet genau, daß in jedem Menschen das Gemeinsame ist, und etwas Einmaliges: die Persönlichkeit“. Ohne sich formal oder gedanklich binden zu müssen – stattdessen umkreisen seine Gedanken immer wieder kaleidoskopartig dieses Thema –, will sich Montaigne in seinem (Elfenbein-)Turm ungestört den Fragen des Lebens widmen, ohne jedoch nach verbindlichen Antworten zu suchen. Denn ihm zufolge gibt es keine absolute Wahrheit und folglich auch keinen Dogmatismus, wie ihn die katholische Kirche predigte. So gerieten seine „Essais“ zum Endloswerk, das Montaigne zeitlebens überarbeitete und annotierte.

Für Montaigne stand das Ideal der Freiheit über allen Dogmen. Das unterschied sein skeptisches Denken sehr vom Zeitgeist – der allerdings zunehmend geprägt war von reformatorischen Ideen. Die Reformation wollte in Europa „einen neuen Geist der Christlichkeit“ zeitigen, stattdessen aber verbreiteten die neuen Druckerpressen „den Furor Theologicus“ und jene „beispiellose Barbarei“, die in Intoleranz und Krieg enden sollte, nicht im Triumph des Humanismus. „In ganz Europa zerfleischt sich jedes Land in mörderischem Bürgerkriege“, schreibt Zweig, „indes in der neuen Welt sich die Bestialität der Conquistadoren mit einer unüberbietbaren Grausamkeit austobt. (…) Diesen grauenhaften Rückfall aus dem Humanismus in die Bestialität, einen dieser sporadischen Wahnsinnsausbrüche der Menschheit … bedeutet die eigentliche Tragödie im Leben Montaignes. Er hat den Frieden, die Vernunft, die Konzilianz, die Toleranz, alle diese hohen geistigen Kräfte, denen seine Seele verschworen war, nicht einen Augenblick seines Lebens in seinem Land, in seiner Welt wirksam gesehen.“

Was Zweig hier über die Reformation, die Zeit Montaignes, schreibt, gilt gewissermaßen auch für ihn selbst – der 1941, mitten im deprimierenden Chaos der Kriegszeit, nach Brasilien übergesiedelt ist: „Es gibt keine Sicherheit mehr auf Erden: dieses Grundgefühl wird sich in Montaignes geistiger Anschauung notwendigerweise ins Geistige spiegeln“, schreibt Zweig. „Wie bewahre ich meine ureigenste Seele und ihre nur mir gehörige Materie, meinen Körper, meine Gesundheit, meine Nerven, meine Gedanken, meine Gefühle vor der Gefahr, fremden Wahn und fremden Interessen aufgeopfert zu werden? (…) Und dies sein Suchen und Mühen um die seelische Rettung, um die Rettung der Freiheit in einer Zeit der allgemeinen Servilität an Ideologien und Parteien macht ihn uns heute brüderlich wie jeden andern …. `le plus grand art: rester soi-même´ [der größten Kunst: sich selbst zu bewahren].“

Wie Montaigne sieht Zweig, wie seine „geistige Heimat Europa sich selber vernichtet“. Darüber kommt er in seinem brasilianischen Exil nicht hinweg: er setzt seinem Leben in Petrópolis ein Ende. Die Welt seiner eigenen Sprache sei für ihn untergegangen, schreibt er in seinem Abschiedsbrief.

Brasilien bot Stefan Zweig keine Rettung – anders als Montaigne, der wenige Jahrzehnte nach der Entdeckung der „Neuen Welt“ durch Kolumbus und der Erkundung durch Amerigo Vespucci, nach dem der deutsche Kartograf Martin Waldseemüller 1507 in der ersten Weltkarte den neuen Doppelkontinent „Amerika“ benannte, in Rouen einen Brasilianer kennenlernte, in dem er „gleichsam den unverstellten, unverdorbenen Menschen“ kennenlernte, wie Zweig schreibt. Zur „neue(n) Welt, welche wir kürzlich entdeckt haben“, wie Montaigne schreibt, bemerkt er in seinem Essay „Von den Menschenfressern“: „Diese Entdeckung eines sehr großen Strich Landes scheint von äußerster Wichtigkeit zu sein.“

Wichtig für Montaigne jedenfalls wird Brasilien, auch wenn über das neu entdeckte Land noch wenig bekannt ist: „Wir hätten Topographen nötig“, schreibt Montaigne, „die uns eine genaue Beschreibung von den Örtern gäben, die sie gesehen haben. Aber kaum haben sie soviel vor uns voraus, daß sie Palästina gesehen haben, so wollen sie auch das Privilegium geltend machen, uns von allen übrigen Gegenden der Welt etwas Neues erzählen zu dürfen.“ Und so muss sich auch Montaigne in seinem Essay über die Kannibalen an ein paar vagen Erzählungen orientieren – bemerkt allerdings: „Wir mögen also jene Völker wohl, in Rücksicht auf die Vorschriften der Vernunft, Barbaren nennen, aber keineswegs in Rücksicht auf uns selbst, da wir sie in allen Arten von Barbarei übertreffen.“ Kannibalismus sei insofern unbeträchtlicher, als lebendige Menschen zu foltern, zu martern und zu quälen, wie das die Kolonialisten tun.

In seinem „Sturm“ übernimmt Shakespeare fast wortwörtlich einige Passagen aus Montaignes Essay – weshalb das Stück gewissermaßen in Amerika angesiedelt ist, auch wenn Shakespeare die Lage der Insel irgendwo im Mittelmeer verortet: Alte und Neue Welt vermischen sich hier – wie überhaupt die Beschreibung der Insel durch eine „Diskussion“ darüber ersetzt wird, wie die Insel aussieht. Jede Figur vertritt eine andere, glaubwürdige Ansicht. Alles ist widersprüchlich und es stellt sich die Frage, wem man hier überhaupt glauben soll. Wie sieht die Welt wirklich aus? Was ist die Wahrheit, wenn es als Erkenntnismittel keine Abbildungen oder Karten gibt, sondern einzig und allein subjektive Sichtweisen der Menschen und diese zu keinem Konsens, zu keiner gemeinsamen Ansicht über die Wirklichkeit kommen?

Für Montaigne zumindest steht fest: „Die Menschen in der neuen Welt sind wild, in eben dem Verhältnisse, wie wir die Früchte wild nennen, welche die Natur von selbst und nach ihren eigenen Fortschritten hervorgebracht hat“, wie er schreibt. „Und gleichwohl findet sich in vielen ungekünstelten Früchten jenes Landes ein sehr feiner Geschmack, selbst für unsern Gaumen, trotz der Früchte, die wir mit vieler Sorgfalt erziehen. Es ist nicht billig, daß die Kunst die Ehre über unsre große und mächtige Mutter Natur davontrage.“

Tatsächlich wachsen im subtropischen Klima Brasiliens auch Weintrauben – in manchen Gegenden sogar mehrmals im Jahr. Um aber eine an unseren „verweichlichten Geschmack“, wie Montaigne schreibt, angepasste Qualität zu erreichen, gehen die Winzer des Landes – ganz abgesehen von heutzutage überall üblichen Formen der Reberziehung – zum Beispiel in die Höhe, wo es etwas kühler ist und die Trauben langsamer wachsen und reifen. Wo in Brasilien das in etwa stattfindet – darüber geben fortan die neuen Karten im Weinglossar Auskunft …

Karten prägten schon immer die Vorstellungen der Menschen, bestärkten, beeinflussten oder veränderten sie. Aber Karten zu lesen ist das eine – die Informationen vor Ort zu sammeln, das Land erst einmal zu entdecken, das die Karte beschreibt, das andere. Ob Montaigne zum Beispiel die Weltkarte von Martin Waldseemüller kannte, darf bezweifelt werden. Nach zehn Jahren in seinem Turm jedenfalls entschließt er sich 1580, nachdem die erste Ausgabe seiner „Essais“ erschienen ist, ihn zu verlassen und die fremde Welt „draußen“ zu entdecken.

Als sich Montaigne auf die Reise nach Deutschland und Italien macht, tut er das nicht in dienstlichem Auftrag – obwohl er während seiner Reise in Abwesenheit in das Amt des Bürgermeisters von Bordeaux gewählt wird, das er dann von 1582 bis 1584 inne hat, bevor er sich 1585 endgültig aus der Öffentlichkeit zurückzieht –, sondern es ist eine Reise, die kein anderes Ziel hat als „sein ewiges: sich selbst zu finden“ und das „Fremde im Fremde“ kennenzulernen, wie Zweig bemerkt. Wer ihn nach seinem Ziel fragt, dem antwortet er Zweig zufolge: „`Ich weiß nicht, wonach ich ausschaue in der Fremde, aber ich weiß jedenfalls sehr gut, wovor ich flüchte.´ Er war lange genug in demselben, nun will er das Andere, und je mehr anders es ist, um so besser!“ Das Fernweh hat ihn überwältigt …

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