Neu, Theater und Wein

it`s coming home …

Football Is Coming Home“ ist angesichts des bevorstehenden Finales der Fussball-Europameisterschaft im Londonder Wembley-Stadion gerade oft zu hören. Und tatsächlich hat der moderne Fussball seinen Ursprung in England. Schon lange vorher wurde „Calcio“ aber auch in Italien gespielt …

Football Is Coming Home“ ist dieser Tage angesichts des bevorstehenden Finales der Fussball-Europameisterschaft zwischen den englischen „Three Lions“ und der italienischen „Squadra Azzura“ (Nazionale di calcio dell’Italia) im Londoner Wembley-Stadion oft zu hören. Und tatsächlich hat der moderne Fussball seinen Ursprung im England des 19. Jahrhunderts, wo er als Soccer beim damals entstehenden Industrieproletariat populär und im Jahr 1863 als das heute bekannte Fussball erstmals reglementiert sowie in einem Verband, der Football Association (FA), organisiert wurde. Die Bezeichnung Soccer leitet sich von dieser Verbandsbezeichnung ab im Sinne von Fussball nach den Regeln der Football Association zu spielen – in Abgrenzung zum verwandten Rugby.

Schon lange vorher wurde auf der Insel jedoch „Fussball“ gespielt, das sogenannte „Folk Football“, bei dem zwei Dörfer stundenlang ohne Beschränkung der Teilnehmerzahl, kodifizierten Regeln und Begrenzungen eines Spielfeldes versuchten, einen Ball zwischen den Stadttoren („Goals“) des rivalisierenden Dorfes zu legen. Schwer Verletzte und mitunter sogar Todesfälle sorgten immer wieder für Verbote des Volksfussballs, dennoch wurde er bis zum Beginn der Moderne praktiziert …

Etwa zur selben Zeit, als in England der „Folk Football“ von König Edward II. das erste Mal verboten wurde (im Jahr 1314), entstanden aber auch in Italien erste Berichte über einen dort praktizierten „Fussball“, wonach man die Schädel Geköpfter „cum pedibus suis“ wie einen Ball herumstieß (1321). Noch der englische Dramatiker John Webster erinnert in seinem „White Devil“ (1612) an diese Tradition – die er dann sogar mit Francesco I. de´Medici in Verbindung gebracht hat, der seinem Gegner in Websters Tragödie prophezeit, dass er in seiner Rache nicht eher ruhen würde „till I can play at footeball with thy head“.

Francesco I. de´Medici (1541-1587) ist vielleicht einer der prominenteren – er errichtete auch die Villa Medici in Pratolino samt Park mit damals einzigartigen Wasserspielen –, aber sicher nicht der erste Medici, der „Fussball“ spielte. Denn schon lange vorher kannte man in der Toskana eine eigenständige Variante davon, die mit der von Webster den Medici zugeschriebenen barbarischen Praxis nichts zu tun hatte: das sogenannte „Calcio fiorentino“ („Florentiner Fussball“).

Calcio fiorentino

Die Ursprünge des Calcio liegen im Dunkeln, klar jedoch ist, dass man ihn bereits im 15. Jahrhundert, zur Zeit der italienischen Renaissance, praktizierte: Um das Jahr 1460 findet er zum ersten Mal literarische Erwähnung und 1470 berichtet Giovanni Frescobaldi in dem Gedicht „La palla al Calcio“ erstmals von einem realen Fussballspiel, wie es auf den vier Hauptspielorten Piazza di Santa Croce, Piazzo di Santo Spirito, dem Prato sowie auf der Freifläche zwischen dem Borgo Ornissanti und der Porta al Prato in Florenz stattgefunden hat (und heute wieder stattfindet). Die vier Plätze befanden sich in vier verschiedenen Stadtteilen von Florenz, die zur Zeit der Republik auch die vier konkurrierenden Mannschaften der Stadt bildeten.

Florenz war seit dem Jahr 1115 eine Republik, bevor der Leiter der Banco Medici, Cosimo de´Medici, im Jahr 1434 die Herrschaft über die durch etliche Kriege hochverschuldete Stadt gewann. Durch das Mäzenatentum der Medici wurde Florenz gewissermaßen zum Inbegriff der italienischen Renaissance, aber schon 1494 führte die asketische Agitation des Priesters Girolamo Savonarola gegen alle Formen des Luxus zum Aufstand und zum Sturz der herrschenden Medici. Mit seinem asketischen Fundamentalismus wollte Savonarola Florenz in eine „Stadt Gottes“ verwandeln, entsprechend sollte in seinem „Feuer der Eitelkeiten“ alles verbrannt werden, was der persönlichen Eitelkeit diente – und auch der Calcio geriet als eine der populärsten Formen des spielerischen Vergnügens in Mißkredit und wurde verboten.

Savonarola führte zwar demokratische Reformen in der Stadt ein, Florenz aber brach bereits ein Jahr später zusammen: Ein Krieg mit Pisa führte zu neuerlichen Leiden in der Bevölkerung von Florenz, wofür Savonarola nun direkt verantwortlich gemacht und 1498 von den republikanischen Behörden auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Es folgte eine unruhige Phase, bevor die Medici schließlich 1531 nach einer mehrmonatigen Belagerung und mit Unterstützung von Kaiser Karl V. erneut die Herrschaft über Florenz übernahmen und die Republik in eine Erbmonarchie umwandelten.

Die Machtübernahme der Medici veränderte auch den Calcio – und so spiegelt sich in ihm, wie der Kunstwissenschaftler Horst Bredekamp in „Florentiner Fußball: Die Renaissance der Spiele“ (2001) bemerkt, „der Zwist zwischen der populären Herkunft und der höfischen Indienstnahme“: Praktizierte man während der Phase der Republik den gewöhnlichen Fussball („Calcio diviso“), rückte mit den Medici der festliche Gala-Calcio („Calcio al livrea“) in den Vordergrund. Dass Webster den Fussball mit den Medici in Zusammenhang bringt verdeutlicht, dass er noch ein Bewusstsein dafür hatte, dass der Calcio nach dem Ende der Republik fest in die höfische Kultur der Florentiner Aristokratie eingebunden und dann auch den Adligen vorbehalten war (was im 19. Jahrhundert vergessen war, als in England der proletarisch geprägte Soccer entstand). Dabei unterschieden sich beide Arten von Calcio, republikanischer Calcio diviso und höfischer Calcio a livrea, nicht in erster Linie hinsichtlich der Regeln, sondern insbesondere im Hinblick auf die Inszenierung und das Ambiente.

Republikanischer Calcio diviso

Trotz seines Namens hat der Calcio fiorentino mit dem modernen Fussball nur wenig gemein, sondern erinnert eher an die rauhe körperliche Praxis des Rugby, wo der Ball auch mit der Hand bewegt werden durfte. Einer ersten, umfassenden Abhandlung der Regeln, der Strategien und des Zeremoniells des Calcio folgend, die der Florentiner Giovanni (Maria) de´Bardi im Jahr 1580 unter dem Titel „Discorso sopra`l Givoco del Calcio Fiorentino“ verfasste und seinem Mäzen Francesco I. de´Medici widmete, ging es beim Calcio darum, einen aufgepumpten Ball „um der Ehre willen“ über eine Linie auf der gegnerischen Seite zu bringen. Dafür hatten zwei gegeneinander spielende Mannschaften eine Stunde Zeit, wobei der Ball auf dem etwas kleineren Spielfeld als die heutigen Fussballplätze zwar auch mit den Händen getragen und gestossen werden durfte, nicht aber mit der offenen Hand geworfen. Seinen Namen „Calcio“, „Fussball“, jedoch hatte das Spiel durch die Eigenart, dass der Ball, anders als bei den anderen populären Ballspielen der Renaissance, mit den Füßen gestoppt und befördert („palla al pie´“) werden konnte und auch sollte: „Vor dem, der mit den Händen vorgeht, hüte man sich, denn er ist von schwacher Natur“, schreibt ein Zeitgenosse 1526.

Eine Mannschaft bestand bisweilen aus 27 Mitgliedern – 15 Stürmer (Corridori / Innanzi / Antiguardia), 5 Zerstörer (Sconciatori / Gagliardi), 4 Läufer (Datori innanzi) und 3 Verteidiger (Datori addiertro / Retroguardia) –, die sich pyramidenförmig gestaffelt gegenüber standen: An der Mittellinie waren insgesamt 15 Stürmer, in drei Gruppen aufgeteilt, postiert, die auch „Corridori“ (Läufer), „Innanzi“ (Vordere) oder auch „Antiguardia“ (Vorhut) genannt wurden. Dahinter sollten fünf „Sconciatori“ (Zerstörer) den Angriff der gegenerischen Stürmer stoppen und weite Flugbälle abfangen. Sie stellten gewissermaßen die „Kavallerie“ in der Schlachtaufstellung dar. In den hinteren Reihen hatten die „Datori innanzi“ (vordere Ballgeber) die Aufgabe, den Ball aus der Bedrängnis an die Stürmer weiterzuleiten, während die vor der „linea di fondo“ (Grundlinie) aufgebaute Verteidiger-Trias der „Datori addietro“ (hintere Ballgeber) einen letzten Abwehrriegel „auf Leben und Tod“ bildete.

Vom ursprünglichen, republikanischen Fussball sind keine kommunalen Repräsentationsformen überliefert, das heißt er fand gewöhnlich ohne festliche Rahmung während des Karnevals, in den Wintermonaten, statt. Und auch die Platzgestaltung ist eher unaufwendig, das Spielfeld nur mit einfachen Holzbarrieren abgegrenzt, um die herum zehntausende Schlachtenbummler ihre Mannschaften aus den vier Stadtteilen von Florenz anfeuerten (in Florenz lebten zu dieser Zeit bereits etwa 100.000 Menschen), Ausschreitungen waren keine Seltenheit.

Bereits hier aber war ein aufwendiges Zeremoniell zu beobachten: Zum Zeichen der Spielvorbereitung, berichtet Bardi, laden Trommler und Trompeter alle Spielwilligen ein, sich in der vorgeschriebenen derben Spielertracht in einem Halbkreis in der Mitte des Platzes aufzustellen. Aus dieser „Corona“ werden dann zwei Spielführer ausgewählt, die ihrerseits spontan mögliche Mitspieler auswählen – je nach den erforderlichen Fähigkeiten zuerst die vier Läufer sowie die drei Verteidiger, schließlich die fünf Zerstörer und die fünfzehn Stürmer.

Die Zusammensetzung der Stadtteilmannschaften ist nicht eindeutig zu bestimmen, da nur jeweils zwölf Spieler namentlich festgehalten sind. Diese jedoch gehörten sämtlich zur Schicht der Patrizier – alle aber waren zwanzig- bis vierundzwanzigjährige Spieler, die noch zu jung waren, um wichtige Regierungsämter zu bekleiden, die aber bei diesem, die sozialen Grenzen überspringenden, Spektakel ein geeignetes Forum fanden, öffentlich auf sich aufmerksam zu machen.

Alle Teilnehmer hatten anschließend die Piazza zu verlassen, um zum vereinbarten Zeitpunkt nach fester Ordnung hinter den Trompetern, Trommlern und Fahnenträgern aufzumarschieren. Der Zug endete bei den Schiedsrichtern, denen sodann die Fahnen übergeben wurden. Nach der Absprache, dass Sieger sei, wer zuerst drei Tore erzielt habe, und nachdem alle 54 Teilnehmer ihre vorgeschriebenen Positionen eingenommen hatten, wurde der Ball von einem in den Farben beider Mannschaften gekleideten Ballwart durch einen Anstoß in der Platzmitte freigegeben. Über die ordnungsgemäße Durchführung des Spieles wachten sechs aus ehemaligen Spielern ernannte Schiedsrichter, die auf erhöhten Podesten an der Längsseite des Spielfeldes postiert waren.

Calcio als römisches Erbe

Schon zur Zeit des republikanischen Calcio gab es Bemühungen, das Spiel in den Rang eines Staatsfestes zu heben, weshalb einige Autoren versuchten eine Verbindung zur römischen Antike und eine antike Ableitung des Calcio herzustellen, indem man auf Marcus Valerius Martialis` Beschreibung des römischen harpastum als einer dem Calcio verwandten Quelle hinwies. Hier mag auch mitgespielt haben, dass die Piazza di Santa Croce in der Antike ein Amphitheater gewesen war, jedenfalls ging man davon aus, dass im Calcio der Fussball zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, das etrurische Florenz als Erbe römischer Tradition ausgewiesen sei.

Der bereits erwähnte Bardi schreibt in diesem Zusammenhang von den Florentinern als „Nachahmer der antiken römischen Disziplin“. Der Fussball sei einstmals von den Römern nach Florenz gebracht worden: „Bei den Römern kann man annehmen, daß unser Florentiner Calcio im Gebrauch war; denn Julius Pollux beschreibt ihn … und er nennt ihn Episciro und beschreibt ihn: Das Episciro-Spiel wird durch eine bestimmte Menge an Jugendlichen gespielt, die … darin wetteifert, den Ball durch ihre Gegner hindurch über eine andere Linie, die hinter sowohl der einen wie der anderen Partei gezogen wurde, zu bringen …“

Trotz dieser antiken Wurzeln sollte der Calcio als ein Florentiner Markenzeichen fungieren, als „ureigenes Florentiner Spiel“, wie Bardi schreibt, „das bislang niemand, soweit ich weiß, abgehandelt hat“.

Festkultur des Calcio a livrea

Die Reinstallation der Macht der Medici nach der Einnahme von Florenz durch die kaiserlichen Truppen bedeutet nicht das Ende des Calcio. Im Gegenteil nahm er in der Folgezeit sogar, wenn auch unter veränderten sozialen Bedingungen, einen ungeahnten Aufschwung, auch wenn der Spielerkreis nun auf den Adel begrenzt wurde: „Alle sind Jugendliche der ersten Familien von Florenz“, heißt es in einem Bericht von 1584.

Anders als beim Calcio diviso waren die Inszenierungen des Calcio a livrea allerdings wesentlich aufwendiger, war er doch bis zu seinem Ende im Jahr 1739 das bedeutendste Festereignis des toskanischen Barock – und lange die Festform der Medici, die den Calcio über Jahrhunderte prägten und deren Affinität zu ihm vor allem ihrer politischen Ikonographie entsprang. Erst mit dem Tod des letzten Medici im Jahr 1737 endete auch die Tradition des Calcio fiorentino …

Beim Calcio a livrea wurden die Mannschaften nicht spontan auf dem Spielfeld gebildet, sondern von den besten Spielern in den Palästen der Nobili zusammengestellt, erst danach wurde der Spieltag veröffentlicht. Es gibt Zeugnisse aus der Zeit, die festhalten, dass die Mannschaften schon im Vorfeld des Calcio gegnerische Spieler gefangennahmen, Noten austauschten, Vermittler einschalteten und überhaupt alle Register der Diplomatie zogen, bis schließlich der „Krieg“ auf dem Spielfeld doch unausweichlich war.

Am Spieltag selbst trafen sich die Mannschaften traditionell im Haus des Fahnenträgers und bereits in ihre kostbare Spielertracht gekleidet. Von dort zog man gemeinsam durch die Stadt zum Piazza di Santa Croce, dem traditionellen Spielfeld von Florenz.

Anders als beim Calcio diviso gab es beim höfischen Calcio a livrea sogenannte „Maestri del Campo“ (Platzmeister), die der Großherzog ernannte und die die sportlichen Angelegenheiten ihrer jeweiligen Mannschaft gegenüber den Schiedsrichtern vertraten. Sie wurden bei besonderen Anlässen durch andere Autoritäten wie den „Maestri del Calcio“ ergänzt, die für die Rahmenbedingungen, das heißt die festlichen Vorbereitungen vor und nach dem Calcio, zu sorgen hatten. Denn das eigentliche Spiel war nur ein Bestandteil des Festtages, dem am Abend ein Bankett folgte sowie ein Festball mit der Übergabe der Fahne der Besiegten an die Sieger. Gleichwohl stand der Calcio im Zentrum des Festereignisses.

Nachdem beide Mannschaften einmal in einem festlichen, von Musikern und der wichtigsten zeremoniellen Gestalt, dem Fahnenträger, begleiteten Umzug („Mostra“) um den Platz marschiert sind, und je nachdem, ob sie die Seitenwahl gewonnen oder verloren hatten, nahmen sie ihre Positionen vor ihren Zelten auf der Sonnen- oder der Schattenseite des Spielfeldes ein. Das folgende Prozedere wurde von den Trompeten signalisiert: Nach dem ersten Trompetensignal mußten alle nicht direkt beteiligten Personen das Feld verlassen, auf ein zweites Zeichen hin die Spieler ihre Position einnehmen und mit dem dritten Signal erfolgte dann der Anstoß des Balles in der Mitte des Platzes. Kanonen und Böllerschüsse während des Spiels verkündeten offiziell abgeschlossene „caccie“ (Tore) sowie schließlich auch den Sieg einer Mannschaft.

Der Calcio a livrea war nicht auf eine, sondern auf eine Dauer von zwei Stunden, zwischen 16 und 18 Uhr angesetzt, wobei die zermonielle „Mostra“ der Mannschaften, also die feierliche Eingangszeremonie die erste Stunde einnahm. Die Eingangsmostra war ein eigenständiger Bestandteil des Calcio, dem eine hohe Bedeutung zukam. Er diente nicht nur der Ehrenbezeugung durch das zu Boden senken der Fahne respektive des Banners vor der Loge des Großherzogpaares (was sonst nur bei Staatsakten oder beim Vorbeimarsch von Truppen erfolgte), sondern diente überhaupt als inszenatorische Schaustellung der Pracht vor dem eigentlichen Spiel – oft begleitet noch von einem mythologischen Maskenaufzug zur Karnevalszeit.

So etablierte sich die Schaustellung des Calcio also als eine Mischung von Theater und Sportereignis nicht etwa nach dem Hofzeremoniell, sondern die Präsentation des Hofes richtete sich eher nach der Mostra des Calcio. Im Hinblick auf einen Calcio anläßlich der Hochzeit von Anna Maria Luisa de´Medici und Johann Wilhelm von Neuburg 1691 bemerkt Bredekamp beispielsweise: „Im Zentrum dieser Ikonographie werden Wehrhaftigkeit und Fruchtbarkeit der Ehe auf der weiblichen sowie Voluptas und Tugenden auf der männlichen Seite zum Lob der Brautleute als göttlich-mythologisches Theater aufgeführt. Diese Inszenierung wäre aus heutiger Sicht eher im Theater der Uffizien oder des Palazzo Pitti zu erwarten gewesen, aber die Umrahmung durch die beiden Calcio-Mannschaften zeigt, daß offenbar die Freiluftbühne des Calcio nicht nur als ebenbürtiger, sondern als herausragender Ort der Anrufung der Brautleute betrachtet wurde.“

Soldatische Tugenden?

Die enge Verflechtung von Calcio und mediceischem Hof verdichtete sich in der zentralen Figur des Florentiner Calcio, dem bereits öfter erwähnten Giovanni (Maria) de´Bardi (1534-1612). Bardi ist ein umfassend gebildeter humanistischer Renaissancemensch und entspricht dem Idealbild des von Baldassare Castiglione in „Das Buch vom Hofmann“ (1516) beschriebenen Cortegiano perfekt: Er war nicht nur Dichter und Komponist (seine 1589 aufgeführten „Intermezzi“ sind als Vorform der Oper, wie Bredekamp bemerkt, „von überragender Bedeutung für die Theatergeschichte“), sondern auch Befehlshaber der päpstlichen Truppen im Kampf gegen die Türken in Ungarn. Und so wundert es nicht, wenn Bardi auf der Spielerliste eines späteren Calcio als „Sconciatori“ aufgeführt ist, den er selbst schon in seinem „Discorso“ als strategisches Herzstück der Mannschaft bezeichnet hatte, „denn diese sind wie Generäle, welche die Schlacht führen und lenken“.

Bardi begreift den Calcio als eine besondere Fertigkeit des Adligen, den er, wie Bredekamp schreibt, „mit allen Kräften als ein Körper und Geist gleichermaßen anspannendes und erfreuendes Ereignis aufzuwerten trachtete“. So verkörpert Bardi selbst gewissermaßen jenen Anspruch, wonach der Calcio von der Körperschulung über die militärische Ertüchtigung bis hin zur Charakterschulung die umfassenden Fähigkeiten hinsichtlich Geschick, Kraft und Herz (Mut) des Hofmannes ausbilden soll, der traditionell mit dem Zwang befrachtet war, das Idealbild eines uomo universale abzugeben. Bredekamp bemerkt in diesem Zusammenhang: „Der Fußballplatz vermochte ein besonders sinnfälliges Exerzierfeld dieser Tugenden abzugeben, weil sie hier vor einer großen Zeugenschaft auszuweisen waren.“

Aber muss Fussball, als Männersport, so nicht unter dem Gesichtspunkt „Körperertüchtigung (verdeckt) soldatischer Männer“ betrachtet werden, als eine Art Militärersatz, dessen unausgesprochenes Ziel immer auch die fordauernde Militarisierung der Gesellschaft ist? „Ganz auszuschließen“, schreibt der Autor von „Männerphantasien“, Klaus Theweleit, in seinem Buch „Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell“ (2004) im Hinblick auf den modernen Fussball, „ist ein solcher Anteil am konkurrierenden Bolzgehabe in der Tat nicht. (…) Was tut Fußball? Er organisiert einen Kampf; Kämpfe um die Herrschaft über ein bestimmtes Stückchen Erde – also genau das worum Staaten Kriege führen.“ Aber, so Theweleit weiters, „(e)s gibt andere Tendenzen und Entwicklungen auf den `artistischeren´ Seiten des Spiels, die es nahe legen, Fußball nicht als `Krieg´ zu sehen. (…) Die erste grundsätzliche Verschiebung, die auch ein Kampfsport an der Form `Krieg´ vornimmt, ist die Verwandlung von Feinden in Gegnern. Gegner mit gleichen Rechten spielen gegeneinander. Die oberste Regel des Spiels sagt, dass die körperliche Unversehrtheit des andern genauso zu schätzen und zu bewahren ist, wie die eigene. Das geschieht im Spiel durch die permanente Umwandlung von Vernichtungspotenzialen in spielerische Techniken. Jedes Stückchen Technikzuwachs ist ein Stück Gewaltabbau.“

Für Theweleit ist deshalb klar, dass, so, wie Fussball für die einen militarisiert, man mit gleichem Recht sagen kann, „Fußball zivilisiere kriegerische Potentiale. (…) Von einem Standpunkt aus, der absolut pazifiertes Körperverhalten als Voraussetzung der Zivilisiertheit ansieht, ist Fußball `brutal´. (…) Wer andererseits einen bestimmten Pegel körperlicher Gewalt in der Gesellschaft als gegeben annimmt, der seinen Ausdruck und seine Betätigungsfelder sucht, kann Fußball geradezu als eins der bedeutendsten Mittel benennen, an der Zivilisierung dieser Gewaltpotenziale mitzuwirken.“

Calcio als theatrales Ereignis

Wie Theweleit verschiebt auch Bredekamp den Fokus hin zum zivilisatorischen Potential des Fussballs: „Der Calcio“, schreibt er, „bot ein scheinmilitärisches Spektakel, das mit seinem rituellen Zeremoniell zugleich eine Festform war, die auch eine künstlerische Komponente besaß und dem Theater Konkurrenz zu machen vermochte“. Wurde der Calcio bisweilen auch als ein Mittel betrachtet, die vita activa im Sinne einer soldatischen Kriegsbefähigung zu steigern, so exististieren genauso auch Äußerungen, die den Calcio als Theater begreifen und das theatralische Verwechslungspotential von Schlacht und Calcio thematisieren. Ganz in diesem Sinn wurde im Calcio auch immer wieder fingierte Kriege durchgespielt, zum Beispiel 1689, fünf Jahre nach der Niederlage der Türken vor Wien, im Calcio vor Ferdinando de´Medici und Violante Beatrix von Bayern ein Kampf zwischen „Asien“ und „Europa“ während eines Turniers auf der Piazza di Santa Croce (bei dem die „Asiaten“ übrigens von Ferdinando in türkischer Tracht angeführt wurden – und dennoch verloren).

Wurde hier das Spiel selbst zu einer Art Theateraufführung, wurde dieser Charakter noch verstärkt durch die Beteiligung einer größtmöglichen Zuschauermenge durch die Errichtung tribünenartig ansteigender Bankreihen um das Spielfeld. So sollen beispielsweise bei einem Calcio im Jahr 1584 vierzigtausend Zuschauer Platz gefunden haben. „Bei jedem einzelnen Sieg“, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, „ist der Lärm der Zuschauer, der Applaus und das Getöse, die ebenso mit den Händen wie den Füßen erzeugt werden, so groß, daß sich selbst der Himmel mit wunderbarer Heiterkeit erfüllt. Nicht zu sprechen vom Beifallsklang der Trompeten, der Handtrommeln, der Klappern und Pfeifen, durch die die vortreffliche und leidenschaftliche Jugend beim eigenen Spiel wahrlich nicht schlecht angefeuert wird …“

Auch wenn die Zuschauer also nicht selbst als Spieler teilnehmen konnten, so ergab sich doch über die Möglichkeit einer „gemeinsamen Beteiligung“, wie Bredekamp schreibt, über die Parteinahme für eine der Mannschaften. Darauf verweist auch Theweleit wenn er sagt, „dass es den `unbeteiligten Zuschauer´ nicht gibt“. Auch ohne direkte Parteinahme ist der Zuschauer des Calcio – wie das Publikum im Theater – stets „Teil des Spiels, er ist angeschlossener Akteur. (…) Spieler und Zuschauer befinden sich, was die Bearbeitung ihrer emotionalen Welten angeht, in einer Co-Produktion“ (man könnte das heute auch „Ko-Präsenz“ nennen).

Für Theweleit ist klar, dass „(d)er Körper der Spieler“ der entscheidende Faktor ist, „(u)nd dieser ist menschlich-fleischlich wie der des Zuschauers; nur eben talentierter und austrainierter. (…) Die Zuschauer wollen sich von `ihrem´ Spieler, in dessen Bewegungen, in dessen Ideen, in dessen Körper sie mitagieren … nicht trennen lassen“. Und auch der Zuschauer am Bildschirm befindet sich „(i)n einer medialen Osmose“, auch hier „stellt sich ein teilnehmendes Publikum her wie auf den Rängen im Stadion“. Es geht hier, bemerkt Theweleit, um „die Wahrnehmung, dass das Strömen der Energien … ein Teil des Spiels ist“. Und der Zuschauer mag, so Theweleit außerdem, „den Umschlag des Geackers in Artistik, in die Kunst der Aufladung“. Ein kunstvoll gespielter Ball „bekommt etwas mit, er wird aufgeladen. Spieler, die dem Ball etwas mitgeben, werden `wiedergeliebt´ von Mitspielern wie Zuschauern. (…) Am Grund des Spiels liegt nicht bloß die Erwartung des Erfolgs, sondern die von Schönheit“, und das ist hier nicht allein ein geistiges, sondern mindestens genauso ein körperliches Empfinden.

Über die Bedeutung der Körperlichkeit auch für die zuschauende Bevölkerung dürften sich auch die Medici bewusst gewesen sein – zumindest dann, wenn sie mit ihren erlesenen und überreichen Speisen im Anschluss an einen Gala-Calcio auch die Zuschauer verköstigten. Zu einem Calcio im Jahr 1584 heißt es diesbezüglich: „ Es kamen dann, um die Spieler, die dies wünschten, zu erfrischen, zweiunfünfzig große Arientschüsseln, alle voll von feinsten und vielfältigen Backwerken, zusammen mit einer unendlichen Zahl von Flaschen mit köstlichsten Weinen. Sie waren von zweiundsechzig Knappen auf den Platz getragen worden … Die Bäuche der Flaschen waren sämtlich vergoldet und rot [angemalt]. Und als dem Bedarf entsprechend genug getrunken und verspeist worden war, begannen sie so viel von dem Backwerk an das umstehende Volk zu verteilen, daß sie alles restlos vertilgen ließen, und dies wurde wahrhaftig für eine großartige und schöne Sache gehalten.“

In seinem Buch „Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell“ beschreibt Klaus Theweleit, wie er er als kleiner Junge in der Nachkriegszeit in einem Bauerndorf im schleswig-holsteinischen Husum vor einem Radio saß und gespannt den Fußballergebnissen lauschte. „Für mich war Deutschland“, sagt er, „eine Ansammlung geheimnisvoller Fußballnamen. (…) Eine Landkarte war es noch nicht, das wäre zu viel gesagt, aber nach und nach wurde ein geographisches Orientierungssystem daraus.“ So ähnlich ging es mir anfangs mit dem Wein: Westhofen im Wonnegau? Keine Ahnung! …

Dabei bewirtschaftet Philipp Wittmann nicht nur die 25 ha eines der renomiertesten Weingüter Deutschlands in ebendieser rheinhessischen Winzerhochburg Westhofen, sondern er beackert nebenbei auch noch das Mittelfeld als Nationalspieler im Fussball-Europameisterschaftskader der deutschen Weinelf. Allein dafür meine Anerkennung – aber mehr noch und auch schon für den 2020 Basisriesling des biodynamisch arbeitenden VDP-Weinguts.

Der Riesling stammt von den einzigartigen kalkhaltigen Böden, die sich um Westhofen befinden und perfekt für den Anbau für Riesling geeignet sind. So bietet schon der Gutswein eine beeindruckende Eleganz, wie alle Wittmann-Weine. Der saftige, aber dennoch knackige Weißwein mit spürbarer Mineralik wurde teilweise im großen Holzfass vinifiziert und offenbart Aromen reifer Birne, gelber Früchte sowie kräuterige Noten. Alles enorm klar und trinkig. Viel Wein für relativ wenig Geld …

Calcio am Ende

Der Verzehr der Speisen und die „nach dem Muster der Messe sich bildenden sozial gestaffelten Konsumgemeinschaften“ trugen sicherlich zur Gemeinschaftsbildung bei. Gleichwohl vollzog sich von der Eingangsmostra über die öffentliche Speisung bis zum Festbankett des Hofes mit anschließender Ballnacht ein, wie Bredekamp schreibt, „eigenartiges Doppelspiel von sozialer Abschottung und Gemeinschaftsstiftung“. Calcio, der zunächst nur einen Teilaspekt der theatralischen Inszenierung für die Medici darstellte, wurde im Verlauf gegenüber anderen Repräsentativformaten wie zum Beispiel dem Theater, das auch in anderen Städten aufgeführt wurde, zunehmend als ein unverwechselbar Florentiner Element des Festwesens begriffen, „(e)inem Staatsakt gleich, in dem sich die Nobili als allein befugte Akteure absonderten …“

Nicht immer glückte es, wie beim gemeinsamen Verzehr, die soziale Spaltung, die dann insbesondere auch im Calcio ihren Ausdruck fand, zu überbrücken. Durchaus haben die Zuschauer einen höfischen Calcio a livrea, an dem sie selbst nicht spielberechtigt waren, mitunter auch als circensische Besiegelung ihrer Deklassierung empfunden und versucht, die Klassengesellschaft des Calcio zu durchbrechen. Bredekamp bemerkt in diesem Zusammenhang: „Der über die pure Spielfreude hinausgehende Sinn des Calcio, die Söhne der herrschenden Florentiner in einem Spektakel vorzuführen, das mit rigorosen Abschirmungen nach unten operierte, das aber auch die Ausgeschlossenen mit einbezog, bedeutete einen schwer auszupendelnden Balanceakt.“

Deshalb wurde von Seiten des Adels verstärkt versucht, mittels Zwangsmaßnahmen und erheblicher Strafen für deren Missachtung die öffentliche Ordnung während des Calcio aufrechtzuerhalten. Gesichert und verteidigt werden sollte so insgesamt „der festliche Repräsentationsraum der Adligen“, gleichwohl ist auf bildlichen Darstellungen der Calcio zunehmend mehr lanzenbewehrte Polizei abgebildet, die dazu angehalten war, die „pseudosakrale Zeremonie des mediceischen Staats-Calcio“, wie Bredekamp es nennt, rigoros vor Störungen zu schützen.

Ursprünglich hatte der Calcio angesichts der Mischung aus politischer Deklassierung und latenter Gewalt sicherlich auch den Charakter eines Überdruckventils. Nicht zuletzt deshalb auch schränkte man ihn auf die Zeit des Karnevals ein, die seit jeher die Funktion einer temporären Entlastung sozialer Spannung in der theatralischen Verkleidung und Entrückung erlaubte. Calcio bot darüber hinaus, und das gilt insbesondere im Vergleich zu den blutrünstigen Tierkämpfen, die in Florenz lange ebenfalls auf dem Piazza di Santa Croce stattfanden, bisweilen aber auch eine kultiviertere Kampfform, die überdies ganz im Sinne Francesco Petrarcas (Seelen-)Theorie des „sfogamento“ (von „sfogare“, „verströmen“ beziehungsweise „verfliegen lassen“ im Sinne von „la sua collera dovesse sfogare“, „er solle seinen Zorn verfliegen lassen“) im Calcio nicht etwa einen Zwang zur Selbstbeherrschung sah, sondern ein Mittel der seelischen Entlastung. All das wurde nun unter Androhung von Folter praktisch untersagt. So verlor der Calcio in der Bevölkerung zusehends an Attraktivität.

Mit dem Ende des mediceischen Staats-Calcio nach dem Tod des letzten Medici und der Übernahme der Toskana durch die Habsburger im Jahr 1737 geriet der Calcio dann insgesamt ins gesellschaftliche Abseits. Die Einbindung in das System mediceischer Repräsentation hatte dem Calcio lange Raum zur prachtvollen Entfaltung geboten, aber mit der Bindung an die herrschenden Medici war für die Bevölkerung auch der innere Anreiz verloren, ihn auch ohne diese Patrone durchzuführen.

Als schließlich Bardis „Discorso“ im Jahre 1766 in Livorno zum fünften und vorläufig letzten Mal gedruckt wurde, kam der Anstoß dazu, wie Bredekamp weiß, nicht mehr aus Florenz. Das Buch war zwar dem Habsburger Herrscherpaar gewidmet, aber auf dem Frontispiz erschien nach dem Vertreter der englischen Kaufleute Livornos der eigentliche Adressat, der dann auch für die moderne Spielart des Soccer sorgen wird: „An den hochwohlgeborenen Herrn John Dick, Konsul der britannischen Majestät in Livorno sowie an die vortreffliche englische Nation“.

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