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Südamerika

Obwohl Südamerika mit Ausnahme Europas mehr Reben besitzt und mehr Wein produziert als jeder andere Kontinent, betrat es die internatione Handelsbühne erst sehr spät. Die Siedler aus Europa – Weinbau wurde von Missionaren in Lateinamerika eingeführt um die Nachfrage nach Messwein zu stillen – produzierten in großen Mengen, aber selten in hoher Qualität. Dies begann sich erst im späten 20. Jahrhundert zu ändern.

Auch wenn viele mittel- und südamerikanische Länder zu Beginn des 21. Jahrhunderts von wirtschaftlichen Problemen geplagt werden – mit ihrer Weinindustrie geht es seither voran. Erste bedeutende Exporte kamen zunächst aus Chile und Argentinien, auf Platz Drei folgt Brasilien. Aber auch Uruguay lernt, seine bekannteste, allerdings ebenso widerspenstige Traube, die Tannat, in den Griff zu bekommen. Und auch in Mexiko, Bolivien, Venezuela und Peru wird Wein angebaut.

Brasilien

Brasilien verfügt mit 180 Millionen Einwohnern über einen riesigen Binnenmarkt und ist mit 70.000 Hektar Anbaufläche größter Weinproduzent des Kontinents nach Chile und Argentinien.

Die Erträge in Brasilien sind grundsätzlich zu hoch, um Weine in Exportqualität erzeugen zu können: im subtropischen Klima wachsen die Trauben extrem schnell und müssen früh gelesen werden – auf jeden Fall vor dem Beginn der Regenzeit Ende März. Dadurch jedoch erreichen die Beeren selten die für die spätere Weinqualität entscheidende physiologische Reife (die vollständig abgeschlossene Reifung – auch der zuletzt reifenden Beerenkerne – bezeichnet man als physiologische Reife).

Mit durchschnittlich 1.750 Millimeter sind die Regenmengen Brasiliens extrem und für Weinbau eigentlich ungünstig hoch. Zudem sind die Böden äußerst undurchlässig. Daher waren hier Hybrid-Reben – allen voran die Isabella mit ihrer Fäulnis- und Mehltauresistenz – lange die Sorte der Wahl. Auch heute noch stellen sie 85 Prozent des Rebbestands. Das gilt auch für die bedeutende Subregion Vale dos Vinhedos („Tal der Weingärten“) innerhalb der Serra Gaúcha, wo subtropisches Klima herrscht. Das Gebiet auf knapp über 200 Meter Höhe wurde von italienischen Einwanderern besiedelt, denen von der Regierung an den Steilhängen der Gegend ein Weinberg pro Familie zugewiesen wurde, den sie bewirtschaften konnten.

Brasilien_Weinanbaugebiete

Traditionell lag der Weinbau in den Händen tausender Kleinbauern, vorwiegend in der feuchten, gebirgigen Region von Serra Cacha im Bundestaat Rio Grande do Sul, ganz im Süden des Landes. Etwa 16.000 Weinbauern bewirtschafteten hier die Rebflächen in den Weinanbaugebieten Planato Catarinense und Campos de Cima da Serra, bevor die Serra Gaúcha für den Weinbau erschlossen wurde. Hier hat insbesondere das kühle Hochplateau „Planal do Catarinense“ im Bundesstaat Santa Catarina nördlich von Rio Grande, das auf 900-1.400 Meter Höhe liegt, mit seinen basalthaltigen Weinböden das Potential, auch Vitis vinifera-Sorten wie Sauvignon Blanc und Pinot Noir anzubauen.

Inzwischen jedoch sind die bedeutensten Erzeuger weiter nach Süden gezogen und haben die Region Campanha Gaúcha (auch als Fronteira bekannt) und ihre Nachbarregion Serra do Sudeste an der Grenze zu Uruguay für den Weinbau entdeckt. Mit trockenem Klima, längeren Tagen und weniger fruchtbaren Granit- und Kalksteinböden stehen sie derzeit im Zentrum der gehobenen Weinwirtschaft. Hier haben sich auch die üblichen internationalen Sorten durchgesetzt und ausgebreitet.

Die erstaunlichste Weinregion jedoch befindet sich nicht hier im Süden, sondern im Nordosten Brasiliens, an der Grenze zwischen Bahia und Pernambuco im heißen und trockenen Vale do Sao Francisco. Diese Region liegt zehn Grad südlich des Äquators und hier herrscht so ein tropisches Klima, dass zwischen zwei und fünf Mal pro Jahr gelesen werden kann. Reichlich Sonne und wenig Regen lassen die Trauben tatsächlich ausreifen – ob so aber interessante Weine entstehen? Angeboten werden jedenfalls Cabernet Sauvignon, Shiraz und Moscatel.

Uruguay

Mit etwa 10.000 Hektar Rebfläche zählt Brasiliens Nachbar Uruguay zur viertgrößten Weinindustrie des Kontinents, hat aber einen der größten Inlandsmärkte (nach Argentinien). Produziert werden jährlich knapp 690.000 Hektoliter, pro Kopf werden von den drei Millionen Einwohnern jährlich über dreißig Liter konsumiert. Seit 1870 wird Weinbau betrieben, insbesondere die Rebsorte Tannat wird kultiviert, die hier den Namen ihres ersten Anbauers, des baskischen Einwanderers Harriapue hat. Sie gerät viel runder und samtiger als in ihrer französischen Heimat Madiran im Südwesten (Sud-Ouest) und ihre Weine erlangen auch schon nach bereits ein bis zwei Jahren Trinkreife.

Klimatisch und topografisch hat Uruguay mit Argentiniens Weinregionen nicht viel gemein. Es ist sonnig, aber wesentlich niederschlagsreicher, was ökologischen Weinbau sehr schwer macht. In den sanften Hügeln sorgen nicht Höhenlagen wie in Brasilien, sondern – wie der Humboldstrom in Chile – arktische Strömungen für entsprechende Kühlung. Auch die Abende sind meist windig und kühl, wodurch die Trauben nur langsam reifen und einen erfrischenden Säuregehalt erreichen.

Uruguay_Weinanbaugebiete

Rund neunzig Prozent der Weine Uruguays werden im Süden angebaut, im maritimen Klima der Küsten-Departamentos Canelones und San José im Mündungsbereich des Rio de la Plata beziehungsweise der gleichnamigen Bucht (an der gegenüberliegende Seite liegt Buenos Aires). Hier sind die lehmigen Böden oft so nährstoffreich, dass die Trauben aufgrund des starken Rebenwuchses nicht ausreifen. Deshalb hat man auf die (allerdings zeit- und arbeitsintensive) Lyra-Erziehung umgestellt, damit die Beeren die nötige Sonne bekommen und die Reben im feuchten Klima gut durchlüftet werden.

Bolivien

Bereits seit dem 16. Jahrhundert werden in dem nördlich von Argentinien gelegenen Binnland Bolivien Weintrauben angebaut, immerin etwa 4.000 Hektar. Allerdings vorwiegend für die Weinbrandspezialität Singani oder als Tafeltrauben. Eingeführt wurden internationale Sorten auf einigen der höchstgelegenen Weinberge der Welt, trotz Sommerregen. Dabei konzentriert sich die Weinproduktion im Süden des Landes und hier insbesondere in der Region Tarija.

Bolivien_Weinanbaugebiete

Vom argentinischen Salta aus sind es nur 400 Kilometer nach Tarija, das zwischen dem 21. und 22. Grad südlicher Breite liegt. Hier ist es eigentlich zu heiß für Weinbau, deshalb geht man hoch in die östlichen Andenausläufern, wo klare Luft und große Tag-Nacht-Temperaturunterschiede herrschen: Weinbau in den Regionen Tarija, Potosí und Chuquisaca findet in Höhen zwischen 1.700 und 2.400 Meter statt.

Noch immer ist Musacat d`Alexandrie (ursprünglich für die Traubenmost-Destillation) vorherrschend, inzwischen aber auch Tannat, Petit Verdot, Malbec, Syrah und Cabernet Sauvignon. Zu den Protagonisten des Aufbruchs gehört die Grosskellerei „Campos de Solana“ und die „Bodega Sansini“ (beide in Tarija), Rebflächen befinden sich aber auch im Flachland südlich von Santa Cruz (um Samaipata) sowie insbesondere bei La Paz.

Mexiko

Insgesamt werden in Mexiko 58.000 Hektar Rebflächen kultiviert und etwa 300.000 Hektoliter Wein jährlich produziert. Ein Teil dafür sogar für den Export, da der Inlandsmarkt nur eine bescheidene Nachfrage hat. Rund neunzig Prozent aller mexikanischen Weine werden dabei von den etwa vierzig Kellereien in der Region Baja California produziert.

Mexiko_Weinanbaugebiete

Noch bevor man in Peru Wein herstellte, gab es in Mexiko Weinbau: Schon in den 1530er Jahren bestimmte Gouverneur Hernando Cortéz, daß alle Bauern für jeden Indigo-Sklaven zehn Rebstöcke im Jahr zu pflanzen hätte (eingeführt wurden Rebstöcke vom Eroberer Francisco de Caravantes). In die moderne Weinwelt eingetreten ist Mexiko aber erst vor wenigen Jahrzehnten: Das Valle de Guadeloupe rund 100 Kilometer südlich der unruhigen Grenzstadt Tijuana, in der Region Baja California, ist die Heimat einer neuen Generation mexikanischer Winzer. Wasser ist hier knapp, was die Weine von Reben, die aufgrund der Trockenheit selten von Schädlingen oder Krankheiten angegangen werden, sehr intensiv macht.

Die Weingärten im engen Tal des nur wenig Wasser führenden Guadeloupe nördlich der Hafenstadt Ensenada werden – wie auch die Rebflächen in Chile – durch vom Huboldstrom gekühlte Winde und den Pazifiknebel gekühlt, der sich durch drei kleine Täler ins Weinbaugebiet zieht. Sandige Böden halten hier auf den Talsohlen die Reblaus im Zaum. Insbesondere wüchsige Sorten wie Cabernet Sauvignon sind hier gepflanzt.

Im Valle de Gouadeloupe gedeihen die Rebstöcke auf einer Höhe von 200-500 Meter, während in der Provinz Queretano nördlich von Mexiko City Weinbau bis in 2.000 Meter Höhe betrieben wird. Das ist notwenidg, weil die Tage in der Region heiß sind und nur die Nächte etwas Kühlung bringen. Gleichzeitig aber drohen auch ständig heftige Niederschläge. Hier machen sich eichenfass-gereifte Rotweine am Besten.

Sonstige

Venezuela besitzt nur eine einzige Kellerei, in Peru hingegen wurde in der Nähe von Cuzco aber schon im Jahr 1560 Wein bereitet. Inzwischen stehen hier 11.000 Hektar unter Reben insbesondere in der Provinz Ica (wo auch der Bordelaiser Önologe Emile Peynaud für die Kellerei „Tacama“ tätig war), aber der Großteil der Lese wird für Pisco verwendet. Möglicherweise bieten die höher gelegenen Täler nahe Arequipa aber noch mehr Potential.

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