Weinglossar

Chile

Weinbau in Chile geht zurück auf Jesuitische Missionare, die im Gefolge der Konquistadoren Mitte des 16. Jahrhunderts erste Reben für ihren Messwein angepflanzt haben. Chile war zu dieser Zeit eine spanische Kolonie, die unter der Verwaltung des Vizekönigreichs Peru stand. Mit ihrem Aufkommen setzte auch der Weinbau im Land ein – und bald hatte jede Hacienda ihren eigenen Weinberg …

Lange allerdings wurden aus den Trauben – zunächst hauptsächlich Moscatel de Alejandría (Muscat d`Alexandrie), bevor er vom Moscatel de Austria verdrängt wurde – keine trockenen Weine produziert, sondern nur etwas süsser Wein. Hauptsächlich aber diente der Moscatel zur Herstellung von Pisco, der aus ihrem Traubenmost gebrannt wurde. „Pisco“ ist dabei nach der peruanischen Hafenstadt benannt, in die er von Chile aus verschifft wurde.

Weinbau diente in Chile zunächst also zur Herstellung von Messwein und zur Versorgung des Vizekönigtums Peru. Vor der Einfuhr der Weinrebe durch die Jesuiten war Wein in Südamerika unbekannt. Die Missionare verwendeten für die Weinbereitung damals große Tonkrüge, ähnlich den georgischen „Quevri“. Sie unterscheiden sich einzig dadurch, dass ihr Boden abgeflacht war um sie aufstellen zu können (sie wurden nicht eingegraben).

Eine bedeutendere Rolle spielt Weinbau dann aber lange nicht mehr. Das änderte sich erst, als sich reich gewordene Bergwerksbesitzer (Kupfererz) ab 1851 französische Önologen ins Land holten. Sie brachten nicht nur ihr Wissen, sondern auch französische Rebstöcke mit, insbesondere ursprünglich in Bordeaux beheimatete – wie die Carmenère, für die das südamerikanische Land sozusagen der rettende Hafen war.

Rebsorten

Ein paar Jahre nach ihrer Ankunft in Chile wurde die Carmenère in ihrer ursprünglichen Heimat Bordeaux von der Reblaus praktisch komplett ausgerottet wurde. Obwohl die Rebsorte in Bordeaux offiziell noch immer zu den sechs zugelassenen roten Rebsorten zählt, kommt sie dort inzwischen praktisch nicht mehr vor. Die Reblauskrise Ende des 19. Jahrhunderts vernichtete in Frankreich fast den gesamten Bestand der Rebstöcke des Carmenère.

In Chile jedoch nicht: Aufgrund der isolierten Lage des Landes zwischen Pazifik und Anden gab es hier nie eine Reblausplage – die Laus hat es nie über die Anden geschafft – und so existieren hier noch immer viele Direktträger, also Rebstöcke ohne amerikanische Unterlagsreben, wie das bei uns inzwischen vorgeschrieben ist. Für einen neuen Weinberg setzt man einfach Stecklinge bestehender Reben in den Boden, ohne sie mit großem Zeit- und Kostenaufwand auf resistente Unterlagen zu veredeln. So gestaltete sich die Ansiedlung neuer Rebsorten wie der Carmenère als relativ unkompliziert.

Allerdings wurde die Rebsorte noch bis in die 1990er Jahre mit Merlot verwechselt! Das mag vor allem daran gelegen haben, dass sich die beiden Sorten äußerlich tatsächlich sehr ähnlich sind, sowohl hinsichtlich der Blatt- als auch der Traubenform. Gleichwohl jedoch hat Carmenère, anders als der höherwertige Merlot, rötlich gefärbte Blätter und ist eine ausgesprochen wuchskräftige Pflanze – die noch dazu drei Wochen nach dem Merlot ausreift.

Nicht zuletzt aufgrund der eigentlich doch recht deutlichen Unterschiede behaupten manche kritischen Stimmen, man habe die beiden Rebsorten aus finanziellen Gründen absichtlich verwechselt. Wie dem auch sei, 1994 jedenfalls stellten Ampelographen aus Montpellier anhand von Genanalysen zweifelsfrei fest, dass zahlreiche Weinberge in Wirklichkeit mit Carmenère bestockt sind. Die Trauer darüber dürfte in Chile nicht lange angehalten haben, begründet die Rebsorte heute mit 10.000 Hektar Rebfläche doch das Renommee des chilenischen Weinbaus: nirgends werden bedeutendere Weine aus Carmenère gekeltert als hier.

Der Name „Carmenère“ leitet sich vermutlich von Farbe „Karminrot“ ab, jedenfalls erbringt die Rebsorte ausgesprochen dunkle und wesentlich körperreichere Weine als jene von Merlot. Das allerdings nur, wenn Carmenère tatsächlich ausgereift ist, weshalb sich ihr Anbau in Regionen mit warmem Klima grundsätzlich lohnt – jedoch nur, wenn sie wiederum im Ertrag begrenzt wird. Es entstehen dann bisweilen im Barrique gereifte, gehaltvolle, aber gleichsam aromatisch komplexe Weine mit relativ wenig Säure und Tannin, aber voller dunkler Beerenfruchtigkeit und herben, rauchigen Noten. Andernfalls dominieren schnell Noten unreifer grüner Paprika den Wein – das gilt es zu vermeiden.

Neben Carmenère wurden zu dieser Zeit noch eine Fülle anderer angepasster Bordeaux-Sorten angepflanzt: Mindestens ein Jahrhundert lang wurden die chilenischen Weinberge von Cabernet Sauvignon (wächst auf 41.000 Hektar von insgesamt 120.000 Hektar Rebfläche) und Merlot (10.000 Hektar, aber auch Syrah, Pinot Noir, Malbec, Chardonnay (13.000 Hektar), Sauvignon Blanc (12.000 Hektar), Semillon und wenigen anderen beherrscht, wobei nach wie vor noch sogenannte „flying winemakers“ aus Frankreich, wie zum Beispiel Francois und Jacques Lurton aus Bordeaux, vor Ort sind und dort auch produzieren.

Weinbau

Seit dem Engagement von Miguel Torres in den 1980er Jahren hat der Weinbau in Chile eine enorme Entwicklung genommen: 120.000 Hektar stehen heute unter Reben, zehn Millionen Hektoliter Wein werden jedes Jahr produziert und 70 Prozent davon exportiert. Damit ist Chile der fünftgrößte Weinexporteur der Welt und steht sogar vor Australien. Viele der großen Domänen stehen dabei im südlich der Hauptstadt Santiago. Allerdings gelingt es inzwischen auch zunehmend besser, neue Weinberge und deren Lagen, insbesondere im Norden des Landes, präziser auszuwählen und die Rebsorten genauer auf das Terroir abzustimmen.

Im Norden Chiles stürzen die Anden gewissermaßen dem Pazifik entgegen. Dazwischen finden sich immer wieder grüne Hochtäler, die vor 500 Jahren entstanden, als die Konquistadoren hier Gold fanden. Damals wurden im Norden auch die ersten Reben angepflanzt – und heute hat sich der Weinbau in dieser Region sogar bis an den Rand der Atacama-Wüste ganz im Norden von Chile ausgebreitet.

Ein Pionier bei der Erschließung neuen Landes für den Weinbau war und ist sicherlich Anselio Montes, der 1987 den Prototyp eines roten chilenischen Premiumweines mit dem „Montes Alpha Cabernet“ geschaffen hat und 1996 mit dem „Alpha“ einen Bordeaux-Blend aus selektionierten Höhenlagen in der von ihm „entdeckten“, legendären Subzone Aalta im Colchagua Valley, den ersten „Icon“-Wein aus dem Haus Montes. Auch ist es ihm nach eigenen Angaben mit seinen „Sustainability“-Projekten gelungen, bei der Produktion der gleichen Menge Wein 65 Prozent weniger Wasser zu benutzen. Das ist besonders bei Sorten mit dichtem Laubdach wichtig, weil sonst zu viele der Beeren nicht ausreifen, was man chilenischen Weinen häufig vorwirft. Ökologischer Anbau und sogenanntes „dry farming“ werden immer öfter betrieben – auch angesichts des ungewöhnlich milden Klimas in Chile.

Um der hohen Sonneinstrahlung insbesondere in den Hochtälern des Nordens entgegen zu wirken, haben manche Winzer ein Stützkonstruktion für die Reben entwickelt, die sich in Richtung der gegenüber eines Hanges liegenden Bergspitze neigt. Dadurch sind die Trauben – ähnlich wie bei der Pergolaerziehung – nie der direkten Sonne ausgesetzt, bis diese ohnehin hinter dem Berg verschwindet.

Klima

Chile ist ausnehmend gut für den Weinbau geeignet. Es herrscht ein trockenes Klima mit einer sonnigen Wachstumsperiode, die dafür sorgt, dass die Trauben zuverläßlich reifen und Pilzerkrankungen kaum eine Chance haben. Der wenige Niederschlag nimmt nach Süden hin zu, wobei sich die durchschnittlichen Temperaturen kaum unterscheiden – Schwankungen ergeben sich eher von Westen nach Osten bzw. der Nähe zu den Anden oder dem Küstengebirge (Unterschiede im Weinstil jedoch eher innerhalb der Täler von Norden nach Süden.) Sollten die Niederschlagsmengen jedoch spärlich ausfallen – wie praktisch fast überall in Chile im Sommer, der annähernd regenfrei ist – kann das durch Bewässerung ausgeglichen werden, auch wenn die dafür verfügbaren Wasservorräte wie in Argentinien zunehmend schwinden.

Aufgrund des Wassermangels ist man dazu übergegangen, das schon zu Inka-Zeiten bestehende Netz aus Kanälen, die das Land mit Wasser von der Schneeschmelze im Gebirge versorgen durch das genauere und vor allem sparsame Tropfbewässerungssystem zu ersetzen. Dieses System funktioniert insbesondere auf nährstoffreichen Böden gut, wie man sie eher in südlicheren Regionen findet, wo es kühler und feuchter ist. In den Hochtälern im Norden wie beispielsweise im Elqui-Tal in über 2.300 Meter Höhe werden die Bewässerungssysteme von Gebirgsbächen gespeist.

In manchen Jahren leiden die Weinbauregionen Chiles unter dem Klimaphänomen El Nino oder La Nina beziehungsweise der damit verbundenen Dürre. Diese in Zyklen auftretenden Wetterphänomene machen sich im gesamten pazifischen Raum bemerkbar, ansonsten üben bestimmte Faktoren über die gesamte Nord-Süd-Achse am westlichen und östlichen Rand der Weinbaugebiete einen temperaturmildernden Einfluß aus. Aus der Antarktis kommend, passiert der kalte Humboldtstrom die gesamte, insgesamt 5.000 Kilometer lange chilenische Küste. Die vorherrschenden Winde bringen durch die Flusstäler kühle Luft ins Landesinnere, in sehr küstennahen Gebieten führen sie mitunter auch Nebel mit sich, beziehungsweise im Valle del Limarí.

Aber nicht nur das Klima fällt je nach Längen- oder Breitengrad sehr unterschiedlich aus, sondern auch Böden und Grundgestein variieren. Im Westen des Landes findet man alten Granit und verschiedenste Schieferarten, während in der zentralen Ebene zwischen Küstenkordillere und Anden eher Böden aus Ton, Lehm und Schluff vorherrschen – eine große Auswahl an Terroirs also.

Geografie

Die chilenischen Rebflächen dehnen sich in Nord-Süd-Richtung über mehr als 900 Kilometer aus, während sie in Ost-West-Richtung selten mehr als 100 Kilometer breit sind. Vier geografische Merkmale prägen im Wesentlichen Chile:

  • Im Westen erstreckt sich der Pazifik und nur ein wenig Küsteneinwärts verläuft das Küstengebirge (Kordilleren).
  • Im Osten ragen die Anden empor, die zugleich die Grenze zu Argentinien markieren. Sie sind für den anderen kühlenden Wind verantwortlich, neben dem Westwind vom Pazifik: Kalte Fallwinde sorgen für große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Diese Unterschiede sorgen insbesondere in den Hochtälern des Nordens dafür, dass die Trauben dicke Schalen ausbilden.
  • Nördlich von Santiago vereinen sich Anden und Kordilleren, doch südlich der Hauptstadt tut sich eine weite, flache Senke auf, die als Valle Central (Zentraltal) bekannt ist.
  • Das Küstengebirge wird wiederum von mehreren Flusstälern von Ost nach nach West durchzogen, die das Wasser aus den Anden in den Pazifik abführen, umgekehrt aber so „Belüftungsschächte“ für kühle Winde und Nebel vom Pazifik darstellen.
Chile_Weinanbaugebiete

Weinbaugebiete

Diese geografischen Merkmale fanden 2011 auch Berücksichtigung im chilenischen Klassifikationssystem: Wurden die chilenischen „Denominaciones de Origen (D.O.)“ bis dahin in vier Regionen und etwa 13 Unterbereiche dem Land von Norden nach Süden folgend eingeteilt (wobei die Unterbereiche meist den Flusstälern entsprechend klassifiziert wurden), also dem Breitengrad folgend, wurde nun eine neue Kategorie eingeführt, die die Entfernung zur Küste berücksichtigt, also von Westen nach Osten, dem Längengrad folgend.

Seither dürfen die chilenischen Weinerzeuger die Begriff „Costa“ (für Küstengebiete), „Entre Cordilleras“ (für die Gebiete zwischen Kordilleren und Anden) sowie „Andes“ (für die Gebirgsareale) verwenden – als ergänzende Angaben zur D.O. Ausserdem sind die Begriffe Reserva, Reserva Especial, Reserva Privada und Gran Reserva erlaubt (aber nicht definiert).

  • D.O. Coquimbo
    • Valle del Choapa
    • Valle de Elqui
    • Valle del Limarí
  • D.O. Aconcagua
    • Valle del Aconcagua
    • Valle de Casablanca
    • Valle de San Antonio
      • Valle de Leyda
  • D.O. Valle Central
    • Valle del Maipo
    • Valle de Rapel
      • Valle del Cachapoal
      • Valle de Colchagua
    • Valle de Curicó
    • Valle del Maule
  • D.O. Region del Sur
    • Valle del Itata
    • Valle del Bío-Bío
    • Valle del Malleco

Coquimbo

Coquimbo grenzt an die Atacama-Wüste und war lange die nördlichste unter den Weinregionen Chiles, inzwischen aber verschieben sich auch in Chile die Grenzen des Weinbaus weiter nach Norden, wo versucht wird regionale Weine mit Terroircharakter zu produzieren: Heute wird Wein sogar 2.500 Meter über dem Meer in der Atacamawüste angebaut – fast 1.800 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago in der Wüstenoase San Pedro de Atacama. Weitere Rebgärten sind auf der Rekordhöhe von 3.500 Meter in Talabre, noch in den Anden nahe der Grenze zu Bolvien und nördlich des Wendekreis des Steinbocks. Diese Aussenposten sind kühler als das Valle Central, wo Massenweine problemlos erzeugt werden, und liegen auch weit nördlich der drei Unterbereiche von Coquimbo:

  • Elqui
  • Limarí
  • Choapa

Im Vergleich mit den Regionen weiter südlich sind die Rebflächen hier relativ klein, doch die Qualität ist inzwischen in der Regel hoch – im steilwandigen Valle del Elqui wurden lange Tafeltrauben und Beeren für Pisco (auf Moscatel-Basis) angebaut, doch hat man hier bewiesen, dass man auch auf über 2.000 Meter Höhe gute Weine (wie einen kräftigen Syrah) bereiten kann (oder auch Sauvignon Blanc). Das Valle del Elqui erinnert mit seinen steilen Weinbergen und Granitböden – abgesehen von der Höhe – an die Nördliche Rhône. Ansonsten herrscht hier strahlender Sonnenschein. Kühlende Einflüsse bringen Winde vom Meer oder aus dem Gebirge. Problem ist auch hier die Bewässerung.

Die Gegebenheiten in Limarí und im Valle del Choapa unterscheiden sich leicht, was sie indess eint sind einerseits strahlender Sonnenschein und unverschmutzte Luft, andererseits kühlende Einflüsse durch Winde vom Meer oder aus dem Gebirge, abgesehen von der Höhenlage der Weinberge. Die größte Herausforderung stellt dabei die Bewässerung dar: Sie ist unverzichtbar, aber teuer, denn Wasser ist hier ein spärlicheres Gut als in anderen Regionen Chiles.

Das Valle del Limarí ist weiter südlich und wesentlich breiter als das des Elqui. Seine Weinberge liegen näher an der Küste und werden vom Pazifik gekühlt, da hier – für Chile ungewöhnlich – keine Küstenkordillere den Meereswind aufhält. So legt sich hier auch jeden Morgen der Küstennebel „Camantchaca“ wie ein Teppich über das Tal. Er bildet sich durch den Kontakt der kalten Pazifikluft mit den wüstenartigen, heißen Landflächen entlang der Küste. Der dicke Nebel schafft eine Mikroklimazone, die Weinbau in dieser Region erst ermöglicht, ansonsten würde die Sonne die Reben verbrennen. So aber bringt Limarí einige der besten Chardonnays und Sauvignon Blancs – eigentlich wie überall in Chile eine Variation: die robustere „Sauvignon Verte“ – des Landes hervor, obwohl die hiesige Genossenschaft lange die einzige Kellerei im Tal blieb, bis sie 2005 vom größten Weinproduzenten Chiles, „Concha y Toro“, erworben wurde und in „Vina Maycas del Limarí“ umbenannt wurde.

Aconcagua

Die Weinregion Aconcagua ist nach dem mit fast 7.000 Meter höchsten Gipfel der Anden benannt. Sie ist die zweitkleinste Anbauregion des Landes und setzt sich aus drei sehr verschiedenen Subregionen zusammen:

  • Aconcagua (warm)
  • Casablanca (kühler)
  • San Antonio (kühler)

Das warme Klima des engen und steilen Valle del Aconcagua wird durch regelmässige, ablandige Bergwinde am frühen Nachmittag und auflandige Seewinde am Abend gemildert, die die westlichen Ausläufer der Anden kühlen. Dennoch bieten die Anbauflächen auf dem fruchtbaren Talgrund zwischen dem Küstengebirge und den Anden mit den wärmsten Bedingungen des Landes gute Voraussetzungen. Es ist die klassische Rotwein-Domäne, in der Cabernet Sauvignon wie in ganz Chile die Szenerie beherrscht. Inzwischen aber wird auch Syrah angepflanzt und die Carmenère tritt stärker auf den Plan.

Opulente Fruchtaromen, gepaart mit reichlich Alkohol und Tannin gehören zu den traditionellen Kennzeichen der hiesigen Rotweine. Seit einigen Jahren streben die Erzeuger aber geringere Alkoholgrade, mehr Frische und komplexere Fruchtaromen an. Infolgedessen hat sich der Fokus in den in Ost- und West-Richtung verlaufenden Haupttal nördlich von Santiago zunehmend weg vom fruchtbaren, wärmeren Talboden hinauf in die kühleren Hanglagen oder Richtung Küste verlagert. Viele Neupflanzungen finden sich westlich von Calmo, nur 16 Kilometer vom Meer, wo es so kühl ist wie im neuseeländischen Marlborough.

Die Unterbereiche Valle de Casablanca und Valle de San Antonio weisen als Nachbarn vergleichbare Gegebenheiten auf: Hier wie dort ist die Landschaft vielgestaltig und bietet verschiedenste Böden und Ausrichtungen. Vor allem aber liegen beide zwischen dem Küstengebirge und dem Pazifik.

Das Valle de Casablanca entwickelte sich in den 1990er Jahren rasant und war Chiles erste Küstenweinregion, die die Weinpalette des Landes um frischen Sauvignon Blanc, Chardonnay und Pinot Noir bereicherte. Das Tal liegt zu weit von den Anden entfernt, als dass es Abends in den Genuss kühlender Bergwinde oder des Schmelzwassers zur Bewässerung käme. An seinem Ostende ist es so warm, daß hier in Veramonte sogar körperreiche Rotweine gelingen. Sonst allerdings profitiert das Tal vom Morgennebel sowie vom nachmittaglichen Wind des nahen Pazifiks, der manche Lagen um bis zu zehn Grad kühlt. In Kombination mit milden Wintern ist die Anbausaison im Valle de Casablanca so fast einen Monat länger als in den meisten Lagen des Valle Central. Allerdings drohen immer wieder Spätfroste, insbesondere im Talgrund.

Durch den Erfolg von Casablanca ermuntert, begann man mit der Entwicklung der hügeligen Küstenregion des Valle de San Antonio. Seit 2002 ist die Region offiziell anerkannt. Das Tal ist dem kühlenden, feuchten Meereseinfluß noch stärker ausgesetzt als Casablanca. Die mageren Böden bestehen, wie ganz im Westen von Casablanca, vorwiegend aus rotem Lehm und Granit und Wasser ist ebenso knapp. Ein anerkannter Unterbereich des San Antonio-Tales ist das ausnehmend kühle Valle de Leyda, wo Sauvignon Blanc gemacht wird, aber auch Chardonnay sowie Pinot Noir, der sich mit Aromen oder Beeren und Kräuternoten hervortut. Im wärmeren östlichen Teil des Casablanca-Tals wachsen außerdem gut strukturierte Syrah mit pfeffrigen Einschlag.

Valle Central

Das Zentraltal beginnt südlich der Hauptstadt Santiago und zieht sich bis zum Valle del Itata in der Region del Sur. In dieser ausgedehnten, warmen und flachen Region finden sich seit jeher die meisten Rebpflanzungen des Landes. Die Trauben gelangen hier mühelos zur Reife und preiswerte, fruchtige Weine oft von Merlot und Chardonnay, bilden den Schwerpunkt der Produktion. Das Valle Central gliedert sich in vier Subregionen:

  • Curicó
  • Maípó
  • Rapel
  • Maule

Die nach Flüssen benannten Subregionen durchziehen wie die Gradstriche eines Thermometers die Ebene des Tals und durchstechen dann die Küstenkordillere, um in den Pazifik zu münden. Durch diese Taleinschnitte gelangt die vom kühlen Humboldstrom, der seinen Ursprung in der Antarktis hat, gekühlte Luft ins Zentraltal. (Diese ist kühler als etwa in Kalifornien, das auf vergleichbarer nördlicher Breite liegt.) Zudem werden die Weinberge nachts von den aus den Anden herabströmenden Luftmassen gekühlt. (Obwohl Trauben in Chile wesentlich besser ausreifen als etwa in Frankreich, müssen sich chilenische Weinbauern warm anziehen.)

Der Unterbereich Valle del Maipo bildet aufgrund seiner Nähe zur Hauptstadt Santiago seit jeher das Kernland des chilenischen Weinbaus. Maípó ist beinahe vollständig von Bergen umgeben und deshalb die heißeste Subregion: maritime Einflüsse kommen kaum zum Tragen. Insofern ist Maípó traditionell auch ein Rotweingebiet, das allerdings die geringste Anbaufläche im Valle Central hat (aber eine hohe Bodega-Dichte). Wenn die Erträge begrenzt werden, könne die Bordeaux-Sorten Spitzenweine hervorbringen, die an die Weine aus dem Napa Valley erinnern (und einen charkateristischen Minzton aufweisen). Die begehrtesten Cabernet Sauvignons kommen aber aus Rebflächen in den Ausläufern der Anden, die durch die herabströmende Luft gekühlt werden. Relativ kühle Morgentemperaturen und magere Böden geben den Rotweinen Eleganz und Struktur. Tatsächlich ziehen sich die Weinberge im Valle Central immer höher in die trockeneren, kühleren östlichen Andenausläufer hinauf, die viel Sonne erhalten.

Die wachsende Region Valle de Rapel südlich von Maípó ist groß und facettenreich. Im Tal von Cachapoal, etwas weiter nördlich in der Region gelegen, haben Meeresbrisen keinen Einfluß und es ist wie in Maípó eher warm. Hier reift Carmenère gut auf den Talböden, während am kühleren Ostende des Tals Cabernet Sauvignon und Syrah erfreuliche Ergebnisse liefern.

Im Vergleich zu Cachapoal ist die Subzone Valle de Colchagua etwas weiter südlich größer und abwechslungsreicher: Es gibt klassisches Merlot-Terrain mit Tonerde sowie den chilenischen Mix aus Schluff, Sand und vulkanischen Arealen. Der mittlere Abschnitt des Tals ist warm und auch etwas durch den Ozean beeinflußt. Viel Ansehen genießen die körperreichen Rotweine von den Talhängen (Apalta) im Westen, wo der Pazifikeinfluß höher ist auch Weißwein. „Montes“ hat hier seinen Stammsitz in der legendären Subzone Apalta, wo er 500 Hektar (der insgesamt 1.000 Hektar) bewirtschaftet und unter anderem den ersten chilenischen Syrah auf Weltklasse-Niveau aus ausgewählten Apalta-Parzellen kellert: den „Montes Folly Syrah“.

Ein ganzes Stück weiter südlich liegen die Weinberge der Subregion Valle de Curicó mit dem Bereich Lontué. Das warme Klima wird hier etwas gemäßigter und Bewässerung ist nicht mehr unbedingt notwendig. Der durchschnittliche Niederschlag und die Frostgefahr sind zehn Mal höher als im (wüstenartigen) Elqui, und die Küstenkordillere reicht hier so weit nach Osten, daß der Pazifik keinen Einfluß mehr hat. Aufgrund des warmen Klimas un der nährstoffreichen Böden werden hier Trauben für Verschnitte im unter Preissegment produziert – aber 1979 investierte hier auch der Katalane Miguel Torres.

Die südlichste Subregion im Valle Central ist Chiles ältestes Anbaugebiet: das Valle del Maule, das die größten Rebflächen Chiles auf vorwiegend vulkanischem Boden besitzt. Der Niederschlag ist hier trotz ebenso trockener Sommer drei Mal höher als in Santiago und insgesamt etwas kühler als in Curico. Entsprechend bewahren sich die Weine – zunehmend aus alten Reben von Carignan – etwas mehr Säure. Man bemüht sich, das Potenzial der alten, bewässerungsfrei in kleinen Trockenrebbau-Parzellen im Westen der Zone kultivierten Bestände auszuschöpfen. Insbesondere die betagten, ertragsarmen Buschreben dieser Sorte (Carignan) liefern Weine mit Körperfülle und Konzentration. Außerdem wird im Westen von Maule auf Schiefer mit Pinot Noir experimentiert.

Region del Sur

Die südliche Region umschließt die drei Subregionen Valle del Itata, Valle del Bió-Bió und Valle del Malleco. Je weiter man nach Süden gelangt, desto kühler und nasser wird es. Alle drei Bereiche sind weniger durch die Küstenkordillere geschützt. In den beiden grösseren Bereichen Valle dell Itata und Bió-Bió gedeihen noch País sowie Moscatel (für den lokalen Konsum). Außerdem entstehen in Bió-Bió auch Pinot Noir, Chardonnay und einige aromatische Weine.

Neuerdings rücken die Säure- und Aromaqualitäten hochwertiger Weiß- und Rotweintrauben vermehrt ins Blickfeld. Das volle Potenzial ist noch längst nicht erschlossen, insbesondere Malleco, der kleinste und derzeit auch der südlichste Unterbereich, lockt zunehmend Spitzenerzeuger an (zum Beispiel „Concha y Toro“ in Mulchén).

Chiles Weinlandschaft dehnt sich noch weiter nach Süden aus. Die südlichsten Flächen finden sich inzwischen sogar mehr als 320 Kilometer südlich von Malleco in Coihaique.

Top
Standard