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Südtirol (Alto Adige)

Südtirol ist das nördlichste Weinanbaugebiet Italiens und liegt unmittelbar an den Ausläufern der Alpen. Es zählt zu den kleinen Gebieten – nur ein Prozent der Weine Italiens stammt aus Südtirol. Dabei gehört es mit einer Fläche von 740 Quadratkilometer (etwa drei Mal so groß wie Luxemburg) zu den größten Provinzen Italiens. Bewohnt jedoch sind nur drei Prozent – und auch nur ein Drittel Südtirols kann mühsam landwirtschaftlich genutzt werden.

Südtirol_Weinanbaugebiete

Anbaugebiete

Südtirol ist eines der höchsten Weinanbaugebiete Europas: bis in Höhen von 1.000 Meter werden hier DOC-Weine angebaut, innerhalb der IGT Vini Dolomiti sogar noch höher (bis 1.400 Meter). Die Reben stehen hier an südöstlich und südwestlich ausgerichteten Hängen ab einer Höhe von etwa 600 Meter. Weinbau kann unter solchen Bedingungen nur in terrassierten Hanglagen stattfinden, im Tal praktisch gar nicht.

Weinbau in Südtirol vollzieht sich insofern weitgehend in alpinen, hochgelegenen Tälern – und hier insbesondere in jenen von Etsch (Adige) und Eisack, die sich in der Nähe von Bozen treffen. Die Weingärten ziehen sich von den Talsohlen über deren hügelige Ränder auf Terrassen die steilen Bergflanken empor und sind durchweg ziemlich parzelliert und kleinteilig: etwa 5.000 Winzer teilen sich eine Fläche von 5.400 Hektar.

Während der Norden mit dem Val Venosta (Vinschgau) im Westen und dem Valle Isarco (Eisacktal) im Osten also eher vom Alpinen Weinbau geprägt ist, findet Weinbau im Etschtal (Adige) schon ab 200 Meter Höhe statt. Als Ideal hat sich der Gürtel zwischen 350 und 550 Meter erwiesen, denn hier ist die Frostgefahr am geringsten und die Trauben reifen am besten aus.

Sieben Subregionen lassen sich in Südtirol unterscheiden:

  • Val Venesta (Vinschgau) im Nordwesten (etwa ab Tschars): Weinbau findet hier in 500 bis 800 Meter Höhe statt. Etwa zwei Prozent der Südtiroler Gesamtproduktion stammt von hier, die Weißwein-Produktion macht 46 Prozent der Gesamtmenge aus
  • Valle Iserca (Eisacktal) im Nordosten: 400 bis 800 Meter, acht Prozent der Gesamtproduktion, 91 Prozent Weißwein
  • Meran: 300 bis 800 Meter, sieben Prozent der Gesamtproduktion, fast ausnahmslos Rotwein
  • Val d`Adige (Etschtal): 250 bis 900 Meter, fünf Prozent der Gesamtproduktion, 71 Prozent Weißwein
  • Bolzano (Bozen): 250 bis 900 Meter, 13 Prozent der Gesamtproduktion, 63 Prozent Rotwein
  • Oltradige (Überetsch) im Süden: 300 bis 700 Meter, 31 Prozent der Gesamtproduktion, 61 Prozent Weißwein
  • Bassa Atesima (Unterland) im Süden: 200 bis 1.000 Meter, 35 Prozent der Gesamtproduktion, 66 Prozent Weißwein

Klima

Das Klima in Südtirol ist in den nach Süden hin geöffneten Tälern gemäßigt mit kurzen, trockenen Sommern und geringen Niederschlägen während der Wachstumsperiode. Die Lage südlich des Alpenhauptkamms schützt vor kalten Nordwinden, es gibt aber starke Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, was ideale Voraussetzungen für ein Gleichgewicht von Frucht und Säure insbesondere aromatischer Weißweine und schlanker Rotweine ist.

Da in Südtirol auf Lagen von 200 bis über 1.000 Meter Weinbau betrieben wird, steht den Winzern die ganze Bandbreite unterschiedlichster Mirkoklimas zur Verfügung – und das in einem Gebiet, das sich auf gerade einmal neunzig Kilometer Länge erstreckt. Die Unterschiede erlauben den Anbau einer imposanten Vielfalt von rund zwanzig verschiedenen Rebsorten, trotz der alpinen Umgebung – auch weil es durchschnittlich 300 Sonnentage und hohe 18 Grad während der Wachstumsphase sowie ausreichend Niederschläge gibt.

Boden

Die Reben in Südtirol gedeihen auf etwa 5.400 Hektar Fläche mit sehr unterschiedlichen Böden. In der Gegend umd das Dorf Terlan etwa herrscht mit Lehm durchmischter Granitporphyr vor, der den bekannten Sauvignon-Blanc-Weinen aus der Region eine markante mineralische Note gibt. Auch Weissburgunder ist sehr lagenbetont und gerät im Terlaner Becken mit seinem trockenen, armen Boden ebenso sehr mineralisch, während sie um Tramin mit Böden aus Kalk und Dolomitgestein eher mollig werden. Daneben gibt es immer wieder auch Urgesteinsböden mit Kalkaufschlüssen und sandhaltigen Mergel. Ein Teil liegt auf Mur- und Schwemmlandböden, wobei es sich um tiefgründige, grundwasserferne Böden handelt. Als Tiefwurzler kann die Weinrebe hier beträchtliche Wurzelräume erschließen und auch längere Trockenperioden überstehen. Der andere Teil liegt auf Hang- und Terrassenlagen mit sehr unterschiedlichen Böden, die generell nur schwer durchwurzelbar sind und deren Wasserdurchlässigkeit häufig nur sehr gering ist.

Weißwein

Die geografische Lage so weit im Norden Italiens ermöglicht einen facettenreichen Weinbau: Höhere Lagen am Fuße hoher Alpengipfel wie im nordwestlich gelegenen Val Venosta (Vinschgau) mit oft steilen terrassierten Hängen oder weiter nordöstlich im Valle Isarco (Eisacktal) eignen sich besonders gut für die mineralisch-frische und klar strukturierte Weißweine, die zur Spitze des italienischen Weinbaus gehören. Hier hat Südtirol das Veneto überholt, insbesondere bei Pinot Grigio (schlank, viel Säure, Aromen grüner Früchte) und Pinot Bianco.

Aber auch Riesling, Silvaner und Kerner gedeihen hier. In etwas tieferen Lagen wie dem Etschtal (Valle Adige) – ursprünglich sogar ein Sumpfgebiet, wo sich der mediterrane Einfluß geltend macht – geraten Chardonnay, Pinot Bianco und Pinot Grigio fruchtig und lebendig, während in der wärmeren Gegend um Bozen und Meran bekannte Rotweine aus Schiava (Vernatsch) und Lagrein entstehen.

Was die Höhenlage betrifft, gilt für weiße Rebsorten:

  • 250 bis 550 Meter: Gewürztraminer (10,7 Prozent), die Rebsorte aus dem Dorf Tramin, wird in Südtirol trocken ausgebaut und ist insgesamt „gewürziger“ als beispielsweise im Elsass, wo sie mit viel Restzucker produziert wird und reife Aromen aufweist
  • 700 bis 800 Meter: Sauvignon Blanc (7,3 Prozent) fühlt sich hier wohl, vorwiegend in den südlichen Anbauzonen Überetsch und Unterland (wo fast zwei Drittel der Gesamtproduktion entstehen) sowie im Etschtal
  • 800 bis 1.000 Meter: Silvaner (1,4 Prozent der Produktion) gedeiht in dieser Höhe gut, inbesondere im Eisacktal, wo er seine charakteristische kernige Säure und seine kräuterigen Aromen gut entwickeln kann

Gewürztraminer ist eine der ältesten heute noch angebauten Rebsorten. Der Ursprung der charakteristisch nach Rosen duftenden und äußerst aromatischen Rebsorte geht vermutlich auf die Ortschaft Tramin (Termeno) in Südtirol zurück, wo sie bereits im 15. Jahrhundert nachgewiesen wurde. Zu dieser Zeit jedenfalls wurde Traminer – aus der der Gewürztraminer hervorging – im damals üblichen Mischsatz angebaut und als Messwein an die Klöster der Region geliefert. Einzelne historische Dokumente legen sogar die Vermutung nahe, dass Traminer hier bereits im 11. Jahrhundert angebaut wurde. Inzwischen allerdings wurde die Sorte dort von der schlichteren, aber wesentlich ertragreicheren Vernatsch (Schiava) verdrängt.

Von den etwa 20.000 Hektar, auf denen Gewürztraminer heutzutage weltweit angebaut wird, stehen gerade noch etwa 600 Hektar in Südtirol selbst. Der Grund dafür, dass die Rebsorte nur so eine geringe Verbreitung gefunden hat, liegt darin, dass die ursprünglich ohnehin schon äußerst krankheitsanfällige und ertragsarme Rebsorte auch noch beachtliche Ansprüche an ihr Terroir – Boden, Lage und Klima ihres Standorts – stellt: So verträgt Gewürztraminer beispielsweise keine kalkhaltigen Untergründe, sondern fühlt sich auf „fetten“ Tonböden wohl. Außerdem bevorzugt die Rebsorte kühleres oder gemäßigtes Klima – bei zu hohen Temperaturen baut sie schnell ihre ohnehin schon nicht besonders ausgeprägte Säure ab. Im kühleren Klima hingegen kann sich der spätreifende Gewürztraminer seine milde Säure bewahren und hat dennoch genügend Zeit, sein reichhaltiges Aromenprofil aufzubauen, ohne zuvor schon seine pyhsiologische Reife und zu hohe Zuckerwerte erreicht zu haben.

Gleichwohl aber darf es auch nicht zu kühl sein, denn da die Rebsorte früh austreibt stellen Frühjahrsfröste eine erhebliche Gefahr dar. Gewürztraminer braucht insofern relativ warmen Lagen in kühlen Klimata um einen guten Fruchtansatz gewährleistet zu haben – nicht zuletzt deshalb eignen sich in den nördlicheren Breiten daher meistens andere Rebsorten besser.

Hinzu kommt, dass Gewürztraminer anfällig ist für die im französischen „coulure“ genannte Verrieselung (gewöhnlich findet immer im Mai die Blüte und der Fruchtansatz bei der Rebe statt, wo aus jeder Blüte im Laufe des Sommers eine Traube wird, wenn sie befruchtet, das heißt bestäubt wurde und Hagel oder Regen das nicht verhindern. Klappt die Befruchtung jedoch nicht, spricht man von „Verrieselung“, bei der die Traubenbildung ausbleibt, was natürlich mit einer Ertragsreduktion verbunden ist) – und darüber hinaus auch für Pilzkrankheiten aller Art (seine ursprüngliche Anfälligkeit für Virenkrankheiten konnte allerdings durch die Selektion von widerstandsfähigen Klonen weggezüchtet werden).

Insbesondere aufgrund der Ertragsunsicherheit verzichten viele Winzer auf den Anbau von Gewürztraminer. Diejenigen allerdings, die bereit sind das Risiko einzugehen, gewinnen immer wieder auch sehr hochwertige Weine aus der Rebsorte, die einen hohen Extrakt aufweisen und sehr körperreich sind. Die Säure ist mild, typisch ist das aromatische Bukett nach Rosen, mitunter auch Akazienblüten und Veilchen. In Südtirol gerät er bisweilen etwas würziger als im Elsass, wo eher reife Aromen dominieren.

Rotwein

Angesichts der Vielfältigkeit der Bodenverhältnisse erleben derzeit auch Südtirols autochthone Rotweinsorten eine glanzvolle Renaissance, wobei sich Lagrein auf eher warmen Böden aus Kies und Sand wohl fühlt. Insgesamt aber dominiert bei den Rotweinen die Schiava beziehungsweise Vernatsch (Trollinger), nachdem sie von einem Bestand von schon einmal siebzig Prozent auf „nur noch“ 14 Prozent zurückgegangen ist. Sie erbringt leichte, fruchtige Weine mit geringem Tannin. Fast alle firmieren als „DOC Alto Adige“. Die Schiava ist in Württemberg als Trollinger bekannt, wo sie die meistangebaute Rebsorte ist.

Die Schiava braucht viel Wärme und fühlt sich entsprechend auf warmen Böden (wie Keuper oder Muschelkalk) am wohlsten. Sie reift spät, was möglichst frostfreie Lagen erfordert, allerdings verträgt sie direkte Sonneneinstrahlung nicht so gut, sie braucht also Schatten. Deshalb wird sie im Pergolasystem erzogen. Unter ihr bleiben Feuchtigkeit, Temperatur und Luftverhältnisse weitgehend konstant, und auch der Boden trocknet nicht so schnell aus.

Die klassischen Anbaugebiete für Schiava – für Rotwein insgesamt – liegen um Bozen, Meran und Kaltern. Während in Südtirol überwiegend Weißwein angebaut wird (im Verhältnis zu Rotwein 70 : 30), insbesondere in den südlichen Zonen, entstehen in den Dörfern um Bozen und Meran bekannte Rotweine. So zum Beispiel der „St. Magdalener“: er stammt aus dem gleichnamigen Dörfchen bei Bozen und gilt als der kraftvollste Vernatsch, der außerdem mit bis zu zehn Prozent Lagrein vermischt werden darf. Er hat Alterungspotential und Farbtiefe. Wie der „St. Magdalener“ ist auch der „Kalterersee“ kein klassifizierter Wein, obwohl es sich auch hier um eine Gebietsbezeichnung handelt. Er muß aus Vernatsch beziehungsweise Schiava und/oder Lagrein sein und hat immer eine balsamische, rauchige Note. „Kalterersee“ ist gerbstoffreich, dunkelfarbig und blickdicht.

Qualitätsweinbau

Seit 1980 und spätestens seit dem Glycolskandal 1984 erlebt der Südtiroler Weinbau einen nachhaltigen Aufschwung. Nicht erst seit Alois Lageders erstem Chardonnay Löwengang erfolgt eine komplette Umstellung auf Qualitätsweinbau, das heißt ein Ausbau der Weine nach Lagen (auch wenn es keine historische Lagenklassifikation gibt, sondern nur „Gebietsbezeichnungen“ wie „Kalterersee“, „Terlaner“, „Meraner Leiten“ et cetera), eine drastische Ertragsreduktion und die Einführung moderner Kellertechniken.

Das gilt auch für die 15 örtlichen Genossenschaften (cantine), auf die fast siebzig Prozent der Weinproduktion in Südtirol geht. (Entsprechend kassieren sie auch hohe 6 € pro Liter Wein – in Montepulciano d`Abruzzo beispielsweise sind es nur 2 € -, weshalb man schon für Basisweine zwischen 8-10 € bezahlen muß. Aber diese Qualitätsarbeit wird honoriert: Während in ganz Italien ein Rückgang an Rebfläche zu verzeichnen ist, sind hier zehn Prozent Zugewinne gemacht worden. Viel mehr ist nicht möglich – das Potential an Rebfläche am Berg ist praktisch ausgeschöpft.)

In Südtirol – wie auch im Trentin – gibt es keine DOCG, aber fast alle Weine, 98,8 Prozent, sind als DOC klassifiziert. Damit steht Südtirol italienweit an einsamer Spitze.

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