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Friaul-Julisch Venetien

Friaul-Julisch Venetien befindet sich im äußersten Nordosten Italiens und ist eine Grenzregion zwischen dem slawischen, romanischen und deutschen Kulturraum. Die etwa 25.000 Hektar Rebfläche (davon 19.000 DOC) reichen von den Ausläufern der Alpen, den sogenannten Karnischen Alpen, bis an die Adria und umfassen insgesamt 10 DOCs und 4 DOCGs, alle für Weißwein.

Wie bei den Unterschieden zwischen alpiner und mediterraner Kultur, gibt es diese auch beim Klima: Insgesamt herrscht zwar ein gemäßigtes Kontinentalklima, Luftströme aus den Bergen transportieren jedoch Kühle herbei, während die Weingärten an der Adriaküste eher einem warmen, maritimen Klima unterliegen. Die Reben hier profitieren von den den Luftströmungen und auch von den Unterschieden zwischen Tag- und Nachttemperaturen.

Insgesamt sind in Friaul-Julisch Venetien 12 Rebsorten erlaubt, wobei insbesondere frisch-fruchtige Weißweine produziert werden. Die autochthonen weißen Rebsorten Ribolla Gialla und Friulano stechen dabei hervor. Friulano stammt ursprünglich aus dem Bordelais, wo sie als „Sauvignonasse bekannt war, und wurde im 19. Jahrhundert in Friaul eingeführt. Ansonsten gewinnen noch die eigenständigen Varietäten Pignolo, Schiopettino und die Rotweinsorte Refosco (dal Peduncolo Rosso) an Bedeutung sowie die regionalen Spezialitäten Malvasia Istriana und Vitovska im Karst oder Süssweine wie Ramandolo und Picolit mit eigener DOCG in den alpinen Randgebieten im Norden.

Ribolla Gialla, auch Gelber Ribolla genannt, ist eine der ältesten autochthonen Rebsorten der Region und wurde bereits im Mittelalter erwähnt. Weine aus der Ribolla-Gialla-Rebe zeichnen sich durch Zitrus-, Kastanien- und Akazienaromen aus und haben eine ausgeprägte, frische Säure, die für Lagerfähigkeit sorgt.

Die Rebsorte Picolit vereint Süsse und lebendige Säure optimal und eignet sich insofern bestens für die Herstellung von Süsswein, wofür er auch eine eigene DOCG bekommen hat. Die Rebsorte ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt und hat seinen Namen von „piccolo“, da seine Beeren sehr klein sind. Picolit zeichnet sich durch Zitrus- und Honignoten aus sowie nussigen Aromen.

Auf den Malvasia Istriana verweisen bereits Dokumente aus dem 14. Jahrhundert, ihren Ursprung hat die Rebsorte jedoch im antiken Griechenland, von wo sie sich über den gesamten Mittelmeerraum verbreitet hat – allerdings mit unterschiedlichen Spielarten und Interpretationen. Infolgedessen ist die Malvasia Istriana auch eine eigenständige Rebsorte, die sich durch eine besonders salzige Mineralität auszeichnet. Einige Winzer verwenden sie auch zur Produktion von Orange-Wein, wo sie die Malvasia lange mazerieren lassen.

Eine DOC, die DOC Friuli Grave, erstreckt sich fast auf die gesamte Region und ist insofern auch die größte des Friaul, ansonsten gibt es noch DOCs für die zwei Hügelgebiete der Region, die den Namen „Colli“ tragen: Die DOC Collio (Goriziano) und die nördlich davon gelegene DOC Friuli Colli Orientali (östliche Hügel). Drei unbedeutendere DOC-Bereiche liegen in der Küstenebene (Lison bspw.).

Die beiden Hügelgebiete sind die angesehensten Weißwein-DOCs des Landes. Das gilt insbesondere in der kleineren DOC Collio, wo die Nachfrage nach Pinot Grigio dazu geführt hat, dass sie die Friulano und Sauvignon Blanc überholt hat. Immer beliebter wird die Lokalrebe Ribolla Gialla. In Collio sorgt der „Ponka“ genannte Boden aus Mergelsandstein für feine Mineralität und Fruchttiefe. Die Reben wachsen hier fast ausschließlich auf Hügellagen zwischen 100-350 Metern Höhe. 166 Winzer bewirtschaften 1.450 Hektar und produzieren 6,5 Mio Flaschen Wein. Die DOC existiert seit 1968, geplant sind außerdem „DOCG Collio Gran Selezione“ für nur noch autochthone Sorten, sowie DOCG Pinot Grigio Superiore, der seit etwa 1840 in Collio angebaut wird.

Neben diesen Weißweinsorten ist ein gutes Drittel der Rebflächen der DOC Colli Orientali dabei auch für Rotwein reserviert, insbesondere Cabernet Sauvignon und Merlot, ansonsten werden auch hier Schioppettino und Pignolo angebaut sowie Refosco. Diese Rotweinsorte ist seit dem 18. Jahrhundert in der Region bekannt und trägt ihren Namen wegen der rotgefärbten Stiele. Sie ergiebt einen eher säure- und tanninreichen, granatfarbenen Wein mit fruchtigen Aromen, der inzwischen auch zu lagerfähigen „Vini di Terroir“ ausgebaut wird. Das Klima in Colli Orientali ist etwas kühler und kontinentaler als in Collio, wo der maritime Einfluß bemerkbar ist, doch im südlichen Teil reift sogar Cabernet Sauvignon aus. Und noch bis in die 1960er-Jahre wurde Rotwein aus bis zu 80 % Merlot gemacht, der hier als autochthone Rebsorte betrachtet wird.

Die DOC Friuli Isonzo besteht aus grünem Land, das vollständig mit Weinbergen bedeckt ist und im äußersten Osten der Region liegt. Hier im Herkunftsgebiet Isonzo wurde 1879 das Weingut „Lis Neris“ gegründet. Der Name, der „die Schwarzen“ bedeutet, erinnert an die ganz in Schwarz gekleideten Witwen, die im 19. Jahrhundert zur Arbeit auf die Felder gingen.

Das Tal des Isonzo wurde vor 300.000 Jahren von Gletschern gebildet. Diese wanderten von Slowenien durch die Berge und Hügel und gelangten so vom Gebiet des heutigen Goizia/Gorziano (in der Collio DOC) bis nach Romans d`Isonzo. Als sie schmolzen, wurde das Tal freigelegt, und das Wasser hinterließ beim Zurückgehen eine ungeheure Menge an Steinen und Kieseln, „claps“ auf Friulanisch.

Heute ist die Menge an Kieseln ein Glücksfall für die Weine der Gegend. Diese begünstigen nämlich die Verteilung von Wasser und Sauerstoff und machen so den Unterboden für die Wurzeln der Weinstöcke sehr geeignet. Die Kiesel an der Oberfläche speichern tagsüber die Wärme die sie nachts wieder abgeben, womit sie die Reifung der Trauben fördern.

Die Temperaturschwankungen, die durch den Bora-Wind verursacht werden, vervollständigen das Bild von einem Bodenklima, das die Akkumulierung aromatischer Bestandteile in den Beeren begünstigt.

Exkurs zu Francesco „Josko“ Gravner

In Friaul-Julisch Venetien, genauer gesagt im Collio, hat der Winzer Mario Schiopetto Ende der 1970er-Jahre begonnen, moderne Weißweine zu produzieren. Italien galt damals als etwas rückständig, was die Weinproduktion anbelangt, und Winzer wie Schiopetto begannen das zu dieser Zeit zu ändern: Sie führten Reinzuchthefen bei der Vinifikation ein, temperaturgesteuerte Stahltanks und pneumatische Keltern. So entstanden bis dahin ungekannte Weißweine auf einem hohen technischen Niveau – von denen sich zunächst auch der Winzer Francesco „Josko“ Gravner aus dem Örtchen Oslavia an der Grenze Italiens zu Sloweniens beeindrucken ließ. Auch er modernisierte seinen Betrieb und trug so gemeinsam mit anderen zum Erfolg der frischen und schlanken Weine bei.

Das allerdings sollte für Gravner mit einem Besuch in Kalifornien im Jahr 1987 enden: Gerade erst hatte er sich neue Barriquefässer gekauft, um seine Weine nach burgundischem Vorbild zu vinifizieren – was auch den kalifornischen Chardonnays internationalen Erfolg gebracht hat. Dieser Erfolg jedoch, das wurde Gravner bei dem Besuch klar, beruhte darauf, dass die Weine immer mehr einer einzigen Stilistik entsprachen, was die Weine nicht mehr voneinander unterscheidbar machte. Zwar besaßen diese Weine allesamt eine hohe Qualität, aber sie auch alle ähnlich: Die neuen chemischen und technischen Verfahren erlaubten es zwar, die Qualität der Weine erheblich zu steigern, allerdings führte das auch zu einer Uniformität im Weinbau und einem Konformismus beim Geschmack. Das wurde Gravner klar – und das wollte er nun ändern.

Ende der 1990er-Jahre machte sich Gravner auf den Weg zu den Ursprüngen des Weinbaus, nach Georgien. Hier lernte er die ganz traditionelle Art der Weinherstellung unter Verzicht auf alle technischen und chemischen Hilfsmittel kennen. Er beschloß seine bisherige Arbeit komplett auf diese Art der naturnahen, ursprünglichen Weinbereitung umzustellen. Anfang der der 2000er-Jahre schaffte er sich 40 Tonamphoren aus der Kaukasusregion an, sogenannte 1.300 Liter fassende „Kvevri“, und stellte sein 15 Hektar großes Weingut in den Hügeln des Collio auf die Produktion von „vini naturali“, Orange- und Naturweine, um. Damit sollte er einen besonderen Einfluß auf den Weinbau der Region ausüben – und letztlich selbst zum Vorbild für viele Winzer jüngerer Generationen werden.

Gravner läßt seine Weißweine bis etwa 7 Monate auf der Maische in den in der Erde vergrabenen Tonamphoren gären und verzichtet dabei auf komplett auf die Verwendung von chemischen Zusatzstoffen oder technischer Hilfsmittel. Auf die mehrmonatige Maischegärung folgt eine mehrjährige Reifung aller Weine, das heißt alle Erzeugnisse verbleiben bis zu einem Jahr in den Tonamphoren, bevor sie weitere 6 Jahre im großen Holzfass ruhen (Gravner verfolgt seit 2003 einen 7-Jahres-Zyklus, wobei „Annata“-Weine und „Riservas“ sogar 14 Jahre reifen, bevor sie in den Verkauf gelangen). Auch was den Rebschnitt anbelangt orientiert sich Gravner an der Zahl 7: Pro Pflanze, die er nach biodynamischen Grundsätzen und intuitiv behandelt, beläßt er neuerdings 7 statt 6 Triebe beim Winterschnitt – auch um die Produktion etwas zu erhöhen von derzeit nur 220 hl bzw. 30.000 Flaschen.

Auf seinen Paradelagen Runk und Hum erzieht er vornehmlich Ribolla-Gialla-Reben im Albarello-Schnitt (Busch), seit Jahrhunderten die traditionelle Reberziehung im Mittelmeerraum. Die Ribolla stammt u.a. vom Gewürztraminer ab (und vom Weissen Heunisch) und hat bei Vollreife Anfang Oktober eine goldgelbe Farbe. Gravner verzichtet auf eine Entrappung (seit 2016). Seine Weine haben einen unbestreitbaren oxidativen Charakter und ermangeln der unmissverständlichen Fruchtigkeit.

Gravners Weinberge liegen etwa zur Hälfte in Slowenien, gekeltert aber wird im italienischen Oslavia. Seit 2001 arbeitet er auschließlich mit Tonamphoren.

Mehr zu Josko Gravner auch im letzten Kapitel des Essays zeit der stille, zeit des lichts.

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