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Ungarn

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In Ungarn wird auf etwa 50.000 Hektar Weinbau betrieben und ca. 2,7 Millionen Hektoliter pro Jahr produziert. Fast alle Regionen haben sich im Schutz der Berge entwickelt, wobei unterschiedliche Terrains für verschiedene Mesoklimata sorgen, die sich in der regionalen Weinvielfalt spiegeln. Dabei ist der typische ungarische Wein weiß (ca. 70 %) bzw. goldgelb und würzig.

In Ungarn finden die Reben seit Jahrhunderten optimale klimatische Bedingungen vor (Ungarn galt noch vor 100 Jahren als das größte südosteuropäische Weinland – heute jedoch haben Länder wie Rumänien, Bulgarien und Griechenland mehr Reben im Anbau). Verantwortlich dafür sind das gemäßigte Kontinentalklima (im Süden) und das pannonische Klima (im Westen), sowie die Botrytis cinerea an den Flüssen Bodrog und Tiszy im Nordosten.

Das gemäßigte Kontinentalklima ist in Europa fast überall vorherrschend und zeichnet sich durch recht warme Sommer und kalte Winter aus. Das pannonische Klima ist maßgeblich in der ungarischen Tiefebene (sowie in Österreich) vorherrschend. Den Namen erhielt es von der pannonischen Provinz des römischen Reiches, dem heutigen Westungarn. Im Unterschied zum kontinentalen Klima gibt es wesentlich weniger Niederschläge. Die Sommer sind heißer und trockener, die Winter sehr kalt. Die Übergänge zwischen den Jahreszeiten sind kurz, deshalb muß die Vegetation schnell verlaufen.

In Ungarn scheint die Sonne durchschnittlich 2.000 Stunden pro Jahr, ca. 200 h mehr als in Deutschlands südlichsten Weinregionen wie dem Kaiserstuhl oder dem Markgräflerland in Baden. Die Niederschläge hingegen sind mit etwa 420 mm jährlich gering, kommen aber periodisch zum perfekten Zeitpunkt im Frühsommer zu Beginn der Vegetationsphase und am Ende der Lese. Begünstigend wirken außerdem die Winde im Sommer, sodaß die Reben im Allgemeinen auch keinen Trocken- bzw. Hitzestreß erleiden.

Ungarn wurde im Jahr 1875 von der Reblausplage heimgesucht, was zu einem enormen Verlust an Rebfläche führte und zu einer bedeutenden Umgestaltung des Weinbaus hinsichtlich der Rebsorten. Das gilt auch für Ungarns größtes Weinanbaugebiet: die Tiefebene. In den sandigen Böden der Puszta könne die Reblaus nicht überleben, glaubte man irrtümlich. Aber auch hier hat sie sich ausgebreitet und man war genötigt umzustellen. Heute wird die Riege der größten ungarischen Rebsorten angeführt von der kräftig strukturierten, weißen Furmint.

Furmint ist eine der Hauptrebsorten im Tokajergebiet und zeichnet sich durch ihre lebendige Säure (die derjenigen eines Sauvignon Blanc oder einer Scheurebe entspricht) sowie Aromen von reifem Pfirsich, Mango, Litschi und weißen Blüten aus.

Die zweite wichtige Rebsorte der Region Tokaj ist die weichere und duftigere Hárslevellu, die „Lindenblättrige“. Sie kann aufgrund ihrer Säure und ihres Alkohol langlebige Weine (edelsüße) hervorbringen und hat Aromen von Wiesenkräutern und -blumen, also ein eher würziges Bukett.

Die bedeutendste Weißweinrebe in Ungarn aber ist der Olaszrizling (Welschriesling). Sie ist im gesamten östlichen Weinbau wichtig und wächst in Ungarn vor allem am Balaton. Olaszriesling zeichnet sich durch seine prägnante, erfrischende Säure aus und erinnert in Duft und Geschmack an grünen Apfel und rosa Grapefruit, Limette, Ananas und frische Banane. „Olaszrizling“ leitet sich von den italienischen Bauern ab, die Ende des 13. Jahrhunderts nach Ungarn (Tokaj) kamen, um beim Wiederaufbau der beim Überfall der Tartaren zerstörten Regionen zu helfen: „Olasz“ heißt übersetzt „welsch“ beziehungsweise „italienisch“. Er gab entsprechend dem Welschriesling seinen Namen.

Andere, leichtere Weine leifern die aromatische, lebendige Leányka (im Nordwesten um Eger) und die traubigere Király Leánka („Königintochter“), die hauptsächlich am Balaton ausgebaut und an Muskateller-Weine wie Sárga Muskotály erinnert im Duft, ansonsten aromatisch und würzig ist mit hohem Säurepotential.

Rote ungarische Trauben gibt es nur wenige (insgesamt 30 % der Weinproduktion), sie werden überwiegend in Eger, Sopron, Szekszárd und Villány kultiviert. Die Kékfrankos (Blaufränkisch) ist die am häufigsten angepflanzte Sorte und birgt großes Potential, da ihre Frische der pannonischen Hitze entgegenwirkt. Kékfrankos ist eine sehr farbintensive, fast schwarze Rebsorte mit intensivem Duftnoten von schwarzen Johannisbeeren, Brombeeren und Schwarzen Kirschen (Holunder und einer pfeffrigen Würze). Verstärkt wird das im Mund durch eine kräftige Säure- und Tanninstruktur. Sie wird fast überall angebaut, insbesondere aber in Szekszárd, Sopron, Eger und Mátra.

Eine der berühmtesten Rotweinreben ist die Kardarka, die hohe Ansprüche an den Boden stellt und erst sehr spät reift und daher frostanfällig ist. Sie erbringt sehr kraftvolle, aromatische Rotweine mit hohem Alterungspotential. In der Nase findet man schwarze, reife Kirschen, Heidelbeeren und Cassis sowie Lakritz und Süßholz. Die besten stammen aus Villány und Szekszárd. Sie war die wichtigste Rebsorte für die Cuvée namens „Egri Bikavér“ („Erlauer Stierblut“), heute ist es die Kékfrankos.

Das ungarische Weingesetz basiert auf dem Weinrecht der EU (seit 2004), aber auch hier gibt es regionale Besonderheiten. Das Mostgewicht wird in Ungarn mit Hilfe der Klosterneuburger Mostwaage (KMW) gemessen. Es ist identisch mit den italienischen „Babograden“. Nach dem Restzuckergehalt unterscheidet man:

  • trockene Weine (0-4 g/l)
  • halbrockene Weine (4-12 g/l)
  • halbsüsse (12-50 g/l)
  • süße (ab 50 g/l)

Die sogenannte Qualitätspyramide gestaltet sich wie überall in Europa nach folgendem Muster:

  • Qualitäts- und Prädikatsweine („Különteges Minösogi“): mind. 19 Grad KMW (oft restsüß), bis zu 13 Vol. %
  • Landweine („Minösegi Bori“ bzw. „Zajielegü Aszalali“): mind. 13 Grad KMW, nicht unter 10 Vol. %, 85-%-Regel
  • Tafelweine („Asztaly Borok“): mind. 10 Grad KMW, zwischen 9 und 11 Vol. %

Karte: © weingueter-in.de

In Ungarn gibt es 22 Weinanbaugebiete für Qualitätswein, die in 4 große Regionen zusammengefaßt sind:

  • Ungarische Tiefebene (26.000 ha)
    • Kunság (22.300 ha)
    • Hajós-Baja (2.000 ha)
    • Csongrád (1.860 ha)
  • Nord-Transdanubien (11.000 ha)
    • Balatonfüred-Csopak (2.000 ha)
    • Sopron (1.700 ha)
    • Badacsony (1.600 ha)
    • Etyek-Budo (1.500 ha)
    • Balatonfelvidék (1.200 ha)
    • (Asjar-)Neszmély (1.150 ha)
    • Mór (700 ha)
    • Pannonhalma (600 ha)
    • (Nagy-)Somló (600 ha)
  • Süd-Transdanubien (12.800 ha)
    • Balatonbolgár (3.000 ha)
    • Tolna (2.900 ha)
    • Szekszárd (2.500 ha)
    • Villány (2.000 ha)
    • Zala (1.500 ha)
    • Pécs (750 ha)
  • Nord-Mittelgebirge (20.000 ha)
    • Mátra (7.200 ha)
    • Eger (5.400 ha)
    • Bükk (1.200 ha)
    • Tokaj (5.600 ha)

Die Hälfte der Rebflächen befindet sich in der Großen Tiefebene zwischen Donau und Tisza (Theiß) auf sandigen Böden. Die höherwertigen Anbaugebiete sind über die Hügelkette verstreut, die das Land von Süden bzw. Südwesten bis Nordosten durchzieht.

Ungarische Tiefebene

Die Donau teilt Ungarn in zwei Hälften: Sie fließt zunächst von West nach Ost entlang der Grenze zu Tschechien und der Slowakei und macht dann auf der Höhe von Budapest einen Knick nach Süden Richtung Serbien. Westlich der Donau befinden sich Nord- und Südtransdanubien, östlich davon das Nord-Mittelgebirge und die Puszta, die ungarische Tiefebene.

Die Puszta ist die größte ungarische Weinregion und gleichsam eine sandige, baumarme Steppenregion. Das Klima ist sehr stark von kontinentalen Einflüssen geprägt. Auf den sandigen Böden können die Reben gedeihen, weil der Grundwasserspiegel durch die Donau hoch ist.

Das größte Gebiet ist Kunság und befindet sich im nördlichen Teil, Csongrád liegt südöstlich davon und Hajós-Baja süd-westlich an der Grenze zu Szekszárd und Serbien. Der Schwerpunkt der Weinerzeugung in diesen drei Gebieten liegt in der Produktion von einfacheren Weinen, wobei der Anteil an Weißwein überwiegt (Olaszrizling), bei den Rotweinen ist Kadarka am wichtigsten.

Ein bedeutendes Weingut dieser Region ist das Weingut János Frittmann (Frittmann Testvérek) in Kunság. 2018 feierte es sein 30-jähriges Bestehen. Der unkomplizierte Kadarka gilt als einer der besten Ungarns und auch der Merlot („Merle noir“: Schwarze Amsel) ist von guter Qualität und übertrifft die sonstigen Alltagstropfen der Region, weiß Sommeliere Yvonne Heistermann.

Nord-Transdanubien

Damit ist die Region im Nordwesten Ungarns bezeichnet: nördlich des Balatons (Plattensee) zwischen dem Burgenland in Österreich und der Donau. Drei der vier Appellationen der Region Plattensee befinden sich hier am nördlichen Ufer, die größte ist Balatonfüred-Csopak. Das Klima in der hügeligen Landschaft mit Böden aus Schiefer, Vulkangestein, Kalk und Sandstein ist ausgewogen durch den Balaton mit warmen, nicht zu heißen Sommern und milden Wintern. Das Gebiet – benannt nach den beiden Hauptorten Balatonfüred und Csopak wurde erst 1959 gegründet, hat aber eine lange Tradition. Ein bekanntes Weingut ist Mihaly Figula, der 16 ha (insbesondere Weißwein) bewirtschaftet.

Badacsony am nordwestlichen Ufer ist ein Weißwein-Gebiet, in dessen Mitte der namensgebende 438 m Hohe Berg steht, an dessen südlichen Hängen Wein angebaut wird. Die Region ist vielleicht vergleichbar mit der Loire: Die Böden sind sehr mineralreich, das warme Basaltgestein vulkanischen Ursprungs speichert die Sonnenwärme, die er nachts abgibt. Die feine Mineralik wird von einer erfrischenden Säure unterstützt. Bekanntester Winzer ist Hubert Szeremley, der 115 Hektar bewirtschaftet (mit Gerard Depardieu).

Balatonfelvidék ist rech flach und nicht direkt am See, entsprechend ist das Klima etwas rauer: Die Appellation ist nicht so von den kalten Winden geschützt. Weißwein dominiert auch hier.

Im Nordosten des Gebietes befindet sich die Appellation Etyek-Buda, westlich von Budapest. Auf etwa 1.500 ha werden im jüngsten Anbaugebiet Ungarns insbesondere Weißweine angebaut (auch Schaumweine) aufgrund der kühleren Klimatik. Die Weine sind sehr säurebetont und rassig.

Auch in Ászar-Neszmély, etwas westlicher gelegen, gedeihen Weißweine aus Traditionstrauben, aber heute stossen ultramoderne Kellereien wie „Hilltop“ sortenreine Weine für den Exportmarkt aus.

Der Lehmboden der Appellation Mór sorgt für einen sehr üpppigen, aromareichen und teils süßen Ezerjó, der auch von der Mineralik der sandigen Lössböden profitiert. Mit seinen 700 Hektar gehört Mór zu den kleinen Anbaugebieten, wie auch Somló. Der Berg Somló ist ein erloschener Vulkan (433 Meter hoch) nördlich des Balaton. Der Schomlauer Wein wurde von den Habsburgern (zur Hochzeit) getrunken. Auch hier wächst vornehmlich Weißwein. Zur Riege der kleinen Appellation gehört auch Pannonhalma, wo im seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Kloster seit dem Jahr 996 Wein angebaut wird.

Sopron zählt zu den ältesten Appellationen. Hauptrebsorte hier am Neusiedlersee ist Kékfrankos, die insbesondere auch Franz Weninger wiederbelebt hat. Das Klima hier zwischen See- und Bergland ist kühler und niederschlagsreicher als im übrigen Ungarn. Vorteilhaft aber sind die milden Winter und langen Spätsommer und Herbste, weshalb die Reben wesentlich später reifer, was für hohe Säure und frisch-fruchtige Rotweine sorgt.

Süd-Transdanubien

Damit ist die Region im Südwesten Ungarns gemeint, zwischen Kroatien, Donau und Balaton, wo sich am Südufer auch die Appellation Balatonboglar befindet. Das Klima in dieser flachen Gegend ist recht ausgeglichen und die Böden sind lehmig und sandig und eignen sich für Weißwein wie den für den Exportmarkt bestimmten „Chapel Hill“.

Westlicher liegt Zala, das erst 1998 deklariert wurde. Die Reben dieser hügeligen Landschaft sind zu 90 % Weißwein mit regionalen Spezialitäten wie Zalangyöngye („Perle von Zala“) sowie Cszerszagi Füszeres (ein Hybrid), die eigenwillige Tischweine hervorbringen.

Im Süden, nahe der kroatischen Grenze, liegt das kleine Gebiet der Region Pécs. In dieser warmen Region wachsen hauptsächlich sehr kräftige Weißweine. Es gehört zu den höherwertigen Anbaugebieten, die über die Hügelkette verstreut sind, die Ungarn von Südwesten bis Nordosten (Tokaj) durchzieht. Dabei ist Villány nahe der kroatischen Grenze das südlichste Weinanbaugebiet Ungarns. Hier herrscht mediterranes Klima (milde, relativ kurze Winter). Frühlingshafte Witterungsverhältnisse lassen die vornehmlich Rotweinreben früh austreiben und blühen, anschließend folgen heiße und trockene Sommer. Die typischen Bordeaux-Rebsorten, aber auch Kékfrankos gedeihen hier auf den Löss-, Lehm- und mineralischen Kalkböden sehr körperreich und kraftvoll-würzig. Das Weingut Hummel ist hier zu Hause und produziert u.a. Cabernet Sauvignon und Merlot. Die Region der „Sieben Hügel“ um Villány wird auch „Bordeaux des Ostens“ genannt.

Zwischen Weinlese und Weihnachten, am 11. November, ist Martinstag in Ungarn. Der Hl. Sankt Martin wurde 331 n. Chr. im ungarischen Szombathely (nahe der burgenländischen Grenze) geboren, ihm wird traditionell am 11.11. gedacht – an dem Tag, an dem auch das Wirtschaftsjahr der Winzer beginnt. Das wird mit Martinsganz und „Primeur“ gefeiert – insbesondere auch in Villányi.

Zum Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres siehe auch den Essay maskenpflicht.

Tolna, 1989 gegründet, liegt zwischen Villány im Süden und Balaton. Im gemäßigten Klima wächst Weißwein, Kadarka und Kékfrankos sind in der Minderheit – anders als in Szekszárd. Das Anbaugebiet unterteilt sich in die Hügellandschaft im Westen und das Szekszárder Bergland, wo es etwas kühler ist. Auf dem kalkhaltigen Löss wachsen facettenreiche Rotweine. Skekszárd ist auch neben Eger die einzige Stadt Ungarns, die Bikáver („Stierblut“) erzeugen darf: eine Cuvée aus Kékfrankos, Kadarka, Cabernet Sauvignon und Merlot. Beachtung verdingt hier das Weingut Heimann.

Nord-Mittelgebierge

Die Region im Nordosten Ungarns besteht aus 4 Appellationen und ist von allen das Gebirgigste. Das gilt insbesondere für das im Westen der Region liegende Gebiet Matrá, das auch das größtee ist mit über 7.000 ha. In dieser „Bergweinregion“ findet man Reben bis 500 m Höhe, wobei das Mittelgebirge die Anlagen vor Kälteinflüssen schützt. Der 1.015 m hohe Kékestetö ist der höchste Berg des Landes. Die Böden sind vulkanischen Ursprungs und ähneln denen des Tokaj. Angebaut wird überwiegend Weißwein (80 %), aber vereinzelt findet sich auch Rotwein in Ungarns zweitgrößter Appellation.

Eger im Osten des Matrágebirges gehört zu den bedeutensten Weinzentren des Landes. Das Klima ist etwas milder als in Matrá. In den Tuffsteinkellern (Tuffstein ist vulkanischen Ursprungs – wie in Madeira) liegen hunderte Eichenfässer voller Kékfrankos, die die Kadarka ersetzte und das „Stierblut“ verdünnte. „Erlauer Stierblut“ wurde erstmals 1851 erwähnt: Ein „Egri Bikavér“ ist immer eine Cuvée aus mindestens 3 Rotweinsorten, die oft als „Gemischter Satz“ angebaut werden. Der „Stierblut-Kodex“ von 1997 regelt die Produktion. Die Weißweine aus Eger sind meist körperreich.

Das kleine Gebiet Bükk zwischen Eger und Tokaj ist deutlich kühler. Die Ebenen sind meist mit Weißwein bestückt und wachsen auf kalkhaltigen Böden, sind aber nicht so bedeutend wie die Weine aus den Nachbarappellationen. Die einfachen Trinkweine dienen bisweilen auch als Grundweine für die Schaumweinproduktion.

Die bekannteste Weinbauregion Ungarns ist sicherlich Tokaj („Tokaji“ ist das ungarische Wort für Tokajer, die Stadt und das Anbaugebiet heißen Tokaj.) Seit dem 16. Jahrhundert ist seine Qualität legendär, was größtenteils auf den üppigen „Tokaji Aszú“ zurückzuführen ist. Er entstand aus edelfaulen Trauben methodisch im Jahr 1630 im Weinberg Oremus: Der Legende nach standen 1650 türkische Truppen im Land – zeitgleich mit Beginn der Weinlese. So wurde verfügt – 125 Jahre früher als auf Schloss Johannisberg, wo die Spätlese „erfunden“ wurde -, die Trauben zunächst hängen zu lassen und erst später zu lesen.

Die Voraussetzungen für Wein aus edelfaulen Trauben sind in Tokaj ideal: Es liegt im Norden Ungarns in den Ausläufern der Karpaten, nahe der slowakischen Grenze (neben der Region Tokaj darf Tokaji auch noch in 3 Gemeinden in der Slowakei produziert werden). Das Zemplén-Gebirge ist vulkanischen Ursprungs. Seine Kegel stehen am Nordrand der Tiefebene. Die besten Weinberge liegen an nach Süden ausgerichteten Hügeln an den beiden Flüssen Bodrog und Tisza (Theiß), die an der Südspitze der Kette zusammenfließen. Das Klima ist gemäßigt und zeichnet sich durch trockene, wenig heiße Sommer und lange, sonnenreiche Herbste aus. Von der Ebene strömen warme Sommerwinde herein, die Karpaten schützen im Nordwesten und Osten vor kalten Winden und die von den Flüssen heranziehenden Nebel – am frühen Morgen steigt die Feuchtigkeit auf – begünstigen das Entstehen des Botrytispilzes (Botrytis cinerea). Aber die Edelfäule entsteht nicht jedes Jahr, man kann daher verschiedene Stile unterscheiden.

Grundsätzlich wird das Geschmacksbild eines Tokaji vom vulkanischen Tuffboden geprägt und den drei zugelassenen weißen Rebsorten, die auf nicht ganz 6.000 ha wachsen:

  • Furmint: 70 % entfallen auf diese säurereiche Rebsorte, die spät reift, dünnschalig ist und insofern anfällig für Botrytis. Sie ist die Hauprebsorte für Aszú-Weine und hat Aromen von Apfel und gereift nussige Noten sowie Honig.
  • Hárslevelü: Die „Lindenblättrige“ bringt Duft in die Cuvée und ist reich an Zucker und Aromen. Furmint und Hárslevelü werden oft miteinander gelesen, gepresst und vergoren.
  • Sarga Muskotály: 5-10 % macht die „Muscat Blanc à petits grains“ aus. Sie wird entweder wie in Sauternes als Würze beigemischt oder als üppige Spezialität für sich verarbeitet.

Je nachdem, wie stark sich die Edelfäule entwickelt hat, werden die Trauben bei der Lese, die traditionell am 28. Oktober beginnt, nach 3 Kategorien getrennt gelesen:

Trockene Weine: Weine ohne Botrytis werden in 0,75l-Flaschen sortenreinabgefüllt.

Tokaji Szamorodni („wie er gewachsen ist“): Hier sind die Trauben nur teilweise von Botrytis befallen. Je nachdem kann Szamorodni trocken (szaras) sein, oder süß (édes), wobei auch die trockenen Weine Charakterzüge von Edelfäule aufweisen. Unabhängig davon müssen beide mindestens 2 Jahre reifen, davon mindestens 1 Jahr im Holzfass.

Tokaji Aszú („Ausbruch“): Dieser Wein unterscheidet sich von den trockenen Stilistiken, denn er hat ausprägte Botrytis (etwa 50 %). Nur die edelfaulen Beeren (diese werden „aszú“ genannt) werden gelesen. Sie werden einzeln aussortiert und in großen Tanks zur weiteren Verarbeitung bewahrt. Die gesunden Trauben werden in ein bis zwei Tagen normal trocken vergoren, die selektierten Aszú-Beeren werden hingegen zu einer Paste verarbeitet, von Hand geknetet oder von Maschinen püriert. Diese Paste wird dem trockenen Grundwein in dosierten Mengen beigegeben. Als Maß gelten die sogenannten Puttonyos bzw. Butten à 25 kg, die den traditionellen 136-140-Liter-Fässern („gönci“) hinzugefügt werden. Meist sind es 4-6 Butten, die hineingerührt werden und 1-5 Tage drin bleiben (d.h. mit 6 Butten ist das Fass voll. Der trockene Grundwein wird nur genutzt, um den Zucker aus der Paste zu waschen). In dieser Zeit führt der Zuckergehalt zu einer neuerlichen Gärung, die sich je nach Zuckergehalt und Kellertemperatur richtet: Je süßer der Wein und je kälter der Keller, desto langsamer verläuft der Fermentationsprozeß (die Gärung). Die feinsten Gewächse haben einen Süßegrad mit wenig Alkohol – meist 10,5 Vol. % -, einfachere 12-13 Vol. %.

Neuerdings gilt als gesetzliche Vorgabe: Das Gönci-Fass darf nur noch 100 Liter fassen, der Restsüßegehalt beträgt dann bei 3 Butten 90 g/l, bei 4 Butten 110 g/l et cetera.

Tokaji Aszú reift mindestens 2 Jahre im kleinen Holzfass und 1 Jahr im Regal (früher wurden noch länger ausgebaut). Dadurch entstehen tiefdunkle, bernsteinfarbene Weine (ähnlich den italienischen Ripasso-Weinen) mit frischen Fruchtnuancen bzw. einer beträchtlichen Säure und Aromen von Orangenschalen, Aprikosen und Honig.

Tokaji Eszencia mit 450 g/l Restzucker besteht ausschließlich aus Vorlaufmost des Aszú, der Jahre braucht bis er vergoren ist und nur ca. 5 Vol. % Alkohol hat (hier gibt es keinen Mindestalkoholanteil wie bei Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen in Deutschland, die mindestens 5,5 Vol. % haben müssen). Tokaji Eszencia ist honigartig bzw. wie ein Nektar.

Late Harvest: Diese Weine werden wie Sauternes auch mit botrytisierten Beeren hergestellt, diese werden jedoch mitvergoren (wie Spätlesen oder Trockenbeerenauslesen) und nicht eingemaischt wie bei Tokaj Aszú.

Das Tokaj-Gebiet wurde bereits um 1700 klassifiziert und in Crus unterteilt. Insgesamt gibt es 27 wichtige Gemeinden. Die Rebstöcke sind an leicht ansteigenden Hängen (keine Steillagen) nach Süden ausgerichtet und weden am Drahtrahmen erzogen. Sie bilden ein breites „V“. In dem „Oremus“-Weinberg der Familie Rákósczis wurde der erste Aszú-Wein gemacht. Heute gehört das Weingut zum spanischen „Vega Sicilia“ von Pablo Alvarez.

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