Theater und Wein

die rückkehr des dionysos

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Dionysos gilt als Gott des Weines. Das jedoch war er nicht schon immer, das weiß der archaische Mythos. In ihm liegt auch die Wurzel unseres heutigen Verständnisses von Theater …

„`Erbarm dich, Mutter, meiner, töte meiner Schuld, / Meiner Verfehlung wegen nicht dein eigenes Kind!´ / Die aber, Schaum vorm Mund, die Augen hin und her / Wild rollend, nicht vernünftig, wie`s Vernunft heischt, war / Von Bakchios besessen, hörte nicht auf ihn. / Und packend mit den Händen ihm den linken Arm, / Gegen die Rippen tretend des Unseligen, / Riß sie heraus die Schulter; nicht aus eigener Kraft, / Der Gott gab ihren Händen Leichtigkeit des Tuns.“

Euripides, Die Bakchen, Stuttgart 1968 (Reclam), S. 43

„Anläßlich der Bakchen begann ich … nach Überresten dionysischer Feiern zu suchen – immer auf der Suche nach den versteckten Quellen der körperlichen Energie. (…) Wir improvisierten endlose Stunden, versuchten unseren Körper insgesamt zu aktivieren, wollten seine dunkle und geheimnisvolle Seite kennenlernen, tanzten oftmals unbeholfen, aufgewühlt, kreiselnd, wollten die Welt neu ansehen und die Augen des Körpers dabei offenhalten, die Grenzen unseres Körpers erweitern – eines Körpers, der niemals weiß, dass er reift. Wir realisierten die Notwendigkeit, dass der Körper sich zur Neugestaltung bereithält, sich allen Reizen aussetzt, unablässig improvisiert und eine erotische Beziehung zur Tradition unterhält. Dass er sich bemüht, die Gegensätze zu vereinen und den wahnsinnigen Tanz der Kollision der Gegensätze zu tanzen. Es ist überwältigend, die Grenzen des eigenen Körpers als durchlässig wahrzunehmen, als offene Energieleiter, als Orte der Wandlung von Urstoffen. (…) Wir probierten, einen Aufstand tieferer Kräfte hervorzurufen, um die Wände einzureißen, die uns in der Versenkung in uns selbst festhielten, und Bilder aus dem Reich des Unbewußten an die Oberfläche zu bringen, hinwegzufliegen über unsere bekannten Grenzen.“

Theodoros Terzopoulos, Die Rückkehr des Dionysos, Berlin 2016 (Theater der Zeit), S. 42f

Dionysos gilt als Gott des Weines. Aber es ist unklar, wann der Wein in seinem Kult so dominierend wurde – wann der gezähmte, kultivierte Weinstock zu seinem Attribut wurde. Denn ursprünglich war er ein Gott des Wachsens und Gedeihens – überhaupt der strömenden Lebenskraft. Und blutig war auch das heilige Opfer ihm zu Ehren, der im Blut des Opfers lebendig ist. Von diesem Lebenssaft zu trinken – oder auch vom Wein –, heißt, sich mit dem Gott vereinigen. Unbändige Kräfte überkommen einen, weiß Euripides, aber auch Raserei und Wahnsinn. Er schildert, wie die von diesem Gott beseelten, ekstatisch schwärmenden Bakchen, vor ungeheurer, heiliger Wut rasend, furchtbare Zerstörung anrichten, Menschen töten – den eigenen Sohn gar –, Tiere zerreißen und Fetzen rohen Fleisches verschlingen … Dionysos ist hier die Verkörperung des dämonischen, manischen Rausches, ein Gott der Befreiung und orgiastischen Entgrenzung.

Entstehung der Tragödie

Euripides Die Bakchen ist die einzige bekannte Tragödie, die den Mythos Dionysos und sein Mysterienkult zum Thema hat. Er lenkt hier den Blick auf die Ursprünge des griechischen Theaters, auf den Dionysoskult und die mit ihm verbundenen Riten, und schlägt die Brücke zurück zu den kultischen Opferriten, aus denen sich die Tragödie entwickelte. Denn begrifflich weist die Tragödie auf zeitlich weit zurückliegende, blutige Opferrituale hin: Einer Erklärung zufolge bedeutet Tragödie, griechisch tragodia, nichts anderes als „Gesang anläßlich eines Bockopfers“. Denn dem Mythos nach soll Ikarios, der dem heutigen Ikaria in Attika den Namen gab, nachdem er von Dionysos als erster „Grieche“ in den Weinbau eingeführt wurde, einen Ziegenbock, der die Blätter seines ersten gepflanzten Weinstocks abgerupft hat, aus Wut getötet und aus seiner Haut einen Lederschlauch gefertigt haben, um den herum getanzt wurde.

Der Begriff der Tragödie führt insofern zu den Ursprüngen der griechischen Kultur, die aus Opferhandlungen zu Ehren des Gottes Dionysos besteht, die durch bestimmte Riten beziehungsweise rituelle Handlungen festgelegt sind. Im Zentrum des Kultes steht das blutige Tieropfer zum Wohl einer Gemeinde. „Paradigmatisch werden im Verlauf der Opferhandlung Todeserfahrung und Todesfurcht der Menschen `durchgespielt´ und in dem anschließenden Opfermahl festlich-freudig überwunden“, wie Bernhard Zimmermann bemerkt. Dabei versteckt die opfernde Gemeinde ihre Identität hinter Masken und nicht der einzelne, sondern die Gruppe vollbringt das Opfer, die damit als Kollektiv Schuld und Verantwortung auf sich nimmt. Etliche Bestandteile der späteren Gattung Tragödie finden sich bereits hier.

Die alles zerreissende dionysische Kraft, die wilde Natur, die die gewohnte Ordnung gefährlich bedroht, wird gezähmt und kultiviert. Das Dionysische, das durch kultische Grausamkeit und die Darstellung von gräßlicher Raserei erschüttert, wird in der Tragödie durch eine strenge Form und sprachlichen Rhythmus gebändigt. „Griechisch ist: aus Gräßlichem Schönheit holen“, schreibt Hermann Bahr. An die Stelle des blutigen, Dionysos geweihten Opfers, tritt die geistige Opfergabe des Dramas der städtischen Polis in Athen, nun für den Gott des Theaters: In Athen entwickelte sich aus den kultischen Handlungen das Drama (abgeleitet vom Verb dráo für „handeln, spielen“) und die Veranstaltung von dramatischen Agonen beziehungsweise Theaterwettbewerben. Die an solchen Agonen teilnehmenden Männer waren in Ziegenfelle gekleidet und ihre aus ihren Tänzen und Gesängen, den odaí, entwickelte sich die Tragödie.

Dionysien in Athen

In Athen – im Heiligtum des Dionysos am Südhang der Akropolis, das mit einem Tanzplatz, einer Orchestra (abgeleitet vom Verb orchoúmai für „tanzen“), verbunden war, aus der dann das Dionysostheater entstand – wird also der ungebändigte Rausch in rituelle Handlungen überführt und auf einen bestimmten Zeitraum festgelegt. Es gab vier große Feste des Gottes Dionysos: die ländlichen Dionysia im Dezember / Januar, die Lenaia – das „Fest der wilden Frauen“ – im Februar, das Fest der Anthesteria, bei denen der Gott selbst durch ein überlebensgroßes Masken-Idol vertreten ist sowie als großen Abschluß zu Beginn des Monats Elaphebolion, Ende März / Anfang April, die grosse städtische Dionysia.

Dramen wurden in der Lenaia aufgeführt, insbesondere aber während der städtischen Dionysia, wo am ersten Tag die sogenannten dithyrambischen Chöre aufgeführt wurden und an den folgenden drei Tagen der Agon beziehungsweise Wettbewerb der Tragödien aus je drei Tragödien von drei verschiedenen Dichtern sowie am letzten Tag ein Satyrspiel. Nach der dramatischen Spannung der Tragödien brachten die kleinen, geschwänzten und springenden Satyrn mit Pferdekörper Bewegung auf die Szene; ihre grotesken, oft obzönen Gebärden und ihre ausgelassenen und heiteren Tänze riefen Gelächter hervor. Aus den Satyrn erwuchs die Komödie: In der Tradion der der Satyrspiele schrieb Aristophanes (450 bis 388 vor Christus) Komödien, die einzig erhaltenen, und beherrschte damit vierzig Jahre lang das attische Theater.

Die Festlichkeiten in Athen begannen jedoch mit dem Einzug des Dionysos und seines Gefolges, bestehend aus dem Mänadenschwarm, Satyrn und Silenen mit Tierfellen und Masken verkleidet und die Gesichter mit Weinhefe bestrichen. Natürlich zog nicht Dionysos selbst in die Stadt ein, sondern seine Maske, die zum einen als eine Art leibhaftiger Erscheinung (Epiphanie) des Gottes oder im Sinne einer zeremoniellen Preisgabe des eigenen Selbst (Ekstasis) der Gläubigen verstanden werden kann. Diese Maske wurde oftmahls an Pfählen befestigt, um die sein Gefolge, die Mänaden, tanzte.

Mit der zeitlichen Festlegung und Einschreibung in den öffentlichen Kalender der Stadt hatten die kultischen Grenzüberschreitungen im Rahmen der Feierlichkeiten eine reinigende, kathartische Wirkung und gewährleisteten, nach Norbert Elias, daß das gemeinschaftliche Zusammenleben in der Polis nicht durch den unkontrollierten Ausbruch der im Dionysoskult kanalisierten und gebändigten Affekte gefährdet wurde.

Die Verehrung für Dionysos wurde ursprünglich auf dem Land gepflegt. Erst später – möglicherweise in jener Zeit, als „die Griechen siedlungsbegründend das Mittelmeer eroberten“ und die „Bedeutung des Weinbaus und vor allem des Weinhandels für die im städtischen Leben tonangebenden Grundeigentümer“ zunahm, wie Rudolf Weinhold anmerkt – fand diese Verehrung auch ihren Weg ins städtische Leben, wo bei den Dionysien Ende März die Wiederkehr des Gott des Weines und der Vegetation gefeiert wurde. Leitmotiv hier ist die Rebe, die symbolisch für den Gott auftritt und in ihrem Austrieb, Blühen, Reifen und Welken die Inkarnation seiner ewigen Wiederkehr ist.

Der Lebenszyklus der Weinrebe

Mit der Wiederkehr des Dionysos im Frühjahr beendet auch die Rebe ihre Winterruhe und beginnt ihren Lebenszyklus mit Austrieb und Blattwuchs im März. Schon mit dem Winterschnitt im Januar wird festgelegt, wieviele Knospen – Augen genannt – jetzt platzen sollen und damit, wieviele Triebe daraus wachsen sollen. Denn Reben bilden Früchte nur an Trieben, die aus solchen, im Vorjahr gebildeten Augen wachsen (wobei späte Fröste den Austrieb immer gefährden können). Deshalb wird beim Rebschnitt im Winter altes Holz entfernt und je nach Schnittart beziehungsweise Erziehungsform des Weinstocks festgelegt, wieviel Fruchtruten beziehungsweise Augen bleiben sollen.

Mit dem Rebschnitt wird versucht, das wildwüchsige natürliche Wachstum der Rebe zu zähmen und zu gewährleisten, dass alle Triebe im Frühjahr genügend Nährstoffe aufnehmen können. Dem Schnitt folgt das Biegen, denn Reben ranken von Natur aus nach oben. So wie der Dionysoskult in seiner ursprünglichen Wildheit im Theater, wird also auch die Rebe durch Schneiden und Biegen kultiviert beziehungsweise erzogen – Dionysos ist insofern Urheber jeder Kultur. Dazu befestigt man die Fruchtruten beispielsweise an einem vorgespannten Drahtrahmengerüst und bringt sie so in Form. Mit der Anordnung der jungen Triebe kann man die Menge an Sonnenlicht kontrollieren, die später ins Laubdach eindringt. In Regionen mit wenig Sonnenschein schafft ein Vereinzeln der Triebe ein offenes Laubdach, das den Trauben durch maximale Besonnung eine gute Reife ermöglicht. In Regionen mit intensivem Sonnenlicht hingegen verhindert eine Beschattung der Trauben Sonnenbrand, der eine unerwünschte Bitternote im Wein hervorrufen kann.

Im Mai folgen die Blüte und der Fruchtansatz, das dauert etwa zwei Wochen. Aus jeder Blüte wird eine Traube, wenn sie befruchtet (bestäubt) wurde und Hagel oder Regen das nicht verhindern. Klappt die Befruchtung nicht, spricht man von „Verrieselung“, eine Teilverrieselung im Sinne einer Ertragsreduktion ist aber von manchen Winzern durchaus auch erwünscht. Mitunter schneiden die Winzer nach der Blüte im Juni im Sommerschnitt auch einige Fruchtansätze weg, um die Qualität der verbliebenen Trauben zu verbessern. (Nach dem Menge-Güte-Gesetz beträgt die Erntemenge für einfachen „Deutschen Wein“ 300 Hektoliter pro Hektar, Spitzenweine hingegen haben nicht mehr Ertrag als 15-40 Hektoliter pro Hektar. Durchschnittlich werden in Deutschland 100 Hektoliter pro Hektar gelesen.)

Durch Ausbrechen oder Ausgeizen unerwünschter Triebe wird ausserdem der Wuchs gefördert: Das Laubdach wird ausgedünnt, um das Wachstum der Blätter und damit auch die Photosynthese einzudämmen und die Zuckerproduktion der Pflanze in die Trauben zu lenken. Es werden gezielt Blätter entfernt, um eine optimale Besonnung einzelner Trauben zu erreichen. Ausserdem wird oft mit einem Drahtrahmensystem versucht, das Laubdach offen zu halten, um eine gute Luftzirkulation zu ermöglichen, die Pilzbefall entgegenwirkt.

Jetzt im Sommer reifen die Beeren. Parallel dazu erfolgt die Véraison, das heißt die Umfärbung der Beerenhaut. Ursprünglich gab es nur rote Trauben, weisse sind Albinos (mit Gendefekt). Denn Rot ist eine Signalfarbe für die Tiere, daß die Trauben reif sind, was wiederum wichtig für die Verbreitung war.

Am Beginn der Traubenreife baut die Pflanze mit Metoxypyrazin einen Säure-Schutzmechanismus auf, der bei der Lese unreifer Trauben (zum Beispiel von Sauvignon Blanc oder Cabernet Sauvignon) ungewollte grüne, grasige Aromen verursacht, während etwa zur selben Zeit der natürliche Säuregehalt abnimmt. Neben Wein- und Apfelsäure (insbesondere sie wird bei Hitze oft auch zu schnell abgebaut) sowie Wasser, wird nun auch Stickstoff eingelagert. Bei zu schneller Reifung weist die Traube nur einen geringen Stickstoffgehalt auf, was den Gärungsprozeß bei der Spontanvergärung um mehrere Tage deutlich verlangsamt.

Die abgeschlossene Reifung bezeichnet man als physiologische Reife. Damit ist die Reife der Kerne gemeint – erst später, wenn die Kerne reif sind, erfolgt die Einlagerung von Zucker im Fruchtfleisch. Zucker ist zwar schon immer in der Pflanze, wird aber erst jetzt, ab August, als „Lockstoff“ in die Rebe eingelagert. Und zwar in Form von Fructose (das ist der Restzucker im Wein, mit einem hohen Kohlenhydratwert, den man sensorisch als breit und anhaltend am Gaumen wahrnehmen kann) und Glucose (mit einer eher kurzen sensorischen Wirkung). Ideal ist, wenn die physiologische Reife erreicht ist, ohne den maximalen Zuckergehalt erreicht zu haben, damit die Trauben nicht zu hohe Oechslegrade bei der Lese aufweisen und die Säure-Süsse-Balance in der Waage bleibt. Die Weinlese erfolgt in der Zeit von August bis Oktober, je nach Witterungsverlauf und physiologischer Reife der Trauben (kühles Klima beispielsweise verlangsamt zwar die Entwicklung der Trauben, dafür wiederum können diese aromatisch voll ausreifen und verlieren dabei nichts von ihrer Säure).

Eine Vielzahl von Schädlingen und Krankheiten kann die Reifung beeinträchtigen. Die verschiedenen Weinbaupraktiken unterscheiden sich hier insbesondere hinsichtlich der Verwendung von Schädlings- und Krankheitsbekämpfungsmitteln. Schon mit Beginn des Austriebs werden im konventionellen Weinbau oft Funghizide und Herbizide gespritzt – mehrere Male, je nach Witterungsverlauf, über das ganze Jahr verteilt. Diese künstlichen Mittel wurden synthetisch hergestellt und wirken systemisch, das heißt sie müssen nur ein Mal ausgebracht werden. Allerdings erschweren sie bei der Weinbereitung später auch eine spontane Gärung, denn mit den unerwünschten Pilzen werden auch die dafür notwendigen wilde Hefen, die eben wichtig für die „Angärung“ sind, zerstört (Hefen sind auch nur Pilze). Deshalb gibt es zwar seit den 1970er-Jahren gefriergetrocknete Reinzuchthefen – im Bereich Premiumwein gibt es aber keine Option zur Spontanvergärung.

Zum biodynamischen Weinbau

Weinbau macht in der Landwirtschaft innerhalb der Europäischen Union nur drei Prozent aus, aber zwanzig Prozent aller Pestizide werden hier verwendet. Deshalb suchen Winzer nach Alternativen zum konventionellen Weinbau. Entsprechend entwickelten sich schon früh unterschiedliche neue Weinbaupraktiken als eine Art Gegenbewegung: nachhaltiger, organisch-biologischer oder biologisch-dynamischer Weinbau. Alle versuchen auf ähnliche Weise Bodenpflege, Pflanzenschutz und Kellertechnik wieder bio- beziehungsweise ökologisch zu praktizieren. Das gilt auch für die Düngung, was konkret heißt, auf Herbizide, Funghizide und synthetische Stickstoffdünger zu verzichten und stattdessen über Kompost (Leguminosen) zu düngen, auf geschlossene Betriebskreisläufe zu achten und vieles mehr.

Mit seiner Orientierung am anthroposophischen Ansatz Rudolf Steiners unterhält der biologisch-dynamische Weinbau beinahe „eine erotische Beziehung zur Tradition“. Anders gesagt: Mit der Biodynamik feiert Dionysos gewissermaßen seine Rückkehr im Weinbau. Denn befindet man sich nicht auch hier, wie Theodoros Terzopoulos mit seinem Theater, „auf der Suche nach den versteckten Quellen der Energie“? Im biodynamischen Weinbau versteht man den Rhythmus der Natur als Zusammenspiel zwischen kosmischer Energie und den natürlichen Kreisläufen. Entsprechend aktiviert man die Energien nach den Mondphasen. Wie Terzopoulos versucht man, die „dunkle und geheimnisvolle Seite kennen zu lernen“. Die Böden werden als ebenso „durchlässig“ wahrgenommen, wie bei Terzopoulos die Körper: sie fungieren „als offene Energieleiter, als Ort der Wandlung von Urstoffen“, wobei sich der Boden quasi „zur Neugestaltung bereithält, sich allen Reizen aussetzt“. So vergräbt man beispielsweise mit Kiesel oder Kuhmist gefüllte Kuhhörner von Frühjahr bis Herbst über den Winter im Boden, wo sie Licht, Wärme oder Lebenskräfte anreichern. Dadurch verwandelt sich der Mist in eine humusähnliche Substanz, die, mit Wasser vermischt, im Weinberg als ausgleichendes und stärkendes Präparat versprüht wird.

Bioweinbau ist immer präventiv, nicht kurativ, denn wenn die Probleme da sind, ist aus ökologischer Perspektive kaum mehr etwas zu machen. Bei der Schädlingsbekämpfung kann aber auch er nur schwer auf Schwefel und Kupfer verzichten. Denn grundsätzlich wird Pilzbefall auch im biologischen Weinbau durch das Spritzen von Kupfer in Verbindung mit Schwefel in Form einer Kupfersulfatlösung (der sogenannten „Bordelaiser Brühe“) präventiv begegnet. Die EU erlaubt sechs Kilogramm reines Kupfer pro Hektar und Jahr – Demeter immerhin noch drei Kilogramm.

Um so wichtiger ist Biodiversität um ein Gleichgewicht herzustellen und insbesondere auch wegen der Stickstoffversorgung. Stickstoff ist ein zentraler Bestandteil allen Lebens und kann von der Pflanze nicht über die Luft, sondern nur aus dem Boden aufgenommen werden. Dafür hilft zum Beispiel Begrünung (von Demeter ist Bodenbedeckung vorgeschrieben), die darüber hinaus auch als natürlicher Erosionsschutz dient, sowie als Verdunstungsschutz und zur Durchlüftung des Bodens. Stickstoff ist entscheidend für die Fruchtbarkeit des Bodens und stickstoffhaltige Präparate (wie Hornmist und Hornkiesel im biodynamischen Weinbau) dienen der Aktivierung des Bodenlebens. (Stickstoff ist flüchtig und spaltet sich schnell unter anderem in Nitrat, daß das Grundwasser belastet, wenn es nicht wie bei Mist durch Stroh gebunden ist.) Da es keine ökologisch-systemische Pflanzenschutzmittel gibt, ist für Biodynamiker vorgeschrieben, mehrmals im Jahr verschiedene natürliche Präparate wie Schafgarbe, Brennessel Löwenzahn, Kamille, Eichenrinde, Schachtelhalm, Baldrian und andere auszubringen. Dadurch steigen natürlich die Arbeitsstunden im Weinberg und damit die Betriebskosten – dafür steht am Ende aber dann vielleicht auch ein Bio-Siegel: nach ökologischen Richtlinien beispielsweise von Bioland oder Ecovin, oder nach biodynamischen eben von Demeter.

Demeter, die Göttin des Getreides, ist sicherlich neben Dionysos die wichtigste in Mysterien verehrte griechische Gottheit. Weshalb sich das Drama nun ausgerechnet aus dem Dionysoskult und nicht aus Opferkulten zu ihren Ehren oder einer anderen Gottheit entwickelte, ist letztlich nicht zu klären und bleibt ein anderes Mysterium …

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